und zwar zur Vornahme einer Untersuchung darüber, ob bei meinem Zustand der Gebrauch des Bades überhaupt angezeigt sei und ob ich treffenden Falls das kräftige Wasser unverdünnt vertragen könne, oder ob — wenigstens während der ersten vierzehn Tage,.— eine Beimischung von ordinärem Brunnenwasser räth- lich scheine. Dies Alles war von höchster Jmportanz, obwohl es verbürgter Maßen noch niemals vorgekommen ist, daß die Anwendung dieses gehaltreichen, heilkräftigen Wassers bei einem Kurgast als unzulässig erklärt worden wäre und ein nach diesem Gnadenbronn wallfahrlender Pilgrim von Dircctionswegen den Laufpaß erhalten hätte. Nach umfassender Consulta- tion über Constitution, Gesundheit und Todesart der resp. verlebten Eltern, etwaige erbliche Familienübel, über durchgemachte Kinderkrankheiten, Wiederholung der Pockenimpfung, über Berufsart und Lebensweise, über die Lage meines Schlafzimmers, die Farbe der darin befindlichen Tapeten und über die Zahl der täglich gerauchten Cigarren, sowie über das Maß der sonstigen Lebensgenüsse.erklärte der Arzt meinen Zu stand für eine hypochondria levis sine materia, zu deutsch, für jenen Zustand, von dem ein im Westen- taschenliederbuch recipirter Dichter singt:
Weil ich verdneßlich bin, Bin ich verdrießlich!
Für dieses „in dem Ganglien und Pfortader-System liefbegründete, räthselhafte Leiden" war selbstverständlich das Bad von specifischer Wirkung, wie auch in der Brochüre mit der Analyse des Wassers wissen schaftlich in überzeugender Weise dargethan und durch Mittheilung außerordentlicher Kurerfolgc thatsächlich bekräftigt wurde. Viel überzeugender und trostreicher indeffen, als der Inhalt jener Brochüre, war für mich,
was Anastasius Grün gesungen in seiner Dichtung „der Gefährte":
Hier liegt mein treuster Freund im Land, Herr Hypochonder zubenannt.
Er starb an frischer Bergeslust, An Lerchenschlag und Waldesdust.
Von den meisten Bädern kann man mit Recht sagen, was auch in Bezug auf den Aet der Taufe geschrieben steht:
Wasser thut's steilich nicht!
Aber daß junge Damen nicht den ganzen Tag am Stickrahmen und bei der Häkelarbeit sitzen zum Ruin von Magen, Brust und Augen, und die halben Nächte in Gesellschaften durchschwärmen; — daß Frauen nicht mit, ihren Dienstboten zanken und die häuSlichnr Sorgen vergeffen; — Männer das Joch ihres Berufs abschütteln; — struppirte Stabsosfieiere außer Dienst und Staatshämorrhoidarien, die zu Hause grämlich im Lehnstuhl sitzen und kaum eine Stunde des TageS mit dem Regenschirm unterm Arm den Quai oder die Promenade entlang schlürfen, hier mit der Jugend um die Wette Federball schlagen, Reifen werfen, ja sich bei der Darstellung einer Springwallfahrt nach Echternach betheiligen: — daö dolce far niente das Flausten, das Lazzaroni- und Zigeunerleben thut'S, daß alle Welt nach vier oder sechs Wochen frischer, heiterer, gekräftigter von dannen geht und alljährlich wiederkehrt trotz des großen Kostenaufwandes, der schlechten Wohnungen, der mageren Kost, der mancherlei Entbehrungen an gewohntem Comfort, trotz Alledem und Alledem, worüber man im Laufe der Kürzest lamentirt hatte.
(Fortsetzung folgt.)
BundeSrath überreicht worden ist, bringen die Blätter schon nähere Mittheilungen; die „Prov.-Corresp." constatirt, daß der Entwurf der Tagespresse in mehrfacher Beziehung Erleichterung gewähre/ dagegen auf die Bürgschaften, welche der Staat gegen den Mißbrauch der der Presse innewohnenden Macht besitzen müsse, nicht verzichtet habe. Unter den Erleichterungen ist namentlich Wegfall deS Stempels und der Cau tionen hervorzuheben; die vorläufige polizeiliche Beschlagnahme soll nicht ganz beseitigt, sondern nur auf besonders dringende Fälle beschränkt werden. Dagegen wird die Verantwortlichkeit der Redaeteure, Verleger und Eigenihümer so formulirt werden, daß die jetzt üblichen bekannten Entschuldigungen künftig keinen Schutz mehr gewähren können. — Der Leitartikel der „Prov-Correfp." beschäftigt sich mit dem bischöflichen Collectiv-Protest und erklärt, daß auf denfelben keine Antwort erfolgen werde; „nicht um weitere Er örterungen könne es sich in. diefer Angelegenheit noch handeln, sondern um ein ruhiges entschiedenes Handeln und um Handhabung der Gesetze." Der Vor- theil und die Gunst der Position, welche der Regierung durch die neuen Gesetze eingeräumt worden sind, werden auch eonsequcnt und nachdrücklich benützt werden, um den Zweck, Schuh der Reckte des Staates gegen Prätensionen des Ultramontanismus zu erreichen; aber eben im Besitz wirksamer Waffen wird auch der Staat gern Milde und Schonung den wahren kirchlichen Interessen gegenüber walten lassen; ver Clerus wird daher unter den neuen Gesetzen ebenso wie vorher seinen wahren Pflichten nachkommen können und nichts von denselben zu leiden haben, wenn er die Rechte des Staates nicht verletzt. — Der Kaiser ist gestern durch leichtes Unwohlsein verhindert gewesen, an dem Galadiner zu Ehren des Schah's von Persien und heute an der großen Parade theilzunehmen. Morgen soll der persische hohe Gast in Potsdam durch Parade, Diner in Babelsberg und großes Gartenfest am Abend nach Art des int vorigen Jahr stattgehabten, geehrt werden. — Aus Paris wird gemeldet, daß das Beglaubigungsschreiben für den hiesigen Gesandten bereits abgegangen sei. Der amtliche diplomatische Verkehr zwischen Paris und Berlin dürfte demnach nun baldigst wieder eröffnet werden. — Der Reichstag ist heute nicht beschlußfähig gewesen; Fürst Bismarck war erschienen, um den Verhandlungen über den Antrag Völk-Hin- schius beizuwohnen.
Berlin, 4. Juni. Heute wurden dem Schah von Persien im königl. Schlöffe durch den Minister des Auswärtigen, Malkolm Khan, die Vorstandsmitglieder des Lokaleomite's der „Alliance israelite universelle“, Neumann, Platho und Theodor Heimann (Bankzeitung) vorgestellt. Der Schah nahm eine Adresse an, in welcher ihm das Schicksal der persischen Juden aus Herz gelegt wird. Malkolm Khan versicherte, daß der Schah das wärmste Interesse an der Angelegenheit nehme. Der Schah tyohnte dann ferner einer großen ^Parade bei und besichtigte darauf das Zeughaus. Der Kaiser war durch ein Unwohlsein verhindert, an der Parade theilzunehmen und
wurde durch den Kronprinzen vertreten. — Die „Nordd. Allg. Ztg." versichert, daß zum Präsidenten des geistlichen Gerichtshofes der Unterstaatsseeretär Geheime- rath v. Sydow nicht in Aussicht genommen ist, und daß dies auch den bezüglichen Gesetzesbestimmungen entgegenstehen würde. Für die Besetzung des Gerichtes eien bereits ein Präsident und ein Rath des Ober- tribunals bestimmt.
Köln, 4. Juni. Bei der heute Hierselbst von Geistlichen sowie von Delegirten der altkatholischen Gemeinden und Vereine vollzogenen Wahl eines Bischofs der deutschen Altkatholiken wurde der Professor der Theologie Dr. Joseph Hubert Reinkens beinahe einstimmig gewählt. Es wurden 77 Stimmen abgegeben', darunter 20 von Geistlichen. Nur durch dringendes Zureden, war Herr Reinkens zur Annahme der ehrenvollen Wahl zu bewegen. — Reinkens wurde zu Burtscheit bei Aachen geboren, nach Beendi- gung seiner zu Bonn vollendeten Studien im September 1848 zu Köln zum Priester geweiht; Er promovirte demnächst vor der Theologischen Fakultät in München, habilitirte sich in Breslau als Privat- doeent und wurde daselbst zum Professor der Theo logie ernannt. Die Universität Leipzig promovirte ihn honoris causa zum Dr. philosophiae. In der lite rarischen Welt ist Reinkens durch Schriften über Clemens von Alexandrien, Hilarius von Poitiers, Martin von Tours u. a. bekannt.
Stuttgart 1. Juni. Unsere Landesuniversität Tübingen zeigt im laufenden Sommerhalbjahr eine Frequenz, die sie feit dem Wintersemester 1845—46, zur Zeit der Blüthe der Hegcl'schen Philosophie, nicht mehr gehabt hat. Damals betrug die Frequenz 890 Studirende, im gegenwärtigen Halbjahr 896. Nicht- würtemberger stad es 307, worunter allein 131 evangelische Theologen. Diese Faeultät ist überhaupt die stärkste und zählt 288 Studirende, die Medizin mit den Naturwissenschaften 175, die Rechtswissenschaft 127. Die katholische Theologie zählt 113 Studirende, darunter nur 2 Nichtwürtemberger — bekanntlich ist unsere katholische Fakultät längst von den anderen Bischöfen in Verruf gethan und deren Besuch untersagt. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß den Professoren der katholisch theologischen Faeultät noch keine Zumuihung in Betreff des Unfehlbarkcitsdogma's gemacht worden ist. Bischof Hesele will offenbar seinen ehemaligen Collegcn in der Universität nicht dasselbe Opfer zumuthen, das er für sich selbst übernommen hat. Würde er gleichwohl genöthsgt, auch von den Tübingern die Anerkennung des Dogma's zu verlangen, so würde wohl die eine oder die andere Weigerung erfolgen, ohne daß aber daraus Conflicte entstünden, die man bekanntlich hier zu Lande allseitig zu vermeiden entschlossen ist. Professor Kuhn, der Senior der Faeultät und langjähriger Freund Hefele's ist in diesem Falle bereit, um seine Pensio nirung zu bitten; er würde sich nicht unterwerfen aber Niemandem deshalb Verlegenheiten bereiten.
Straßburg, 3. Juni. Ein „militärischer Brief" der „Elberfelder Zeitung" redete von der „jetzt bestimmt vorliegenden Absicht, eigene elsaß-loth
ringische Regimenter zu errichten", wenn auch „die Bestimmung des Zeitpunktes der Ausführung noch als ausstehend" ecachtet werden müsse. Die halbamtliche „Straßb. Zig " hat über die Richtigkeit dieser Meldung Erkundigungen eingezogen, auf Grund deren sie versichern kann, „daß von der in Rede stehenden Absicht hier an maßgebender Stelle Nichts bekannt ist". — Durch kaiserliche Verordnung ist nunmehr auch der Umbau und die Erweiterung des Bahnhofs Hagenau als dringlich erklärt und die Ermächtigung zum Erwerbe der für diese Anlage erforderlichen Grundstücke im Wege der Expropriation ausgesprochen worden. — Noch eine kurze Zeit — schreibt man der „Karlsr. Ztg." — und statt der drei stehenden Brücken, die, einschließlich der Eisenbahnbrücke bei Kehl, von Basel bis Lauterburg den Rhein überschritten, werden wir zwölf stehende Rhein - Brücken auf der erwähnten Strecke besitzen. Nur bei Kehl und Breisach existiren ältere Schiffbrücken. Neu gebaut und eröffnet wurden seitdem die Brücken bei Hüningen (feit September 1872), Eichwald (Chalamps), Rheinau und Selz. Im Bau nahezu fertig und der Eröffnung entgegensehend sind die Schiffbrücken bei Marlols- heim, Schönau und Gerstheim. Die Schiffbrücken endlich bei Gamsheim und Drusenheim werden im Jahre 1874 zur Ausführung kommen.
Ausland.
Wien, 4. Juni. Eine außerordentliche japane- fische Botschaft ist über Triest hier eingetroffen. — Zu Ehren des Kaisers von Rußland hat heute bei günstiger Witterung eine große Militairparade statt- gesunden. Bei derselben waren die fremden Fürstlichkeiten, die Kaiserin, die Großfürstin und Erzherzoginnen erschienen. Die Abnahme der Parade und der Vorbeimarsch erfolgten in schönster Ordnung. Der Kaiser von Rußland wurde unter den Klängen der russischen Nationalhymne empfangen.
Bern, 4. Juni. Der Oltener Arbeitcreongreß hat die in Zürich erscheinende „Tagwacht" als Bundesorgan und Gens als Sitz des BundeSeomites erklärt.
Paris, 3. Juni. Mac Mahon's Proclamation fällt auf, weil cS bisher nicht Brauch war, daß ein Präsident der Republik direct eine Proclamation an die Armee richtete, ober, wenn er es thal, dieselbe zum Wenigsten von dem Kriegsminister, der in militairi- schen Angelegenheiten allein verantwortlich ist, gegen« zeichnen ließ. Darf man annehmen, daß Marschall Mac Mahon dieselbe an die Armee sandte, ohne sie vorher dem Minister mitzutheilen, so würde er jedenfalls seine Stellung falsch aufgefaßt haben, denn er ist nur einfacher Präsident der Republik und nicht auch, wie die früheren Könige und Kaiser Frankreichs, Oberbefehlshaber der Land- und Seestreitkräfte der Republik. Das Auftreten des Marschalls ist übrigens sehr verschieden von dem, welches Herr Thiers verfolgte. So gesprächig und mittheilend der letztere war, so schweigsam und zurückhaltend ist der neue Präsident der Republik. Er empfängt auch nicht mehr alle Tage, sondern, wie heute das amtliche Blatt bestätigt, nur am Donnerstag und Montag einer jeden
Nun saß ich allein mit meiner Cigarre und mei neu Gedanken.
Geträumt hab' ich nicht süßer, Nicht öfter Dein gedacht, Als in die Wagenecke Gelehnt bei stiller Nacht.
So hatte ich wohl einstmals gefühlt und gesungen, wenn ich auf einer Serienreife mir ausnahmsweise den Luxus deS Fahrens gestattete. Aber jetzt! An was sollte ich in diesem Augenblick denken, wenn nicht an meine lächerliche Don-Quixoterie der Großmutter gegenüber.
Darum schlafen, schlafen.--
Wenn die Mühle aufhört zu klappern, wacht der Müller auf, so gehl's dem Passagier, wenn der Postwagen stillhält. Ich fuhr aus dem Schlafe und sah mich am Ziele meiner Reise. Selbiges Reiseziel war einer jener kleinen Badeorte, wie sie in unserem bleich süchtigen, ffrophulösen Jahrhundert allenthalben auf-- tauchen, wo sich die Natur über die Romantik eines Kartoffelackers erhebt, und deren Kurgebrauch von dem eines gemeinen Flußbades sich mehr oder weniger dadurch unterscheidet, daß «man in Ermangelung eines ausgiebigen Stroms ein in dürftigem Rinnsal herab- sickerndeS, gleichgilttges und gleichmüthiges Wässerlein mühselig in Wannen und Kübeln auffängt, in einer Brochüre eine chemische Analyse dieses Wassers mit so und so viel Gehalt an salzsaurem Natron, kohlensaurem Eisen, Kieselerde rc. veröffentlicht, die gläubigen Kurgäste zu einer angeblich kurmäßigen Hungerleiderei verdammt und auf Grund eines von der Badedirection publicirten, auch vidirten und contrasignirten Tarifs den Geldbeutel schröpft.
Zuvörderst muhte ich mich dem Badearzt vorstellen