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Mr. 117«

Marburg, Sonntag, den 18. Mai.

1873

Oberhessische Zeitung.I

«rschrint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 88j Sar durch die Postämter 87 Lgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 88 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Hgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Politische Wochrn-Ueberficht.

Am letzten Sonntag früh sind Kaiser Wilhelm und Fürst Bismarck von ihrer nordischen Reise wieder in die ReichShaupistadt im erwünschten Wohlsein zurück­gekehrt. Mit der Rückkehr des Kaisers hat die innere deutsche und preußische Politik einen frischen Anstoß erhalten. Die Publikation der vier kirchen-politischen Gesetze fällt in die ablaufende Woche, das erste der­selben enthält die Bestimmungen über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen, daS zweite über die kirchliche DiSciplinargewalr und die Errichtung des königlichen Gerichtshofes, das dritte über die Grenzen deS Recht« zum Gebrauch kirchlicher Strafe« und Zucht­wittel und da« vierte über den Austritt aus der Kirche. Die preußischen Bischöfe haben in einem ge­meinsamen, vomGrabe deS heiligen Bonifacius" datirtenSendschreiben" an den CleruS und die Gläu- bigen ibrer Diözesen Verwahrungen gegen die Be- solgung dieser Gesetze eingelegt und, wie es scheint, ihren passiven Widerstand gegen dieselben in Aussicht gestellt. Die Gläubigen werden indesien bald sehen, daß eineVerfolgung der Kirche" keineswegs durch die Gesetze eingeleitet wird, die Bischöfe aber auch, daß der preußische Staat im Stande und gewillt ist, den Gehorsam gegen die Gesetze zu erzwingen. Gleich­zeitig hat der Kaiser und König das Servis - Gesetz für die Civilbcamten vollzogen und damit die un- muthigen Besorgnisse verscheucht, welche das Gerücht hervorgerufen hatte, daß die Vollziehung noch verzögert werde, um so auf den Reichstag für Annahme einer Vorlage zu einer Erhöhung des Militär-Servises einen Druck auszuüben. Im preußischen Landtage ist in dieser Woche die Uebereinstimmung beider Häuser für die Steuerreform-Gesetze (Klassensteuer, Schlacht- und Mahlsteuer und Erbschaftssteuer) zu Stande gebracht, und der Bewilligung der großen Eisenbahn - Anleihe von 120 Millionen Thlr. stand im Abgeordnetenhause nichts mehr entgegen, nachdem der König das Ent- lastungSgesuch des Handelsministers Grafen Jtzenplitz und die Ernennung des Unter-Staatssekretärs Achen bach an desien Stelle vollzogen hatte. Inzwischen beräth der Reichstag mit bestem Fortgänge die Ver­ständigung im Reichs . Kriegsleistungsgesetz," das mit seiner gleichen Berücksichtigung der Erfordernisse ener­gischer KriegSführung unter unbedingter Hingebung aller Mittel wie andererseits der gerechten Vertheilung

durch ausreichende Entschädigung deS deutschen Patrio­tismus würdig zu werden verspricht. Die abschließende Annahme deS Reichs - Münzgesetzes ist vertagt, um noch eine bundesräthliche Vorlage über Banknoten und Papiergeld abzuwarten, die im RcichSkanzler-Amte eben ausgcarbcitet wird; um daS Zustandekommen deS Münzgesetzes noch in dieser Session wird kein Zweifel mehr gehegt.

Aus Oesterreich brachte die Wiener Börse in einer fast noch nie so groß dagewesenen Krise das Hauptereigniß auf den Markt der Woche. Ob eS der Regierung und anderen Consortien mit ihren Millionen gelingen wird, den Schwindel in Recllität zu verwandeln, wird die nächste Zukunft zeigen.

In der Schweiz dauert der kirchliche Conflict noch fort. Bischof Lachat hat an den Bundesrath die Erklärung gelangen lassen, daß er zur Vermeidung von Conflicten Modificationen seiner bischöflichen Ju­risdiction cintreten lassen werde, obwohl er sich noch immer als Bischof der ganzen Diöcese Lasel betrachte.

Der Präsident der französischen Republik hat sich am 11. Mai noch einmal durch das allgemeine Stimmrecht eineLehre und Warnung" ertheilen lasten, die Fahne hoch zu halten, die er in seiner Botschaft aufgesteckt hat, und sich nicht von den Royalisten ein­schüchtern oder breit schlagen zu lasten. Wenn der Staub, verzogen ist, der jetzt noch an allen Ecken und Enden der französischen Blätter und Partciversamm- lungen wirbelt, so wird sih mit Wahrscheinlichkeit vorhersehen lasten, daß Thiers als erfahrener Arzt dem Lande zu dieser Kundgebung Glück wünscht und denkt, wenn er es auch nicht sagt:Es soll mir gut bekommen". Von den fünf Gewählten sind drei Ra­dicale: Ranc und Guyot (Lyon), Perin (Haute Vienne), gemäßigter Republicaner und Boffinton (Charente Jnferieure) Bonaparlist. Wie am 27. in Paris auf Larodet, so waren am 11. Mai auf Ranc und Guyot in Lyon Aller Augen gerichtet; denn hier handelte eS sich um äußerste Gegensätze. Aber die beiden radi- calen Candidaten schlugen mit 88,125 und 87,623 Stimmen die clerical-royalistischen, die nur 39,376 und 38,797 Stimmen erhielten. Die gemäßigten Republicaner hatten gar keine Candidaten ausgestellt und glänzten als passive Zuschauer. Die großen Städte sind mehr und mehr nach links gegangen

und die ländlichen Bezirke folgen ihnen langsamen doch festen Schrittes nach.

Das officiöse italienische BlattOpinione" brachte kürzlich einen sehr bemerkenswerthen Artikel über die im Plane begriffene Reise Victor Emanuel'S nach Wien und Berlin, worin die bestimmtesten An­deutungen zu lesen waren, daß die Regierung sich offen und entschieden zu einer demj deutschen Reiche freundlichen Politik bekennen will. Rom war dieser Tage der Schauplatz unruhiger Scenen, veranlaßt durch eine öffentliche Versammlung im Theater Corea, welche von einigen liberalen Römern, veranstaltet worden war. In dieser Versammlung sollte ein Protest gegen die relativen Begünstigungen bekräftigt werden, welche die Regierung den GeneralatShäusern gesetzlich zukcmmen lasten will, als die Versammlung von der Polizei für aufgehoben erklärt wurde, versuchten etwa 2000 Menschen, in geschlossenem Zuge zum Quirinal vorzudringen, wurden aber durch die bewaffnete Macht vor dem Eingänge der unmittelbar zum Palaste Victor Emanuel'S führenden Straßen zurückgewiesm, wobei eS zum Schießen kam und einige Leute verwundet wurden. In dem Befinden des Papstes ist ein derartiger Schwächezustand eingetreten, daß man sich Tag für Tag auf die Auflösung gefaßt halten kann.

Die Wahlen zu der neuen constituirenden Ver­sammlung in Spanien sind ohne Ruhestörung ver­laufen, da alle der bundesstaatlichen Republik abholden Parteien sich der Theilnahme enthalten haben und die Föderalisten daher ganz unter sich waren.

Das englische Parlament beschäftigte sich im Oberhause mit der zweiten Lesung des Famcett'schen Antrages auf Beseitigung der religiösen Beschränkungen an dcr dubliner Universität, und im Unlerhause mit der Einbringung von Stansfeld's vierter Vorlage über die Reform der Gemeindebesteuerung.

In Holland überwiegt der Krieg in Indien alle anderen Interessen. Der Kriegsministcr läßt Mann­schaften, Officicre und Aerzte für die indische Armee anwerben, zunächst auö den inländischen und den noch dienstfähigen Entlassenen der indischen Armee.

Die belgische Repräsentantenkammer hat nach einer mehrfach unterbrochenen wochenlangen Verhand­lung die allgemeine Berathung über daS Militärbudget endlich zu Ende gebracht.

Die skandinavische Münzconvention ist vom

DaS Majarat.

Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)

So hatte der Banquiar durchgesetzt, was er be­absichtigte, und Wolfram wußte nur die Treue und Beständigkeit deS Mädchens für sich. Wolf war nach den Gütern übergesiedelt, denn dies neue großartige Unternehmen reizte seine Geschäftslust; seine Tochter hatte er mitgenommen, damit er sie unter seinen Augen bewachen könnte. Mit der so raschen Verheirathung an Kleinschmidt, wie er zuerst gedroht, schien es ihm doch noch nicht so recht geheuer, da Antonie im Stade »ar, noch vorm Altar mitNein" zu antworten, was ihm wieder großen Scandal gebracht hätte. Kleinschmidt, als bereits thatsächlicher Kompagnon, führte daS Geschäft und Antonie Lauscher den Haus­halt in der Stadt.

Wie sich nun der Bankier sür die Bcwirthschaf- tung der Güter interessirte, davon hat der Leser schon Einiges aus den Gesprächen des Vogts mit dem Gärtner vernommen. Er war ein Mann, der, was er wfing, ganz thun wollte. Leider verstand er nur »enig oder nichts und al« gebietender Herr und doch Neuling im Fach gab er zu vielen unvermeidlichen Kehlern Deranlaffung. Wenn so, wie bei der derma- ligen Roggenernte Regenwelter eintrat, so waren zwei Källe möglich, e« konnte einmal noch mehr regnen »nd das Getreide ganz verderben und man birgt eS iutior, wie e« eben geht, in den Scheuern, ober man hat Geduld und läßt die Mandeln stehen, bis die Sonne wieder scheint. Junge Leute, Anfänger und Sterlinge, sind mit dem Einfahren um jeden Preis stets bei der Hand. Tie Scheuer winkt unwidersteh­lich, weil es unter dem Dach nicht mehr regnet, aber

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nur über die Revenüen

eingetreten. Nur das Mädchen mit ihrer Liebe blieb noch seine einzige Hoffnung. Wenn er aber der harten Stirn dieses Bankiers gedachte, so mußte ihm wohl über die Entscheidung der Zukunft oftmals bange werden.

Unter diesen Gedanken schlenderte er nach Rei­chenau hinüber, er wollte auf den Hirschanstand gehen, denn das Vergnügen der Jagd blieb ihm noch. Ihm war in seinem Leibrenten Kontrakt ausdrücklich ver­merkt, daß er jagen und fischen nach Belieben könne, nur sei er gehalten, daS Wild an die herrschaftliche Küche abzuliefern. Ach, wie Vieles ging ihm durch die Seele was hatte er nicht schon feit dm vier Wochen des neuen Regiments erfahren? Denn auch er war bereits der Gegenstand der quirulirenben Sorgen bestechen gewesen; man fing an, seinen Leib- renten-Kontrakt neu und interessant auszulegen: auch au dieser Lieferung des Guts sollte das neue Spar- system angewandt werden. Wenn das so fortging, waren Klagen und Prozesse die unausbleibliche Folge und Altentheils Empfänger mit dem Gutsherrn in Klage und Streit das gehört zu den ärgerlichstm Dingen in der Welt. Die Hinterreden thaten schon das ihre, summte von beiden Seiten der Groll fuderweise auf. Noch mieden sich Beide, wo sie hätten einander begegnen können; daneben gingen die Chi- canen loS; so ließ ihm gestern die Mamsell aus der Küche sagen, er solle kein Wild mehr schießen, die Küche brauche keinS. Was ihn das in seinem Jagd- recht kümmern sollte! Darauf nahm er heut gerade seine Flinte, um sein Recht auSzuüben.

Grimm, Grimm überall, wohin er blickte.

des Guts verfügt, was dem derzeitigen Majorats­inhaber völlig frei stand. Somit fühlte sich Wolfram in diesem schweren Kampfe als besiegt und unterlegen; der Zustand, daß er fremd im Eigenen, ein einzelner

sie bedenken den Uebelstand nicht, daß, wenn das Getreide einmal dort geborgen, ihm jede Möglichkeit, wieder trocken zu werden, abgeschnttten ist und nun elendiglich verderben ober so gut es geht, burch Selbst­erhitzung sich lagerreif machen muß. Das war aber noch baS Wenigste. Die Erntezeit erforbertc Ausgaben über Ausgaben, bic er baar zuschießen mußte, viel­fältige anderweitige Auslagen warten ferner immer auf einem Gute, «das sich eine Zeitlang zuvor in lahmen Umständen befand, wie es bei Walsleben der Fall war. Das Alles war feinem kaufmännischen Calcul fein erfreulicher Prospekt, denn hier hieß eS nicht: so und so viel Wechselbetrag, so und so viel DiS cont, so und so viel Gewinn, oder so und so viel Waaren. so viel Prozentausschlag und Gewinuumsatz oft schon in den nächsten Stuirdeir. Ja, von den meisten Ausgaben war ihm gar keine Zuiückkunfl an die Kasse ersichtlich; das machte ihn schwierig, vor­sichtig, knauserig.^ Er glaubte, sich um Alles, bis in das Einzelste, kümmern zu müssen, nm'der Sache auf den Grund zu schm; und damit machte ^r sich täglich seine eigene Plage.

DaS Alles konnte für Wolframs Gemüth keine erfreuliche Erscheinung sein. Der fremde Börsenmann war faktisch in den Besitz eingerückt und da gab es kein Mittel, ihn daraus zu vertreiben. Sein Versuch,

der Zustand, daß er fremd un Eigenen, ein einzelner I So ging er wohl ein dreiviertel Stunde weit bis verlast mer knorriger Stamm dastehen würde, war! er an dm Reichenauer Forst kam. Er spürte dm

beim Gericht Widerspruch gegen solchen nominellen Pachtkontrakt zu erheben, scheiterte, dmn eben in einem Pachtkontrakt ward nur über die Revenüen