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Vr. 12L

ZNarKurg, Mittwoch, den 28. Mai.

1873

ObeMsische Zeitung.

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Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Be­stellungen entgrgen.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Mai. Im Vordergründe alles politischen Interesses stehen natürlich die Ereignisse in Frankreich. Der Sturz des Herrn Thiers hat all­gemein berauscht, man hat bis zum letzten Augen­blicke geglaubt, daß cs ihm auch diesmal gelingen «erbe, einen Kompromiß der feindlichen Parteien zu Stande zu bringen. An den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich wird der stattgehabte Regierungswechsel schwerlich etwas ändern. Dieselbe Majorität, welche zu Bordeaux Herrn ThierS an die Spitze der Geschäfte stellte, hat jetzt den General Mac Mahon zum Präsidenten gemacht, weil sie von diesem eine bessere Vollziehung ihrer Wünsche er­wartet. Es wird aber die Hauptaufgabe jedes Staats­mannes in Frankreich gegenwärtig sein, den Friedens­vertrag mit Deutschland zur Abwicklung zu bringen und eS ist zu erwarten, daß Marschall Mac Mahon hier durchaus die Politik seines Vorgängers fortsetzen wird. Die Frage, ob eine Herbstsession des Reichs­tages stattfinden soll, wird in parlamentarischen Kreisen noch immer lebhaft discutirt. Man möchte die großen Gesetze, deren Berathung noch auösteht, gründlicher debattiren, als dies jetzt möglich wäre und will zu­nächst das Militärgesetz für jetzt von der Tagesord­nung absetzcn. Es ist hier bereits darauf hingedeutet, daß man in den Regionen der Regierung die für die Herbstsession vorgebrachten Gründe nicht recht stich­haltig findet, im Gegentheil befürchtet, daß dadurch der Eyclus der parlamentarischen Arbeiten auch im nächsten Jahre denselben Bedrängnifien und Schwie rigkeiten ausgesetzt sein wird, ein beschlußfähiges Hauö zu versammeln, ja vielleicht schwieriger, als das jetzt versammelte beschlußfähig zu erhalten. DirGermania" hat aus dem Umstande, daß die neuen Kirchengesetze unter verschiedenen Daten pu- blirirt sind, sich herausgrlesen, daß der Krone die

Sanktion derselben offenbar sehr schwer geworden sei und deshalb täglich nur eins unterschrieben habe. Diese alberne Deutung entbehrt indeß jeder Begrün­dung. Die drei Gesetze sind vom König an einem und denselben Tage unterzeichnet worden, die Publi­kation an verschiedenen Tagen erfolgte nur aus Bc- quemlichkeitsrücksichten, um Unterscheidungsmittel für Juristen und Publicisten bei Anführung und Be­nutzung der Gesetze zu schaffen.

25. Mai. Die Nachrichten aus Versailles, wird derK. Ztg." geschrieben, haben eine begreifliche Sensation hervorgerufcn. Auf der gestrigen sparla- mentarischen Soiree des Fürsten Bismarck hatte schon die Niederlage Thiers' und seines Ministeriums sehr überrascht. Der Rücktritt des Präsidenten, der heute früh bekannt wurde, war gestern Abend ersichtlich auch in Regierungskreisen noch nicht erwartet. Die Rechte in Versailles fürchtete offenbar, bei dem Wahlgesetz den Kürzeren zu ziehen, will die Wahlen so lange wie möglich hinausschieben und diese selbst leiten. Die deutsche Regierung, wie dies auch in der Natur der Sache liegt, wird sich vorerst zuwartend verhalten und nur im Nothfalle von dem Art. 6 der Berliner Convention vom 15. März Gebrauch machen, der die Räumung in Frage stellt, wenn Frankreich seinen Ver­pflichtungen nicht Nachkommen sollte. Mac Mahon Hal sich als politische Persönlichkeit noch nicht bewährt, wird aber die Ordnung wenigstens eine Zeit lang wohl aufrecht zu halten wissen. Der Verfassungs- Ausschuß des Bundesrathes, wie schon in Kürze ge­meldet, hat sich für Ablehnung des vom Reichstage angenommenen Diätenantrages ausgesprochen, dagegen für Gewährung der freien Fahrt auf den Staats eisenbahnen, welches Verfahren die Privatbahnen vor­aussichtlich dann sicherlich ebenfalls befolgen werden. Die Privalbahnen dürften dazu eingcladen werden. Die Annahme des Ausschußantrages im Bundesrathe unterliegt keinem Zweifel. In Bundesrathskreisen ist die überwiegende Mehrheit gegen eine Herbstsession, die höchstens am 15. Oktober zusammentreten könnte und daher mit den Wahlen zum preußischen Abgeord­netenhause collidiren würde. Der Wunsch herrscht andererseits vor, daß das Heeresgesetz noch in der

gegenwärtigen Session und vor den Wahlen erledigt werde. Das Eisenbahnamtin den Gränzen des Elben- schen Antrages soll im Bundeörath günstige Aussichten haben.

Der Bundeörath trat gestern Nachmittag 1 Uhr im Reichskanzleramt zu einer Plenarsitzung unter dem Vorsitz deS Präsidenten Delbrück zusammen. Der Feststellung des Protokolls der letzten Sitzung und anderen geschäftlichen Angelegenheiten folgte die ReichS- tagsmittheilung, betreffend die Beschlüsse zu dem Ge­setze über die Geldmittel zur Umgestaltung der Festungen; der Beschluß auf den Antrag des Abg. Tellkampf über das Bankwesen und der Beschluß auf den Antrag deS Abg. Petersen über den Schutz der Fabrik- und Waarcnzeichen. Diese Angelegenheiten, sowie Präsi- dialvorlagcn, betreffend die Besteuerung der Zucker- Couleur als Malz-Surrogat und de» Entwurf eines Gesetzes über Verlängerung der Wirksamkeit des Ge­setzes wegen Ausgabe von Banknoten wurden den Ausschüssen überwiesen. Das letztere Gesetz besagt in einem einzigen Artikel:Die Bestimmungen in den §§ 15 des Gesetzes über die Ausgabe von Banknoten vom 27. März 1870 bleiben bis zum 31. December 1874 in Wirksamkeit" Die Wirksamkeit des Gesetzes war ursprünglich bis zum 1. Juli 1872 festgesetzt und dann auf 1 Jahr verlängert, weil man hoffte, bis dahin den im Art. IV. der Reichsverfassung vorgesehenen Erlaß allgemeiner Bestimmungen über das Bankwesen herbeizuführcn. Letzteres unterblieb im Hinblick auf die noch nicht abgeschlossene Regelung des deutschen Münzwesens, welche durch Ordnung deS Bankwesens vorauf zu gehen hat. Erst mit dem Zu­standekommen des Münzgesetzes wird dies Hindcrniß wegfallen. Die Reichsregierung erkennt bei Einbrin­gung des Gesetzes ausdrücklich an, daß der in Vor­bereitung begriffene Bankgesetzenlwurf hiernach zweck- mäßig nicht vor der nächsten Session des Reichstages einzudringen sein wird. Aus diesem Grunde war die Wirksamkeit des bestehenden Gesetzes über Banknoten bis zum Ablauf deS nächsten Kalenderjahres unab- weislich. Schließlich wurde auf Antrag der zustehen­den Ausschüsse das Gesetz über den Antheil des ehe­maligen Norddeutschen Bundes an der französischen

Maler «ad Phatographen.

Humoreske von E- H.

(Fortsetzung.)

So liebt sie den Fürsten?" fragte Franz, wel cher den horchenden Paul längst bemerkt hatte

Hm, wer'S glaubt bekommt einen Gulden," lachte Wenzel, der stolz auf seinen Scharfsinn war;vor einem Jahre verschaffte die liebe Gräfin mir die ein­trägliche Stelle eines Mundkochs beim Fürsten von Serbien, jetzt war ich auf acht Tage zum Besuch in Wien, aber schaun's, gnädiger Herr! wenn ich die Beiden, die Gräfin Irma und den Fürsten L. so neben einander sah, da ging's mir alleweile wie ein Messerstich durch'S Herz und ich mußte dabei an meinen Fürsten denken."

Wie so Herr v. Wenzel?" fragte Franz.

Ja, wissen's gnäd'ger Herr! Durchlaucht der Fürst hält große Stücke auf mich, ich muß bei Tafel oft selber mit hinauf, um nach der Ordnung zu sehen, aber da hab' ich auch allemal gesehn, wie gleichgiltig die Beiden, per junge Fürst und seine junge Fürstin, welche noch.gar nicht lang' verhcirath' sind, mit ein ander thun. Sie sehen sich gar nicht an, und nach der Tafel, wenn sie abgespeist haben, dreht Jedes von ihnen kleine Brodkügelchen oder schneidet die feinen Tischtücher entzwei aus lauter Langeweile. O, heilige Mutter Gottes! eine andere Ehe würd' es auch nicht geben zwischen meiner schönen Gräfin Irma und dem Fürsten L., und da müßt man doch Blut weinen über foiche Schänd."

O, der Fürst ist ein schöner Mann," bemerkte Franz,und wenn sie ihn doch am Ende liebt, eine Gräfin hat ja auch ein Herz wie unsereiner."

Freilich hat sic das," eiferte der Wiener,und noch ein ganz anderes wie unsereiner. Und was ich vvrm Jahr, als der schöne Maler, der Herr v. Rai­mund, sie im Malen unterwies, gesehen hab', daS

weiß ich auch. Schaun's da kam der Herr Graf wie der böse Engel dazwischen und trieb den Herrn Maler aus dem Paradies. Aber vergessen hat sie ihn doch nicht, wie mir'S das Kammermädchen, Fräulein Veroni, erzählte, sie hat sich sein Bild gemalt und trägt's1 in einer goldenen Kapsel auf der bloßen Brust."

Franz schaute sich rasch um nach dem Freunde, welcher sich in diesem Augenblick hastig entfernte.

Der alte Graf Hohenheim will wohl die Heirath mit dem Fürsten?" fragte Jener dann ruhig.

Nun freilich will er sie," versetzte Augustin Wenzel geheimnißvoll;der Fürst ist schrecklich reich, und eine Fürstin zu werden doch auch nicht ohne; und wenn der Graf die Hand von der jungen Gräfin zieht, dann ist sie arm und kam, in ein Kloster gehen. Dazu hat sie keine Lust, darum wird sie wohl den Fürsten heirathcn "

Das ist logisch," seufzje Franz melancholisch; warum konnte der arme Paul nicht jener Fürst sein? Aber nichts paßt zusammen in dieser unharmoni­schen Welt, da wird dem schreimden Gelb das liebe athmende Rosa beigescllt und so die Harmonie ver­pfuscht. Apropos, mein theuerster Herr von Wenzel! Sie haben mich trefflich unterhalten mit Ihren wun­derlichen Geschichten, ich danke Ihnen und bitte um Ihre Freundschaft JDlein Name ist Franz Dorn, den Bach erlauben L>ie mir mit den Fluchen der Do­nau zu vereinigen, bin Photograph Sr. kaiserlichen Hoheit, des Thronfolgers von Japan"

Ah, ein Photograph?" unterbrach ihn der Mund koch erfreut,das ist ja prächtig; wo wollcn's denn hin mit Ihrem Kasten? Schaun's, ich hab' mich in W-en serbisch photographiren lassen; das ist doch die schönste Kunst, die cS nur gicbt auf der Gotteswelt, wenn man so sitzt vor dem Zauberkasten, wo Sie daS Bild drin machen, ohne sich zu bewegen, und der Meister zählt eins, zwei, drci da wird'« mir

allemal ganz wunderlich ums Herz, es kommt mir wie ein Spuk vor, als säße in dem Kasten ein Geist, der's im Augenblick malte, und da zittere ich wie das Hühnchen, das ich abschlachten thu."

Wo rcsidirt Ihr Fürst?" fragte Franz plötzlich.

In der Stadt Kragujevatz, dicht am Gebirge o, es läßt sich dort schon leben, aber an Photographen fehlt's halt noch, gnäd'ger Herr!"

Hält's schwer sich dort niederzulassen?" fragte Franz, beharrlich seinen Gedanken verfolgend, weiter.

Ei, wenn Sie Lust dazu hätten, gnäd'ger Herr! da wollt' ich's schon machen," rief der Wiener eifrig; brauch der Durchlaucht nur ein Wort davon zu sagen und daß Sic ein guter Freund von mir wären, dann ist's schon gut"

Und Sie könnten uns, ich habe nämlich einen Compagnon, jener Herr mit dem blonden Bart."

Den Herrn v. Raimund? fragte Wenzel erstaunt.

Ei was, er steht ihm nur zum Verwechseln ähn­lich, drum ist er aus Wien fortgegangen, die Ge­schichte wurde ihm schließlich zu lästig, als Photograph Paul immerfort mit dem Maler Raimund verwechselt zu werden. Also mein guter Herr v. Wenzel, Sic könnten mir und meinem Compagnon dort in Ära- gujevatz sehr viel nützen, wenn Sie uns das Geschäft dort in Gang mit bringen helfen wollten, dem Hof- Photographen Sr. kaiserlich Japanesischcn Hoheit kann dort am Ende an Kundschaft nicht fehlen."

Freilich nicht, Ihr ©naben!" sprach der Wiener vergnügt,Sic werden dort bald reiche Leute sein, ah, und der Fürst wird sich halt auch photogra­phiren lassen mit der Fürstin und dem ganzen Hof­staat, dann ernennt er Sie zu feinem Hof Photo­graphen, wissen's, das ist halt Alles nur so an den Fingern herzuzählen."

Gut, abgemacht, es gehl mit dem Zauberkasten nach Kragujevatz!"