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Mr« 127 Marburg, Sonnabend, den 31. Mai 1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Aoch'sche Buchdruckerei» bezogen 88) Sgr., durch die Postämter 87 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 88 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sümmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Ottf die Oberhesflsche Zet- öCftCUllllgvll tUtt8 für -en Monat Lunt werden von allen Postanstalten, sowie von der 8r- vedttton in Marburg entgegengenommen.

Auf dem Lande nehmen die Lanöpostboten Be- ftellungen entgegen. _____________________

Deutsches Keich.

•« Berlin, 29 Mai. In der heutigen Reichs­tagssitzung hat Fürst Bismarck wiederholt zur Be­seitigung der Bcrathung des neuen Preßgesetzes das Wort ergriffen; der Reichskanzler Hal versichert, daß er sich für das Zustandekommen eines Rcichöprcß gesetzeS lebhaft interessire, jedoch dessen gleichzeitige Beraihung durch zwei parlamentariiche Körperschafte« und gesetzgebende Faktoren nicht billigen könne; dieser Hinweis auf die Inopportunität gleichzeitiger Bera- lhung desselben Gegenstandes bezieht sich auf die Thatsache, daß der Antrag auf Erlaß eines neuen PreßgcsetzeS bereits Seitens der preußischen Regie­rung dem BundeSrathe gestellt woroen ist. Das Berlangrn des Fürsten Bismarck, Zeitversäumniß zu vermeiden, erscheint allerdings um |o mehr begründet, als der Reichstag nur durch zweckmäßigste Beschrän­kung ohne Herbstsession die Erledigung der nothwcn- digstcn Aufgaben möglich machen kann. — Zn unseren Regierungskreisen hegl man nicht die geringsten Zweifel, daß Frankreich auch unter der neuen Regierung zu nächst die Erfüllung aller gegen Deutschland über- nommenen Verpflichtungen sich ernstlich angelegen sein lasten wird. Frankreich muß dicö wollen, denn Deutsch­land Hal ausreichende Bürgschaft für die Erfüllung; daß Frankreich auch seine Verpflichtungen erfüllen kann, dafür hat schon Thiers gesorgt, denn das »Journal dcS DebatS", rin diesem ergebenes Organ, versichert auf Grund amtlicher Kennlniß, daß der Betrag von 800 Millonen für Tilgung der letzten Milliarde bereits in dem Staatsschatz vorhanden sei und daß die dann noch fehlenden 200 Millionen durch die Einzahlungen auf die Anleihe leicht gedeckt würden. Der deutschen Regierung ist die Politik des Abwar- tens zunächst vorgezeichnet, die thatsächlichen Maß- rrgeln des neuen französischen Präsidenten werden bald genug erkennen lassen, ob derselbe sich zum Werk zeuge der Clericalen gebrauchen lassen will ober nicht. Durch die ultramontane Presse wird allerdings Mac Mahon daS Vertrauen der Welt nicht eben vermehrt sehen. — Die gestern vom Polizeipräsidium verfügte ConfiScation der Hauptnummer der „Germania" ist

Maler «ad Photographen. Humoreske von E. H.

i Fortsetzung.)

„Ob ich den Brief vom Herrn von Raimund «ohl offen mach'?" sprach die Wiitwe leise für sich; „ich bin die Mutter und darf schon wisten, was der junge Herr meiner Minna schreibt, ja, muß es halt wissen, — denn der Herr von Raimund war alleweil rin stilles G'wäster, und die sind tief."

Sie öffnete also ganz resolut den Bries und zog heraus — die Photographie des Mundkochs.

„Alle Heiligen, was soll daS?"

Darauf den Brief des Malers, dm sie, mit der Brille auf der Nase, bedächtig durchstudierte, und dann daS Schreiben deS Liebhabers.

„Alle guten Geister!" murmelte Frau Vogler, „kommt denn das AlleS auf einmal? — Der Mund­loch eines türkischen Fürsten, das läßt sich hören, und der Herr v. Raimund ist auch dort, der spricht für ihn, — da muß es halt eine gute Parlhie für das Madel fein, was für ein Glück, daß der Herr v. Dörnbach, der närrische Blaubart, das Bild mit- uahm. Na, hübsch ist die Minna, das muß ihr Feind ball sagen, mein Ebenbild, so war ich auch, eigent­lich noch resoluter, die Kinder werden das nimmer, waS so eine Mutter in ihrer Jugend gewesen ist."

Frau Vogler fühlte sich ordentlich stolz bei diesem Gedanken und machte sich sogleich daran, ihrer Tochter, ber gräflichen Kammerjungfer, zu schreiben und die kchaltenen Briefe nebst dem Bilde deS serbischen Mund­lochs nach dem böhmischen Gute, wo die junge Gräfin

schon gestern auf Verwendung des Ministers des In­nern wieder aufgehoben worden; die „Germania" Hai über die Verfügung und Aufhebung der ConfiScation gänzlich falsche und verlogene Angaben gemacht. — Die Ernennung des Herrn v. Nordenflycht zum Ober» Präsidenten von Schlesien wird demselben Gelegen­heit zu neuer Bewährung seines vielsach erprobten Verwaltungstalents geben.

— Der Lundesrath hielt gestern Vormittag im Reichstage, eine Stunde vor der Plenarsitzung, eine kurze Sitzung unter dem Vorsitz des Präsidenleit Delbrück. Es handelte sich lediglich um eine Bespre­chung über den Antrag auf Einsetzung eines Eisen- bahnamtes, und die Stellung, welche der Bundesrath demgegenüber einzunehmen hat. Von Seilen der baienschen Mitglieder wurde constatirt, daß eine Com petenz des ReichSeisenbahnamteS für Baiern wegen der baierischen Reservatrechte nicht Platz greifen könne. Von verschiedenen Seiten wurden gegen das Reichs eisenbahnamt Anstände erhoben, weil man die ganze Einrichtung nur aus Ausfluß eines noch fehlenden Eisenbahn-Gesetzes gulheißen wollte. Man betonte, daß die Verfassung dem Reiche die Compeienz be­züglich der Gesetze und der Beaufsichtigung des Eisen­bahnwesens unterstelle, und die Wirksamkeit der Be­aufsichtigung nicht ohne voraufgehende gesetzliche Nor­men denkbar sei. — Ferner bildeten die Beschlüsse des Reichstages über das KriegSleistungSgesetz Ge­genstand der heutigen Berathung des Bundesralhes. Im Allgemeinen war man mit den Beschlüssen ein verstanden, doch bekämpften die militärischen Mitglieder der Versammlung lebhaft die vom Reichstage bean­tragte Entschädignng für Naturalquartiere auf Mär­schen und in Cantonnements. Nach dieser Richtung hin dürste noch eine anderweitige Verständigung zwi scheu Reichstag und Buirdesrath erforderlich werden.

— Die Schul-Deputation der Stadt Berlin soll folgende Gehaltsscala als Entwurf zum Etat der Ge meindelehrer pro 1874 beim Magistrat vorgelegt haben. Nach derselben beträgt das Maximalgehalt 1000, und das Minimalgehalt 600 Thlr., das von letzterem in 9 Stufen aufsteigt. Es sind nämlich 56 Stellen mit 600, 114 Stellen mit 650, 67 Stellen mit 700, 123 Stellen mit 750, 79 Stellen mit 800, 80 Stellen mit 850, 57 Stellen mit 900, 45 Stellen mit 950 und 24 Stellen mit 1000 Thlr. bedacht. Wenn dazu, wie ebenfalls beim Magistrat bereits be­antragt ist, jeder Gemeindelehrer eine Servis Zulage Hohenheim einsam die Trauerzeit um den Oheim ver­lebte, sogleich abzusenden.

Minna war eben dabei, ihre junge Herrin, welche außerordentlich gütig gegen sie war, zu frisiren, als ein Lakei eintrat, der auf silbernem Teller die einge- laufenen Briefe überreichte.

„Auch ein Brief für Fräulein Minna dabei," sagte er und verschwand.

Tie Toilette war beendet, Minna halte ihren Brief erhalten und durfte sich entfernen.

Gräfin Irma, welcher die Trauer wunderbar schön stand, ging in ihr Boudoir und las die Briefe.

„Vom Fürsten L.? fort damit."

Sie zündete eine Wachskerze an und hielt ihn langsam gegen die Flamme, bis er verzehrt war.

„Seine Nachstellungen sind mir unerträglich," fuhr sie fort, „ich muß diese Kammerjungfer auf die Probe stellen, ob sie mir treu ist, — das Gold ist zu verführerisch für solche arme Geschöpfe und et span es nicht. — O, Paul, Paul, warum bist Du entflohen? Keine Spur, wohin er sich gewandt, — nirgend ein Anhalt, da auch fein Pylades Blaubart mit ihm verschwunden ist. Wie dankbar wäre ich demjenigen, der mir die kleinste Spur von ihm, den ich nicht vergessen kann, zu geben vermöchte. — Ah, eine Einladung von der Fürsten K. ? — ich habe Migräne, werge absagen müssen. — Minna kann'ö sogleich besorgen."

Sie schellte. Die Kammerjungfer erschien erst nach einer Weile, Aufregung in allen Zügen. Erstaunt blickte die Gräfin sie an.

von 180 Thlr. erhält, so dürsten wohl vorläufig die Wünsche dieser wichtigen Berussklasse erfüllt fein, be­sonders da in obiger Scala nicht nur das Minimal- gchalt erhöht ist, sondern auch der Stein deS An­stoßes seine Beseitigung gesunden hat, daß in dem bisherigen Etat fast die Hälfte aller Stellen mit dem Miitelgehalt von 600 Thlr. botirt war.

— Auch die „Schles. VolkSz." enthüllt in wun­derbarer Weise die Freude der Ultramontanen an der Wahl Mac MahonS, sie schreibt nämlich: „Was Deutschland betrifft, so wird Mac Mahon gewiß die Auszahlung der letzten Milliarde sicher leisten, wenn es ihm und seinem Herzen auch schwerer fallen wird, als Thiers Gedanken der Revanche wird er haben und hegen, aber an eine augenblickliche Verwirklichung und Ausführung wird er wohl nicht denken und wir wollen das auch nicht hoffe». Aber nichtsdestoweniger wird der Rückschlag des französischen Regierungs­wechsels für Deutschland groß werden, und da hoffen wir allerdings, uns zum Segen Wir hoffen und erwarten, daß Fürst Bismark wieder mit feinen Ge­danken so viel in der äußeren Politik zu schaffen bekommt, daß er die innere Kirchenpolitik etwas mehr ruhen läßt. Der Rückschlag ist für Deutschland aber auch noch aus einem andern Grunde ein großer. Deutlich zeigt sich aUen deutschen Männern einmal wieder, was 10—20 Stimmen in einer LandeSvertre- tung für eine Bedeutung haben und daß in 6 Stun­den die Möglichkeit vorhanden ist, an Stelle einer kirchenfeindlichen eine kircheiisreunbliche Regierung an der Spitze des Staates zu sehen. Es illustrirt dies das, was wir in unserem letzten Leitartikel von den „Hoffnungsstrahlen" sagten, Minister sind ersetzlich und sterblich und Gesetze sind heule nicht mehr ewig. Ebenso wichtig wie für Deutschland ist der Rückschlag für Spanien. Thiers war Don Carlos nicht hold. Anders wird Mae Mahon und die nun herrschende monarchische Regierung in Frankreich sich zu ihm stellen. Für die spanische Republik ist der französische Regierungswechsel verhängnißvoll. Und auch für Italien. Mac Mahon wird gern in Italien, wo er schon Glück gehabt hat, sein Glück wieder versuchen. Und die augenblickliche grenzenlose Winhschaft in Rom flieht Anlaß genufl zum Einflreifen. Für die Zukunft des heil. Stuhles ist daher der französische Regierungs­wechsel sehr bedeutend und Keller, Chesnelong, Raoul, Duval und der päpstliche Nuntius mögen wie die gute „Kölnerin" ahnt, einige Hoffnung schöpfen.

„Ist Ihnen etwas begegnet, mein Kind? Ach, der Brief, wohl eine traurige Nachricht aus Wien."

„Nein, gnädige Gräfin! — aber eine Nachricht, etwas so Besonderes, das Einem wohl aufregen kann."

„Darf ich'S wissen?"

„Wenn's die gnädige Frau intrreffirt," versetzte Minna, roth wie Purpur, „dann bitte ich, diesen Brief gütigst lesen zu wollen."

(Fortsetzung folgt.)

Mae Mah°«.

Der neuerwählte Marschall-Präsident ber franzö­sischen Republik legt am 13. Juni sein 64. Lebens­jahr zurück. Marie Edme Patrice Maurice Graf Mac Mahon stammt ans einer irischen Familie, bie »ach dem Sturze der Stuarts nach Frankreich geflohen war. Er wurde 1808 auf dem Familiengule Snlly geboren, in ber Nähe der ArondissemenlS -Hauptstadt Auluii, wo einst Taillerand den Bischofssitz einnahm. Anfangs zum geistlichen Stande bestimmt, wählte er doch früh die Carriexe deS Soldaten, besuchte die militairische Vorbercitungsschule zu Versailles, von 1825 ab die berühmte Militairschule von Sr. Cyr und ging von da als Unterlieutenant in die Generals­stabsschule, welche er 1830 — 22 Jahr alt — verließ. Er zeichnete sich bei der Expedition nach Algier aus, wohnte als Adjutant des Generals Achard 1832 der Belagerung von Antwerpen bei und war bann meist Adjutant, so 1837 beim General Damremont in Al­gerien, wo er beim Sturm von Konstantine verwunbet würbe, unb 1840 bei Changarnier. Zn letzterem Jahre wurde Mac Mahon zur Belohnung für seine