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Marburg, Donnerstag, den 5. Juni.

1873

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22H Sgr durch die Postämter 27 Sgr. lcxcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

dieselben acceptiren werden, bleibt abzuwarten. Der Unterschied des Entwurfes von demjenigen, welcher als Arbeit der Spezialcommission des Reichstages vorliegt, springt zu sehr in die Augen, um nicht sehr lebhaste Debatten erwarten zu lassen, deren Ausgang ein wesentlich verbessertes Gesetz oder dessen völliges Scheitern bringen dürste. Insbesondere die polizeiliche Beschlagnahme wird von der Mehrheit des Reichs­tags sicher zurückgewiescn werden. — Das Preßgesetz kann vor Ablaus von 10 Tagen schwerlich an den Reichstag gelangen.

— 3. Juni. Der Schah von Persien besichtigte gestern den Zoologischen Garten und empfing darauf den Fürsten Bismarck und die Grafen Roon und Moltke. Heute besichtigte er, vom Kronprinzen be­gleitet, das CadettencorpS und besuchte di« hier wieder eingetroffene Kaiserin Augusta. Am Abend wird er dem Ballet im Victoria-Theater und darauf den Uebungen der Feuerwehr beiwohnen. 1

— Nachdem es constatirt ist, daß die asiatische Cholera durch Holzflösser nach Schulitz und Schillno eingeschleppt wurde, sind in Gumbinnen, Schulitz und Graudenz Revisionsstationen eingerichtet und in Schillno fünftägige Quarantäne angeordnct worden.

Köln, 31. Mai. Bei der in den nächsten Tagen hier statifindenden Bischofswahl der Allkatholiken wird u. A. der Vorschlag gemacht werden, die Angelegen heilen der altkatholischen Gemeinden vom Bischof und einer aus Geistlichen und Laien zusammengesetzten Synodal-Repräsentanz regeln zu lassen. Diese Repräsen­tanz soll in jedem Jahre eh« Synode abhalten, die erste zu Pfingsten nächsten Jahres. Der ncugewählte allkatholische Bischof wird sofort nach seiner Wahl die Bestätigung durch die preußische Regierung und dann durch die übrigen deutschen Staaten nachsuchen Auch soll derselbe die gegenwärtigen altkatholischen Geistlichen als solche bestätigen. Ueber die Person des altkatholischen Qberhirten verlautet noch nichts. Thatsachc ist, daß sehr viele Geistliche als „wählbar" in Vorschlag gebracht werden.

Coblenz, 2. Juni. Dem Vernehmen nach hat der Staat der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, den

hiesigen Personen-Bahnhof, die Eisenbahnbrücke und das Eisenbahnterrain bis Oberlahnstein für die Summe 1,800,000 Thlr. abgekauft. Hierdurch ist der Staat der Nothwendigkeit enthoben, für seine Bahn Berlin- Wetzlar-Coblenz, sowie für die Moselbahn eine Eisen­bahnbrücke am Oberwerth nach Lahnstein hin zu erbauen.

EmS, 1. Juni. Am 8. d. M. wird der größere Theil der russischen Kaiserfamilie, und zwar Kaiser und Kaiserin, die Großfürstin Wladimir, Serguis und Paul, die Großfürstin Marie, wahrscheinlich auch deren Bräutigam, der Herzog von Edinburg, dabier eintnffen. Es, werden außer dem Badehause „Zu den vier Thürmen" noch sechs große Kurhäuser für die hohen Herrschaften nebst Gefolge in Bereitschaft gesetzt. Die Stadt trifft Empfang Vorbereitungen, namentlich wird eine allgemeine Beleuchtung der Lahnberge veranstaltet werden.

Detmold, 1. Juni. Die baldige Vollendung des Hermannsdenkmals soll jetzt in Aussicht stehen. Der Transport des ArmindildeS wird in 5 bis 6 Wochen nach der Grotenburg vor sich gehen. Die ganze durch Herrn v. Band.l aus Kupfer getriebene Figur -mißt bis zur Schwerlspitze 90 Fuß, bis zur Faust des erhobenen ArmeS 66 Fuß, und die ganze Höhe des Denkmals wird 183 Fuß betragen. DaS Gewicht derselben ist fast 2000 Ceiitner und die Kosten der Erbauung des Denkmals werden sich auf 50,000 Thlr. belaufen. Die obere Galerie des eine Rotunde bildenden Unterbaues, der 154 Fuß im Umkreise mißt, faßt reichlich 300 Menschen unv der Gang der Galerie hat eine Breite von 4 Fuß. Der Sockel des Unterbaues mißt 15 Fuß, die 10 Nischen desselben sind durch in einander geschlungene Rnnd- bogenfriese ohne bestimmte Stylordnung verbunden; denn einige sollen durch Embleme und Inschriften ausgefüllt werden.

Gießen, 31. Mai. Soeben hat der Senat hie­siger Universität eine von sämmtlichen Mitgliedern gutgeheißene Vorstellung an die großh. Regierung ab­gehen lassen, mit der Bitte, dieselbe demnächst der Kammer vorzulegen, um auf Grund der darin mit-

DeutscheS Strich.

Berlin, 3. Juni. Das Preßgesetz, welches dem Bundesrathe am 31. v. M. zugegangen, hat der letztere seinem Justizausschuß überwiesen, welcher in den nächsten Tagen bereits die Berathung beginnen wird. Das Gesetz umfaßt 31 Paragraphen und zer­sägt in sechs Abschnitte: Einleitende Bestimmungen, Ordnung der Presse, Verantwortlichkeit für die durch die Presse begangenen strafrechtlichen Handlungen, Verjährung, Bes:.lagnahme, wenn Verbrechen oder Vergehen gegen daS Gesetz vorliegen, und Allgemeine Bestimmungen. Im Großen und Ganzen lehnt sich der Entwurf an daö preußische Gesetz an , doch ent­hält er mehrfache Modificationen und Erleichterungen, der Zeitungsstempel und die CautionSstellung kommen m Fortfall. Die Beschlagnahme erfolgt nach wie vor durch die Polizei, der Staatsanwalt hat binnen 24 Smnden einen Strafantrag daran zu knüpfen und daS Gericht in weiteren 24 Stunden zu entscheiden, ob eS darauf eingehen will. Erfolgt keine Anklage, worüber innerhalb 5 Tagen beschlossen wird, so wird die Beschlagnahme aufgehoben, innerhalb 4 Wochen nach derselben muß die Strafverfolgung eintreten oder die Maßregel erlischt. Eine Trennung des straf­fälligen Inhalts des Blattes von den übrigen Theilen desfelbcn ist zulässig. Bei der erfolgten zweimaligen Vcrurlheilung einer auswärtigen Zeitschrift innerhalb eines Jahres kann der Reichskanzler zwei Monate nach dem letzten verurtheilenden Erkenntniß das Ver­bot der gedachten Zeitschrift bis auf die Dauer von zwei Jahren aussprechen. Ein ganz besonderer Nach­druck ist in dem Gesetz auf die Verantwortlichkeit des RedacteurS gelegt und sind hier die Cautelcn verschärft. — Die sehr eingehenden Motive beleuchten den Stand der Preßgesetzgesetzgebung in den verschie­denen Bundesstaaten und gruppiren dieselbe nach zwei Systemen über die Auffassung der Verantwortlichkeit, kommen dann aus eine Charaktcrisirung des preu­ßischen Preßgesetzes und die Nothwendigkeit einer einheiilichen Preßgesetzgebung im Reiche, deren Her­beiführung Zweck der Vorlage ist. Wie weit der Ju­stizausschuß des Bundesrathes und deffen Plenum ---- --------gs

Maler und Photographen.

Humoreske von E. H.

(Schluß.)

„Barbarosia! Du sinn,st auf Schreckliches!"

Mit diesem Wort weckte Franz den Träumenden, der jetzt hastig empprsprang und des Freundes Hände ergriff.

„Blaubart, wir müffen fort nach Wien zurück, heute, morgen, gleich!"

„Heiliger Barbarossa! meine Ahnung trog mich nicht, was ist geschehens"

„Sie hat mir geschrieben."

„Gräfin Irma, die Heine'sche Blume?"

„Sie selber; der alte Graf, ihr Oheim ist tobt, sie rüst mich, — da, lies selber, Franzl!"

Dieser ergriff daS duftige Blatt und laS, dann faltete er e4 stumm zusammen und gab eS dem Freunde zurück.

„B'hüt Di Gott, Pauls!" sagte er leise, „ich bleibe hier!"

„Du gehst mit mir, Franz! schon zu lange hast Du den göttlichen Funken in Dir erlitten müssen, mein PyladeS I jetzt ruft uns eine Zauberin zu:

„Unbekannte Dopvelwesen!

Werdet, was ihr sonst gewesen!"

„DaS gilt Dir, Paul!" sprach Franz sehr ernst, fast trübe; „ich bleibe immer das Doppelwesen, das ewig mit den Gewohnheiten der großen Welt in Kon­flikt liegen wird. Laß mich hier, eS ist am besten für unS Beide, Freund! glaub'» mir doch. Zum Henker! ich bleib' hier, Barbarosia!"

„Dann geh' ich auch nicht fort," versetzte Paul mit fester Stimme, „Du sollst mein Schicksal theilen oder ich theil' daö Deine. Und dabei bleibt'S, Blaubart!"

Franz blickte ihn einige Minuten an, er wollte grimmig ausschauen, es gelang ihm nicht, die Rührung brach sich mächtig Bahn.

„Bist doch ein guter Kerl, Barbarossa!" murmelte er halblaut, indem er ihn heftig an seine Brust drückte; „sollst Dich des Blaubarts bei ihr nicht zu schämen brauchen. Doch geh voran, mir die Stätte zu 6e- reiten,“ setzte er in seiner gewöhnlichen Weise hinzu, die Rührung wie etwas Unerwartetes gewaltsam von sich schüttelnd, „ich kann's nicht zugeben, daß wir Beide wie Vagabunden verschwinden und unsere an gesehene Firma auf solche Art in einigen Mißcredit bringen. Du ziehst mit dem Couterfei zum Original, während ich mich hier mit den photographischen Larven abfinde. Allons, Barbarossa! Dich ruft das Schick­sal, — sei ein Mann und folge der Stimme!"

„Und Du kommst bald nach, Franz?"

„Mein Wort darauf, ich komme nach, ein neuer Mensch, welcher den alten Adam in Kragujevatz aus gezogen und seinen gekürzten Namen wieder mit dem Bach verlängert hat; ein neuer Blaubart, der in mo­derner Wohlanständigkeit vor der Welt sittsamlich

„Unverbesierlicher Schalk!" lachte Paul; „es sollte mich freuen, wenn der Photograph Dich civi- lifirt hätte." ,

Noch am selben Tage reiste er ab, um sein Hei- ligthum zu den Füßen des angebeteten Originals nikderzulegen. Und als er endlich vor ihr stand, die er als Mann von Ehre geflohen, da er nie auf ihren Besitz hoffen durfte; als er, von Liebe und Glück hingerissen, zu ihren Füßan niedersank und die schönste der Frauen seinen Hals umschlang, Worte beseligen­den Inhalts in sein Ohr flüsternd, da schwand der Reichihum, der seinem Mannesstolz verhaßt gewesen, und mit ihm Rang und Stand bet Geliebten; bie Kunst, als bereit echten Jünger er sich erwiesen, hob ihn empor zur lichten Höh' unb gab ihm bett Stolz eines Königs.

An seine Brust preßte er bas schöne Weib unb fühlte sich würdig, sie die feinige zu nennen.

Und durfte er nicht stolz fein, da sie um feinet» willen die Fürstenkrone ausgeschlagen hatte? — auf den Altar einer unermeßlichen Liebe Alles niederlegte, was das Leben Verlockendes dem Menschen beut?

„O, Irma, meine Heilige.'" flüsterte er im selig­sten Glück, „nie soll die Stunde kommen, wo Du bereuen könntest, was Deine Liebe dem armen Künstler geopfert! — Mein ganzes Leben stxll Deinem Cultus geweiht sein!"

„Und der Kunst, die meinen Namen mit dem Deinen unsterblich macht," versetzte Irma, ihn zärtlich lächelnd anschauend; was ich opfere, ist ein hohler Klang, den ich gegen die Unsterblichkeit eintausche k"

„Du wirst mich diesem Ziele entgegenführen, Ge­liebte!" rief Paul schwärmerisch; „und höher als Ra­faels Geliebte soll Dich die Nachwelt preisen!"

Die Vermählung der Gräfin Hohenheim mit dem Maler Paul Raimund, welche in aller Stille gefeiert wurde, erregte nicht geringes Aufsehen in der Kaiserstadt. Fürst Karl v. L. ärgerte sich eine kurze Zeit darüber und suchte sich dann bald zu trösten, was ihm auch nicht sehr schwer geworden sein soll. Als daö junge Paar nach einem halben Jahre in Wien erschien, war die Geschichte schon eine alte geworden und man wunderte sich nicht mehr, öffnete ihm vielmehr bereitwilligst die vornehmsten Zirkel.

Jrma's Bild in der Gallerte ihres Palastes wird von jedem Fremden bewundert unb oft noch steht Franz Dornbach, welcher jetzt ber moderne Blaubart heißt, da er überall als nobler Künstler gern gesehen wild und ihm alle Kreise der Gesellschaft offen stehen, vor dieser Heiligen, wie er sie noch immer nennt, leise vor sich hinjummend:

„Mir ist, als ob ich die Hände Aufs Haupt Dir lenen sollt'; Betend, daß Gott Dich erhalte, So schön, so rein und hold."