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JSr. ISS. Jllarßurg, Mittwoch, dm 11. Juni. 1873.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'schc Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter 27 6flr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

unerledigt bleiben. Die in der vergangenen Nacht hier eingetroffene Leiche des Prinzen Adalbert wurde vom Bahnhofe direct nach dem Dom übergeführt. Die feierliche Beisetzung findet Donnerstag Vormittag 11 Uhr statt. Die Leiche der Fürstin von Liegnitz, welche in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch ein­trifft, wird vom Bahnhofe direct nech dem Mausoleum in Charlottenburg übergeführt und daselbst Mittwoch Nachmittag 2 Uhr feierlich beigesetzt werden.

Der dem Bundesrath vorgelcgte Entwurf, be­treffend die Abänderung einiger Bestimmungen der Gewerbeordnung, zerfällt in 2 Artikel. Der erste Artikel hebt den §. 108 der Gewerbeordnung auf und formulirt denselben dahin neu: 108. Streitig­

keiten der selbstständigen Gewerbetreibenden mit ihren Gesellen, Gchülfen oder Lehrlingen, die sich auf den Antritt, die Fortsetzung oder Aufhebung des Arbeits­oder Lehrverhältnisses, auf die gegenseitigen Stiftungen während der Dauer desselben oder auf die Ertheilung oder den Inhalt der in den §§. 113 und 124 er­wähnten Zeugnisse beziehen, sind, soweit für diese Angelegenheiten besondere Behörden bestehen, bei diesen zur Entscheidung zu bringen. Insoweit solche beson dere Behörden nicht bestehen, erfolgt die Entscheidung durch die Gemeindebehörde oder durch eine Deputation derselben, welche auf Anordnung der höheren Verwal­tungsbehörde gebildet wird. Durch die Central - Be­hörden können an Stelle der vorbezeichneten Behörden Gewerbegerichte mit der Entscheidung betraut werden". Die folgenden §§. 108a 108h handeln von der Bildung, Zusammensetzung, Kompetenz und dem Ver­fahren der Gewerbegerichte, gegen deren Entscheidung nur Nichtigkeitsklage zulässig ist. Der zweite Artikel des Gesetzes betrifft den Ersatz der §§. 153 und 154 der Gewerbe-Ordnung durch drei neue Paragraphen, welche die Theilnahme an der Arbeitseinstellung bezw. die Verabredung oder den Zwang dazu bestrafen und dieselbe auch auf den Besitzer bezw. Arbeiter von Bergwerken, Aufbereitungsanstalten und unterirdisch betriebenen Brüchen oder Gruben ausdehnen. Die Motive knüpfen an die bezügliche Interpellation der Abgg. v. Denzin und t@en. über die bedenkliche Ent­wickelung des jetzigen Verhältnisses zwischen Arbeit­gebern und Arbeitnehmern an.

Die von den landwirthschaftlichen Vereinen

eingeforderten Berichte über den Stand der Land- wirthschaft für den von Seiten des General-Sccre- tariats des Landes-Oekonomie-Collcgiums auözuar- beitende Jahresbericht liegt jetzt vollständig vor und ift, der General-Secrctär, Prof. Dr. Thiel, nach seiner Rückkehr von Wien sofort an die Zusammenstellung desselben gegangen. Es wird das Werk voraussichtlich in der zweiten Hälfte des kommenden Monats vollendet vorliegen.

Pose», Sonntag 8. Juni. Der Erzbischof Le- dochowski hat das Rundschreiben, welches die galizi­schen Bischöfe vor einigen Wochen an ihn alsher­vorragendsten Vertreter des polnischen Episkopats" gerichtet hatten, dahin beantwortet, daß die Anerken­nung der galizischen Bischöfe die preußischen Bischöfe ermuntere, beim Statthalter Christi und den Rechten der Kirche auszuharren; eingedenk seines bischöflichen Schwurs und der Traditionen seines erzbischöflichen Stuhls werde er bis an der Welt Ende bemüht sein, seine Pflicht zu erfüllen.

Goslar, 6. Juni. Mit den in Aussicht genom­menen Restaurationsbauten am Kaiserhause soll nun­mehr in kurzer Zeit vorgegangen werden. Der Kaiser hat für den bereits im laufenden Jahr auszuführenden Theil derselben eine erhebliche Summe zur Disposition gestellt.,

Köln, 8. Juni. Der Schah von Persien besuchte gestern das Krupp'sche Etabliffement in Essen und nahm an einem ihm dort von Herrn Krupp gebotenen Diner Theil, auch machte Krupp ihm eine Kanone zum Geschenk. Hier traf der Perser mit seinem Ge­folge ziemlich verspätet gegen Mitternacht ein und wurde militärisch und mit Musik begrüßt. Nach be­endigtem Empfange im Königssaale fuhr der Schah zumHotel du Nord", wo eine Compagnie des 16. Infanterie Regiments als Ehrenwache stand. Heute besichtigt der Schah die hiesigen Sehenswürdigkeiten, doch nicht den Dom und setzt Nachmittags die Fahrt nach Wiesbaden fort. Karl Schurz verweilte am vorigen Donnerstag hier und kehrte sodann über Hamburg nach Amerika zurück. Vorgestern traf eine französische Geldsendung von 30 Millionen, in 10 Waggons verthcilt, hier ein und wurde in der k. Bank deponirt. Köln ist im Begriffe, die Stadt­schuld um IV2 Millionen Thaler zur Deckung der

Deutsches Keich.

»» Berlin, 9. Juni. Das unter Befehl des Contre-Admiral Henk gestellte Uebunzsgeschwader, be­stehend ans Sr. Maj. Corvelten Hertha, Bittet», Ar- cona, Ariadne und Sr. Maj. Kanonenboot Nautilus wird am 10. in Wilhelmshaven formirt werden. Gestern hat im Hotel des Ministerpräsidenten eine Sitzung des Staatsministeriums stattgefunden und heute hat der Justizausschuß des BundesrathS die Berathung des Preßgesetzes begonnen. Vom Reichs­kanzler ist dem Bundesralh die Vorlage wegen Ein­führung der Verfassung in Elsaß - Lothringen zum 1. Januar k. I. zur Beschlußfassung vorgelegt wor­den, ferner hat der Bundesbevollmächtigte Baierns Namens seiner Regierung beim Bundesralh den An­trag auf Einführung des Gesetzes des Nordd. Bundes über die privatrechtliche Stellung der Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften gestellt resp. bezüglichen Gesetzentwurf vorgelegt. Die Nachricht desD. Wochbl." daß Fürst Bismarck den Kaiser auf der Reise nach Wien nicht begleiten werde, ist in dieser bestimmten Form zu voreilig; im Gegentheile ist seine Theilnahme an der Reise bestimmt beabsichtigt; dabei ist natürlich die Möglichkeit eintretender Hinderniffe z. B. durch den Reichstag nicht ausgeschlossen. Auch für die Reisepläne des Kaisers sind durch die einge tretenen Todesfälle möglicherweise Abänderungen zu erwarten; die Aerzte tragen Bedenken, der Kaiser hält jedoch an dem Entschluß fest, den Besuch in Wien baldigst und mit der Kaiserin zusammen zu machen. -- lieber die Dauer resp. Schließung des Reichstages steht nunmehr definitive Entscheidung bevor, jedenfalls sollten Budget und die dringendsten Vorlagen vorher erledigt werden.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Notiz mehrerer Blätter, Fürst Bismarck werde, so weit bis­her bekannt, trotz des speciell auSgedrücktcn Wunsches des österreichischen Cabinets bei dem bevorstehenden Besuch des Kaisers nicht mit nach Wie» gehen, ist, wie wir versichern können, völlig auS der Luft ge griffen. DerKorrespondenz Stern" zufolge wäre nach den getroffenen Vereinbarungen der Schluß des Reichstages am 25. d. M. beabsichtigt. Das Mili tärgcsetz, das Gesetz über die Civilehe und das über die Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben sollten

A«S dem Badeleben.

Erlebnisse von W. Nielenka.

(Fortsetzung.)

Da gingen sie hin, inSgesammt gleichgültig und theilnahmloS, schadenfroh fast bei den Leiden eines jungen Mädchen, während sie einen winselnden Hund, dem man auf die Pfote getreten, wahrscheinlich mit­leidig beklagt und gehätschelt hätten. Seltsam, in der Thai räthselhast!

War eS das Räthselhafte, was mich in ihre Nähe zog. als Pauline AbendS in den Kursaal trat und in einer Ecke Platz nahm? Ich dachte nicht weiter darüber nach; wohl aber suchte ich mich erst zu über­zeugen , ob mich das spöttische Auge des Archivars nicht beobachte. Zum Glück saß er am entgegenge­setzten Ende des Saals, in welchem es bunt und lebendig genug herging. Man musicirte, konversirte, spielte Schach, Dame, schwarzen Peter und Whist, welches nach neun Uhr, wenn sich der Badearzt zu­rückgezogen hatte, mit einem kühnen Uebergang ins Hazardspiel ausartete; ein alter Podagrist legte Pa­tience, eine alte Jungfer orakelte aus den Karlen, Einige spazierten hin und wieder, Andere thaten gar nichts.

Pauline hatte eine Stickerei vor sich und ich be »bachtete sie. Ihre Hände waren mit der Stickerei beschäftigt, ihre Gedanken aber, ihre Augen weilten anderswo; die letzteren sichtlich daher wohl auch wahrscheinlich die ersteren bei einem jungen Manne, der unruhig, zwecklos den Saal durchmaß und eben so wenig auf die Musik wie auf die übrigen Vor­gänge in seiner Umgebung achtete. Seine Blicke schweiften gleichgültig umher, hasteten da und dort, richteten sich indeffen was mir endlich auffiel Niemals nach der Ecke, in welcher Pauline saß

Das war nicht zufällig, nicht absichtlos, um so weniger, als Pauline ihrerseits allen seinen Schrftken, jeder seiner Bewegungen um so aufmerksamer und ängstlicher folgte. Diese Unruhe, die ängstliche Span­nung gab sich nicht allein in den Blicken zu erkennen. Wie ihre Hände zitterten und die Lippen zuckten! Wie es über den Brauen gewitterte, wie der Busen wogte! Ich glaubte den heißen Alhem zu fühlen, der dem halbgeöffneten Mund entströmte.

Da wandte sich plötzlich der Zielpunkt ihrer Augen nach dem Eingang des Saals, ein rascher Griff, eine hastige Wendung: die Thüre hatte sich hinter ihm geschlossen.

Und Pauline? Sie saß wie versteinert; ihre Blicke hasteten auf der Thür, durch die er verschwunden war, und starrten endlich ins Leere. Nach einer Weile athmete sie tief auf, drückte die 'Hand aufs Herz, neigte das Haupt auf ihre Arbeit und fuhr fort zu sticken, um jedenfalls die Stiche später als un­brauchbar wieder aufzulösen, wie eS in der Regel mit jenen Stickereien geschieht, die in Gesellschaften, Kaffee gärten und sonstigen öffentlichen Lokalen die Hände der jungen Damen scheinbar beschäftigen.

Ich hatte inzwischen einen leergewordenen Stuhl neben ihr erobert und wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, um diesen Charakter, der mich anfing zu interesfiren, etwas näher zu studiren.

Gestatten Sie mir, mein Fräulein, daß ich Ihnen einen Rath geben darf?" begann ich zu ihr gewendet.

Sie fuhr überrascht auf und schaute mich mit ihren großen Augen verwundert an.

Ich fühle das Ungewöhnliche meiner Worte, zu­gleich ober auch den Wunsch, Ihnen einen Dienst zu erweisen, wenn ich sprechen darf.

Sie nickte schweigend und ich entnahm daraus eine Aufforderung, fortzusahren.

Sie haben eine bittere Erfahrung gemacht und tragen tiefes Weh im Herzen. Nun denn, suchen Sie die Gefühle, unter denen Sie in diesem Augenblick leben, wenigstens äußerlich zu beherrschen, ringen Sie nach Fassung, und vor Allem gebieten Sie Ihren Blicken, »ernt Sie nicht wollen, daß Jedermann, gleich mir, das Geheimniß ihrer Seele erräth und schonungslos darüber herfällt."

Noch immer ist mir der Ausdruck gegenwärtig, mit dem sie nach diesen Worten ihre Blicke auf mich heftete; ein Gemisch fragender Verwunderung über meine Kemttniß des Geschehenen, forschender Prü­fung, in wie weit sie mir vertrauen könne, schmerz­licher Erinnerung.

Die letztere wurde bald überwältigend und füllte ihre Augen mit Thränen. Sie sprach kein Wort. Schweigend faltete sie ihre Arbeit zusammen, grüßte mich mit einer Neigung be« Kopfes, mit einem Blicke, in dem mehr Dank als Zürnen lag und verließ den Saal.

Ich hatte ihr durch meine Worte Weh bereitet, ihr Thränen erpreßt, Grund genug, mir zu grollen, mich fortan zu meiden, und doch von jenem Augen­blick an hatte ich ihr Vertrauen erworben, war ich ihr Freund geworden.

Es ist einmal so mit den Frauen, daß sie Dem zugethan sind, der sie quält, und von dem sich gleich­gültig abwenden, der fie mit Liebe überhäuft. Lord Byron, der vielerfahrene, hat Recht, wenn er sagt:

Der kennt fürwahr die Weiber nicht, Der sie vermeint mit Liebe zu gewinnen.

Und ein anderer englischer Dichter, Dryden:

Je mehr er warb um ihre Sieb, Um so ferner ihrem Herz er blieb.