Ur« 111» ZNarKurg, Sonntag, den 11. Mai. 1873
! Obcrhessische ZeituM
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Politische Wocheu-Uebersicht.
lieber die Anwesenheit Kaiser Wilhelms am Hofe seines kaiserlichen Neffen Alexander weiß die deutsche wie die russische Presse nur neue und erfreuliche Züge zu berichten. Im besten Wohlsein hat der Kaiser die Rückreise bereits angetreten. Der deutsche Kronprinz weilt indessen mit der Frau Kronprinzessin und dem ältesten Sohne als Gast und Protektor der deutschen Ausstellungs - Abtheilung am Hofe des Kaisers von Oesterreich. * — Arn Montag dieser Woche ist das Abgeordnetenhaus wieder zusammengetreten und hat bereits die vom Herrenhaus amendirten kirchen politischen und Steuer - Gesetzentwürfe in der Freitagssitzung in Schlußberathung angenommen. Das Jnvaliden-Unter- stühungS - Gesetz wurde vom Reichstag erledigt und damit ein weiterer Schritt in der Kräftigung der ReichSeinheit vorwärts gethan. Hoffentlich werden die noch schwebenden Differenzen, um auch das Münzgesetz zur Erledigung zu bringen, glücklich beseitigt werben.
In Wien herrscht jetzt bei Hofe Jubel und in der Stadt Spannung auf die reichen Fischzüge an Ruhm und Geld, den in altberühmter praktischer „Gemächlichkeit" der Wiener als Tribut von den Welt sahrern beansprucht. Weil es nun einmal so befohlen werben, erfolgte richtig am 1. Mai die Eröffnung der Ausstellung, aber es herrschte bis jetzt Frühlingswetter und Schauvergnügen weder im Jndustriepalaste, noch im Prater. Die Delegationen huldigten einer festlichen Ausnahmestimmung und. Kriegs Minister v. Kuhn hat sein Budget mit Sang und Klang in einer kurzen Sitzung aufs Trockene gebracht.
Der al» carlistischer Werber in Genf verhaftete Kämmerer des Herzogs von Madrid ist gegen Caution provisorisch der Haft entlassen, inzwischen aber der Herzogin von Madrid vom schweizerischen Bundesrath der Aufenthalt in den westlichen und südlichen Cantonen untersagt worden. — Die im Canton St. Gallen am Sonntag (4. Mai) stattgehabte Neuwahl des CantonS rathS hat der liberalen Regierung den Sieg gegeben. Der neue CantouSrath zählt 96 liberale gegen 65 ttltramontane Mitglieder.
Durch die Ersatzwahlen zu der Nationalversammlung Frankreichs sind Thiers und Gambetta, obwohl gegen ihre persönliche Neigung, einander näher gerückt, als sie den Anschein haben wollten: der rothe Kaden, der sie verbindet, ist der Chauvinismus, der bei dem alten Parteigänger von 1840 nur etwas
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Das Majorat.
Historische- Familiengemälde von M. A. Niendorf.
> (Fortsetzung.)
Wolfram war unter so beroanbten Umständen in der Stadt geblieben, er wohnte draußen in der Vorstadt in einer bchcheidenen Ausspannung zum „billigen Wirth", die an der Chaussee nach Walsleben hinaus lag.
Das zufällige Gespräch über die Resultate der Verwechselung, das er mit der Lauscher geführt, ver- -anlaßte ihn, die Bekanntschaft des Rektors zu suchen, wo ihm die Chronik über die Sparr's große Freude machte, ohne daß er das Leiseste davon merken ließ. Allein, was er angab, möge der Leser aus nachfolgender Seme erschen.
Einige Tage nach dem Balle kam er mit dem Rektor und der Chronik nach der Wohnung des Barons von Röbell angezogen.
Noch auf dem Flur, ehe sie die Treppe hinauf gingen, überkam den Rektor eine unbestimmte Furcht- famfeit, so sehr ihn auch Wolfram mit seiner Liebhaberei für Heraldik und Erzählung gar vieler kleinen lustigen Personalien aus allerhand distinguirten Familien umstrickt hatte.
Er begann mit einem Fuß auf der schmalen Treppe: „Herr Baron, ich hoffe aber nicht, daß Dero Frau Muhme, die eine geborene Sparr sein soll, davon Unannehmlichkeiten habe . . ."
„Nicht im Geringsten, Herr Rettor," betheuerte Wolfram. „Wie würde ich sonst so alte Geschichten, aufrühren? Ich habe Ihnen im Gegentheil bewiesen, daß ihr, Sie werden es sehen, die Nachricht äußerst angenehm ist; sie bringt ihr enormes Glück." Und
längere Fristen stellt, als bei dem Ex - Diktator von 1871. Auch Emil de Girardin, der alte Sturmvogel, der mit Projekten regelmäßig hervortritt, wenn Un- weiter drohen, hat einen offenen Brief in der „Presse" veröffentlicht, worin er auf sofortige Bildung eines homogenen Cabinets aus Männern der Linken und aus dem linken Centrum bringt. Aber Thiers wird es schwerlich jetzt schon wagen, der Majorität mit einer solchen Combination entgegen zu treten. Dagegen sind allerlei Anzeichen vorhanden, daß die linke Seite des Hauses mit den Perieristen den ersten Versuch wagen wirb, halb nach Wiederbeginn der Session auf die definitive Proclamirung der Republik zu bringen. Daß die Rechte sich gegen biefe Erklärung wie gegen die Agitation Gambetta'S für die Auflösung der Natio- nal-Versammlung sofort nach Räumung des Gebietes verzweifelt wehren wird, steht zu erwarten. Thiers läßt verbreiten, daß es mit der Auflösung keine Eile habe, und eS ist daher schwerlich vor Herbst eine entscheidende Thal von ihm zu erwarten, wenn nicht wieder einmal der alte französische Hausgeist: „Unvorhergesehen" allen Bedenken zuvorkommt und ohne Ansehen der Personen eine Lösung herbeiführt.
Die politische Ruhe Italiens ist am 1. Mai plötzlich durch eine Ministerkrisis gestört worden. Veranlaßt war dieselbe durch einen Beschluß der Kammer, welche eine Ausgabe von 23 Millionen für ein Arsenal in Tarent festsctzte, während Sella erklärte, nur 6V2 Million missen zu können. Da die Majorität, welche gegen die Regierung stimmte politische Farbe hatte, so mußte diese Krisis enden, wie sie wirklich fünf Tage nach ihrem Ausbruche geendet hat, nämlich mit einem Compromisse, der den Mitgliedern des Cabinets gestattete, am Ruder zu bleiben. — Das Befinden des Papstes hat sich so weit gebeffert, daß derselbe wieder Deputationen empfangen kann. Besonderes Aussehen erregte eine aus Frankreich angelangte, welcher der Papst versicherte, daß er ganz Frankreich segne, auch diejenigen in demselben, welche nichts von seinem Segen wissen wollen.
Die spanische Regierung versichert in einem von sämmtlichen Ministern unterzeichneten Erlasse, daß sie alle ihre Kräfte aufbieten werde, um die Freiheit der bevorstehenden CorteSwahlen zu sichern, und schiebt denjenigen, welche sich dennoch an denselben nicht beteiligen würden, die Schuld zu, wenn sie ihre Parteihoffnungen getäuscht sehen sollten. Ob
er deducirte dem horchenden Rector nochmals vor: „Diese hier erwähnte vierte Tochter der Sparr's ist jetzt traft ihrer Geburt im Besitz einer reichen Fräuleinstiftung der Familie, das jedesmal der jüngsten Tochter zufällt. Die Stiftung besteht in den Revenüen des Guts Hohenlehme. Meine arme Muhme, der es, wie Sie wissen, so herzlich schlecht geht, ist die dritte Tochter. Die edle Gräfin hat nichts, gar nichts mehr, seitdem die Güter ihres Mannes über und über verschuldet sind. Wenn sie nun beweist, daß sie das jüngste Grafenkind und Jene, als Tochter einer Kuhmagd, gar fein« ist, fo sehen Sie, tritt Sie in jene große Revenue als Nutznießerin ein. — Wenn sie nicht so streng sein und den Eklat in ihrer Familie vermeiden will, — denn wer kann für solche Menschlichkeiten — dann mag jene Schwester mit ihr schwesterlich theilen und die Sache wird weiter vertuscht —",
„Das könnte aber ein artiges Prozeßchen geben, und ich — ich würde am Ende darin verwickelt, bedenken Sie, Herr Baron, ein Lehrer und — ein auffallender Prozeß! — "
„Ei, wie denn, Herr Rektor? Ich übernehme Alles."
„Sehr verbunden, Herr Baron, doch meine Stellung als Subrektor, meine bescheidene Ruhe, — Ka baten und Jntriguen würden sich gegen mich erheben, durch falsche Zeugnisse könnten mir Fälschungen vorgeworfen werden, gerade wir Lehrer muffen Alles vermeiden — man kennt das!"
Das kleine Männchen zog feinen Fuß zurück von der Treppe. Wolfram hielt ihn fest und griff nach dcm Buch, das der Scholar unterrn Arm trug. Er
diese Versicherung die Gegner der Föderativ-Republik beruhigen wild, ist nach der gewaltsamen Auflösung des ständigen Ausschusses der National Versammlung und nach den erfolgten Verhaftungen zum mindesten sehr fraglich geworden. Gegen die Carlisten ist nur im nördlichen Catalonien bei Monseny ein Erfolg errungen worden, wofür der Sieger Cabrinetty vom Obersten zum Brigadier befördert wurde.
Trotz feiner schwachen Stellung hat das englische Ministerium es gewagt, dem Unterhause noch einen recht wichtigen Gesetzentwurf oder vielmehr drei Entwürfe vorzulegen, in welchen die Localbesteuerung einer Reform unterzogen wird. Der erste Entwutf bestimmt den Gegenstand der Besteuerung Näher und hebt manche bisherige Befreiungen auf; der zweite strebt eine größere Gleichmäßigkeit der Einschätzung an;' der dritte vereinfacht die Erhebung durch Zusammenfassung der verschiedenen Steuern in eine consolidirte Steuer. Im Oberhause hat die Vorlage wegen Errichtung eines Obersten Gerichtshofes die dritte Lesung überstanden und wird nun an das Unterhaus gelangen.
In der Zweiten Kammer der n i e d e r l ä » d i s ch e n Generalstaaten theilte der Colonial - Minister verschiedene Telegramme aus Indien mit, nach welchen der Rückzug der Truppen von Atschin und die Einschiffung derselben ohne weitere Störung von Seiten ves Feindes Statt gefunden hat. Die Regierung beantragte einen Credit von 5^2 Mill. Fl. zur Fortsetzung des Krieges gegen Atschin.
In der belgischen Repräsentantenkammer hat die allgemeine Berathung des Kriegsbudgets eine endlose Debatte über die Organisation der Armee, die allgemeine Dienstpflicht und das Remplacirungssyftem hervorgerufen. Die Hauptredner beider Parteien haben ausführlichst gesprochen, die Debatte wurde aber unterbrochen, weil der Minister Malou durch Familienver- hältnisse verhindert war, derselben beizuwohnen.
Das dänische Folkething hat mit 61 gegen 39 Stimmen kundgegeben, daß es, um das derzeitige Ministerium zu stürzen, denn doch nicht zu dem zweischneidigen Schwerte der Steuerverweigerung greifen mag. So heftig die Linke auch darauf hindrängte, die jütländischen Abgeordneten ließen sich nicht irre machen, sondern stimmten mit für die Gesammtbe- willigung des allerdings vielfach, namentlich im Marine Etat, verkürzten Budgets, das nun nochmals vom Landeslhing berathen werden muß.
Das norwegische Storthing hat jede Erweite-
nahm'S und sagte: „Nun bann will ich's gefunden haben und Sie sollen nur von mir gerufen fein, um das dumme Latein zu Übersctzen, das ich nicht verstehe und meine Muhme auch nicht. Das können Sie doch thun?" —
„Das möchte gehen und schlägt in mein Amt," erwiderte der bedenkliche Schulmann. Ich bin der sachverständig ernannte Interpret der städtischen- Urkunden —"
„Na, sehen Sie! Gehen wir," redete Wolfram zu und Beide fliegen die Treppe hinaus.
Hier war indeß heut Morgen eine andere Katastrophe hereingebrochen; heut Morgen um 7 Uhr war der arme Baron buchstäblich ans dem Bette geholt und laut Ordre in das Schuldgefängniß abgesühr worden. Seine Entschuldigung wegen Rheuma, Gicht und Podagra hatten ihm nichts geholfen, denn er hatte immer noch nicht an diese Möglichkeit ernstlich glauben können, und deßhalb immer noch unterlassen, sich mit den betreffenden ärztlichen Zenguiffen zu Berbarrifabiren.
Die geborene Gräfin empfing Wolfram in tief schwarzer Trauer unb demgemäß angenommenen Schmerzensmienen, denn sie rooüte Bittgänge machen unb ihren Gemahl besuchen.
„Nein, nein," tief sie in trostloser Klage, „so tief zu sinken, mein Mann, ein Baron, in Schult» hast
Wolfram zuckte bie Achseln. „Ja, ber Baron hätte keine Schulden machen müfsen."
„Ist das aber vor Gott und Menschen verantwortlich, daß ein Geldjude solche Gewalt üben darf