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Marburg, Sonnabend, den 17. Mai.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 821 Lar., durch die Postämter 87 S«r. (excl. Bestellgebühr und tucL Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 82 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 6gr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

DnttschrS «eich.

Berlin, 15. Mai. Die Reise deS Kaisers nach Wien, welche ursprünglich auf den 29. Mai festgesetzt war, ist jetzt in den Monat Juni aufge= schoben worden, wahrscheinlich mit Rücksicht darauf, daß die dortige Ausstellung bis jetzt noch immer nicht fertig gestellt ist. Obgleich die Regierung gewünscht hatte, daß der Landtag alle noch vorliegenden Arbeiten erledigte, scheint eS jetzt doch, daß der Schluß der Session noch zum Ende der Woche erfolgen wird. Präsident v. Forckenbeck hat die Befürchtung ausge­sprochen, daß nächste Woche das Haus beschlußunfähig sein werde. Man glaubt allgemein, daß der Schluß diesmal in feierlicher Form erfolgen wird, schon weil eine Legislaturperiode zu Ende geht. Unentschieden ist jedoch noch, ob die Thronrede vom Könige selbst ge­halten oder vom Ministerpräsidenten Grafen Roon verlesen werden wird; die Publikation der wichtigen Gesetze steht unmittelbar bevor. Man erwartet, daß die Kirchengesetze schon heute, das Gesetz über die Serviszulage aber morgen vomStaatsanzeiger" ge­bracht werden wird. DieSpen. Ztg." meint in ihrer Betrachtung über den Leitartikel der jüngsten Prov.-Corresp.", derselbe sei ein wenig zu optimistisch; auch sei es sonderbar, wenn das halbosficielle Blatt hoffe, die Bischöfe sollten in der Erfüllung ihrer Pflichten fortfahren, da sie dieselben überhaupt noch nicht erfüllt hätten. Es muß darauf bemerkt werden, daß dieProv. Corresp." den Ausdrucksortfahren" nirgends gebraucht hat. Allgemeines Aufsehen er- regt es, daß dieKreuzztg." sich zu einer Besprechung der letzten Brochüre des Herrn Constantin Franke hergegeben hat, da diese möglicher Weise selbst soust'lirt hat. Wenigstens ist nicht anzunehmen, daß dieKreuz- ztg." und ihre Freunde den Anschauungen dieses pu blicistijchen Sonderlings Beifall schenken könnten. Herr Franke hat in der letzten Zeit so sonderbare Wege eingcschlagen, daß er schließlich ins Lager der Welfen und Ultramontanen gelangt ist und, wie un­liebsame gerichtlich beglaubigte Enthüllungen beweisen,

mit den Gelbweißen in Hannover nicht nur in po­litischen, sondern auch pecuniären Beziehungen ist.

Die Aushebung der Eisenzölle soll im Schooße der preußischen Regierung Gegenstand einzelner Be- rathungen gewesen sein. Aus guter Quelle hört man, daß dieselben zu dem Resultate geführt haben, daß die preußische Regierung die Aufhebung, und zwar im vollsten Umfange (einschließlich der Maschinen) bei dem BundeSralhe befürworten wird. Auch soll die Aufhebung der Eisenzölle zu den Resultaten dieser Session noch gehören.

Der Präsident des Abgeordnetenhauses hat seine Dispositionen so getroffen, um die jetzt vorliegen­den Arbeiten bis zum nächsten Sonnabend beschließen zu können. Die Eisenbahn - Anleihe und das Gesetz wegen Vertheilung der Preußen zufallenden Gelder aus der KriegScontribution sollen heute und morgen erledigt und das Herrenhaus stets in den Stand gesetzt werden, den Arbeiten des Abgeordnetenhauses zu folgen.

BreSlau, 15. Mai. Domherr Richthofen ver­öffentlicht in den heutigen Zeitungen eine Erklärung bezüglich der Unfehlbarkeit des Pabstes, worin er bc kennt , daß eS ihm unmöglich sei, das vaticanische Concil als ein freies ökumenisches anzuerkennen und seine Beschlüsse als Offenbarungen deS heiligen Geistes anzunehmen; er ziehe deshalb seine frühere im Drange der Verhältnisse abgegebene Unterwerfungs-Erklärung zurück.

_ Gießen, 14. Mai. Die Zahl der Theologie Studirendcn hat auf allen Universitäten bekanntlich abgenommen. Ganz besonders ist dieses aber auf unserer Universität der Fall, im gegenwärtigen Semester ist die Zahl derselben nur 7, so daß auf jeden Lehrer 1 Hörer kommt.

Konstanz, 12. Mai. In einem großartigen sogenanntenHofmetzger"- (d. h. Güter-Zertrümmer-) Prozeß, der die ganze vorige Woche hindurch vor der Strafkammer verhandelt wurde, ergingen nach Meldung desSchw. M." 10 Strafurtheile, 6 An­geklagte wurden freigesprochen, gegen einen, welcher

flüchtig ist, das Verfahren eingestellt. Die Höchstbe- theiligten erhielten 4 Jahre Gefängniß, die geringste Strafe ist 14 Tage. Es wurden 12 Betrugsfälle verhandelt, die alle die größte Familienähnlichkeit besitzen; die Betrüger, gänzlich vermögenslose Subjekte, geben sich für reiche Leute aus und schließen mit Hof­bauern Kaufverträge ab, in welche Klauseln ausge­nommen, aber nicht vorgelesen werden, die der münd­lichen Verabredung zuwiderlaufen. Ist der Vertrag fertig, so muß eine andere Partie dem Bauern Angst machen, bis er sich zu einer Abfindung versteht. Die Betrüger flössen sich dazu gegen Zahlung eines Reu­geldes von 2501800 fl. herbei, und ihr Zweck ist erreicht. Einigemal streifte die Thai nahe an Er­pressung. Daß dieses Manöver in so vielen Fällen wiederholt werden konnte, ist ein trauriges Zeichen für die Leichtgläubigkeit unserer Landbevölkerung. Gestern hat in Singen eine altkatholische Delegirten- Versammlung stattgefunden, bei der etwa 14 Orte vertreten waren. ES wurden auf die Organisation der Bewegung bezügliche Beschlüsse gefaßt.

Stuttgart, 15. Mai. Der. König hat heute den Bischof Hefele von Rottenburg in Audienz em­pfangen. Gestern Abend ist hier Dr. Hermann Reuchlin, Verfasser der Geschichte Italiens, im Alter von 63 Jayren in Folge eines Schlaganfalls ge­storben.

München, 15. Mai. Die Disciplinarunter- suchung gegen die Rechtspracticanten, welche der Spitzcder Rechtsbeistand geleistet, ist beendet. Drei derselben werden aus der Liste der Staatsdienst-Aspi­ranten gestrichen. In Fachkreisen nennt man nach einer Notiz imCorr." als eventuelle Nach­folger Justus v. Liebig's auf dem erledigten Lehrstuhl der Chemie an der Hochschule München in erster Linie Professor Dr. A. W. Hoffmann in Berlin und in zweiter Professor Dr. Kekul« in Bonn. Den vereinigten Bemühungen deS Senates und der philo­sophischen Facultät der Universität München ist eS gelungen, in der Person deS k. Reichsarchivs-Assessors

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Das Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A- Niendorf. tFortsetzung.)

Drunten stand ein alter verwetterter Mann in der Landtracht, in bloßen Hemdärmeln, die Harke auf der Schulter tragend und die Jacke darüber geschlagen. Es war der Hofvogt, das alte Faktotum von Wals­leben, jenes wundersam lebendige Buch aller Normen, wie diese auf dem Hose galten für Knechte, Mägde, Tagelöhner, Pferde, in allen Pflichten und Rechten. Na, Eoersmann, heut' ist doch 'mal ein Wetter zum Kvrneinfahren, die Sonne blitzt wie Karfunkel; nun hat's auSgetobt mit dem Regen. Doch was hilft's Euch? Ich höre, Ihr seid schon fertig und brauchl's nicht mehr!" spottete lachend der Gärtner.

Jawohl," entgegnete der Vogt,dafür fahren wir schon wieder den Hafer ein, der gar noch Leben hat im Halm. Schöne Wirthschaft jetzo!"

Die drüben in Rothenheim und Torzelow und Schwanebeck bringen ihr Korn nun knarrlrocken in die Scheunen; daß muß ein Staat sein, ja, ja, die Klitterung, die Witterung!"

Und wir haden's auf allen vier Gütern mistnaß auffahren muffen, daß eS nur jo raucht. Ich glaub', ks brennt und dampft schon brinne im Tast DaS soll sich dann dreschen und mahlen ..." I

Wenn'S nur nicht gar Haare kriegt!" spottete btt Gärtner und meinte damit, daß es im Tast noch auswachsen könne.

Stellenweise gewiß, ich hab'S gleich beim Abladen gesagt," brummte Jener.Nun ist erst recht verkehrte Well hier", fuhr er fort;sonst waren wir wohl Manchmal um etliche Tage zu spät; dafür sind wir biesmal immer um eine Woche zu früh dabei. Ich sage ja, die Sache geht nicht gut!"

Wie kommt denn das?" fragte der auf der Leiter. »Der Inspektor scheint mir doch sonst kein Neuling i» sein."

Wie'S kommt? DaS sag' Einer 'mal ordentlich. Der Inspektor schüttelte selbst mit dem Kopf, als es

mit dem Einfahren immer Hrauf ging trotz Regen und Wolken. Kümmert sich doch der neue Herr um jeden Quark und weiß das Alles besser. Dem kann nichts rasch genug gehen, und daß daS Getreide nicht wieder trocken werden kann, wcnn's auch vierzehn Tage im Regen- und Sickerwetter stcht, da weiß jo ein Städter nichts davon. Er hat nur die Angst, eS könnte ver derben, nun verdirbt's in der Scheune! Kurz, wir sind acht Tage zu früh, und das kostet viele Tausend Thaler, bringt schlechtes Korn, schlechtes Stroh, wovon das Vieh krank wird. Heut' mähen sie schon den Weizen, denn wcil's nun gut Wetter wird, soll der auch nicht naß werden und möchte womöglich alle- samml an einem Tag herein. Dabei ist sein Kern noch milchweich und muß nothreif werden."

Sagt Ihr denn milsammt dem Inspektor Euere Meinung nicht?"

Immer und immer, aber was hilft's? Der alte Mann ist allein klug, kümmert sich um Alles und redet zwischen Alles, und dann muß es wohl nach ihm gehen, weil er der Herr ist! . . . Und spärlich und geizig ist er, hu! Das soll Alles nichts kosten, über jeden Thaler neue Ausgabe, wo doch so Vielerlei fehlt, entsteht ein Zetermordio! Vordem war immer Nichts da, aber was noth, wurde doch beschafft. Der I hat's mit Scheffeln und gibt nichts heraus. Und nun erst mit den Leuten, da soll Alles neu eingerichtet wer den und viel sparsamer; die Kost ist zu gut, es geht zu viel drauf und die Löhne sind zu hoch das Vieh frißt zu viel. Ach, das ist die rechte Oekonomie, die geraden Wegs in daS Hungerland führt."

Ja, ja, das ist so die Art neuer Wirthe, die zuerst die ganze Welt umkehren wollen, bis sich nach­gerade Alles legt!" lachte der Gärtner.

Bei dem? Nimmermehr, das seh' ich ihm an seiner spitzen Nase an, ein Topfgucker und Kleinkrämer bleibt et sein Lebelang. Ich denke dran, zu kündigen und suche mir mein Brod aus einem anderen Hof."

Ihr werdet doch nicht, Eoersmann? Ihr seid ja auf dem Hofe grau geworden!" warf Jener ein.

Ja, das ist's eben, man macht bedächtig seinen Gang und thnt seine Schuldigkeit, aber mir geht'S wie unfern alten Kutschpferden, die trotten nun dem Herrn auch schon zu langsam. Heut hat er sich die feurigen Vierspäner anspannen laffen, damit es schneller von Statten geht. Gestern hat er den Raps in Reichenau säen lassen, da muß er heut zusehen, ob der nicht schon aufgeht und hinten in Wilkenau wird der Weizen gemäht, wenn er da nicht zusieht, werden ihm am Ende die Stoppeln zu hoch stehen gelaffen.

So klang die bittere Philippica des Vogts, der allerdings in den innern Angelegenheiten des neuen Regiments genugsam Bescheid wußte, weil er als Empfänger von so mancherlei Bestellungen so Manches in unmittelbarer Nähe sah und hörte.

Aber ein Dritter hatte dem Gespräch zugehört. Wolfram trat auS dem Gebüsch des ParkS mit dem Jagdgewehr auf der Schulter.

WaS flennt Ihr da, Eversmann! Sprecht doch noch lauter, damit eS alle Welt hört!" spottete Wolfram.

Mag'S doch fein, eS ist ja nur die pure blanke Wahrhaftigkeit. Sie wiffen'S ja!" erwiderte der Vogt.

Wahrheit hin, Wahrheit her! Schwatzt nicht, sondern thut, was Euch befohlen wird."

Das geschieht ja doch, und versteht sich schon von selber."

Aber Ihr nehmt's auf und thut'S mit Kopf- jchütteln und widerbellischen Mienen. Da denkt der neue Herr, die Ungunst, daS Schweigen und das Murmeln käme von mir. Ich wär'S, der die Leute aufhetzte und das wäre doch schändlich und hinterlistig von mir, weil ich's Brod vom Hofe annehme."

Ach Gott, Herr Baron, das ist nicht wahr, das will ich dem Herrn CommissionS-Rath doch selber sagen!"

Laßt daS bleiben, das ist gescheuter. Ich kümmere mich um nichts und brauche auch keine Vorsprache,