Ir. 123
Marburg, Dienstag, den 27. Mai.
1873.
Oderhessische Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'scheBuchdruckerei) bezogen 224 Lar durch die Postämter 27 Sgr. sexcl. Bestellgebühr und tnd. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile I Lar. ’ Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Deutsches Reich.
Berli», 24. Mai. Der Verfassungs-Ausschuß des Bundesraths hat srch für Ablehnung der Reichs tags-Diäten ausgesprochen, aber für die Gewährung freier Fahrt auf den Staats-Eisenbahnen, welches Verfahren die Privatbahnen voraussichtlich ebenfalls befolgen werden. — Der heutige „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Reichskanzlers, wonach laut Beschlusses des BundeSraths die Congregationen der Redemptoristen, Lazaristen und der Priester vom heiligen Geiste, sowie die Gesellschaft vom heiligen Herzen Jesu als dem Jesuitenorden verwandt anzu sehen und deren Niederlassungen binnen 6 Monaten aufzulösen sind.
— In Bezug auf die Durchführung der allgemeinen Lehrbestimmungen vom 15. Oktober v. I. — schreibt das „D. Wochbl." — wird im Cultus- Ministerium unausgesetzt eine rege Thätigkeit entfaltet. In den Volksschulen, welchen die erste Bestimmung neue Ziele gegeben hat, wird seit dem 1. Mai durch gängig nach teil neuen LectionSplänen gearbeitet. Mittelschulen im Sinne der zweiten Bestimmung sind mehrfach eingerichtet worden, und namentlich findet diejenige Form derselben Beifall, nach welcher Volksschulen in ihren oberen Klassen den Lehrplan der Mittelschulen annehmen. Präparanden-Anstalten (dritte Bestimmung) werden noch in diesem Jahre errichtet werden. Bekanntlich «ar für diesen Zweck bei dem Landtage eine Nachforderung eingebracht und von ihm bewilligt worden, lieber das Verfahren bei Verwendung des Dispositionsfonds ist die Vereinbarung der beiden Ressortminister herbeigeführt. Die Seminare, welche ihren Cursus im Frühjahr beginnen, sind ebciv falls reorganisirt. Bei den andern tritt der neue Lehrplan (vierte Bestimmung) mit dem Beginn des neuen Schuljahres, theils zum Sommer, theilS zum 1. Oktober in Kraft. Hierbei handelt cs sich zugleich um die Einführung neuer Lehrbücher und um die Beschaffung von Lehrmitteln, für welche allerdings erst der Etat des nächsten Jahres die nöthigen Mittel bieten wird. Der fremdsprachliche Unterricht wird als fakultativer Lehrgegenftand überall betrieben. Die katholischen Seminare haben sich für die lateinische Sprache entschieden, von den evangelischen diejenigen in Hannover für das Englische, die meisten andern für das Französische. Eine Sonderausgabe ist es
noch, die Hausordnungen der Seminare neu festzustellen. Die fünfte Bestimmung ging das Prüfungswesen an und öffnete namentlich durch die Prüfungsordnung für Lehrer der Mittelschulen, strebsamen Volksschullehrern freie Bahnen. So viel wir vernehmen, wird die Gelegenheit von den Lehrern eifrig benutzt und sind zu den Prüfungen zahlreiche Meldungen eingegangen.
— Nach der amtlichen Statistik der deutschen Reichspostverwaltung für daS Jahr 1872 umfaßte das Reichspostgebiet 8080,37 Quadratmeilen (ausschließlich 75,35 Quadratmeilen der Küstengewässer an der Ostsee) mit 34,341,035 Einwohnern (nach der Volkszählung vom 1. December 1871), oder mit 4250 Einwohnern auf eine Quadratmeile. Die Zahl der Postanstalten betrug 5755 (828 mehr als 1871), der amtlichen Verkaufsstellen für Postwerthzeichen 2202, der für Correspondenzen aufgestellten Postbriefkasten 27,578 (2875 mehr als 1871), das Gesammt- personal: Beamte, Unterbeamte, Posthalter und Postillone 49,945 Personen (3422 mehr), der StaatS- Postgrundstücke 251 an 218 Orten, die Zahl der täglich zur Postbeförderung benutzten Eisenbahnzüge 2291, die Gesammt - Postcourslänge auf Eisenbahnen 2416,5 Meilen, der Postcourse auf Landstraßen 3831, mit einer Gesammt Courslänge von 8541 Meilen, die Zahl der Posten 5388. Die Gesammtzahl der durch die Post beförderten Sendungen belief sich auf 783,659,731 Stück (gegen 703,317,042 im Jahre 1871), der Gesammtbetrag des durch die Post vermittelten Geldverkehrs auf 4.660,473,714 Thlr. (ober 813,808,726 Thlr. mehr als 1871), wovon 158,340,852 Thlr. auf den Postanweisungsverkehr kommen; ferner die Gesammtzahl der mit den deutschen Posten beförderten Personen 5,558,214 (358,415 weniger). An Frankirungs - Werthzeichen wurden 475,323,919 mit einem Nennwerthe von 16,684.551 Thlr. 22 Sgr. 4 Pf. (über 3 Millionen 300,000 Thlr. mehr) verwendet. Was die Finanzergebnisse betrifft, so betrug die Gesammt-Einnahme 29,581,897 Thlr., die @e- sammt-AuSgabe 24,857,429 Thlr., der Ueberschuß 4,724,468 Thlr. Der Gesammt - Ausgabe trat das Exiraordinarium mit 325,805 Thlr. hinzu, wodurch der Ueberschuß auf 4,398 663 Thlr. zu stehen kam
Ausland.
Wien, 24. Mai. Der König von Belgien ist
in der vergangenen Nacht hier eingelroffen und vom Kaiser am Bahnhofe empfangen worden.
Bern, 24. Mai. Der Regierungsrath hat feine Ermächtigung gegeben, daß mit den Arbeiten an der Jurabahn begonnen werden kann, und ist die Cou- stituirung der Juraeisenbahngesellschaft damit definitiv vollendet. In der heutigen Versammlung des Ver- waltungsrathcs der letzteren wurden Nationalrath Marli, Regierungsrath Jolistaint und Jules Grand- jean in Neuenburg zu Directoren, und Emil Ducomun zum Direclionssecretär gewählt. Die Regierung des Cantons Tessin hat die Sammlungen zu Gunsten der verfolgten Kirche bei 500 Fr. Strafe verboten.
Paris, 24. Mai. „Bien Public" brachte gestern folgende Mittheilung: „Der Ministerrath hat einstimmig entschieden, daß die Interpellation der 160 einen durchaus gegen die Regierung selbst gerichteten Charakter hätte, und daß sie nicht nur das neue Ca- binet, sondern auch das Oberhaupt der Regierung, den Präsidenten der Republik selbst, träfe. Dieser Charakter der Interpellation wird übrigens auch von keinem ihrer Unterzeichner bestritten. Niemand kann sich daher auch über die Folgen täuschen, welche dieser Antrag nach sich ziehen müßte, wenn er auf ein Tadelsvotum gegen die Regierung hinausliefe. Der Tadel müßte die ganze Regierung treffen, die für die letzten Veränderungen solidarisch ist, und den Rücktritt sämmt- licher Mitglieder der Negierung ohne Ausnahme nach sich ziehen. Wir wiederholen, Niemand dürfte sich hierüber täuschen und kann, wenn er den Antrag unterzeichnet und für denselben stimmt, nicht im Zweifel darüber jein, was seine Unterschrift und sein Votum bedeuten werden." Nach dieser Note war es für Jedermann klar, daß es sich dieses Mal um aut Caesar aut nihil handelte. Den gesammten Verlauf der verhängnißvollen Verhandlungen geben wir in Folgendem:
Versailles, 24. Mai, 2 Uhr Nachm Thiers hat soeben in der Nationalversammlung gesprochen. Derselbe nahm zunächst die Verantwortlichkeit für die Politik in Anspruch und erinnerte daran, wie er die Macht nicht gesucht habe und wie sie ihm stets mit Bitterkeit getränkt gewesen. Die Gelegenheit sei feierlich. Die Versammlung sei im Begriff über die Geschicke des Landes zu entscheiden. Er erinnert an die Theilung der Meinungen. Die Einen wollten die
Maler «ad Photographen.*)
..1 Humoreske von E. H.
■ti (Fortsetzung.!
Paul trat hinter eine spanische Wand, wo fein Lett, also fein Schlafzimmer sich befand, und schleppte eine Staffelei, durch ein Tuch verdeckt herein. Hastig zog er dieses «eg, und überrascht rief Franz: „Die Gräfin Hohenheim!"
Es war die junge Reiterin ans dem Prater, in ihrer ganzen sinneverstrickenden Schönheit auf die Leinwand hingezaubert. Ein Meisterwerk der Kunst, wie eo daS Genie, mit der Liebe vereint, nur zu schaffen vermag; das Herz hatte die Hand geleitet und jenes wunderbare Etwas, welches wir Seele nennen, in die Farben mit hineingehaucht.
Mit verschränkten Armen stand Franz Dornbach vor dem Bilde und beschaute eS unverwandten Blicks. Er schien sich nicht davon loSreißen zu können, was bei diesem unerbittlichen Kritiker, der sich selbst am wenigsten in den eigenen Werken zu schonen pflegte, Alles sagen wollte.
Doch von alle dem sah und merkte Paul in diesem Augenblicke nichts; oerfenft in den Anblick der holden Züge brach er in die Worte auS: „Ich kann mich von Dir nicht trennen, Du bist mit mir Übst, mit meinem Leben verwachsen, es hieße mich vernichten, wenn ich Dich um schnödes Geld verschachern könnte."
Langsam wandte sich Franz zu chm um, legte ihm die Hand auf die Schuster und sprach mit seltsam wehmüthiger Stimme, die zu seinem sonstigen Wesen un schneidendsten Conttaste stand: „Du bist schon vernichtet, armer Freund! indem Tu diese Zauberin liebst. O, flieh, flieh, und werde Photograph, Du!
bleibst ein echter Jünger der Kunst, auch bei der Stieftochter, wenn ich die Photographie fo nennen darf. Komm, laß Dich umarmen, Du sollst Dein Bild behalten, ich sorge für Geld, Bruderherz! Der Millionär soll eä uns dennoch geben, mein Pinsel hat etwas geschaffen, daS ihm noch bester behagen wird als dieses Urbild weiblicher Lieblichkeit. O, Freund, mir ist, als ob ich die Hände auf's Haupt ihr legen sollte, — verdecke dies Bild, sonst vergesse ich, daß ein häßlicher Blaubart, wie ich, nur Sinne, aber kein Herz haben darf. Glaub' mir, Paul! Du hast das Höchste geschaffen, Dein Pinsel wird Dir nach diesem Meisterwerk, welches der Fürst nicht mit seinen Millionen bezahlen kann, zum Ekel, darum flieh »ach dem Kaukasus und werde Photograph. — Bei meinem — Bart! — ich schaffe Geld und gehe mit Dir! — vereint mit Dir, mein Barbarossa! So fordern wir als Photographen das Jahrhundert in die Schranken!"
„Amen!" sprach Paul feierlich und verdeckte seufzend das herrliche Kunstwerk.
2.
»Wann i komm, wann i komm, wann t wieder» komm, wiederkomm —
„Kehr' i ein mein Schatz bei Dir! *
So fang Franz Dörnbach, der ewig luftige Blaubart, als die beiden Maler Abschied nahmen von Pauls gemüthlicher Wirthin, welche sammt ihrer hübschen Tochter Minna große Thränen vergoß, und! diese plötzliche Abreise gar nicht zu begreifen ver mochte.
„Deine Photographie, Minna v. Barnhelm," fuhr Franz mit komischem Pathos fort; „ich hätte Deine unsterblichen Züge in Oel conservirt, wenn die Pho
tographie, diese Zauberkünstlerin, dieser weibliche Bosco, mir die Arbeit nicht erspart hätte. Gib mir die Erinnerung mit zu den Heiden, die wir civilisirci, wollen!"
„Zu den Heiden wollen's?" schrie die Wirthin entsetzt auf, „schaun's, Herr v. Raimund! das ist halt ein schrecklicher Gedanke für mich, — so wollen's gar Missionar werden und die Schwarzen bekehren?"
„Ja, edle Frau Vogler!" rief Franz pathetisch, ein neues Kanaan wollen wir entdecken, wo Milch und Honig fleußt und das Manna von den Bäumen regnet."
-So ist des Geistes Ruf an uns ergangen,
Uns treibt nicht eitles, irdisches Verlangen!"
„Ach, das ist ja aus der Jungfrau von Orleans!" lachte Minna unter Thränen, „der Herr v. Dornbach sein doch halt ein g'spaßiger Mensch. Aber mein Bild sollen'S doch mithaben, und wenn Sie'S cmschau'n, da denken'ö doch allemal an die Minna v. Barnhelm!"
Paul, welcher zu den Späßen des Freundes nicht einmal gelächelt hatte, trieb jetzt zum Ausbruch; es war die höchste Zeit, ihre Sachen befanden sich bereits am Bord des Dampfschiffes und nach Verlauf einer halben Stunde brausten sie die schöne blaue Donau hinab.
_ Franz hatte sein Wort gehalten und dem lüsternen Fürsten Karl v. L. eine Bacchantin verkauft, wofür er eine bedeutende Summe erhalten, welche zur Tilgung seiner kleineren Schulden, zum Ankauf eines photographischen Apparats und zur Bestreitung der Reise knapp ausreichte.
Unter der Reisegesellschaft befand sich noch ein ziemlich junger Mann, in serbischer Tracht und einem echt deutschen Gesicht; recht hübsch, gutrnüthig, im