Marburg, Donnerstag, den 29. Mai.
1873.
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reines politisches Provisorium und zwar nicht blos ein faktisches, sondern zugleich ein principielles. Der
.Dich je vergessen, könnt' ich nimmer, Die alte Qual bleibt ewig jung, Ach, sterblich ist die Hoffnung immer, Unsterblich die Erinnerung!" —
über die republikanische Staatsform völlig einig ist. Diese sehr starke Minorität hat überdies jetzt einen parlamentarischen Führer ersten Ranges gewonnen. Herr Thiers will laut telegraphischen Nachrichten schon heute seinen Abgeordnetensitz in der Nationalversammlung einnehmen, er wird es an Sturmreden gegen die neue Regierung nicht fehlen lassen. Er hat bekanntlich in den letzten Monaten, Dank der von dem Dreißigerausschuß eingeführten Geschäftsordnung nur selten und niemals ohne vorgängige Erlaubniß der Nationalversammlung das Wort nehmen dürfen; gewiß wird die lange aufgestaute Beredtsamkcit jetzt um so zahlreicher strömen, als der greise Redner mit allem Recht über den politischen Undank seines Landes zu klagen hat. Auch sonst ist tdic Lage nicht eben rosenfarben. Das Ansehen Mac Mahon's bei der Armee wird zwar einen gewaltsamen Versuch zum Umsturz der neuen Regierung scheitern lassen, dennoch werden die neuen Machthaber wohlthun, auf die großen Städte des Landes ein scharfes Auge zu haben. Daß die republikanische Linke die Parteigenossen in allen Tonarten zur Ruhe und Ordnung mahnt, ist noch durchaus kein Beweis von ihren friedlichen Absichten, mit solchen Ermahnungen sind in Frankreich mehr als einmal Putsche und Revolten eingeleitet worden, und die Zumuthung, sich Herrn Gambetta als gehorsamer Unterthan der Gesetze zu denken, hat beinahe etwas Humoristisches. Wenn vollends, wie gestern in den hiesigen politischen Kreisen das Gerücht ging, die republikanische Linke sich in Chanzy auch ihrerseits ein militärisches Oberhaupt gewählt hätte, dann stände in Frankreich Armee gegen Armee, und die Aera der Militärrevolten wäre dort so gut gekommen, wie in Spanien. Hoffentlich bleibt dem vielgeprüften Nachbarlande wenigstens diese Demüthi- gung erspart, die freilich nach der bisherigen Entwickelung seiner Schicksale nicht allzu unlogisch sein würde. Es ist immerhin charakteristisch für Frankreich', daß 33 Monate nach Sedan jdie Herrschaft des Wortes schon wieder abgenützt und der „große Säbel" aber-
Maler und Ph-t-gratzhr».
Humoreske von E. H.
(Fortschung.)
Schweigend holte Paul das Bild, welches jetzt in einem Rahmen sich befand, herbei und enthüllte es mit zitternder Hand. Wie oft es ihn seit seinem Hiersein auch gedrängt, dasselbe zu betrachten und sich an dem Anblick zu berauschen, er hatte sich stet« überwunden und die Sehnsucht seines Herzens besiegt, um nicht dir alte Wunde auszureißcn und doch endlich hier daran zu verbluten. Jetzt aber als der Freund ihn darum bat, durfte er diesem doch nicht die Furcht vor
Heiligenschein.
Tiefe Stille herrschte in dem kleinen Raum, die beiden Künstler hatten die Gegenwart mit ihrem klein lichen Schaffen vergessen und schwelgten in den ver- schiedenartigsten Empfindungen, welche beim Anschauen dieses Kunstgebildes ihre Brust bewegten.
„Tu Glücklicher!" sprach Franz endlich mit leiser,
Die neue Lage in Frankreich.
Schon vor etwa sechs Monaten wurde der Marschall Mac Mahon einmal als der künftige Präsident der französischen Republik genannt. Es handelte sich um einen jener vielen vergeblichen Anläufe zum Sturze de» Herrn Thiers, welche dem jetzt geglückten Versuche voraufgingen. Das Gerücht wurde nur wenige Tage alt, der damalige Versuch zur Beseitigung der con- servativ repuilikanischen Präsidenten scheiterte schon im Beginne,' und eine neue politische Wendung brachte die ganze Ükttoicflung in Vergessenheit. Dennoch mußte es schon damals Wunder nehmen, daß. sich daö Gerücht gerade an diesen Namen knüpfte. Der Marschall Mac Mahon gehörte bittet keiner der bestehenden Parteien an, er «ar nicht einmal Mitglied der Nationalversammlung, und er hatte nie für einen „politischen Soldaten" gegolten, wie die Changarnier und Ducrot, die Chanzy und Faidherbe. Man vergaß bei der Beurtheilung der größeren odewgerin- geren Wahrscheinlichkeit seines Hervortretens nur, daß diese Eigenschaften, völlig ungeeignet wie sie ihn für die Anbahnung eines politischen Defimtivums machen mußten, ihn für die Herstellung eines politischen Provisoriums in hervorragendem Grade qualisicirten.
Für dies« Rolle konnte nicht wohl ein geeigneterer Mann gefunden werden als der Herzog von Magenta. Als Bändiger der Commune bei allen con fervativen Leuten angesehen und bei der Armee trotz der Niederlagen von Wörth und Sedan populär, dabei von unzweifelhafter persönlicher Loyalität und durch Herkunft und Carriere mit den Clericallegiti- miften und den Bonapartisten gleichmäßig nahe verknüpft. endlich ohne gefährliche politische Talente und Ansprüche, war er gewisseimaßen der geborene Präsident der französischen Republik in einem Momente, wo diese Ehrenstellung nichts ander« besagen will, aU die Aufgabe, die von allen Fractionen der Rechten gemeinsam eroberte Regierungsgewalt zugleich gegen die Angriffe der Linken zu vertheidigen und so lange in Depositum zu nehmen, bis die monarchistischen , Parteien den Kampf um dieselbe ihrerseits offen beginnen können.
Deutsche» «eich.
•* Berlin, 27. Mai. Nach den bisher aus Frankreich eingetroffenen Nachrichten hat es den Anschein, als ob die Krisis zunächst ihren Abschluß gefunden und als ob die mißmuthige Partei ihren Widerstand vor der Hand vertagt hat, jedenfalls ein- seheud, daß sie zu ohnmächtig ist, um gegen das fait accompli sich aufleh nen zu tonnen. Deutschland hat die Pflicht, darauf zu achten, daß auch die neue Regierung die Verbindlichkeiten erfüllt, sonst aber keinerlei
Bevor Paul in der Bestürzung sein Bild verhüllen konnte, hatte dieser es schon erblickt und erfreut aus- gerufen: „Das ist meine gute gnädige Gräfin, — ach, decken Sie's »och nicht zu, Ihr Gnaden, lassen Sie mich doch halt den Engel anschauen. So ein Bild von ihr kann kein Photograph, das kann nur der Herr v. Raimund malen, und nehmen'S mir nicht für ungut, gnädiger Herr!" lachte er pfiffig, „Sie sind halt auch kein Anderer als der Herr Paul v. Raimund!"
„Warum nicht gar?" brummte dieser, sein Bild rasch wieder verhüllend, „ich bin der, der ich sein will, basta."
„Ganz recht, Herr v. Paul!" lächelte Wenzel schlau, „so mein' ich's auch, und die Polizei hier braucht's auch nicht anders zu wiffen. Ach, wenn ich ein' solchen Schatz daheim in Wien hält', es hielt mich nicht mit tausend Feuerzangen in Kragujevatz, — aber ich hab' gar keinen Schatz und die Frauenzimmer dahier gefallen mir halt gar nicht."
„So möchten Sie gern heirathen, Herr v. Wenzel?" rief Franz, „pah, da gäb's wohl eine halbe Million und noch einige Tausend drüber, die gern Frau Mundköchin würden."
„Ja, sie soll mich aber auch gerne haben," bemerkte Augustin trübsinnig, „und soll ein Weener Kind jein, alleweil lustig und guter Dinge."
(Fortsetzung folgt.)
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Sonne warf ihre letzten Strahlen auf bas wunderbar schöne Antlitz unb verklärte es mü einem
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dem eigenen Herzen zeigen?
beredete er sich und enthüllte das Bild, dual zu erneuern:
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auf >ie Oberhesfifche Zri- X5CftCUUtt()Cll tun« für den Monat Juni «erden von allen Postanstalten, sowie von der «x- peditton in Marburg entgegengenommen
Auf de« Land« nehmen die Landpostboten Bestellungen entgegen.
Sieg, ben die vereinten monarchistischen Fractionen am 24. d. M erfochten, bestand ja eben darin, daß sie das drohende republikanische Definitivum abwehrten. Ihrerseits ein monarchisches Definitivum an die Stelle desselben zu setzen, dazu sind sie völlig außer Stande. Jeder Versuch, „Heinrich V.", „Ludwig II." ober „Napoleon IV." zu proclamiren, würbe die beiden anderen monarchistischen Fractionen mit ben Republikanern zu einer neuen Mehrheit bereinigen. Auch an einen militärischen Staatsstreich zu Gunsten eines der brei monarchischen Prätendenten, etwa des Prinzen von Chislehurst, ist vorläufig gar nicht zu denken. Abgesehen davon, daß französische Marschälle lieber selbst regieren, als die Monk's anderer Regenten zu werden trachten, ist trotz der unzweifelhaft in der französischen Armee vorhandenen stark bonapartistischen Sympathien das Andenken an Sedan noch zu frisch, um eine solche Wendung der Dinge zuzulassen. Die siegreiche monarchistische Koalition kann vorläufig nichts anderes thun, als eine möglichst gleiche Vertheilung der Regierungsgewalt vornehmen und sich im Uebrigen auf bevorstehende Kämpfe und Schwierigkeiten aller Art gefaßt halten. Das ist denn auch nach ben bis jetzt vorliegenben Berichten geschehen. Von ben als Minister genannten Deputirten gehören bie Herren Herzog von Brvglie unb Beul« der orleanistischen Richtung .an, der erstere zugleich mit ausgeprägten konservativen Gesinnungen, die Herren Baibie und Ernoul sind klerikal-legitimiftisch unb die Herren Magne unb Desseiligny bonapartistisch gesinnt. Am direktesten gewonnen hat offenbar die letztgenannte Partei, die mit diesen Ernennungen wieder ebenbürtig in die Reihe der übrigen dynastischen Parteien Frankreichs eintritt. Daß 27 Monate nach der feierlichen Absetzung Napoleons III. einer seiner früheren Finanzminister biesen Posten abermals antreten, unb daß zugleich der Schwiegersohn Schneiders, des weiland Präsidenten des gesetzgebenden Körpers, Herr Desseiligny, das politisch sehr wichtige Ministerium der öffentlichen Arbeiten übernehmen würde, das ist mehr, als wohl die sanguinischesten Bonapartisten für die Zukunft ihrer Partei zu hoffen gewagt hatten.
Vorläufig dürfte den neuen Inhabern bet Regierungsgewalt bie Behauptung betreiben übrigens nicht allzu leicht werben. Die Nachricht, baß bas neue Regime für bie nächste Zeit eine Vertagung der Nationalversammlung beabsichtigt, ist zwar schwerlich correct, kennzeichnet aber den prekären Punkt in der Situation der neuen Regierung Dieselbe steht als Regierung einer Koalition mit einer Mehrheit von etwa 30 Stimmen der Linken der Nationalversammlung gegenüber, welche in ihre» Wünschen wenigstens seltsam oibrirenber Stimme; „Dich liebte sie, — Du hast es genossen, bas irbische Glück; unb willst noch trauern unb zagen?"
„Still!" versetzte Paul wie außer sich, „was willst auch Du bas Heiliglhum meiner Brust, bas ich mit sieben Siegeln verschlossen wähnte, mir grausam pro- faniren ? War's nicht genug, baß jener Mensch es mit plumpen Fäusten mir zerriß unb ihr heiliges Bilb bejubelte?"
„Hm, bu bist ein Thor, Barbarossa!" sprach Franz achselzuckenb, „unb ein sehr undankbarer dazu. Zum Henker mit aller Sentimentalität, und wenn Du mir ben «ackern Augustin Wenzel verunglimpfest, der unser rettenber Pharus in der Brandung unserer photographischen Irrfahrt geworben, so hast Du's mit mir zu thun. Der ehrliche Mundkoch hat Dich noch viel zu glimpflich behandelt, als er Dich gut genug für eine Gräfin fand, Du sentimentaler Rothbart Du; in Wuth könnt' man halt geraden, wenn's der Mühe werth wäre, — hast mir meine ganze Freude an diesem Anblick da, der meinem vertrockneten Herzen ordentlich wohlgethan, verdorben, unb wenn mir nicht vor'm Schlafengehen etwas Glückliches einfällt, dann rührt mich der Schlag noch in der Nacht."
„Ach, warum nicht gar, der Schlag, Herr v. Dorn?" tönte es gemüthlich von der Thür her, unb überrascht rief Franz: „Freunb Augustin bet Mundloch, — Sterblicher! Male ben Wolf nicht an bie Wanb!"
---- In dieser Ausgabe be« Präsidenten liegt zugleich gis die entscheibende Situation. Dieselbe bedeutet ein
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