zögerung dürfte darin liegen, daß man in Versailles die diplomatische Tragweite der eingetretenen Veränderung zuerst unterschätzte. Man faßte dieselbe als einen Ministerwechsel auf, während nach der Ans- fassung der größeren europäischen Höfe ein Wechsel in dem Repräsentanten der Souveränetät eingetreten war. Bei einem solchen aber muß die Anzeige der erfolgten Veränderung direkt an die auswärtigen Mächte gerichtet werden, welche darauf die Creditive ihrer Vertreter erneuern', während bei einem Ministerwechsel die Anzeige des Wechsels an die Gesandten der Mächte genügt. Man vermurhet nun, daß die betreffende Anzeige an die deutsche Reichsregierung von dem mehrerwähntcn Courier überbracht worden ist, den Mac Mahon an den deutschen Kaiser geschickt haben sollte. Jedenfalls können die erneuerten BcgloubigungS schreiben von Berlin noch nicht wieder in Paris cinge- troffen sein und demgemäß reduciren sich die Nachrichten über die bereits erfolgte Ausnahme osficiellcr Beziehungen zwischen den Grafen Arnim und dem Marschall Mac Mahon wohl auf Kombinationen Besonders bemerkt worden ist dabei der vollkommene Einklang der drei Kaiserhöfe. Eine sofortige osficiellk Anerkennung der neuen Regierung ist außer von dem Papst wohl überhaupt nur noch von Dänemark er folgt, dessen Gesandter in Paris Graf Moltke Hyidt seid mit mehreren der neuen Minister persönlich sehr vertraut sein-ffoH Die diplomatische Situation der neuen Regierung scheint auch die anfänglichen Aussichten der klerikalen Heißsporne auf eine aggressive auswärtige Politik bereits etwas herabgedrücke zu haben. Laut telegraphischer Miliheilung besprechen die neuesten Abendblätter die Meinungsäußerungen der deutschen Presse über den Regierungswechsel und suchen die von derselben ausgesprochene Ansicht zu widerlegen, daß das Cabinet Broglic das Obsiegen der klerikalen Tendenzen bedeute. Die Journale versichern, daß die Veränderung des Ministeriums einen Wechsel in der auswärtigen Politik Frankreichs jeden falls zur Folge haben werde.
— Der „Figaro" schreibt: „Man hat sich gefragt, welchen Einfluß die jüngsten Ereignisse auf den Verlauf des Processes Bazaine üben könnten? Bisher ist man in diesem Betracht lediglich auf Vermuthungen angewiesen. An den Vorsichtsmaßregeln, welche über den Marschall in seiner Gefangenschaft verhängt sind, ist nichts geändert. Er verlangt noch immer auf daS Dringendste, vor seine Richter gestellt zu werden, und seine Gemahlin verlangt es mit ihm. Niemand kann sagen, daß die Erhebung des Marschalls Mac Mahon zum Präsidenten an der Sachlage etwas geändert hätte. So viel glauben wir jedoch versichern zu können, daß man im Schooße der Regierutig überzeugt ist. der Proceß Bazaine würde in der Armee eine Auf regung Hervorrufen, die man in diesem Augenblicke vermeiden müßte. Es ist gewiß wünschenswerth, daß der Gerechtigkeit Genüge geschähe und endlich das letzte Wort über die Kapitulation von Metz gesprochen würde; aber noch wichtiger ist es, den Dffi eieren keine Gelegenheit zu DiScussionen zu geben, welche zur Zeit mindestens überflüssig sind. Die Armee hat jetzt etwas Besseres zu thun, als sich darüber herumzustreiten, ob der Marschall Bazaine ein Verräther und ob Herr Gambetta ein Verläumder ist. Es wäre also wohl
„D, Euer Gnaden! wenn's fünfzig Briefe sind, ich besorge es ehrlicher als die Post."
„Dann ist's gut, ich sehe Dich noch vor der Abreise, Augustin!"
Der ehrliche Mundkoch ging, nachdem er der Gräfin noch ganz unterthänigst das Herz geküßt hatte, — eine wienerische Gewohnheit der unteren Klassen, welche der Norddeutsche nicht begreift.
Augustin schmunzelte vergnügt, er hatte Alles ganz gut durckschaut, ließ sich aber nichts merken.
Gräfin Irma aber saß lange ganz still und sah mit gefalteten Händen vor sich hin; es war ihr Bild, für welches der Fürst ihm einen so hohen Preis geboten, und er hatte es nicht veräußert, obgleich er — sie schauerte in sich zusammen, — aus Noch -- Photograph in Kragujevatz geworden war.
„D Gott! Du hast es gefügt!" flüsterte sie, „ich bin frei — frei — und er liebt mich noch!"
Mit der Gräfin Hülfe wurde die Hochzeit noch vor Ablauf von vierzehn Tagen gefeiert, sic hatte eine reiche Ausstattung fertig in Wien gekauft und Frau Vogler hatte die Ehre, in Gesellschaft einer Gräfin an der Tafel zu fitzen.
Augustin erhielt das Schreiben an Raimund, und fröhlich reifte daS junge Paar ab, dessen Verbindung ein richtiges Bild unserer dahinrasenden Zeit, eine Heirach mit Dampf genannt werden konnte.
Und warum auch sollten nur jene Ehen glücklich werden, welche einen langen Brautstand hinter sich haben? — Nützt die Gewohnheit nicht die Liebe ab,
möglich, daß binnen Kurzem ein Cassationsbeschluß erfolgte. Wir wolle» es nicht verbürgen., aber mir dürfen von der Weisheit der neuen Regierung hoffen, daß sie das allgemeine Jntereffe über retrospective Beschuldigungen stellen werde, beten Bedeutung mit jedem Tage geringer wird.In diesem Augenblicke wäre es ebenso verfehlt, Herrn Bazaine zu richten, als Herrn Ranc zu verfolgen." Offenbar ein bona- partistischer Fühler.
Florenz, 31. Mai. DaS „Giornale die girettie" verzeichnet, der Papst habe die Zarin um ihre Ber- wendung wegen Gewährung der Religionsfreiheit in Polen gebeten. Der Papst habe gesagt, daß er sich in die Regierungsfrage betreffs Polens nicht einmischen wolle, diese Gewährung aber sei im Rechte deS polnischen katholischen Volkes und im wohlverstandenen Interesse des russischen Reiches und der russischen Dynastie begründet. Die Zarin haben ihre Verwendung zugesagt.
Madrid, 1. Juni. Die bei der Eröffnung der Cortes vom Minister-Präsidenten Figueras gehaltene Rede hat, wie man amtlich versichert, einen sehr günstigen Eindruck gemacht. Zum provisorischen Präsidenten des Congresseö ist Orensc gewählt worden; auch die vier Vice Präsidenten gehör-m der Regierungspartei an. Die Truppen und die Freiwilligen para Dirten vor dem Congnß und stießen begeisterte Ruse auf die Cortes, die Republik und die Regierung ans. Uibcraö herrschte Ruhe, ausgenommen die Provinzen, welche von dem Carlistenaulstande betroffen wurden.
London, 29. Mai. Der in Dublin schwebende Proceß des katholischen Parrers O' Keese gegen den Cardinal Cullen ist entschieden. Der Lord-Oberrichtcr Whiteside hat am 26. und 27. d. in einer Rede, welche beinahe die zwei ganzen Verhatidlungstage in Anspruch nahm, die Rechtsfrage, ob in der Veröffent lichung der Suspension unter den gegebenen Verhält nissen die Injurien - Klage Begründung finde, von vornherein bejaht. Damit war eigentlich nunmehr die Frage der Entschädigung für die Geschworenen zu erledigen, und mit Rücksicht auf diesen Punkt erörterte der Richter denn auch hauptsächlich daS Verhältniß zwischen dem Pfarrer und seinen geistlichen Borge setzten. Die Geschworenen erklärten, sich nicht einigen zu können. Der Richter gab sich übrigens nicht mit dieser Erklärung zufrieden, sondern sandte die Jury mit dem Bemerken, der Kläger habe gerechten Anspruch auf ein Verbiet, in das Berathnngszimmer zurück. Nach einigen Minuten erfolgte darauf die Entscheidung zu Gunsten O'Keefe's, jedoch nur mit der minimalen Entschädigung von einem Farthing. Es heißt das mit andern Worten, daß nur im Princip zu Gunsten d-S Klägers erkannt wurde. In gewöhnlichen Fällen hätte et einem solchen Verbiet gegenüber seine eigenen Kosten tragen müssen, allein der Richter trat ins Mittel und entschied,, daß die Gegenpartei, Cardinal Cullen, für die Kosten auskommen müsse. Man kann wohl mit annähernber Bestimmtheit erklären, daß mit dieser Enscheidung die Sache keineswegs abgethan sein wirb. Bekanntlich waren bie drei übrigen Richter der irrischen Oueen's Bench bei Erörterung der Rechtsfrage, um welche cs sich in der Sache handelt, ganz anderer Ansicht, als ihr Vorsitzender.
Kopenhagen, 31. Mai. Die königliche Fa
milie hat heute ihre Sommerresidenz in FreedenSberg bezogen; von einer Reise des Königs nach Wien ist in sonst gut unterrichteten Kreisen bis jetzt nichts bekannt.
Konstantinopel, 1. Juni. Der englische Gesandte hat, wie die Agence HavaS-Reuter meldet, der Psorte gestern officiel angezeigt, daß England mit den vorgeschlagenen ägyptischen Gerichtsreformen einverstanden sei. — Seit vier Tagen haben sechs mehr ober weniger groß« Feuersbrünste stattgefunden.
Bukarest, 31. Mai. Fürst Karl beabsichtigt in der Mitte kommenden 'Monats sich nach Neuwied zu begeben, wohin bie Fürstin Elisabeth mit ihrer Tochter bereits geftem obgereift ist.
Washington, 2. Juni. Für den Monat Juni hat der Finanzminister den Verkauf von 7 Millionen Gold und den Ankauf von 1 Million Obligationen angeordnet. — Die noch übrigen Mobecs haben sich am Freitag ergeben, nur Kapitän Jack unb drei seiner Anhänger sind entkommen. — Der Gegengouverneur Mac Encry räth den Bürgern Louisianas, sich dem vorn Präsidenten Grant anerkannten Gouverneur Kellogg zu unterwerfen, bis der Kongreß versammelt sein würde.
Rio de Janeiro, 10. Mai. Das der Dcpu- tirtentammer vorgelegte Budget pro 1874 zu 1875 stellt sich wie folgt: Die Einnahmen belaufen sich auf 104 Milliarden Reis, während die Ausgabe» 101,484^.792,000 Reis betragen. Die Einnahmen weisen somit einen Überschuß von 2,515,208,000 Reichs nach. — Eine Revolution ist in der Provinz Enlre Rios ausgebrochen; wie verlautet, haben Sou- pez unb Jourdan, welche an der Spitze der Insurgenten stehen, die Städte Gualeguachu, Victoria und Kolon genemmmen. Die Regierung hat die National- garden zur Unterdrückung des Aufstandes aufgeboten.
H. Marburg Am 1. Juni traf vom Königl. Unterrichts-Ministerium die Bestätigung des günstigen Resultates der am Schluffe des Wintersemesters bei der hiesigen höheren Bürgerschule abgehaltenen ersten Entlaffungsprüfung hierseibst ein. Hiernach haben sämmtliche 9 Abiturienten das Examen bestanden. Durch dieselbe hohe Verfügung gehört nunmehr die Anstalt in die Kategorie der höheren Bürgerschulen, deren Abiturienten unter anderen Berechtigungen nach §. 154, 2 der Militär - Ersatz - Instruction auch diejenige zum Einjährig-Freiwilligen Militärdienst erworben haben.
Kassel, 31. Mai. Der letzte Personenzug der Hessischen Nordbahn, welcher gestern Abend 10 Uhr von Bebra fahrplanmäßig hier einfuhr, stieß in Folge verkehrter Weichenstellung gegen einen Güterzug., Tie beiden Locomotiven wurden erheblich beschädigt. Ter Packmeister des Zuges sowie der Telegraphenaufseher Cöfter (von Marburg) erhielten bcdeutende Verletzungen. Untersuchung ist eingeleitet. — Der Neubau des Gewerbe-Museums, welcher bereits im Mai vorigen Jahrs von der Staatsregierung genehmigt worden, wird neben dem Gebäude der höheren Gewerbeschule in der Museumsstraße errichtet unb ist bereits in Angriff genommen. Die Kosten desselben sind auf 34,000 Thlr. veranschlagt, welche ebenwohl von der Staatsregierung bewilligt sind. Außerdem
welche die Ehe heiligen soll? — Rasch gefreit, hat seltener gereut, als langes Bedenken.
Wir zweifeln deshalb nicht daran, daß unser Mundkoch mit seiner jungen Frau recht glücklich geworden ist.
6. L- ...
Angustin's erster Gang war in das photographische Atelier, wo er seine theure Minna vorstellte und sich recht schön beim Herrn v. Dorn bedankte.
„Ja, das ist ja aber der Herr v. Dörnbach!" rief Minna, „haben Sic beim Ihren Namen gekürzt?"
„Ich hab' den langweiligen Bach in bie Donau versenkt," versetzte Blaubart sehr ernsthaft; „schaun's Herr v. Wenzel, mich ärgert nur etwas."
„Was denn, Herr v. Dorn?"
„Daß ich Ihnen zu ber Frau geholfen, vielleicht hält' sie mich genommen —"
„O, Sie sind noch immer der närrische Maler," lachte Minna, „den haben Kie nicht in bie Donau versenkt, als Sie Photograph geworden sind, Herr v. Dornbach."
„9lun, Sic kluge Minna v. Barnhelm! — da hätt' ich mich ja selber beim Kragen nehmen und hineinwerfen müssen, unb da wären Sie halt nicht Frau Mundköchin geworden."
„DaS ist richtig," nickte Augustin, „aber, Herr v. Dorn, sie heißt jetzt nicht mehr Minna v. Barn- Helm, sondern Madame Wenzel."
„Durch mich, darum hängt mein Bild in Eurem Tempel auf unb lasset nach meinem Tode Messen für mich lesen."
Heimlich gab Augustin sein Schreiben an Raimund ab. Dieses enthielt nur bie Worte:
„Nachbem Graf Maximiltan v. Hohenheim daS Zeitliche gesegnet hat, bittet Irma von Hohenheim ten Maler Herrn Paul Raimund, ihr das Bild, welches für den Fürsten L. nicht käuflich war, zu überlassen, um es ihrer Galerie einreihen zu können. Daß Herr Paul Raimund das Bild ihr persönlich überbringen wird, hofft
Irma v. Hohenheim,
8- Z. auf ihrem böhmischen Gute Mirz'c.
Bleich und athemlos hatte Paul diese Zeilen gelesen, er zitterte so heftig, baß er sich auf einen Stuhl nieberlaffen mußte unb brückte bann baS Papier an feine Sippen.
Zu ihr, zu ihr, einen anderen Gedanken vermochte er nicht zu fassen. Wohl tauchte der unbändige Stolz wieder empor unb flüsterte ihm zu, baß er, der arme Maler, unmöglich auf ein Glück hoffen könnte, wonach ein Fürst vergebens seine Hand auSgestreckt, und bann, war eS mit feiner Ehre zu vereinen?
Tnd noch einmal überlaß er bie Zeilen, zwischen benen baß Glück, bie Hoffnung hervorleuchteten, und wie der Stolz auch sich bäumte, allgewaltig loberte die Liebe empor und vernichtete diesen Stolz mit ihrer stürmischen Gluth. Und wie Irma daheim, so saß Paul in diesem heiligen Augenblick still und träumend, die Gegenwart vergessens, nur ihr füjjeß Bild vor Bugen und im Herzen.
^(Schluß folgt.)