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Marburg, Sonntag, den 1, Juni.
1873.
Oterhessische Zeitung, i
int täalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 33j Sgr., durch dir Postämter 87 Sgr. (excl. Bestellgebühr und ind- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 33 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 1 Sgr.
Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
auf die Oberhessische Lei- Beneunngen tm.« für den Monat Juni «erden von allen ^ostanstattc», sowie von der Expedition in Marburg entgegengenommen.
* Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Be- ßellunge« entgegen.
z Politische Wochc»-Urberficht.
Der Reichstag und Bundestag haben nach ihrer Iiückkehr von der glänzend verlaufenen bremen - Wilhelmshavener Festsahrt die ihnen obliegenden Arbeiten nach Kräften wieder gefördert, u. A. auch das nunmehr eingebrachtc Reichsbudget für 1874 in Angriff genommen; doch ist noch nicht mit voller Zuversicht abzusehen, in welchem Umfange ohne Vertagung und Zuhülfenahrne einer Herbstsefsion die vorliegenden Aufgaben, namentlich in Betreff des Militärgejetzes, gelöst werden können. Zunächst wird die Session in den Juni hinein ununterbrochen fortgesetzt, und die weitere Entscheidung erst später getroffen werden. Die Reihe der Postverträge des Reichs ist am 25. d. M. durch einen neuen mit Schweden zum Abschluß gebrachten bereichert worden.
Auch in der ablaufenden Woche konnte die W i e n e r Börse noch nicht wieder festen Fuß fassen. Inzwischen ist die vollständige Vollendung der Weltausstellung ihrem Ende näher gerückt, so daß der Besucher der- jelben jetzt ein anderes Bild erhält als am Tage der eröftnung. — Zn Ungarn ist die zweite Session des Landtages unmittelbar nach Schluß der vorhergehenden eröffnet worden. Deak fährt fort,- der Regierung gegenüber die rauhe Seite herauszukehren, augenscheinlich um entweder die Regierung entschlossen in die Bahn der Reformen zu treiben, oder ober sie zum Rücktritt zu zwingen und sie dann durch ein Reformvielleicht Eoatilivnsministerium zu ersetzen, dem aber in jedem Falle der Stempel feiner Partei aufgedrückt wäre.
In der Schweiz steht die Wiederaufnahme der Bundesrevision vor allen anderen Gegenständen jetzt oben an auf der politischen Tagesordnung. Im BundeSrathe ist man mit Vorbereitungen beschäftigt. Eine ganze Reihe von Touristen - Eisenbahnen wirb geplant.
Eine historische Woche hat Frankreich einmal erlebt; am 24. Mai gelangte es in seiner rückläufigen Bewegung auf der Stelle wieder an, die es vor der
Juli Regierung eingenommen hatte. Nach dem Sturze des zweiten Kaiserreichs versuchte der ehemalige Minister Louis Philippe's, Thiers, die Herstellung des Bürger- königthums in Gestalt seiner konservativen Republik, die sich auf die Centren stützen und die Fehler, die das Julisystcm zu Falle gebracht, vermeiden sollte. Aber der am 4. September 1870 zum Rollen gebrachte EriSapfel rollte weiter und am 24. Mai 1873, zwei Jahre drei Monate und sieben Tage nach seiner Ernennung zum Präsidenten wurde Thiers von einer Coalition der drei Monarchisten-Parteien -geschlagen und zum Rücktritte bewogen. Als Casimir Perier sein neue« Cabinet fertig hatte, äußerte er: „Wer kann wissen, ob wir acht Tage regieren werden!" Genau so lange hielt es vor. In der NachmittagS- sitzung erschien Mac Mahon nebst einer Anzahl von Generalen der Versailler und Pariser Armee in Uniform auf der Zuschauertribune. Thiers begann seine Rede mit schwacher, bedeckter Stimme, die aber von Satz zu Satz Heller und entscheidender wurde. „Der einzige Schuldige, der erste Verantwortliche unter allen stehl vor Ihnen!" rief er dem rechten Centrum und der Rechten zu und stellte sich stolz und fest auf den Rechtsboden, den er in seiner berühmten Botschaft entwickelt hatte. „Wenn Sie behaupten", rief er Broglie zu, „daß Sie nicht Monarchisten seien und daß dies nicht das Gefühl sei, das Sie bewege', so erlauben Sie mir zu entgegnen: man glaubt Ihnen nicht." Er schloß mit der Anklage, daß der Führer der Coalition „der Schützling des Kaiserthums" sei. Sofort nach der Nachmittags-Sitzung trafen die Monarchisten die letzten Verabredungen. Diese Sitzung dauerte von 2 bis 4 Uhr und brachte mit 14 Stimmen Majorität die Verwerfung der von Dufaure empfohlenen einfachen und die Annahme von Ernoul’S motivirter Tagesordnung, worin die Nationalversammlung „die Form der Regierung als nicht in Diskussion" erklärt, aber „bedauert, daß die neuen Veränderungen den konservativen Jntereffen nicht die Genugthuung gegeben haben, die sie zu' erwarten berechtigt waren." Dieses Mißtrauensvotum ward durch 360 gegen 44 Stimmen besiegelt. In der auf 8 Uhr anbetnumten dritten Sitzung dieses TageS theilte Dufaure den Rücktritt der Minister und das Entlassungsgesuch des Präsi deuten der Republik mit; der Antrag der Linken, Thiers' Entlassungsgesuch nicht zu bewilligen, wurde
mit 368 gegen 339 Stimmen abgewiesen und Mac Mahon mit 390 gegen eine Stimme, die Grevy erhielt, zum Präsidenten der Republik gewählt, während der Rest sich der Abstimmung enthielt. Am 26. brachte „Journal officiel" die Ernennungen der Minister, bereit Thaten abzuwarten sind.
Der Gesetzentwurf über die religiösen Körperschaften in der Stadt Rom und dazu gehöriger Pro? vinz ist nach langen Erörterungen und viele» schweren Nöthen des Ministeriums von der Kammer angenommen worden, im Ganzen ein Erzeugniß mannigfacher Kompromisse, dem es weder an Widersprüchen, noch an zahlreichen Schwierigkeiten für die Ausführung und Verwaltung fehlt. Der Gesundheitszustand des heil. Vaters hat sich wieder so weit gebessert, daß derselbe Audienzen geben kann.
Die Politiker Spaniens beschäftigen sich mit den Gerüchten, welche über die von der Regierung zu erwartenden Vorschläge beim Zusammentritte des con- stituirenden Congresses umlaufen. Angeblich liegt eS im Plane, den Präsidenten der Republik durch ein Plebiscit wählen zu lassen
Der von der portugiesischen Regierung gegen Vicomte Onguella und Genossen wegen revolutionärer Zettelungen eingeleitete politische Proccß hat mit der Freisprechung der Angeklagten geendigt.
Dem englischen Parlamente ist am Montag die Mittheilung von der erfolgten königlichen Genehmigung mehrerer wichtiger Gesetze, insbesondere der bekannten Fawcett'schen irischen UniversitätS-Reformacte, des irischen Friedenswahrungsgesctzes und des australischen Zollgesetzes, gemacht worden. In beiden Häusern hat die Regierung wieder ein paar Niederlagen erlitten, deren erheblichste mit ihrer oder genauer gesagt mit Gladstone's nachgiebiger Haltung gegen ultramontane Ansprüche zusammenhängt.
Der niederländische Colonialminister hat der zweiten Kammer die Mittheilung gemacht, daß daS Gerücht von einem Anmarsche der Atschinesen aus Delhi nicht begründet, sondern daß dort Alles ruhig und eine hinreichende Truppenmacht vorhanden sei. Die Kammer hat die Forderung von 5'/2 Millionen Gulden zur Fortsetzung des Krieges gegen Atschin bewilligt.
Die vereinigte Linke des dänischen FolkethiugS hat in einem Manifest an die Wähler gedroht, daß,
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Maler und Photographen.
Humoreske von E. H.
(Fortsetzung.)
Die Gräfin las und lächelte; als sie aber die Unterschrift sah, rief sie verwundert: „Augustin Wenzel, — der ehrliche Bursche war ja in meinem Dienste, bis er an den serbischen Hof kam. Nun freilich, liebe Minna, diesen Freier kann ich Ihnen schon empfehlen."
„Hier ist sein Bild."
„Ja, daS ist der Augustin," lächelte die Gräfin, ,gut getroffen er sieht ganz stattlich auS und hat eine gute Versorgung."
„So schreibt mir auch der Herr v. Raimund," sagte Minna etwas schüchtern.
Die Gräfin fuhr, wie von einem elektrischen Echlage getroffen, empor.
„Wer schreib: Ihnen davon?" fragte sie, sich ge- Walt ja m fassend.
„Der Herr v. Raimund, ein Maler, der ein Zimmer von uns gcmiethet hatte und ein ordentlicher braver Herr war. Die Mutter hält' ihn gern behalten, aber plötzlich reifte er weg, er und ein anderer Maler, Herr v. Dornbach, den sie Blaubart nannten, — wohin, wußte kein Mensch; nun aber wissen Wir’«, wo er ist, der gute Herr v. Raimund."
„Darf ich den Brief von ihm sehen?" fragte die Gräfin vollkommen ruhig.
Minna reichte ihr denselben.
Gräfin Irma l»S, und wie eS im Innern auch stürmte und wogte, sie war eine vornehme Dame und hatte Selbstbeherrschung gelernt.
„Ich danke Ihnen, liebe Minna!" sagte sie darauf, ihr den Brief zurückgebend.
„Ich kenne den Maler Raimund aus seinen Bildern," fuhr fie ruhig fort, sich in ihrem Fauteuil zurücklehnend, „Fürst L. erzählte mir einst, daß er ein wundervolles Frauenportrait besäße, dessen Original ihn oft in feiner Wohnung besucht habe. Er wollte eS für feine Galerie kaufen, es sei indessen unverkäuflich gewesen."
„Ein geheimnißvolles Bild besaß der Herr v. Rai mund," versetzte Minna; „er hielt eS ängstlich verhüllt vor Jedermann, doch ist niemals eine Dame zu ihm gekommen, darauf könnte ich einen Eid oblegen."
„ES ist gut, liebe Minna!" sagte die Gräfin sehr freundlich, „Sie schreiben doch dem guten Augustin Wenzel.?"
„So rathen die gnädige Gräfin mir zu dieser sonderbaren Werbung?"
„Nuß, darin muffen Sie sich im Grunde genommen am besten selber rathen, Kind! Ich kann nur sagen, daß Augustin ein herzensguter Mensch ist und fein reichliches Auskommen hat. Wie finden Sie sein Bild?"
„O, er ist ein hübscher Mensch," stotterte Minna.
„Nicht wahr? -- Er könnte leicht eine Frau bekommen ," fuhr die Gräfin theiinehmend fort; „ober ich wünsche ihm auch eine brave Frau, und wenn ich Sie auch gern behielte, liebe Minna! so will ich doch in keiner Weise Ihrem Lebensglücke im Wege sein."
„Einige Tage möchte ich mich doch daraus be» denken."
„Thun Sie das, Kind! ein solcher Schritt ist zu ernst, um leichtsinnig beschlossen zu werden. — Doch noch eins, wenn Sie der« Augustin Wenzel schreiben,
dann verschweigen Sie ihm, daß Sie in meinem Dienste sind wollen Sie daö, Minna?"
„Recht gern, gnädige Gräfin!"
„Ich habe meine Gründe dazu," fuhr die Gräfin rasch fort; „schreiben Sie ihm ferner, daß er sich alsdann so bald als möglich in Wien persönlich einstelle. Diesen Bries aber senden Sie zu Ihrer Mutter, damit diese ihn in Wien auf die Post gebe."
„Soll Alles pünktlich geschehen, wie die gnädige Gräfin eS wünschen," versetzte Minna.
„Gut, ich danke Ihnen, mein Kind! — noch ein«, senden Sie de» Jockey an die Fürstin K., ich ließe mich entschuldigen wegen starker Migräne."
Die Kammerjungfer ging; Gräfin Irma war allein; jetzt erst verließ sie ihre Selbstbeherrschung. Sie schob den Riegel vor die Thüre und gab sich allen jenen Empfindungen hin, welche die unerwartete Nachricht über Raimund in ihr erregte.
„Ich hab’ ihn wiedergefunden," flüsterte sic leidenschaftlich; „o, wenn sich dieses Mädchen nur nicht zu lange besinnen möchte. — Warum auch besinnen, ist Augustin nicht ein schöner Mann? Ist er nicht fürstlicher Mundkoch?"
Sie mußte bei diesen Gedanken laut auflachen, sie waren zu komisch für eine stolze Gräfin und doch hing von diesen beiden einfachen Menschen ihr ganzes Lebensglück ab, denn konnte, — durfte sie an Raimund, der sic verlaffen, schreiben? Er, der es nicht einmal der Mühe werth gefunden, ihr eine dürftige Nachricht von seiner Abreise zukommen zu lassen? Over hatte Fürst L. Recht gehabt, als er ihr dieselbe mit der hämischen Bemerkung mitgetheilt, daß Raimund mit dem Original jenes wundervollen BildeS das Weite gesucht habe? ..