Einzelbild herunterladen
 

Wr. 120. . Marburg, Donnerstag, den 22. Mai.

1873.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22 j Dar durch die Postämter 27 Bgr. texcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland exrl. Stempel 22 6gr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 6gr.

Sämmtlichc Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Keich.

Berit«, 20. Mai. Die königlichen Kassen sind angewiesen worden, sich der Annahme von österrei­chischen und ungarischen Silberguldenstücken künftig zu enthalten. Im Reichstage wird in der nächsten Woche der Gesammt Vorstand zusammentrcten, um über die Abwicklung der Geschäfte weiter zu berathen Pou manchen Seiten treten Wünsche nach einer län gcren Vertagung für das Pfingstfest hervor, ein Wunsch, dessen Erfüllung jedoch zur Unmöglichkeit wird, wenn man nicht bis in den Hochsommer forrtagen will. Die Budget Commission des Reichstages Hal den Ent- wurf über die Gewährung der Mittel sür die Reichs- Äismbahneu in Elsaß Lothringen in erster Lesung beendet und beschlossen, zunächst für das erste Jahr 14 Millionen Lhaler zu bewilligen und einstweilen eine Million zu reserviren, bis ter Plan für den Bahnhof in Straßburg vorliegt. Ueder die Linie Müllheim-Mühlhausen, deren Absetzung beschlossen war, hat man einen definitiven Beschluß Vorbehalt-n, nm abzuwarten, ob uiic in wie weit die deutsche Re- gierung eine Erklärung über den Brückenbau bei Mühl­hausen abgeben möchte.

. Die durch den Ministerpräsidenten Grafen Roon verlesene Thronrede, lautet vollständig:Er lauchtk, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags! Mit dem von Sr. Maj. dem Kaiser und Könige befohlenen Schlüsse des Landtags der Monarchie erreicht die gegenwärtige Session ihr Ende. Wir können auf dieselbe mit großer Genugthuung blicken. Reich an mühsamer Arbeit, aber auch an »erlhvoüen Resultaten auf fast allen Gebieten der Gesetzgebung, nimmt sie einen hervorragenden Platz in der Reihe der Sessionen des preußischen Landtags ein. Die Reform der inneren Verwaltung, seit Jahren erstrebt, aber durch tiefgehende Meinungskämpie auf- gehalten, ist in ihrem ersten und grundlegenden Theile zum Abschlüsse gelangt. Schon jetzt scheint sich die Erwartung zu erfüllen, daß bei der Ausführung der-

. j-----' i S==ä==

selben die zuvor streitenden Kräfte gemeinsam und patriotisch Hand cuilegen werden, um das Werk segen­bringend sür das Land zu gestalten. Nicht minder lebhafte Kämpfe haben die Berathung der wichtigen Gesetze begleitet, durch welche die Beziehungen des Staates zu den großen Kircheng,meiiischaften klarer und fester als bisher geregelt werden sind. Die Re­gierung Sr. Majestät beharrt in dem festen Vertrauen, daß diese Gesetze den wahren Frieden unter den An­gehörigen der verschiedeneri Bekenntnisse fördern und die Kirche dahin führen werden, dem lauteren Dienste deS göttlichen Wortes allein ihre Kräfte zu weihen. Dank der glücklichen Finanzlage des Staates und der Bereitwilligkeit der Häuser des Landtags ist durch den Staatshaushaltsetat den Bedürfnissen der Be­völkerung und der Verwaltung nach allen Seiten hin reich-re Befriedigung als seither gewährt worden. Die Gesetze über die Umgestaltung der Klassensteuer, die anderweile Regelung der Erbschaftssteuer und die Aufhebung oder Ermäßigung gewisser Stempelabgaben werben, neben einer beträchllicheu Erleichterung na menllich der weniger bemittelten BevölkernngSschichten, eine gerechtere Vertheilung der Steuerlast sichern. Durch die erhebliche Verbesserung der Lage der Staats­beamten gewinnt die ersprießliche Entwickelung des Staatswesens eine erneute E ürgschaft. Die von Ihnen der Slaatsregierung ertheilte Ermächtigung zur Aus­führung einer umfasieude» EOveilerung deS Eisen­bahnnetzes wird dem im erfreulichen Aufschwünge be griffenen V-rkehrslebcn unv der VertheidigungSläh g teil des Landes in allen seinen Thcilcn zu Slaileu kommen. Meine Herren I Tie gegenwärtige Sesston ist voraussichtlich bie letzte einer Legislaturperiode, welche inmitten einer denkwürdigen, für Preußen und Deutschland hochbedeulungsvollen Zeit begann, und welcher es vorb-h-lten war, die reichen Erfolge und Früchte jener Epoche auch für die besonderen Auf gaben der preußischen Monarchie zu verwerthen. Wenn die Arbeiten dieser Legislatur auf allen Gebieten der

I === - = ' sIV

Gesetzgebung einen erfolgreichen Verlauf gehabt haben, so ist dies vor Allem dem Geist deS vertrauensvollen Zusammenwirkens zwischen StaazSregierung und Lan- besverlrelung zu danken, welche durch die erhebenden Ereignisse jener gewaltigen Zeit mächtig und gestärkt worden ist. Je erfreulicher die Früchte sind, welche das Walten dieses Geistes in der nunmehr beendigten Legislaturperiode gebracht hat, desto berechtigter ist die Hoffnung, daß daS preußische Volk bei den be­vorstehenden Wahlen der künftigen Landesvertretung sich von demselben patriotischen Sin» leiten laffen werde, von dem Sinne fester und vertrauensvoller Gemeinschaft mit der Regierung Sr. Majestät zur allseitigen Förderung des wahren Wohles und Ge­deihens unseres Vaierlantes. Im allerhöchsten Auf­trage Sr. Majestät des Kaisers, unseres allergnäoigsten Königs und Herrn, erkläre ich die Session deö Land­tages der Monarchie lür gesckless.n."

Nach einer Zusammenstellung über das Unter- richtSwesen im Deutschen Reiche wird der. obligatorische Volksschulunlerricht in 60,000 Volksschulen 6 Mil­lionen Schülern im Alter von 6 bis 14 Jahren enheilt. An mittleren Schulen bestanden am 1. Januar 1871 in Deutschland 330 Gymnasien, 14 Real Gymnasien, 214 Prvuymnasien und Lateinschulen, 485 Real- und höhere Bürgerjchulen, von denen 127 mit Gymnasien rc. verbunden waren, im Ganzen mit 177,379 Schülern. Die vorhandenen 21 Universitäten harten im Winter­semester 1872, 73 zusammen 1620 L-h>ende und 17,858 Sludirende. Den lechnischtn Digcipliiien dienen 10 polytechnische Schulen mit 360 Lehrern und 4500 Studirenben. Außerdem sind zahlreiche Fach- und Special Lehranstalten für einzelne Zweige der Wissen­schaft eingerichtet, insbesondere für die Theologie und Philosophie, für Medizin, CH rurgie, Hebammenkunst (45 Hebammenschulen), Pharmacie und Thterheilkunde, sür Land- und Forstwirthschaft. Die deutschen Kunst­schulen, Musik-Cvnservatorien und Gesangschulen ge­nießen zum Theil eines Weltrufes. Schulen für

DaS Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A- Niendorf.

(Fortsetzung.)

Aber daS war ein böser Tag für Kleinschmidt, cS gibt einmal solche im Leben jedes Menschen. Um zehn Uhr kamen die Postsachen und der Bankier erbrach «inen recommandirten Brief von seinem GcschästShause in Berlin, von dem er nichts oder wenig verstand. ES hieß darin nur, 10,000 Thaler Wechsel auf das llmsterbamer Haus, von Ihnen acccptirt und weiter gegeben, feien von jenem Hause nicht anerkannt und die Kreditbriefe des bewußten mexikanischen Gesandten nichts als grobe Fälschung. Derselbe Herr sei auch bereits als Betrüger entlarvt und wir wundern uns überhaupt, daß die Firma Wolf so schnell auf das fragliche Geschäft eingcgangcn fei, das solide Firmen leicht in schlechten Verdacht bringe» könne. Hiermit stien also die 10,000 Thaler dem Geschäftsfreunde dieder ins Debit gestellt und werde die Ausgleichung erwartet.

Ich weiß doch von der ganzen Sache nichts I" mnntltt der Bankier,kenne keinen Gesandten, keinen Zehntausendthalerposten, den sie mir debitiren könnten. Sollte darnach 10,000 Thaler zu erstatten haben nnb doch entsinne ich mich nickt, daß ich ebensoviel Guthaben besäße. Was ist das?"

Er ließ Kleinschmidt rufen und gab ihm den Brief. Dieser haue ihn kaum gelesen, als er kreideweiß im Gesichte wurde, und der kalte Schweiß ihm auf die Stirn trat.

Der Sentier sah diese Bewegung.

Das Hauptbuch!" herrschte er mit furchtbar strengem Blrck. Kleinschmidt hatte eS unterm Arm, benn er wollte bei dieser Gelegenh.it, wo er zum Herrn berufen wurde, eben seine Position glänzend kenvvireu.

Wolf fand den bewüßten Wechsel. *

Gottes Donner, so einem hergelaufenen Betrüger haben Sie 10,000 Thaler Accept geben können und

ohne bei mir zuvor anzufragen?"

Wollte den Herrn Prinzipal überraschen mit dem Gewinn!" stammelte der Buchhalter.

Und mit z,hn Procent, was? Gar mit zwanzig Procent auf drei Monate? Und da merkten Sie noch nicht, daß der MoSje ein Betrüger fein mußte, weil er sich solche Provision abnehmen ließ? Freilich, der konm's schon entgehen. Sie wollten ihn um 20 be­trügen, und er holt mit demselben Zug 80 Procent."

»Ick thal's nur, um rascher zu verdienen, was das Gut unter des Herrn Chefs Tirection verschlang."

Die 1000 oder 1200 Thaler, die das Gut ge kostet, sind nicht des Erwähnens werth und denn doch etwas sicherer angelegt, als Ihre 10,000 auf den Bajazzo von mexikanischem Gesandten. Von Rechts wegen müßten Sie die Summe ersetzen, warum han­delten Sie so eigenmächtig ..."

Verzeihen der Herr Chef, ich that's als selbst ständiger Geschäftsführer unv designirter Compagnon,"

Aha!" höhnte Jener,da müßten Sie doch zu vor lernen, daß in einer Compagnie erst recht der Eine ohne den Andern nichts thun darf."

Und ich kann die Zehntausend nicht erstatten," Nagle der Disponent weinerlich.Ich habe ebenfalls Sechstausend von meinem Eizenthmn verloren, wenn oer unglückliche Gesandte nicht zahlt!" So stand der arme Kleinschmidt da äußerst zerknirscht unj» kleinlaut.

Sechstausend?" wiederholte der Bankier ironisch und sein Gesicht erheiterte sich in Etwas, es war die unverholmste Schadenfreude, die ihn tröstete.Das ist allerdings ein redendes Zeichen für Ihre gute Absicht, die ich in dieser Weife nicht gekannt habe."

War eS nun Zufall oder hatte Antonie gehorcht, sie konnte zu keinem günstigeren Momente kommen.

Sie wollten mich um jeden Preis mit Herrn Kleirischmidt verheiraihen," begann die Tochter.

Ich wollte!" nickte lakonisch der Vater.

»Ich sagte Ihnen stets, Sie thun Unrecht, Ihre Tochter gegen ihre eigene Neigung zu zwingen, allein auch Herr Kleinschmidt scheint, sicheren Anzeichen nach, nicht die Spur von Liebe zu meiner Person zu besitzen"

Wie so?"

»Weil er trotz seiner Verlobung andere Mädchen küßt"

»Was muß ich hören!" rief der Bankier erstaunt.

Ich überraschte ihn vorgestern Abend bei unjerer Hierherkunst im zärtlichsten Tete-ä-tete mit meiner Freundin Antonie Lauscher im Garten. Was meinen Sie dazu, m>in lieber Vater?"

Wolf antwortete nicht, nur Kleinschmidt rcpli'cirte: »ES war nur zum Unterricht in den klassischen Studien." 1 1

»Er hat schon früher mit meiner Freundin ein heimliches Verhältniß gehabt. Ich Habs heraus!"

Das ist ja interessant!" rief der Bankier,wir wollen doch Deine Freundin rufen lassen."

Das war bald gelhan, Antonie Lauscher erschien.

Ist es wahr, Mamsell Lauscher," begann der Bankier,daß Sie Anspruch auf Herrn Kleinschmidt's Herz zu erheben haben?"

Herr Wolf, welche Frage! Wie kann ich daraus eine Antwort geben?" rief die Lauscher, lächelte und schlug verschämt die Augen /lieber.

Nur heraus mit der Sprache," drängte der Bankier.

Ach, das war ja früher," entgegnete zögernd die Lauscher und gebrauchte geschickt ihre Diplomatie, in­dem sie fortfuhr,ehe der Herr Wolf seine Augen aus Herrn Kleinschmidt warfen, wenn daS nicht ge­schehen wäre, dann freilich"

Do haben Sie die Aussicht, Madame Kleinschmidt zu werden, hiermit wieder, wenn Sie ältere Rechte besitzen!" fiel lebhaft der Bankier dem Mädchen in die Rede.

Dazu konnte der Buchhalter nicht schweigen, zu» mal er unzweifelhaft klar in der Seele seines Herrn las.

Und ich acceptire bestens diese Aussicht selbst. Sie scheint mir weil bester, als mit Ihrer hochmüthigen, launigen Fräulein eine Konvenienzheiralh einzugehen, die zu Nichts führen kann.

Hieraus sah er der Lauscher ins Antlitz und fuhr fort, denn der Verlust seiner 6000 Thaler hatte rasch