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Mr« 133 Marburg, Sonntag, den 8. Juni. 1873.

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Oderhessische Zeitung.

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Pglitische Wochrn-Ukbrrficht.

Seit dem Sonnabend vor Pfingsten weilt der Schah von Persien am £>ofe unseres Kaiser-, zahlreiche Festlichkeiten sanden zu Ehren des hohen Gastes in der abgelaufencn Woche statt, denen, durch ein leichtes Unwohlsein verhindert, 'der Kaiser nicht immer bei­wohnen konnte. Am Donnerstag und Freitag schloß der Tod die irdische Laufbahn von zwei unsrem Her scherhause nahestehenden Persönlichkeiten. Am 5. starb n Homburg die Fürstin Auguste von Liegnitz, Gräfin von Hohenzollern, geb. am 30. August 1800, des Grasen Ferdinand v. Harrach Tochter, war sie seit 9 November 1824 mit König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (Vater des Kaisers) in morganatischer Ehe vermählt und seit 7. Juni 1840 verwitwet^ Am Freitag starb in Karlsbad Pnnz Heinrich Wilhelm Adalbert, Chef deS 1. Thüring. I-'fantcrie-RegimentS Nr 31, erster Commandeur deS 3. Bataillons (Düssel­dorf) vom 2. Garde-Grenadier-Landwehr-Regiment und ä la suite des Garde - Feldartillerie-Regiments, auch Chef der kaiserlich russischen 2. reitenden Artillerie- Brigade vermählt war derselbe in morganatischer Ehe, 20. April 1850, mit Therese v. Barnim, geb. 5. April 1808. Der verstorbene Prinz war der Sohn des Vater Bruders unseres Kaisers. In Preußen haben die Bischöfe eine Collecttv - Eingabe an das Slaatsministerium gemacht, worin sie jede Mitwirkung zur Ausführung der kirchenpolitijchen Gesetze zuruck weisen. Aus diese allgemein gehaltene Gesammtver- wahrung will die Regierung, wie dieProv.-Corresp." mittheilte, nicht eine besondere Antwort geben, indessen eine Verständigung mit den Kirchenbehörden immerhin möglichst im Auge behalten. In Köln fand am Mitt­woch die Wahl des Proscssor Dr. RcinkenS in Breslau zum Bischof der Altkatholiken statt. Der Reichstag hatte seine Thätigkeit nur über die Pfingstfeiertage unterbrochen, wurde aber in den letzten Sitzungen der ablausenden Woche erst wieder beschlußfähig.

Der Kaiser von Rußland weilt am österreichi­schen Kaiserhofe und wurde mit landesüblichen Fest­lichkeiten empfangen. Der Regierungswechsel in Frankreich ist auch in Oesterreich sehr kühl aufgenom men worden, bei der deutschen Bevölkerung wie in

Regierungskreisen. Was in den letzteren verstimmt hat, ist der wilde und auögelasiene Jubel, in den Alles, was päpstlich und ultramontan ist, einstimmt, während die Stimmung deS VaticanS gegen die öster­reichische Regierung doch bekanntlich nichts weniger als freundlich ist. Die Vorbereitungen zu den Wahlen gehen ihren Gang und werden sogar sehr lebhaft be trieben. In Pest hatte Unterstaatssecreiär Csemeghi seine Enklassung eingereicht, doch ist ihm dieselbe nicht gewährt worden, dagegen verlautet der Rücktritt des Justizministers Pauler.

In der Schweiz sind die Großen Räthe der Cantone Bern und Genf in der Berathung ihrer neuen Kirchengesetz-Entwürfe begriffen. Im Canton Neuenburg hat der Große Rath die Petitionen um Vorlegung des von ihm bereits angenommenen neuen Kirchengefetzes zur Volksabstimmung verworfen. Im Canton Aargau haben 47 Mitglieder des Großen RatheS gegen die Amtsentsctzung des Bischofs Lachat und deren mögliche Consequenzen protestirt.

Die neue Regierung in Frankreich, die am 24 Mai aufgerichtet, und mit der Wahl Mac Mahons zum Präsidenten der Republik gekrönt wurde, ist eifrig mit ihrer Einrichtung beschäftigt. Mac Mahon hat zunächst für die militärische Seite des Gebäudes Sorge getragen und Cffsey durch einen seiner Getreuen, der kein Politiker, aber ein abgesagter Feind des Rcpublikanismus ist, den Divisionögeneral du Baratt, im Kriegsministerium ersetzt, so wie den bisherigen Commandantcn von Paris, General Ladmirault, an die Spitze der Versailler Armee gestellt. Diese Er Nennungen boten Gelegenheit zu willkommenen An- spachen an die Armee, der, ngch Mac Mahons Ansicht, die National-Versammlung durch die Erhebung eines Marschalls zum Präsidenten der Republikeinen Beweis dcö Vertrauens gegeben, welches sie auf die Loyalität der Armee, ihren Patriotismus, auf ihre Energie und ihre Achtung vor dem Gesetze stelle". In Betreff der endgültigen Entschließungen über die constitutionellen Fragen will der Marschall die voll­ständige Räumung des Gebiets abwarten. Die Ver­hältnisse zum Auslande sind auf dem besten Wege der Ausgleichung; auch die deutsche Botschaft hat feit dem

2. Juui ihre officiösen Beziehungen zurj neuen Regie­rung wieder ausgenommen; man wird bei dem ausge­sprochenen ultramontanen Character der Hauptmitglieder des Cabinets auf der Wacht bleiben, aber den Franzosen das ungestörte Vergnügen gönnen, die rückläufige Bewe­gung ihrer Evolutionen zu bewundern oder zu befehden. Finanzminister Magne hat durch die 200 Millionen, welche die Bank der früheren Regierung gegen Schatz- scheine vorzustrecken Schwierigkeiten erhob, dock welche sie bereitwillig der neuen zur Verfügung gestellt hat, die fünfte Milliarde der Kriegsentschädigung vollauf mobil gemacht; auch fangen, da Magne den Specu- lanten vor der Hand das alte Vertrauen einflößt, die Geschäfte an, sich zu beleben. Am nächsten Sonn­tage wird der neue Marschall-Präsident eines jener großen militärischen Schauspiele, eine Revue der Ver­sailler Armee, zum Besten geben, wie denn überhaupt Vieles an die ersten Zeiten des zweiten KaiserthumS erinnert.

Die römischen Ordensgenerale haben in einer an den König und die Spitzen der Verwaltung und Gesetzgebung gerichteten Eingabe Protest g gen daS Kloftergesetz erhoben und besonderen Nachdruck darauf gelegt, daß daffelbe im Wiverspruche mit der Ver faffung stehe. Daß die Verfassung vom Papste ip communicirt ist, scheint diese Herren nicht zu kümmern. Raltazzi ist am DonnerStag in seinem 67. LebenS- jrhre zu Frosinone gestorben. Derselbe wurde geboren zu Alessandria am 29. Juni 1808, seil 1838 Advocat in Turin, 1848 zum Deputaten erwählt, nahm seit jener Zeit eifrigen Antheil an den politischen Schick­salen PiemvntS und JialienS, wurde 1848 zum eistxn Mal Minister, mußte aber nach dev Schlacht von Custozza zurücktrelen. Als Rivale Cavour'S und später als Leiter der Opposition erhielt er noch mehr­mals, namentlich 1859, 1862, 1867, die Leitung der politischen Angelegenheiten, die immer durch ein öffent­liches Unglück bezeichnet war.

Der Pfingstmontag Hal in der Hauptstadt Spa­niens die ersten unter den Auspicien einer repudlk- kanischen Negierung gewählten Cortes zusammenireten sehen, die constiiuirende Versammlung, deren Aufgabe der innere Ausbau der R.publik sein soll. Daß die

Aus dr« Badelrbrn.

Erlebnisse von W. Nielcnka.

(Fortsetzung.)

Aber haben sich denn die jungen Damen durch die auf die Schädellehre gestützten Warnungen des Doktors nicht abwendig machen lassen?"

Nicht im Geringsten. Als ob überhaupt junge Da­men, wenn es ans Heirathen geht, der Stimme der Vernunft viel Gehör schenkten! Zärtliche Phrasen, eine schmachtende Tenorarie, das Klirren eines Artillerie fäbels klingen ihnen viel lieblicher in den Ohren."

Wie abscheulich i" rief Fräulein Theodelinde v. Hofetitz.UebrigenS leugne ich nicht, daß ich eine Te norarie immer lieber höre, als die ewigen Sarkasmen gewisser Leute." ,

Aber warum hat denn der Doktor die Schadel- lehre aufgegeben, um sich der Ornithologie zuzuwenden? fragte einer der anwesenden Herren.

ES passirte ihm einmal daß er an dem Schädel einer jungen Frau RegierungSrälhin einen Charakter- zuz herausgctastct haben wollte, der von der Kurge- scllschast und von der Belasteten selbst entschieden be- stritien wurde. Um sich aus seiner Verlegenheit zu helfen und der Schädelbildung im Fragcsalle eine äußere Veranlaffung unterzuschieben, platzte er heraus: Da sind Sie wahrscheinlich auf den Kopf gefallen!" Alles lachte Über die zweideutige Diagnose, die Frau RegierungSrälhin altenrte sich, der Gatte ward un angenehm, und einige boshafte Jntriguanten trieben als angebliche Kartellräger den Doktor mit einer Duellforderung deS beleidigten RegierungsrathS in die Enge. Kurz, der arme Phrenoioge halte genug. Seit­dem können die Kurgäste allenthalben im Wald und auf der Flur rnhig ihr Haupt niederlegen, eS sei denn, daß ein Zeisigneft in der Nähe wäre, oder auch auf der Flur kurz vorher eine Viehheerde ge­wehrt hatte."

Wie so eine Viehheerde?" fragte eine korpulente Frau, die eben so wie an Köipergcwicht gleich schwer von Begriffsvermögen war."

Hm, ja, sehen Sie, Madame," erwiderte der Archivar mit tiefgelchrtrr Mienewegen des mit dem auf der Weide genossenen Futters vergehenden und sinnlich wahrnehmbaren Stoffwechsels."

Es war auch Zeit, daß dieser Unfug des Dok­tors ein Ende nahm," säuselte eine sentimentale Pfarrerslochler, Fräulein Thugut, die so hochpoetisch war, daß noch kein Sterblicher, nicht einmal ein PredigtamtScandidat sich zu einem prosaischen Hei- rathsantrag bei ihr verstiegen Halle.Wenn ich daS reizende, duftige Lied von Heine lese:

Mir ist, als ob ich die Hände Auf's Haupt Dir legen sollt.

fällt mir immer die dumme Schädellehre ein und mit der poetischen Andacht ist's vorbei."

Ja, so etwas schmerzt ein edleS Gemüth," sagte ein Referendar Hohnwitz mit verstellter Wehmulh; Sie kennen daS Lied von Heine:

Wenn ich in Deine Augen seh', So schwindet all mein Leid und Weh.

Jeder Genuß daran ist mir vergällt, feit mein Tisch nachbar Mittags beim Aufträgen der Suppe regel­mäßig mit diesen Versen die Fettaugen der Bouillon anfingt."

Was ist's denn nur mit der Ornithologie und dem Zeisignest?" beeilte sich eine Stimme zu rufen, ehe die poetische Aber der Pfarrerstochter Zeit hatte, weiter zu fließen.

Sobatv der Doctor hier angekommen ist, läßt er die Dorfjuzend vor dem Kurhause zusammenkommen und sichert Dem einen Ducaten zu, der ihn zu einem Zeisignest führt."

Einen Ducaten für ein ordinäres Zeisignest! Mein Gott, was ist denn da so Merkwürdiges da ran?" beliebte Fräulein v. Hofetitz zu fragen

Hm ein Zeisignest ist nicht so gar gewöhnlich, daß man es in jeder Stachelbeerhecke findet, wie ein Hänflingnest. Es soll äußerst künstlich gebaut und für ein menschliches Auge schwer zu entdecken sein. Der Volksaberglaube hat daher weiland von einem seltenen Edelstein gefabelt, der in einem Zeisignest verborgen sei und wunderbare Naturkräfte an sich habe gegen Pestilenz und FeucrSnolh, gegen unerwi­derte Liebe . . . ."

Warum nicht gar auch gegen rückständigen Haus­zins und unbezahlte Schne>dcrrechnungen!"

»Ja, ja, schwebt mir so vor, als hätte ich schon irgendwo von dem GeheimnißooUen eines Zeisig- nesteS gelesen," bemerkte Fräulein Kunigunde Thugut.

Wahrscheinlich in Rost'S Schäfergedichten, wo sich unter diesem Titel eine artige poetische Erzählung findet," fiel der Archivar ein, indem er mit einem Faunlächeln daS Fräulein anblinzelte.

In der That, ich glaube, eS war etwas in Versen."

Nun, wenn man so ein Ding von Zeisignest einer poetischen Behandlung gewürdigt hat, wie die Augen, die Hände, den Mund und sonstige Glied- maßen einer Geliebten, dann muß eS auch einen Reiz haben, und kann wohl einen Ducaten werth sein."

Die Eßglocke unterbrach eine nähere Abschätzung deS mysteriösin ZttsignesteS, und Alles stürzie heiß­hungrig nach seinem Platz an der Speisetafel. Selbst die poetische Pfarrerstochter bekehrte sich zur prosai­schen Weltanschauung, diese materiellen (Seuüfie auf­zusuchen, soweit solche an der Tafel eines Kurhauses überhaupt geboten werden. Einige Theilnehmer der vorhin abgebrochenen Unterhaltung saßen in meiner Nähe, darunter auch mir gegenüber der Archivar, der nach Dem, was ich bisher wahrgenommen hatte, immerhin der Mann war, da- magere, kurmäßige Mittagsmahl mir einigem Salz und Pfeffer zu würzen.