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Mr. 113

ZUarKurg, Mittwoch, den 14. Mai

1873

? Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 221 Sgr durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bchellgebühr und tnd. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches »eich.

## Berlin, 12. Mai. Se. Majestät ist Sonn­tag Nacht im erwünschten Wohlsein zurückgekehrt und sehr befriedigt über den Empfang in Petersburg, welchen Gefühlen der Monarch wohl auch gestern bei dem Empfang der Minister Ausdruck gegeben haben wird. In den nächsten Tagen werden nun die Vorträge bei Sr. Majestät von den verschiedenen Ressortministern gehalten werden, welche zum Gegen- ftanve die Erledigung wichtiger Regierungsangelegen^ heilen haben; zu diesem Zweck tritt morgen das Staatsministerium zu einer Sitzung zusammen. Die Vollziehung der Kirchengesetze ist in nächster Zeit zu erwarten; die Hoffnung der Uhramontonen, daß die Ausführung der Gesetze vertagt werden würde, dürfte sich als eitel erweism; im Kultusministerium sind alle einleitenden Vorbereitungen geschehen, um den Gesetzen gleich ihre bindende Kraft geben zu können, namentlich ist die Einrichtung deö Gerichtshofes für katholische Angelegenheiten in den Vorstadien in An­griff genommen. WaS die Beantwortung der In­terpellation Virchow's in Bezug auf das Servisgesetz anbelangt, so glaubt man bestimmt, daß der Finanz Minister Mittwoch eine den Interpellanten erwünschte Erklärung abgcben wird; alle Gerüchte über Difse renzen im Ministerium über diese Angelegenheit sind durchaus unrichtig und besonders, daß dieferhalb eine Ministerkrisis bevorstände. Die national-liberale Partei hat nunmehr ebenfalls einen Wahlaufruf er­laßen, der, wie dieNat.-Ztg." sagt, einstimmig an­genommen ist. Im Großen und Ganzen stellt sich dieser Ausruf auf den Boden des Breslauer Wahl­programms, indem er in erster Reihe die Bekämpfung aller staatsfeindlichen Candidaturen ausspricht und sich daher, wo solche in Frage kommen sollten, für eine BundeSgenofsenschaft sowohl mit der Fortschritts­partei als mit den Ccnservativen erklärt. Die Gerüchte über das Ergebniß der Untersuchung gegen den Geheimenrath Wagener tauchen neuerdings in so

widersprechenden Angaben auf, daß schon diese allein genügen, um darzulegen, daß dieselben falsch sind. Der Gang der Untersuchung muß feinen ruhigen Ver­lauf nehmen und erst alsdann wird es möglich fein, authentische Angaben machen zu können.

Das EnllafsungSgesuch deS Handelsministers Grafen Jtzenplitz, schreibt dieEpen. Ztg.", hat nun­mehr die Allerhöchste Genehmigung erhalten. Es gilt vor wie nach als unzweifelhaft, daß dem jetzigen Unter« staatSsecretär Dr. Achenbach das erledigte Portefeuille anvertraut werden wird, doch war über seine Ernen­nung heute noch nichts bekannt. Aller Wahrscheinlich feit nach wird indeß die letztere nicht lange auf sich warten lassen, da die so bedeutsame 120 Millionen- Anleihe morgen auf der Tagesordnung deS Abgeord­netenhauses steht. ES dürste kaum möglich sein, die Verhandlung über diese militärisch und wirthschaftlich so wichtige Vorlage, die zugleich eine Wendung in unserer Eisenbahnpolitik bezeichnet, zu beginnen, ehe der Ressortminister da ist, welcher die in der Vorlage enthaltenen Principien mit voller Verantworllichkeii zu vertreten im Stande ist.

Der Kultusminister Dr. Falk wird seine Reise nach Hessen noch in dieser Woche antreten.

Kiel, 11. Mai. In den letzten Tagen war der Geh. Regierungsrath Knerck au6"bctn Kultusministerium in Begleitung deS Landbaumeisters Professor Gropius hier anwesend, um Maßnahmen wegen der bevorstehen­den umfangreichen Bauten neuer Instituts - Gebäude unserer Universität zu nehmen. Es sind dem Ver- nehmen nach die Ankäufe von drei größeren Grund­stücken vollzogen, welche die akademischen Heilanstalten und den für das neue Universitätsgebäude bestimmten Platz begrenzen. Hier sollen innerhalb drei Jahre ein physiologisches Institut, ein chemisches Laboratorium, eine Anatomie und zoologisches Museum, sowie ein Bibliotheksgebäude errichtet, auch ein neuer botanischer Garten angelegt werden. Was den im Laufe der Jahre oft besprochenen Universitätsbau betrifft, so sind

nach einem an den geschSftSführenden Landesausschuß (der für denselben etwa 100,000 Thlr. freiwilliger Beiträge zusarnmengebracht hat) gerichteten Ministerial- schreiben die Zeichnungen und Anschläge superrevivirt und die Kosten auf 207,400 Thaler festgestellt worden. Die anfänglich dem von hier wieder versetzten KreiS- Bauinspector Pawelt übertragene Bauleitung hat der Minister der geistlichen, Unterrichts- ic. Angelegenhei­ten in Uebereinstimmung mit dem Minister für Handel rc. dem Landbaumeister Professor Gropius und dem Baumeister Schmieden in Berlin übertragen, die sich der Beaufsichtigung des BauratheS der königlichen Regierung zu Schleswig und der Ueberwachung deS schon früher gewählten Bau - Comits's, in dem auch der geschäftsführende Ausschuß vertreten, zu unter­werfen haben. Die genannten Architeeten haben die Weisung erhalten, den Bau sofort in Angriff zu nehmen.

Weimar, 9. Mai. Der weimarsche LandeS- Lehrer-Verein hat auf den dritten Psingsttag eine Delegirtenversammlung aller Specialvereine hierher berufen, um die Wünsche der Lehrer hinsichtlich der Grundzüge zum Volksschulgesetz zusammenzustellen und dann der Regierung zu unterbreiten. Bereits sind aus allen drei Kreisen Gutachten an den Central- Vorstand ergangen, in welchen fast durchweg die Be­seitigung der Locab Schul-Aufsicht, die Einsetzung von Schnlinspectorm aus der Reihe practischer Schulmänner, die völlige Gleichberechtigung mit den Staatsdienern, die besondere Vergütung der Kirchendienste und der Wegfall der niederen, sowie höhere Besoldung gefordert wird. Auch für eine höhere Ausbildung der Semi­naristen sprechen sich die meisten Lehrer aus.

Darmstadt, 10. Mai. Bis zum Jahre 1852 betrug die Hundesteuer nur 45 Kreuzer. Ende deS genannten Jahres wurde sie, um die Zahl der Hunde und damit die Gefahr der Hiindswuth zu verringern, auf 2 Gulden erhöht. Diese Erhöhung verfehlte ihren Zweck nicht, denn während 1852 im Ganzen 32,142

Das Majorat.

Historisches Familiengemalde von M. A. Niendorf.

(Fortsetzung.)

Die Baronin senkte den Blick wie eine züchtige Jungfrau und zögerte.

Nun, gnädige Frau Muhme?" mahnte der Vetter, »wir sind unter uns, erklären Sie sich!"

Da seufzte die Gräfin Sparr recht tief aus Her zensgrund und sagte:Ach ich sehe wohl, mit den Ädelsvorurtheilen steht'S so so, wie man die Hand «wdreht!"

Da sprachen Sie eine treffliche Wahrheit au«, dickte Wolfram,sehen Sie, das nennt man, sich zur Höhe der Zeit erheben."

Die Baronin stieß dabei wieder einen herzhaften Seufzer aus, der sicherlich sagen wollte, daß sie ganz der entgegengesetzten Meinung war, nämlich, daß sie w einen Abgrund sinke.

Jetzt seien Sie gutes Muths," tröstete er,gehen Sie und trösten Sie Ihren Gemahl in der Schuld­est, er soll nur nicht verzagen. Allein ich rechne auf ähr Versprechen!"

Ich verspreche Ihnen Alles, was Sie wollen, »tnnx®ie nur Wort halten!" erwiderte die Baronin nnd floh in ihre Kammer, wo sie noch einmal in stnte Klagen losbrach.O, diese Kuhmagd! O, dieser Wolfram! Ach, Alles will ich erdulden, wenn ich nur *ein gräfliches Prestige nicht verliere."

Wolfram aber rieb sich froh die Hände und lachte ittut, indem er sagte:Was doch ein Begriff mehr *et weniger im Gehirn einer Gräfin für eine Re­volution hervorbringen kann!"

Jetzt trat Alfred ins Zimmer, er kam von feinem ®6ter, den er im Gefängniß besucht hatte, da er ihn 8® Morgen nicht mehr gesprochen. Er war bewegt von diesem Schlag, der ihn mit düsterer Vorahnung feine« eigenen Schicksals erfüllte.

WaS ist's?" brummte Wolfram.Dein Vater ev dort seine Bequemlichkeit ganz wie hier, hat keine Torge, ja noch eine Plage sicherlich weniger, nämlich stiue Frau."

Sie scherzen, Wolfram, und doch ist die Sache nicht scherzhaft. Er ist gebeugt, niedergeschlagen und seufzt nur über Sic! Denn Wolf hat offen gesagt, er will mit dieser Pression den Verkauf erzwingen."

Hm, den Verkauf," murmelte Wolfram;red' mir da nicht drein, ich weiß Alles."

Ich muß wohl drein reden," entgegnete Alfred. Unser Besitz ist verlorenes Gut, was hilft das Rück­wärtsblicken ? Die Zinsen verzehren es mehr und mehr. Was soll aber werden, wenn Wolf mich eben­falls greifen läßt, da ich bereits verklagt bin und nicht zahlen kann? Soll ich entfliehen? Soll ich bleiben ? Wollen Sie mir meine ganze Zukunft ruiniren ? Wie kann ich bei der Regierung eintreten, wenn mich das Schuldgefängniß hält und das Er- eigniß durch die Stadt läuft ? Ich aber will mit eine Stellung in der Welt erringen und dazu war das Angebot des Bankiers trefflich geeignet."

Du wolltest das Sündengeld nehmen?" fragte Wolfram finster.Und Deine Liebe?" fügte er lauernd hinzu.

Hoff' ich erst recht zu erringen; dazu gehört Zeit und Weile; nur muß mir mein bürgerlicher Ruf nicht ruinirt werden."

»Laß die Flausten! Strebe nach den Gütern, das ist Deine Aufgabe!" brummte Wolfram finster.

»Hatter Mann," tief Alfred schmerzlich.Ich erkenne meinen alten Ohm nicht wieder, dem ich einst auf den Knieen spielte!"

Hart hm, hart hm!" rief Jener ingrimmig. Die Zeiten fordern Beständigkeit und Eifer. Klein- muthige Weichlinge seid Ihr, die Ihr sogleich Alle« verloren gebt. Mit solchen Steinen, wie der Wolf wirft, stürzt man einen Thurm nicht. Der Thurm, das ist unser Lehnsitz. Laß das Rattenvolk von Geldleuten erft zehn Iahte an ven Fugen nagen, um die Bausteine zu lockern und bann siehe zu, was sie geschafft haben. Und hätten sie was geschafft, dann wät's immer noch Zeit zu dem, was Ihr heut schon wollt. Ach, Ihr seid schon dem Lande entwöhnt,

kein Funke von der Ausdauer eines Bauern steckt in Euren Adern."

Aber, Wolfram, Ihre Ausdauer streift an Eigen­sinn; Sie wollen ein Schiff retten, daS rettungslos untergeht, wir wollen uns selber retten, indem wir'S verlassen, und auch Ihnen ist'S geboten, Ihnen winkt erst recht ein sorgenfreies Alter, wenn Sie einwilligen."

Schweig mir davon, dieser Versucher soll mir nicht nahen!" rief Wolfram heftig.Ich bin in Walsleben geboren und will in Walsleben sterben, wollt', Ihr hättet eine Ahnung von dem, was man zu Land Heim - Muth nennt. Ich hab' zu lang das Brod von dieser Erdenscholle gegessen, das Wasser ihres Bodens getrunken, die Luft ihrer Wälder ge- athrnet, als daß ich nicht mit jedem meiner Gedanken an sie gebunden wäre. Ihr seid schon wie die Städler, wie die windigen Leute, heute hier, morgen dort, habt Euch an gekauftes Gut gewöhnt, gleichviel, ob's in Rußland oder Ungarn gewachsen ist."

Das bleibt Ihnen ja immer, denn Ihre Leib­rente kann kein fremder Herr von Walsleben löschen .."

Denkst Du, ich sollt'« ertragen, daß ein Anderer aw meine Familie dort Herr ist, der mir jeden Bissen neidisch in den Mund zählt und auf meinen Tod wartet? daß ich fremd wäre im Land meiner Ahnen und jeden Morgen mit dem Gedanken aufstehen sollte, daß eine andere Hand die Zügel des Regiments führt? Ich habe an der leidigen Administration schon Aerger genug. Ehe ich das erlebte, lieber ging ich ganz davon und ließe mein Altentheil im Stich. DaS ist's eben, das ich nicht leiden und ertragen mag, nimmer und nimmer."

Alfred blickte in die Seele Wolfram's, und er hegr-ff nur zu viel von dem, was darin verging.Auch ich fühlte dasselbe, Wolfram", sagte er,als ich zum letzten Mal draußen war, und mich jede ©tätte'meiner Kindheit mit ihren treuen Augen begrüßte. Doch als tch einsah, daß ich Alles meiden und für immer ver­lassen müßte, da wandte ich mich, und ich gesteh' eS, unter heißen Thränen gelobte ich'- iU ver­gessen! . .