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Ur« 132 Marburg, Sonnabend, den 7. Juni. ~ 1873

OteMsische Zeitung.

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Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

## Berlin, 5. Juni. Auch heute haben die Be- rathungen des Reichstages wieder wegen Beschlußun- fLhigkeit unterbrochen werden müssen, obgleich noch die wichtigsten Vorlagen, darunter solche, die, wie der Antrag Völk Hinschius, dem Reichstag selbst die Ini­tiative verdanken, der Erledigung harren. Während Reichsregierung und Bundesrath durch eifriges Vor­bereiten des Materials zur Gesetzgebung an die Lei­stungsfähigkeit des Reichstages große Erwartungen knüpfen, scheint dieser wenig genug dem Vertrauen entsprechen zu wollen. In der Presse wie im Pu­blikum gibt man auch dem Unwillen über die Lässig­keit vieler Reichstagsmitglieder unverholen Ausdruck; Md mit Recht; kaum drei Monate hat die Reichs­tagssession bis jetzt gewährt, und wer sich um einen Sitz im Reichstag beworben oder die Wahl ange­nommen hat, mußte von vornherein darüber klär sein, daß die ungewöhnlichen Verhältnisse auch schwerere, über das gewöhnliche Maß hinausgehende Pflichten auferlegten; bis jetzt ist die Dauer immer noch unter der Norm geblieben, also keinerlei Entschuldigung für die Beschlußunfähigkeit vorhanden. Zustände der jetzigen Art sind eine Schmach für die deutsche Na­tion, welche von ihren Vertretern für solche Vernach­lässigung der Pflichten Rechenschaft zu fordern vollauf berechtigt ist. Wer seine Pflicht als Abgeordneter nicht erfülle» kann, soll kein Mandat annehmen; ein­mal übernommene Pflichten nicht erfüllen, heißt das Vertrauen täuschen. — Von der Reichsregierung sind dem Buildesrarh Vorschläge zur Abänderung und Er­gänzung der Gewerbeordnung zur Beschlußfassung unterbreitet worden, nachdem die Erfahrung gelehrt Hal, daß die Gewerbeordnung nicht genügenden Schutz gegen eingerissene Schäden des Gewerbelebens ge­währte. Namentlich auch gegen den Contractsbruch sollen wirksamere Mittel zur Anwendung kommen; wie wir hören, soll derselbe bis zu 20 Thlr. Geld­strafe eventuell 14 Tage Gesängniß bestraft werden. Auch auf Ausdehnung der neuen Bestimmungen der Gewerbeordnung auf das Bergwesen und die land- und sorstwirthschastlichen Arbeitsverhältnisse liegen Anträge vor. — In Ausführung der Arbeiten für die neue Kreisordnung entwickeln die Behörden eine rege Thätigkeit. Nach Berichten aus den Provinzen

nehmen die Arbeiten erwünschten Fortgang, ohne aus besondere Schwierigkeiten zu stoßen. Die Regierungs- Präsidien haben mit den betreffenden Behörden und mit Notabeln der Eingesessenen Berathungen gehabt, welche sich ebenfalls der Ausführung förderlich er­wiesen haben. In verschiedenen Bezirken sind die Aus­führungsarbeiten bereits so weit vollendet, daß zur Einberufung der Kreistage baldigst geschritten werden kann.

— 5. Juni. Der Brüsseler Gesandschaftsposten wird, der „Kreuzztg." zufolge, wahrscheinlich durch den Grafen Hatzfeld besetzt. — Dasselbe Blatt er­fährt, daß die Notifikation des Regierungswechsels in Frankreich seit gestern hier eingetroffen sei.

— Der Gesetzentwurf über die Abänderung des Vereinszolltarifs scheint im Ganzen die langgehegten Wünsche, besonders unserer Landwirthe, zu befriedigen, denn das Wesentliche, was seit vielen Jahren zumal von den Küstenprovinzen gefordert wurde, die Be­freiung des Stabeisens, des fa^onnirten Eisens, des Pflugschaareisens, sowie der Maschinen, ist nunmehr erreicht. Wie bedeutend die Veränderung ist, mag man an dem Beispiel ersehen, daß für einen Dampf­pflugapparat bisher 1200—1500 Thlr. Zoll bezahlt werden mußten. Weniger befriedigt werden unsere Vollswirthe darüber sein, daß noch eine Anzahl kleinerer Artikel, wie Aexte, Sensen, Sicheln, Nägel u. s. w. unter ermäßigtem Zoll bleiben sollen, welche für die Reichsfinanzen schwerlich von Bedeutung sind, unsere Zollbeamten belästigen und doch zweifellos in kurzer Frist ebenfalls ganz freigelasscn werden müssen. Vielleicht werden Bundesrath und Reichstag hier noch für einige Vereinfachung des vorgeschlagcnen Tarifs sorgen.

Das Ereigniß des Tages in Bdrlin ist selbst­verständlich die Anwesenheit des brillantenstreuenden Schahs von Persien. Eigenthümlich ist die Verschie­denheit des Urtheils über die äußere Erscheinung dieses orientalischen Potentaten. Die Einen sehen ihn blaß, die Anderen braun, die Einen finden seine Haltung martialisch, die Anderen weichlich. Das Richtige liegt wohl wieder in der Mitte seinen mor- genlänvisch gefärbten Teint wird man diesem Antlitz nicht absprechen können. Große Augen mit scharf ge­zeichneten Brauen geben ihm einen intelligenten Aus­

druck. Richtig ist die Schilderung von dem Diaman­tenglanz, der über seine schwarze Uniform ausgebreitet ist, an sich allein das krystallisirte Glück von vielleicht Tausenden seiner Unterihanen. Naffr-Eddin gefällt sich hier ganz prächtig. In einige kleine Jncon- venienzen des hiesigen Lebenö hat er sich, wenn auch widerstrebend, bereits gefunden. Als Orientale ist er gewohnt, nur zu essen, wenn ihn hungert; hier muß er sich an bestimmte Stunden für seine Mahlzeiten binden. Sanssouci, welches er besuchte, entzückte ihn über die Maßen; solche Gartenpracht hatte er noch nicht gesehen, was schließen läßt, daß es mit den viel besungenen Gärten von Jspahan und Schiras nicht mehr weit her sein mag. Er war Mit­tags hingefahren und wollte durchaus nicht wieder fort. Um 5 Uhr sollte der Kaiser sein Mittagsgast im Schlöffe sein; man hatte Mühe, den Schah zu überzeugen, daß man den Kaiser nicht warten lassen dürfe. Daß die Eliquette sich auch von einem orien­talischen Alleinherrscher nichts abhandeln läßt, muß ihm wohl wieder neu gewesen sein. Das regelmäßige Äbeudvergnügen bildet die Oper, und zwar insbe­sondere das Ballet, welches ihm ganz neue Gedanken­kreise zu eröffnen scheint. Man sieht, er ist für die Grundzüge der europäischen Civilisation empfänglich. Den Kaiser hat er mit einem mit feinem Bildniß ge­schmückten riesigen Orden beschenkt, dessen Diamanten- Werth auf 50,000 Thlr. geschätzt wird. Für die Kronprinzessin läßt er bei Sy und Wagner ein Brillantcn-Diadem fassen, das noch einen höheren Wenh haben soll. Es soll schwer sein, sich mit ihm zu verständigen; er versteht das Französische ziemlich gut, spricht es aber sehr mangelhaft.

Köln, 4. Juni. Durch die heute erfolgte Wahl eines Bischofs hat die Sache des Altkatholicismus in Deutschland einen großen Fortschritt gemacht. Es hatten sich mit Einschluß der anwesenden altkatholischen Geistlichen 77 Delcgirte von Gemeinden und Vereinen zu diesem wichtigen Acte eingefunden. Vor dem Wahl­acte wurde in der Kirche zum h. Pantaleon eine h. Geist-Messe celebrirt, dann das Lied „veni creator Spiritus“ angestimmt, während dessen Absingung sich die Delegirten und stimmberechtigten Geistlichen in die Nebenkapelle begaben, welche in letzter Stunde statt der Rathhauskapelle zu diesem Behufe auser-

Aus dem Badeleben.

Erlebnisse von W. Nielenka.

(Fortsetzung.)

Nicht Jedermann hat, wie Göthe noch in der Todesstunde, das Bedürfniß nach „mehr Licht", — aber Luft, mehr Luft, die frische, erquickende Luft der Berge zumal haben Alle nöthig, die in Städten, in «der Gassen quetschender Enge" wohnen.

Drum rasch hinaus in die Berge, um des wider­wärtigen Gefährten ledig zu werden. Es wurde mir so leicht, so wohl in der frischen Gebirgsluft, in dem balsamischen Hauche der Fichten; die Welt lachte mich io hoffnungsvoll und glückverheißend au, ich vergaß Sorgen und Beklemmungen und war eben im Begriff, Meine Lust in das Thal zu jauchzen, um ein unver­meidliches Echo zu wecken, als vor mir eine weibliche Gestalt um die Ecke bog und hastig mir entgegeneilte. Sie blickte in ein Blatt Papier, welches sie in der Hand hielt, und gewahrte mich nicht.

Sie war jung; ihr .Gesicht hatte einen eigenthüm- lichen Ausdruck; wie eö aber im Zustand der Ruhe war, ließ sich im Augenblick nicht ermessen, denn ihre Züge waren sichtlich verstört, die Augen schwammen in Thränen, ihr ganzes Wesen verrieth eine heftige Aufregung.

Ein scheuer Blick traf mich, als unser Pfad sich kreuzte; — dann beschleunigte sie ihre Schritte noch Mehr und verschwand in der Biegung des Wald­weges.

Also auch hier Thränen und Schmerzen, — „der Menschheit ganzer Jammer!" wo ich nur Glück und Frohsinn wähnte.

Warum dieses Weh, diese Thränen? War es ein Brief, den sie durchflog? Vielleicht von einer Freun- bin in der Heimath, die ihre Verlobung meldete?

Wunderlich, daß junge Damen beim Empfang solcher Nachrichten immer in Thränen zerfließen! Worüber weinen sie? Einer meiner Freunde, ein arger Pessimist, behauptet, es geschehe aus Neid und Mißgunst da­rüber, daß die Freundin ihnen den Vorrang abge­laufen und eher als sie das ersehnte Ziel erreicht. Am Ende war's eine Todesbotschaft aus dem Kreise ihrer Angehörigen.

Sinnend schritt ich weiter und betrat einen rei­zenden Pfad, der in einen mit Hochwald bewachsenen, steilabfallenden Bergabhang eingeschnitten war und dergestalt an demselben hinlief, daß zu meiner Linken der Bergrücken emporstieg und rechts durch die Stämme des Hochwaldes sich mir ein Blick in einen anmuthi- gen Thalgrund öffnete. Alles rings so still, so lau­schig und feierlich; — ich verfiel dem Waldeszauber: mir ward gar wunderselig zu Muthe.

Die Buche rauscht, es flüstert leis' die Esche, Fernab das Pochen einer Eisenwäsche;

Dazu mein Stab, der rauh den Fels berührt: Das ist die Sprache, die der Bergwald führt.

Führwahr, in diesem Augenblick fühlte ich dem Dichter jene Verse nach, klangen in mir alle die prächtigen Weisen wieder, in denen Eichendorff und andere Sänger des Waldes Herrlichkeit feiern; ja — wenn nie vorher — so begriff ich damals in seiner ganzen Tiefe und Tragweite das burschikose, scheinbar so tri­viale „Natur kneipen".

Der ruhige Naturgenuß sollte mir indeß nicht bc- iebieben sein. Eine neue Gestalt zeigte sich, ein junger Mann, in einem Buche lesend, das sich durch seinen „reich mit Gold verzierten Prachtband" unzweideutig als eine „zu Festgeschenken geeignete Ausgabe" eines deutschen Lyrikers verrieth.

Das war bedenklich. Verse lesen mag sich schicken

in einer viereckigen modern unbehaglichen Wohnstube, in der grün angestrichenen Stakelenlaube eines Ge­müsegartens, um des Lebens nüchterne Prosa darüber zu vergeffen; aber im Walde, inmitten aller Poesie und Romantik, — da schrumpft solch ein Büchlein jämmerlich zusammen, wie ein Dreierlicht neben einem Flammenmeer, wie ein Sprühteufel neben der Erup­tion eines Vulkans.

Noch unheimlicher gestaltete sich die Sache aber dadurch, daß der lyrische Wanderer nicht dem ge­bahnten Pfad folgte, sondern, in seine Lektüre vertieft, quer durch den abschüssigen, von Sleiugcröll und blosliegenden Baumwurzein bedeckten Bergesrücken hinankletterte. Dergleichen kann mau mit gesunder Vernunft nicht unternehmen. Das war offenbar Einer, der an beginnender Hirnerweichung litt und den sein auf ein jährliches Aversum fixirter Hausarzt üblicher Weise in ein unverfängliches Bad geschickt hatte, um einige Wochen Ruhe vor ihm zu haben.

Ich hatte genug an diesen Begegnungen.

Die Welt ist vollkommen überall

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

Darum ist der Garten eines Spitals und wäre er von dem großen Naturkünstler Fürsten Pückler- Muskau paradiesisch angelegt — was zum Glück nicht vorkommt — für Gesunde niemals ein angenehmer Aufenthaltsort.

Es war inzwischen auch die Mittagszeit heran­gerückt, wo sich die Kurgäste im großen Saale des Kurhauses zur gemeinsamen Mahlzeit versammelten. Als ich den Saal betrat, traf ich bereits eine kleine Gesellschaft daselbst, die sich bis zum Austragen her Suppe damit beschäftigte, in dem zur Einzeichnung der Kurgäste und Passanten aufliegenden Buche die neuesten Einträge zu studiren.