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Sr. 119. 1M, Marburg, Mittwoch, den 21. Mai. , 1873.

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Deutsches Reich.

## Berlin, 18. Mai. Die Unpäßlichkeit Sr Majestät, welche Allerhöchstdenselbeu für einige Tage an das Zimmer gefesselt Halle, hat sich vollständig gehoben, und gibt sich der Monarch allen Regiernngs- geschälten mit gewohnter Rührigkeit hin, namentlich läßt sich derselbe über alle die parlameutarischen An­gelegenheiten von dem betreffenden Minister Vortrag halten, wie z. B. der Minister des Inner» dem Könige Vortrag gehalten über die Schließung der Landtags- Session, nachdem Graf Eulenburg Besprechungen mit dem Präsident Forckenbeck gehabt, welcher Letztere sich mit den Fraktionsvorständen dieserhalb in Verbindung gesetzt hatte. Ein bestimmter Entschluß hat bis zur Zeit noch nicht gefaßt weiden können, und ist man auch in parlamentarischen Kreisen wohl darauf vor bereitet, den Landtag in der nächsten Woche noch beieinander zu sehen, da das Herrenhaus unzweifelhaft die Eisenbahn-Anleihe und das Gesetz über die Vor Wendung der an Preußen fallenden Kriegseontribution zu erledigen hat und erledigen muß. Der Minister des Innern hat im Verfolg früher erlaffeyer Jnstruc (tonen über die Ausführung der Kreisordnung eine weitere zweite Jnstruciion an die Regierungs - Präsi­dien abgehen lassen, welche auf die Ausführungen der Bestimmungen über die Bildung der Amtsbezirke und Berufung der Amtsvorsteher Bezug nimmt. Durch die Erklärung des Reichskanzlers ist nunmehr außer Zweifel gestellt, daß die Verlängerung der Diktatur in Elsaß - Lothringen von der Reichsregierung nicht beabsichtigt wird. Durch diese im Reichstage abgege­bene Erklärung von" hoher Stelle wird die in der .Straßburger Ztg." seiner Zeil mitgetheilte Auslastung deS Oberpräsidenten von Mölle^ bestätigt, und kann somit wohl in bestimmtester Weste conftatirl werden, daß auch in den neuen Reichölanden von 1874 an die provisorischen Zustände dem Definitivum weichen werden. Manches wichtige Wort ist bei der Debatte über die Verhältnisse in Elsaß Lothringen im Reichs­tage gefallen, aber auch manches Unverschämte, Exor bilante haben die Mitglieder des Reichstages hören muffen: Hr. Sonnemann hat die Stirn gehabt, im deutschen Reichstage als Vertreter des französischen Chauvinismus aufzutreten; sollte diese Kritik, die Evnnemann auf die Tribüne deS Hauses brachte, der Dank sein für die Ovationen, welche dieser Herr in Paris seitens der Revanchepolitiker entgegengenvmmen,

so war der Reichstag nicht der Ort, den Dank aus zusprechen, und es entspricht jedem Taktgefühl, um jeden Anspruch auf Wohlanstand im Reichstage der artig zu verhandcln, denn anders kann ein solches Gebühren nicht bezeichnet werden. ES konnte denn auch nicht verfehlen, daß die energische, wenn auch nicht dem Maß der Unverschämtheit des Hrn. Sonne mann gleichtretenden Abfertigung deS Abg. Bamhtzrger den Beifall deS Hauses fand. Herr (Sonnemann ist allerdings gewöhnt, in der Presse, der ihm gehörigen Frankfurter Zeitz.", solche verderbliche Anschauungen zu verbreiten, damit den Widersachern der deutschen Rationalität nicht alle Nahrung entzogen wird, Herr 'Sonnemann macht sich allerdings dadurch zum Bun­desgenossen der deutsch - feindlichen Bestrebungen in Frankreich und findet leider in einem für Zeitungen bissige Artikel liefernden Abgeordneten einen Substituten.

* Berlin, 19. Mai. Alle Nachrichten in der Presse über die Reise deS Kaisers nach Wien sind mit Vorsicht aufzunehmen, da sie aus der Kenntniß früherer Reise-Dispositionen entspringen. Für die Abreise deS Kaisers ist noch kein bestimmter Termin angegeben, eine Verlegung dieses Termins für spätere Zett stellte sich als nolhwendig heraus, einmal wegen des eingetretenen Unwohlseins Sr. Majestät, anderer feils aus Berücksichtigung der Wünsche der Kaiserin und deren Kur, da Ihre Majestät ihren Gemahl nach Wien zu begleiten Willens ist. Von., einem Zu­sammentreffen des Kaisers mit dem Kaiser Alexander ist in unterrichteten Kreisen nichts bekannt, es dürfte auch nie in der Absicht der beiden Monarchen gelegen haben, sich dort zu treffen. Das Unwohlsein des Königs, welches, wenn auch gehoben, doch eine «Scho­nung für denselben beansprucht, wird der Grund fein, weshalb Allerhöchst Derselbe den Landtag nicht in Person schließt, eS erfolgt demnach der Schluß der Session durch einen feierlichen Akt in dem weißen Saale, indem Graf Roon die Thronrede verlesen wird. Das Herrenhaus, welches heute die Eisen­bahn Anleihe-Vorlage und die Arten der Verwendung der an Preußen fallenden Kriegscontribulion erledigt >at, tritt morgen zur Entgegennahme der Allerhöchsten Botschaft zusammen. Die Regierung muß demnach auf die Lerathung deS Gesetzes über die GeschäftS- prache verzichten. Der Weg, den das Herrenhaus kingeschlagen, diesen Entwurf zur Vorberathung zu überweisen, hätte jedenfalls eine längere Dauer der

Session erfordert, die mit Rücksicht auf die Ansicht des Herrn v. Forckenbeck, daß das Abgeordnetenhaus nicht mehr' beschlußfähig bleiben wird, nicht staufinven konnte. Der Reichstag hat noch umfangreiche Arbeite» zu erledigen, daß man auch in parlamen­tarischen Kreisen die Ausdehnung der Session bis Ende Juni für unvermeidlich hält; eine Herbstsesion abzuhatten, hat man in Regierungskreifen nie ernstlich gedacht; in juristischen Kreisen mag dieser Wunsch mit Rücksicht auf die organische Justizgesetzgebung vorhanden gewesen fein, jedoch sollen diese Vorlagen noch nicht so weil gefördert fein, daß man nun des­halb an eine Herbstfefsion gehen wird. Nach Pu­blikation des Gesetzes über die Wohnungszuschnsse der Beamten ist die Anweisung erfolgt, die AuSzah- lung der Rückstände sofort zu veranlassen; der Zu- drang zu den betreffenden Kasten soll ein großartiger f in, wohl ein Beweis, daß man in diesen Kreiien mit Sehnsucht der Erledigung dieses Gesetzes entgegen» gesehen hat. Tie neue konservative Partei bat in dem ihren Interessen besonders dienenden Blatt, dem Preuß. Volksblatt", ihr Wahlprogramm veröffent­licht, die Partei stellt sich auf benfeibeft Standpunkt, als die moitarchisch-nationale im Reichstage,, wodurch ein Zusammengehen der Partei mit den leitenden Kreisen als gesichert ist. Die altconservative Fraktion soll auch die Absicht haben, ein Wahlprogramm zu publiciren, jedoch soll der bereits ausgearbeitete Ent­wurf selbst in den Reihen der Fraktion seiner extremen Richtung wegen viel Widerspruch erfahren haben, so daß dieser Entwurf einer vollständigen Umwandlung entgegensieht. Die Nachricht desPeutschei, Wo­chenblattes", daß Regierungspräsident v. Puttkammer zum Oberpräsidenten von Schlesien ernannt werden wird, findet in unterrichteten Kreisen keinen Glauben.

Dortmund, 16. Mai. Au dem am 6. d., Abends um 10 Uhr 8 Min.^von Dortmund in der Richtung nach Hamm abfahrenden Courierzug und dem am selben Tage, in derselben Nacht um 10 Uhr 1 Min. von Garnen nach Dortmund fahrenden Personenzug wurde eine Freveithat der boshaftesten Art verübt. Am genannten Tage, Abends gegen 910 Uhr, wur­den nämlich auf das Fahrgeleise der Köln-Mindener Eisenbahn, in der Nähe der Zeche Scharnhorst, Ge­meinde Brackel, von böswilligen Menschen 4 vier- hunderlpfündige Schienen gelegt, um den kurz darauf die Bahrt passirenden Courierzug zum Entgleisen zu

DaS Majorat.

Historisches gamUiengemälDe von M. 11. Niendorf.

(Fortsetzung.)

Natürlich bedauere ich Sie herzlich; Sie ver­dienten ein besteres Loos. Doch ist darin nichts zu ändern"

Nicht zu ändern? Nein, Fräulein, so haben dir nicht gewettet!"

Was wollen Sie aber thun?" fragte das Mäd­chen und zog einen Brief aus der Tasche;sehen Sie, erst heut noch schreibt mir Antonie Wolf wörtlich: »Wenn ich Kleinschmidt doch heiralhen muß, so schwöre ich, daß er niemals"

Da schwöre ich dreimal, daß ich niemals so eine Heirath eingehen will, wo man nur eine grau für «nbere Männer hat!" fuhr der Buchhalter laut da- Ndischen.

Beide waren so eifrig in ihrem Gespräch vertieft, daß sie den Wagen, der vorn auf der Straße lang­sam gefahren kam und still hielt, nicht hörten. Wolfram lugte beim Wagen bleiben, der Bankier war vor Ermattung eingeschlafen. Antonie ging ins Haus, wo illles finstcr war, endlich sah sie nach hinten hinaus die Lampe im Garten schimmern.

Tann werden Sie Ihre Wahl wo anders hin- ienken muffen," fuhr die Lauscher fort,freilich zwei- malhunderttausend Thaler finden Sie nicht bei Jeder."

Spotten Sie nicht, mein Fräulein!" entgegnete der Buchhalter.Sie wisten, wenn die fatale Ge dichte nicht mit der Tochter meines Chefs und der Kompagnie gekommen wäre, so richteten sich noch wie näher meine stillen Wünsche"

Sie scherzen, mein Herr!" fiel ihm mit trefflicher

Koketterie die Lauscher ins Wort und löste feinen Arm von der Hüfte, die er umschlingen wollte.Das ist vorbei!" lispelte sie und wandte das Gesicht, da es schien, als ob der Disponent noch fernere Gelüste hege.

Antonie, seien Sie nicht so hart!" flüsterte Jener.

Nichts da!" herrschte Antonie Lauscher.Sie vergessen ganz unsere Stunde. Hier, üben Sie sich in anslandSmäßigen Tournüren; die Hand will ich Ihnen zum Kusse gewähren!" Uno mit majestätischer Schwen­kung ihres Armes reichte sie ihm diese. Er entwickelte weit weniger Anstandsfonn, desto mehr GefühlSinhait, sein Mund fiel förml ch auf diese Hand, wie eine hungrige Fliege über die Schüssel.

Als sie ihm diese süße Kost entzog und er zärt­lich aufsah, da blickten plötzlich Antonie Wolfs fun­kelnde, spottende Augen in die Scene hinein: der Zorn aber behielt in ihrem Gesichte bleibend die Oberhand.

Sie! Gewissenloser! Verräther! Ungetreuer!" be­gehrte ihr schöner Mund zum Schrecken des Buch Halters auf.Sie begehren noch meine Hand und werben schon um die zweite? Glauben Sw sich in der Türkei zu befinden? Nicht genug, daß sie grillen- fängerisch und launig, mißgünstig und eisersüchlig sich gezeigt haben, so gehört auch noch die Untreue zu Ihren verborgenen Tugenden?"

Gnädiges Fräulein!" stammelte Kleinschmidt, das war nur ein Convenienz-Handkuß."

Viun dann treiben Sie solche Convenienz nach Belüben, aber verschonen Sie mich damit. Ich be- trachte Ihre Ansprüche an mich als aufgehoben und werde daS meinem Vater berichten."

Und ich werde dem Herrn Bankier noch heute schreiben, daß ich mit einer bloßen Eoiivenienzheirath, wie Sie sie vorhaben, nicht zufrieden sein werde", widersprach nun auch Kleinschmivt.

Antonie sah auf diese Worte ihre Freundin an und lächelt?, diese spielte indeß vortrefflich ihre Ko­mödie; sie blickte seitwärts, über und über roth im Gesicht vor züchtiger Verlegenheit.

Das können Sie morgen schon Ihrem Prinzipal mündlich sagen, wenn er Sie anhören kann; denn er ist hier", und den hoffnungsvollen Bestimmten nicht weiter beachtend, nahm sie Antonien an den Arm und erzählte ihr von dem Unglück ihres Vaters.

Hierauf wurde sehr bald das HauS lebendig. Statt eines ArzleS wurden gleich zwei geholt, der Kranke ward untersucht und mit allem Comsort schließlich in seinem Heim gebettet.

DeS Bankiers Wunden waren schmerzhaft, allein nicht gefährlich, kein Knochen war verletzt, nur Mus­keln waren zerfleischt und Gelenke zerschunden. Als er daher am brüten Tag wieder feinen Gedanken un« gestört nachhängen konnte, fielen ihm alsbald die Güter ein, und ihm kam es vor, als ob nun dort Alles plötzlich ftiö stehen müßte. Er überlegte hin und her, und zum Gluck fiel ihm fein Alterego, sein trefflicher Kleinschmidt ein, der hier nöthiaensallS ent­behrlich schien, so lange er selbst im Geschäft hier anwesend war. Er ließ daher Kleinschmidt kemmen, empfing ihn an seinem Ruhebett, in dem er in halb liegender, halb sitzender Stellung sich leidlich wohl befand und sagte:Hören Sie,-da draußen auf den Gütern liegt Alles tief im Argen . . ." }i> 1