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1873

Marburg, Dienstag, den 20. Mai.

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Oberhcssische Zeitung

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®rf(beint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

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Deutsches Reich.

Berlin, 17. Mai. Im Namen der neuen con- skrvativen Fraktion deS Abgeordnetenhauses hat der Vorstand derselben, bestehend auS den Abgeordneten v. Bismarck-Naugard, v. Rauchhaupt, v. Waldow- Reitzenstein, Lampugnani, v. Liebermann, Hahn, Richter (Hirschberg), folgenden Wahlaufruf erlassen:Im Im Hinblick aus die bevorstehenden Wahlen hält es auch die neue konservative Partei für ihre Pflicht, den Wählern ihre Ziele darzulegen. Die Partei, welche sich in wesentlicher Uebereinstimmung mit den von der conservativen Fraktion des Reichstages in den Beschlüssen vom 14 Mai 1872 niedergelegten Grundanschauungen befindet, ist 1. eine monarchische: jic wird die verfassungsmäßigen Rechte der Krone ungeschmälert zu erhalten bemüht sein; 2. eine na­tionale: sie wird die Politik, durch welche Deutsch­land zur Einigkeit, Macht und Freiheit gelangt ist, mit vollster Hingebung unterstützen; 3. eine wahr­haft konservative: sie ist, ausgehend von dem Prin- zipe der Ordnung, entschlossen, durch rechtzeitige Re- formen den veränderten politischen Verhältnissen ge* recht zu werden und durch Bekämpfung aller destruc- tiven und radikalen Tendenzen die Grundlagen unserer staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung aufrecht zu echalten. In diesem Sinne haben wir dem Abschlüsse deS nvthwendigen Werkes der innern Reform der ÄreiSorbnung unsere Zustimmung ertheilt, obwohl gegenüber den bekannten Parteiverhältnissen im Ab- georbnetcnhause dabei mancher konservative Wunsch zurücktreten mußte. Wir sind bei Berathung des Ge­setzes über die Dotation der Provinzial- und KreiS- verbände bemüht gewesen, den Kreisen sofort die- thige Beihülse zu verschaffen, um die Reform mit Erfolg durchführen zu können. Wir werden demnächst bei der Revision der Provinzialordnung diejenigen konservativen Grundsätze vertheidigm, von welchen auf diesem Gebiete eine gedeihliche Fortentwickelung abhängig erscheint. Den zur Regulirung des Verhält- nisseS zwischen Staat und Kirche ergangenen Gesetzen hat die Partei ihre volle Unterstützung geliehen in der Ueberzeugung, daß es, zumal in einem paritätischen Staate wie Preußen, geboten sei, den offenkundigen Hebelgriffen des Ultramontanismus, welcher den Staat

in Abhängigkeit von auswärtigen kirchlichen Mächten zu bringen bestrebt ist, einen Damm entgegen zu setzen. Allerdings ist mit diesen Gesetzen die Nolh- wendigkeit dringender als je hervorgetreten, der evan­gelischen Kirche zu der in der Verfaffung vorausge setzten Selbständigkeit zu verhelfen. Wir werden alle Bestrebungen unterstützen, welche geeignet erscheinen, diesem Ziele näher zu führen. Ganz besonders erachtet eS die Partei als ihre Aufgabe, auf wirthschaftlichem Gebiete an die Heilung der Schäden heranzutreten, welche unsere gesammten socialen Zustände bedrohen. Die auf diesem Gebiete entfaltete Freiheit ist nicht ohne Mißbrauch geblieben. Der willkürliche Bruch der Arbeitskontrakte, eine das Gemeindewohl schädi­gende Ausnutzung des Koalitionsrechtes, die Verfüh­rung zur Auswanderung und die Täuschungen des Publikums bei Gründungen sind Auswüchse der ge- gewährten Freiheit und erfordern die heilende Hand der Gesetzgebung. Andererseits wird auf die Beseiti­gung mancher die wirthschaftliche Entwicklung noch hemmenden Ungleichheiten der Steuern und Zölle hinzuwirken sein. Diesen unseren Grundsätzen ent­sprechend wollen wif, daß die konservative Partei nicht ein Hemmniß wird für die gewaltigen und viel­fach neuen Aufgaben, welche dem Staate und der Gesetzgebung seit dem Jahre 1866 sich fortgesetzt auf- drängen; wir wollen vielmehr, indem wir unsere volle Kraft an die Lösung dieser Ausgaben setzen, der kon­servativen Partei ihren berechtigten Einfluß im Staats­leben erhalten. Wir wiffen uns dabei im Einklänge mit einem großen Theile der Conservativen des Landes und rechnen mit Zuversicht auf deren thatkräftige Un­terstützung zur Durchführung einer ebenso conserva tiven wie nationalen Politik.

lieber den neuen Hanbelsminister bringt der BerlinerAktionär" folgende biographische Notizen: Dr. jur. Heinrich Achenbach wurde am 23. Nov. 1829 zu Saarbrücken, deffen Bergamie sein Vater als Beamter angehörte, geboren, steht also gegenwärtig in der Vollkraft seiner Jahre. Nach Versetzung des Vaters an das heimathliche Bergamt zu Siegen be­suchte er zunächst die dortige Realschule und später das Archigymnasium zu Soest. Mit 17 Jahren Abi­turient , bezog er die Universitäten Berlin und Bonn

und widmete sich hier dem Studien der Rechtswissen­schaft, Nach Ablegung bet brei juristischen Staats­prüfungen trat er zunächst bei bem Bergamt zu Siegen als Justitiar in den praktischen StaatSbienst. Im Jahre 1858 als Ober-Bergrath und Justitiar an das Oberbergamt zu Bonn versetzt, habi' litirte er sich gleichzeitig an der dortigen Uni­versität als Privatbocent für deutsches Recht und wurde 1860 zum Professor ernannt. Von Bonn wurde er 1866 a>S Geh. Bergrath uns vortragender Rath in bas Hanbelsministerium berufen, dem er angehörte, bis Fürst Bismarck, der längst seine Thatkraft und Leistungsfähigkeit erkannt, ihn (1870) in das Reichs­kanzleramt zog. Aus diesem schieb er bekanntlich in ber schweren Stunve ber Entlassung bes Cultusministers v. Mühler, um dem Nachfolger beffelben, seinem Freunbe Falk, als Unter - Staatssekretär im Cultus- Ministerium bei Lösung ber großen Aufgaben zur Seite zu stehen, die besten harrten. Schon damals galt Dr. Achenbach als ber berufene Nachfolger deS Grafen Jtzenplitz. Als bie bekannten Vorgänge den Grafen Jtzenplitz unhaltbar machten, verstaub es sich daher falt von selbst, daß Dr. Achenbach ihm zunächst in ber neu geschaffenen wichtigen Stellung als Unter« Staatssekretär im Hanbels Ministerium zur Vertretung beigegeben würbe; gegenwärtig ist er auch that- sächlich ber Nachfolger. Dem Abgeorbnetenhause gehört Dr. Achenbach feit 1866 als Vertreter des Wahlkreises Sayn-Wittgenstein an. Derselbe ist Mitbegründer der freicoiiservativen Fraktion und huldigt entschieden einer freiheitliche» Gestaltung unseres Staatswesens inner­halb des Rahmens ber gegebenen Verhältnisse. Seine schriftstellerische Thätigkeit auf ben verschiebenen Rechts­gebieten, namentlich auf dem Gebiete des Bergrechtes, seine hervorragende Mitwirkung an dem Zustande­kommen des preußischen Berggesetzes, seine Wirksam­keit als Abgeordneter und als Regierungs-Commistar im Landtage wie int Reichstage bei den verschiedensten Veranlassungen (Haftpflichtgesetz re.), seine Förderung der Interessen des Vereins für im Felde erkrankte und verwundete deutsche Krieger als Mitglied des Central-Comits's und die Anerkennung derselben durch fast alle deutsche Staaten dürfen wir als bekannt voraussetzen."

DaS Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)

12. klassische Studien.

In Wolfs Hause faß indeß an diesem lauen August - Abend Herr Kleinschmidt in Gesellschaft ber Antonie Lauscher in der Laube des Gartens, welcher sich hinter Wolf's Hause befand, sie brannten die Lampe im Freien und waren in einer ziemlich abstrusen Unterhaltung vertieft. Kleinschmidt war nämlich auf den Gedanken gekommen, was ihm in ber klassischen Bildung ost so schmerzlich fehlte, nachzuholen und hatte die Lauscher, welche doch darin Meisterin war, nfit Unterricht gebeten. Das war nach den Comptoir- ftunden fleißig prakticirt worben, und auch heute lagen wieber verschiedene Bücher auf dem Tisch, bie zum Zweck der Belehrung und Unterweisung in ben schönen Künsten gebraucht würben.

Kleinschmidt hatte eben eine lange Deklamation mit allem Aufwand seiner Kräfte absolvirt, als die Lauscher zu ihm sagte:

Sie machen treffliche Fortschritte in den Klassikern, lieber Kleinschmidt, diese Schiller'sche Glocke deklamiren Eie ganz ausgezeichnet, Sie könnten sie im nächsten Winter in unserem Lesekränzchen vortragen und wür­den damit Furore machen ..."

So, meinen Sie?" nickte selbstgefällig der Commis.

Ihr schönes, volle- Organ kömmt Ihnen auch Prächtig zu Statten ..."

Nicht wahr? mein Organ?" fiel Kleinschmidt iriumphirend ein. Was ist dagegen des Heinen Pro­fessors Münch Bindfadenstimme! Ich weiß wahrlich Nicht, wie Fräulein Antonie an deffen Vortrage solchen Gefallen finden kann."

Das kommt eben von der klassischen Bildung!" bemerkte mit wichtiger Miene die Lauscher.

So will ich mir doch diese Bildung bald ver­schaffen !" rief der eifrige Disponent.Ich bin immer ein praktischer Kopf gewesen, das weiß mein Herr Chef. Ich sage Ihnen, ein Manual des Kassen- Conto's mit seinen Saldi's, Aviso's, Netto'S, Brutto's und Agio'S zu führen, das ist auch ein Geschäft, zu dem ein ziemlicher Verstand gehört; und nun gar erst jetzt, wo mein Chef abwesend ist, und ich allein der Firma Wolf verstehe . . ."

Ja, ja, ich sah Sie manchmal mit wichtig be­schäftigter Miene . . ."

Habe auch viel treffliche Geschäfte gemacht seit der Zeit. Herr Wolf wird sich freuen, namentlich über ein«, wobei ich netto 20 Procent verdient habe", plauderte der Disponent und war glücklich, von seinem Geschäfte auch einmal zu einer gebildeten Dame reden zu können.Im Vertrauen sage ich Ihnen, mit einem einzigen Federstrich habe ich das Vermögen deS Hauses Wolf um 2000 Thaler vermehrt!"

Zweitausend Thaler!" rief das Mädchen in auf­richtigem Erstaunen,das ist ja ein ganzes Capital, mehr als der dreijährige Gehalt meines Vaters!"

Ja, bas geht so, freilich, so etwas können auch wir nur, wir! Ach, eS thut auch Noch, Herr Wolf schickte jebe Woche nach 200 Thaler, einmal gar nach 400 für das vermaledeite Gut. Da geht's hinein, und wer weiß, wenn eS wieder kommt. So mußt' ich doch etwas Erkleckliches verdienen; habe ihm auch nichts davon geschrieben, will ihn damit Überraschen, ha! er soll sich über den gewiegten Geschäftsmann wundern!"

Wie war Ihnen das aber möglich?" forschte bie Lauscher, die solche Einblicke in die Region deS Gelbverdienens interesstrte.

Durch die zufällige Bekanntschaft mit dem kaiser­lich mexikanischen Gesandten, der hier weilte. Ach,

treffliche, vornehme Leute, dieser Gesandte mit seinem Attache und Dolmetscher! Er brauchte Geld und wer sollte es ihm hier geben, als das Haus Wolf? Ich follte für ihn nach Amsterdam schreiben und die lieber« Weisung besorgen auf Grund seiner guten Creditbriefe. Da sagte ich, das kann das Haus Wolf selbst über­nehmen und so habe ich für 10.000 auf Amsterdam gezogen und nach Berlin überwiesen, jedesmal mit 10 Procent, denn diese Amerikaner sind keinen andern Discont gewohnt, macht 20 Procent und 2000 auf einen Schlag! Haha!"

Sie sind ein excellenter Kopf für das Comptoir", eraieberte lächelnd bie Lauscher.Das erkenne ich wohl an, barum müssen Sie sich auch noch mehr ber höher» Bildung widmen, das gehört zum gewichtigen Auftreten in ber Gesellschaft. Ich sage Ihnen, so ein sinniges Gebicht, zierlich unb fein unb doch effect­voll vorgetragen, bas ist wie ein graziöser Tanz. Freilich ein fester Dauerschritt durchs Lebe», namentlich als Geldverdiener, ist auch nicht zu verachten, indessen das Anmuthige gefällt nun einmal ben Damen und Beides kommt bei Ihnen trefflich zusammen, wenn Sie sich noch in dieser Richtung veivollkommnen."

Ich thu es gern unter ber Anleitung solcher an­genehmen Lehrerin!" gab ber gelehrige Commis als Compliment zurück.

Keine Schmeicheleien, mein Herr!" kokettirte Jene. Jetzt recitiren Sie mir mal das Herloßsonsche Lied."

Kleinschmidt stand auf, legte bie eine Hanb auf die Brust, focht mit der andern in der Luft, verdrehte bie Augen, brauchte seine Lungen nach bester Mög­lichkeit und begann:

,0b ich Dich liebe? Frage die Sterne, Denen ich oft mein Geheimniß vertraut. Ob ich Dich liebe? Frage bie Rose, Die ich Dir sende, von Thränen dethaut!"