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Mr. LS« Marburg, Dienstag, den 10. Juni.

Oterhessische Zeitung.v

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'schc Buchdruckerei, bezogen 221 Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

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Deutsches Reich.

•• Berlin 6 Juni. Inmitten der Festlichkeiten zu Ehren des persischen Gastes ist unser Hof durch zwei Todesfälle, des Prinzen Adalbert und der Fürstin Licgnitz, in Trauer versetzt worden. — Das Befinden des Kaisers ist befriedigend; von der leichten Erkäl­tung hat Se. Majestät sich vollkommen erholt und wenn die Aerzte dem Kaiser einige Zurückhaltung in der Thcilnahmc an den Festlichkeiten empfohlen hatten, so ist dies namentlich mit Rücksicht auf die bevor­stehenden Anstrengungen der Reise nach Wien ge- schehen. — Der Reichstag ist heute vollzähliger als die vorhergehenden Tage versammelt gewesen, indessen noch keineswegs so gefüllt, daß der Schaden, welchen das Ansehen des Hauses durch die Lässigkeit seiner Mitglieder erlitten, dadurch hätte reparirt werden können. Zu den hohen Worten, mit welchen die Reichstags Candidaten sich ihren Wählern zu em­pfehlen, auch bei Rechenschaftsberichten zu prunken pflegen, stimmen diese leeren Bänke sehr wenig. — Dem Bundes,aih ist von dem Reichskanzler der Ent­wurf eines Gesetzes wegen Feststellung eines Nach­trags im HaushaltSetat pro 1873 zur Beschlußnahme vorgelegt worden, worin die Ausgabe an fortdauernden Ausgaben auf 8,433,657 Thlr. und an einmaligen Ausgaben auf 2,230,300 Thlr., die Einnahme mit 405,175 Thlr. als Nachtrag zum HaushaltSetat von 1873 festgestellt ist. Ferner ist auch ein Gesetzentwurf, betreffend die Regelung dcS Reichshaushalls vom Jahre 1872, vorgelegt worden. — Unter Weglassung der in Folge deS Krieges gegen Frankreich erwachsenen Einnahmen und außeretatsmäßigen Ausgaben schließt nach dieser Uebersicht der Etat pro 1872 mit einem Ueberschuß von 14,579,505 Thlr. ab. AuS diesem Ueberschuß sollen entnommen werden: 1,657,814 Thlr zur Herstellung von Dienstgebäuden für das General- Postamt, für die Normal-Eichungscommission hier, zur Bermehrung der Telegraphenverbindungen und Stationen zu Telegraphen Dienstgebäuden hier für die Generalvirection und zu solchen in Königsberg und Karlsruhe.

•• Berlin, 7. Juni. Dem Schah von Persien hat bei einem Besuch im Reichstage die Würde und Amtirung des Präsidenten Simson ganz besondere Hochachtung abgenölhigt, welcher der persische Fürst auch durch Verleihung des großen Sterns des Löweu- und Scnnenordens thatsächlichen Ausdruck gegeben hat. Einem Besuch beim Fürsten und der Fürstin BiSmarck zur Verabschiedung hat der Schah gestern ziemlich lange Ausdehnung gegeben. Kein Minister hat die Gelegenheit zur Erledigung auch geschäftlicher Angelegenheiten mit dem Fürsten BiSmarck ergriffen und ist gestern ein Additionalvertrag von den beiden Staatsmännern unterzeichnet worden. — Der Justiz- Auöschuß des BundcSralheS ist bereits in die Bera- thung des VreßgesetzeS eingetreten; Referent ist nicht Herr v. M.ltnacht, wie man behauptet hat, sondein Geh. Regierungsrath Held aus Dresden. Im Wesent lichen glaubt man auf die Zustimmung dcS Bundes­raths rechnen zu können, wenn auch bei der Trag­weite eines solchen Gesetzes und der Verschiedenheit der bestehenden Gesetze Modificationsvorschläge nickt auSbleiben können. Weniger Wahrscheinlichkeit auf schließliche Einigung über das Gesetz kann man aus den Auffassungen und Aeußerungen der liberalen Reichstagsmitglieder schöpfen. Man acceplirt gern die finanziellen Conccssionen der Regierung, will dieser aber keine Bürgschaften gegen den Mißbrauch der Presse zugestehen, auf welche die Regierungen nicht verzichten können und werden. Gabe und Gegengabe sind unzertrennlich. — Für den Bau des Reichstags- Gebäudes sollen 8 bis 10 Millionen aus der Kriegs- Entschädigung bewilligt werden. Dem Bundesrath ist von diestm Plan schon Anzeige gemacht worden.

-- Die Verwaltung der Staatsbahnen ist zu gutachtlicher Aeußerung über die Einstellung von Schlaf waggonö in allen Nachtschnellzügen aufgefoidert worden. — Das „Deutsche Wochenblatt" vernimmt, daß die j-tzige Reise des GeneralpostdirectorS Stephan mit der beabsichtigten Durchführung eines einheitlichen Weltportos in Verbindung stehe. — Demselben Blatte wird der Viccprästdent des Obertribunals v. Ingers­

leben als voraussichtlicher Präsident deS GerichtS- hofes genannt.

— Die auf telegraphischem Wege anderweit ver­breitete, von Paris datirte Nachricht von einer deut­schen Circulardepesche an die diplomatischen Agenten des Reichs, worin die höchste Befriedigung über den ConservatismuS der neuen französischen Regierung ausgesprochen wäre, entbehrt der Begründung. — Die heutige Mittheilung der „Kreuzzeitung" aus Wien, daß zwischen Wien, Petersburg und Berlin gegen­wärtig über einen gleichförmigen Modus in Betreff der Beantwortung der Notification des RegierungS.- antritts des Präsidenten der französischen R publik und über die Art der Herstellung o'ficieller diploma­tischer Beziehungen ,mit dem derzeitigen Präsidenten stat-fi iden, wird als dem Ber-ich der Conjectural- politik angehörig bezeichnet. — Ter „Reichsanzeiger* publicirt die Adelserneuerung des dänischen ConiulS Mumm und des Oberbürgermeisters von Frankfurt a. M., Dr. Mumm, unter dem Namen Mumm von Schwarzenstein.

— Als der Schah von Persien den Reichstag besuchte, ließ er sich nicht nur die bedeutsame Stel7 lung dieser erleuchteten Versammlung auseiuandersetzen, sondern fragte auch mit besonderem Jnter,sse nach den Amtsbefugnissen des Mannes, der über der Versamm­lung auf einem überragend hohen Platze throne. ES wurde nun Sr. Majestät auSeinandergesitzt, welche gefürchtete Autorität dem glockenschwingenden Manne auf dem Präsibentensitze innewohne und wie derselbe jeden nicht zur Sache gehörigen Redefluß, selbst den des Professor Ewald, in seine Schranken zuiückzu- bannen wisse. Auf diese Eiläuterungen verständniß voll eingehend, gab der Schah zu erkennen, daß er die außerordentliche Position eines Präsidenten eeS deutschen Reichstags durch ein besonderes Zeichen seiner Anerkennung ehren wolle, der die Verleihung deS Sonnen- und Löwen-Ordens an den Präsidenten Simson dann folgte. Die Einführung drs Parla­mentarismus in Persien soll indeß von den Groß-

Aus feem Badclrben.

Erlebnisse von W- Nielenka.

'»• (Fortsetzung.)

Der arme Herr Zuckermann! DaS beliebte, un­entbehrliche Mitglied des Vergnüqungscomitces, der flotte Tänzer, der unerschöpfliche Ouell von Anekdoten, Rärhseln und Schnurren, Dilettant ä la Bosco, der maitre des plaisirs comme il laut, der galante Courmacher, dessen Huldigungen bisher von mancher Dame als hoffnungsvolle Präliminarien „reeller Ab­sichten", eines formgerechlen Heiralhsan rags in stiller Beglückung ausgenommen und ermulhigt worden wa­ren: — da stand er seines ganzen Nimbus mit ein­mal entkleidet, wie ein Theaterstatist, der nach Ab­legung der schimmernden Ritterrüstung in seinem Zwillichkitrel erscheint, starr wie eine Salzsäule, zu sammengegangen wie ein Schneemann an der Mit tagssonne.

Die erste Bewegung, deren er nach seiner Erstar­rung fähig wurde, war die, daß er den Vogeldoktor am Arm nahm und da« Write suchte. Auch die zu- rückbleidende Gesellschaft schien, zumal in ihrem weib lichen Theile, durch die unerwartete Enthüllung etwas außer Fassung gebracht zu sein und branchte einige Zeit, um sich von dem erhaltenen Schlag zu erholen.

Zuckermann verheiralhet!" stöhnte eine ProscsiorSwiNwe, in deren Erinnerung das Bild ihres nunmehr in Gott ruhenden Galten, weiland Gym nasialprofessors und mehrerer gelehrten Gesellschaften Ehrenmitglieds, durch die behäbige Erscheinung des süßen Jungen bedenklich abgeschwächt war, — „wer hätte Das gedacht!"

„DaS wundert mich gar nicht", fiel Fräulein von Hofetitz schnippisch ein; „Herr Zuckermann sah mir immer sehr verheiralhet aus."

Sie war die einzige Dame, der Herr Zuckermann, vielleicht aus reiner Ehrerbietung und aus Respekt vor ihrem Stammbaum, sich bisher auffallend fern gehalten hatte, und sie ließ sich jetzt die Gelegenheit

einer Revanche für diese Vernachlässigung nicht ent­gehen.

„Aber mein Gott, wie muß man denn da auS- schen?" fragte die verwitlwetc Prostssoriu.

„Das läßt sich weniger beschreiben als heraus fühlen, ein gewisses Etwas, jenes je ne sais quoi."

»Aber ich bitte Sie, liebes Fräuiein, bei einem Manne! Bei einer Frau ließe sich das wohl eher be­greifen !"

»Ganz recht, freilich!" faunte der Archivar da­zwischen, „da siehl's selbst der Unbemittelte ein."

Ein vernichtender Blick und Fräulein von Hofetitz rauschte mit imposantem Beinwechsel zur Saalthüce hinaus.

„DaS ist ja allerliebst!" schmunzelte der Forellen- dcklor mit dem Doppelkinn, indem er sich vergnügt die Hände rieb.

„Zuckermann ist ein Vocativus, und ohne diesen Störenfried von Bogeldoktor hätte sein Weizen auf manchem Acker geblüht. Werde mir's merken für andere Fälle", meinte wohlgefällig Herr Spindel, ein vertrockneter Stadtrichter, der indeffen so wie so durch aus ungefährlich war und für den der Weizen auf keinem Acker mehr blühte. '

„Alles schon dagewesen", bemerkte ein Anderer; „einer meiner Bekannten, ein Hauptmann, Vater von sechs Kindern, zieht, wenn er zum Manöver auSrücki, hinter den letzten Häusern seiner Garnisonstadt sofort den Trauring vom Finger und steckt ihn als Reif au die von seinem ältesten Töchterlein gehäk.lte Geldbörse, um nicht vor aller Welt als „Ehekrüppel" kazustehen und sich von vornherein alle Fortüne bei dem schönen Geschlecht zu verscherzen."

„O schändlich, diese Treulosigkeit und Gewissen­losigkeit der Männer!" rief entrüstet eine Gutsbe sitzersfrau, die eben mit gewecktem Argwohn daran denken mochte, daß ihr Mann so häufig auf mehrere Tage, angeblich „in Geschäften", verreiste.

„Untreue ist die Würze der Liebe!" brummte der Archivar.

Die Frau Profefforin glaubte der Gesellschaft noch das Resume und die Nutzanwendung in Sachen Zucker­mann schuldig zu fein und erging sich in moral scheu Betrachtungen über die verderbte Welt im AUgemeiuen und waS eS insbesondere für traurige Folgen haben könne, wenn ein leichtsinniger Mann seinen ehelichen Stand verleugne, pflichtvergessene Verhäliuisse an- kuüpfe, die nie ein gutes Ende nehmen könnten und dahin führen müßten, ein weibl die« Herz zu brechen. Diesen Ergießungen antwortete plötzlich seitwärts ein lautes Schluchzen und Stöhnen. Man sprang auf. „Mein Gott, was ist geschehen?" riefen einige Stimmen.

„Fräulein Pauline hat ihren Anfall", bemerkte mit kühler Gelassenheit die Pfarrerstochter, und diese Worte schienen in der That eine auffallend beschwich­tigende Wirkung zu äußern, obwohl die Leidende in ihrem Zustand einen bedauernswürdigen Anlnick ge­währte und schließlich besinnungslos vom Stuhl sank. Man hob sie auf und übergab sie im Nebenzimmer der Sorge einer Badewärterin. Die Gesellschaft äußerte ihren Unwillen übet diese ewigen Störungen und verließ den Saal. Tie L-idende war wiederum meine Begegnung im Walde.

„Was ist es denn mit den Anfällen der jungen Dame?" fragte ich im Gehen den Archivar.

„Tas weiß der Kuckuk. Lachkiampf, Weinkcampf^ Magenkrampf, Herzkrampf — ein krampfhaftes Ge­schöpf durch und durch. Sollte statt in« Bad nach Kalifornien reifen."

(Fortfetzung folgt!

Literarisches.

Ein kleines Büchelchen von Werth fußt in pro­saischer Darstellung auf echt poetischem Gebiete. ES beißt: „Kuriose Geschichten" von Theodor Piderit (Berlin bet Otto Janke Pr. 15 Sgr.) und hat viel