Jfr. 110. , Marburg, Sonnabend, den 10. Mai. 1873.
Oberhesftsche ZemyM
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Deutsches Striche 6 n
#• Berlin, 8. Mai. Wen« .in einige» Wiener Blattern eine gewisse Gereiztheit zu Tage getreten ist, daß die „Provinzial-Correspondenz" in ihrer vorletzten Nummer den Besuch des Kaisers Wilhelm- in Petersburg besonder« besprochen hat, so scheint diese Verstimmung nur in dem Umstande einen Grund finden zu können, daß innere Parteiwallungen und die Constel- lation der früheren österreichischen Politik bte Verhältnisse der Gegenwart nicht richtig erkennen lassen. Der Nagel, bett das Einvernehmen Deutschlands und Ruß lands für Oesterreich hatte, hat doch längst seine Spitze verloren und c» kann doch nicht anders gesagt werden, daß seit der September-Zusammenkunft der drei Kaiser und seit der Gestaltung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Oesterreich und Deutschland alle Preßorgane in Preußen, die irgend mit den Anschauungen der Regierung vertraut waren, dieses Zusammengehen der drei östlichen Mächte besonders betont haben. Die heute zur Ausgabe gelangte „Provinzial-Correspondenz" Mhmt in ihrem Leitartikel „Die Weltausstellung in Wien" hierauf zuück, und es wird dieser Artikel jeden falls die Unftatlhaftizkeit und Einflüßlosigkeit jener kritischen Artikel der Wiener Blätter in das Licht stellen, mit welchem fie betrachtet zu werden verdienen, d. h. der Ansicht einzelner Parteiführer. — Der Correspondent der „Elberf. Ztg.", welcher neulich von politischen Abmachungen in Petersburg sprach und diese Nachricht dadurch bestätigen wollte, daß ein Brief des Fürsten BiSmarck dieses ausgesprochen, kommt »ohmals darauf zurück mit dem Hinzufügen, daß er diese Angabe um so mehr bestätigen könne, als er deShalbige Andeutungen von bet russischen Gesanbt- schast erhalten habe. Es muß wiederholt bemerkt werden, daß in Petersburg von separaten Vereinbarungen irgend welcher Art nicht die Rede ift.”! — Der Tod des Geh. Hofraths Borck hat, wie aus Petersburg berichtet wird, den Kaiser in tiefe Betrübniß versetzt; die Leiche des Verstorbenen ist nach Wien übergeführt
Das Majorat.
Historisch«« Familiengemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.) - ' -
AuS dem Tanzsaal trat jetzt die Rektorstochter und als sie des alten Wolfram ansichtig wurde, be grüßte sie ihn lächelnd als alten Bekannten; denn sie hatte ja in Walsleben mit ihm verkehrt.
„Sie habe« uns Alle trefflich düpirt, Sie spielten die Hochgebietende Herrin in Walsleben, daß Niemand im Entferntesten den Rollentausch ahnte!" begann Wolfram.
„Sie müssen ihn entschuldigen," erwiderte die Lauscher etwa« verlegen, „er ward nur auf Fräulein Wolfs Wunsch eingeleitet."
„Die-Verwechselung.brachte noch seltsame Täu- ichungm zu Wege."
„O ja, auch ich hatte davon zu leideng doch war's nur ein Scherz von acht Tagen und kein Ernst auf Zeitlebens, wie das doch auch vorzukommen pflegt. Ich hörte erst neulich so etwas von der gräflichen Familie von Sparr . . ." Die Lauscher dachte zu ihrer Entschuldigung an die Ammengeschichte.
„Der Sparr'« auf Schortau?" fragte Wolfram wfhorchend.
„Ich glaub«. Jnteressirt Sie die Familie?"
„Ich kenne fiel"
„Dann können Sie eine schlimmere Verwechslung bernehmen, welche wirklich vorgekommen sein soll." ünd redselig wie sie war, und glücklich einen aufmerksamen Zuhörer zu finden, berichtete sie dem alten Wolfram Alls«, was sie von der latainischen Vorlesung ihre« Vater« aus der Chronik behalten hatte.
Sie war noch nicht ganz damit zu Ende, als Kleinschmidt höchst aufgeregt aus dem Saale stürzte, Fräulein Lauscher attaquirte und ohne Wolfram zu pachten, rückwärts auf den Saal zeigend, in heftigen «»«rufen losplatzte:
„Da sehe» Sie'« eben habe ich ihr Vorstellungen $ machen gesucht, aber sie kennt keine Rücksicht, ^ine! Ein ganz neuer Anbeter hat sich eingefunden! Wie holdselig sie erst zu diesem lächelt, wie sie sich
und wird auf dem Jerusalemer Kirchhof an der Seite der Schwester des Dahingeschiedenen, Baronin v. Wolff, bestattet. — Aus parlamentarischen Kreisen wird die Nachricht laut, daß der Schluß des Landtages in nächster Woche zu erwarten sei. Eine solche Annahme wird doch nur alsdann möglich sein, wenn man den größten Theil der Vorlagen, die noch zu erledigen sind, unerledigt ließe. Die ,;Prov. - Correfp." erklärt denn such, daß der Schluß der Landtags-Session wohl nicht vor Pfingsten zu erwarten sei, und dieses um so mehr, als die Regierung besonderes Gewicht darauf legt, daß die 120 Millionen Eisenbahn-Anleihe-Vorlage und der Entwurf über den Gebrauch der deutschen Sprache im amtlichen Verkehr Gesetze werden. — Die Special Utttersuchungs-Commisston über das Eisenbahn- Concessionswesen hat gestern eine längere Sitzung gehalten und mit dieser, wie man hört, ihre Verhandlungen für einige Zeit geschloffen. Kammergerichtsrath Köxte ist mft der Ausarbeitung des Berichts betraut, welche Arbeit 2—3 Wochen in Anspruch nehmen dürfte. Zur definitiven Feststellung des Berichts wird die Commijsion alsdann wieder zusammentreten.
— Die „Provinzial Correspondenz" betrachtet das Zustandekommen des Münzgesetzes als durch den Reichslagsbeschluß über die Ausprägung von Zweimarkstücken zweifelhaft geworden, wenn weitere Erwägungen nicht einen Weg der Verständigung zur allerseits als dringlich erkannten Durchführung der Reform ergäben. Das genannte Blatt bezeichnet die Annahme der Kirchenvorlagen durch das Abgeordnetenhaus in der Fassung des Herrenhauses in der Sitzung am Freitag ober Sonnabend als völlig unzweifelhaft. Die allerhöchste Vollziehung und die Veröffentlichung werde voraussichtlich im Laufe der nächsten Woche erfolgen. — Die „Prov.-Corr." schreibt ferner, daß der Schluß des Landtages bei der großen Anzahl der anderen wichtigen Vorlagen trotz wünschenswerther Rücksichtnahme auf die gleichzeitigen Arbeiten des Reichstages nicht vor Pfingsten statifinden werde. — Fürst Bis
marck wird gleichzeitig mit dem Kaiser in der Nacht vorn 10. auf den 11. in Berlin zurückerwartet.
— Wies es heißt, hat das Preußische StaalS- ministerium in Betreff der Tabak- und Börsensteuer- ffrage sein Votum dahin abgegeben: daß für jetzt v.on der Vorlegung dieser Entwürfe als Ersatz für di; Salzsteuer Abstand genommen werde.
— Ein neuer, sehr umfänglicher Bericht der Commission für Petitionen (Referent Winter-Wiesbaden) beschäftigt sich ausschließlich mit einer großen Anzahl von auf die Apothekerfrage bezüglichen Petitionen. Die vorjährige PetitionS Commission hatte sich für Wegfall der obrigkeitlichen Prüfung der Bedürfniß- frage bei Ertheilung von Concesstonen, dagegen für möglichst umfassende gesundheitspolizeiliche Controle des Apothekergewerbes ausgesprochen. Von Seiten des CommissarS des Reichskanzleramtes wurde bei der jetzigen Commissionsberathnng erklärt: „Die Reichsregierung beabsichtige die Lösung der Frage im Sinne der Gewerbefreiheit; die Sache befindet sich aber noch im Stadium der Vorbereitung, so daß es noch möglich gewesen sei, eine Gesetzesvorlage dem Bundesrathe zu unterbreiten , und müsse daher der Reichsregierung daran gelegen sein, nicht gedrängt zu werden. Die Commission beschloß mit 20 gegen 4 Stimmen, die Gesuche dem Reichskanzler als Material für die Gesetzgebung über das Apothekenwesen zu überweisen, und denselben «dabei aufzufordern, baldmöglichst die dem Reichstazsbeschlusse vom 25. Mai 1869 entsprechende Gesetzesvorlage zu machen, ohne sich bei der UuvoUständigkeit des vorliegenden Materials zur Zeit über den Vorzug der bedingten Freigebung vor dem seitherigen Schutzsystem auszusprechen. Interessant ist folgende, dem Berichte beigesügte Statistik der Apotheken in Preußen: Nach Provinzen zusammenge- saßt, kommt eine Apotheke in der Provinz Preußen auf 51/2 Quadratmeilen mit 14,462 Einwohnern, in Brandenburg auf 3 Quadratm. mit 11,581 Einw,, in Pommern auf 5Vs Quadratm. mit 13,439 Einw.,
des Disponenten Schulter, umsah und jedenfalls nun Zuschauers in seinen Geist
mein Herr!" erklärte Wolf- Es ist ein Röbell, dessen
dem Hause Wolf als Schwiegersohn Destinirte, steht vor Ihnen I"
„Aber, Kleinschmidt!" fuhr die Latffcher dazwischen.
Wolfram indessen schien überwältigt und betroffen von dieser Nachricht und sagte einlenkend: „So! — das ist etwas Anderes; ich bezeuge Ihnen meinen gehorsamsten Respekt. Nur begreife ich nicht, warum Sie dieses nicht frank und frei sich aussprechen lassen. Sie sollen sehen, damit sind Sie flugs von allen Nebenbuhlern erlöst, die Sie, wie es scheint, so schwer ennuyiren. Nicht wahr, Fräulein Lauscher?"
' Die Lauscher that ungemein ängstlich und erwidertes „Die Sache sollte noch Geheimniß bleiben, allein, wenn Herr Kleinschmidt sie selbst öffentlich ausspricht,
in deffen Armen -wiegt! Nein, nein, das ist nicht länger zu ertragen!"
Die Lauscher lächelte verschmitzt und ging an die Thüre, um das neue Aergerniß Klcinschmidt's zu besichtigen, Wolsrarn folgte.
„Wer ist dieser Fant, kennen Sie ihn?" stürmte des Buchhalters Zorn auf die Lauscher ein.
„Den ich ersuche mit gehöriger Achtung zu nennen!" fuhr Wolfram in feiner drohenden Ruhe fort. Damit aber noch nicht zufrieden, legte er mit einem neuen Quarthieb aus, intern er hinzufügte: „Er geht mit der Absicht um, die Hand des schönen Fräuleins zu gewinnen!" f
Kleinschmidt fiel vor Exstase in ein Helles höh- s^sches Lachen. „Hahal da sagen Sie ihm einen schönen Gruß und melden Sie ihm, daß das Fräulein längst vergeben ist."
„Sie sagen mir da eine interessante Neuigkeit!" entgegnete der gewandte Wolfram, indem er gänzlich den Ton änderte und neugierige Verwunderung heuchelte. „Sind Sie vielleicht der Glückliche?" fragte er und lachte ebenso toll dabei. „Sie? Sie? Das wäre doch lustig."
Das Lachen berührte den Buchhalter höchst empfindlich. „Nichts ist dabei luftig!" replicirtc er un- muthig und glaubte feinen besten Trumpf auszuspielen, indem er, sich auf den Zehen erhebend, dem Baron einen triumphirenden Blick zuwerfend, schloß: „Dieser
daß dieser sich erstaunt erst das Bild des dritten aufnahm.
„Das ist mein Neffe, ram. „Respekt vor ihm!
Aveligen ein ungemein aufregendes Etwas, das jene Wuth zur vollen Flamme anblies: „Wie?" rief er. „Ein Baron von jenen bankerotten Rödells?"
Da legte Wolfram, hinter^ den Beiden stehend, seine Hand so fest auf
Unb dahin ging er, um den Bankier aufzusuchen, den er in einem der Nebenzimmer am Bostontisch sitzen wußte.
Wolfram sah ihm schmunzelnd nach.
„Ach, mein Gott, was wird das werden?" klagte die Lauscher, erschrack aber vor dem energischen: „Still!" das ihr Wolfram zurief, während er selbst, ganz Aufmerksamkeit , mit bewegten Nasenflügeln, den Blick spähend umherwerfend, in den Saal eintrat. Hier schwieg eben die Musik, der Tanz schloß, die Paare suchten ihre Plätze, Antonie Wolf kam an der Hand Alfrcd's daher, Beide glücklich lächelnd, andere Tänzer und Tänzerinnen bewegten sich bunt durcheinander. Wolfram stand mitten in einer der bewegten Gruppen, verbeugte sich vor Antonien und sagte mit seiner absichtlich verstärkten sonoren Stimme: „Ich gratutire, mein Fräulein, soeben hat uns der Buchhalter Ihres Herrn Vater«, ich glaube, Kleinschmidt heißt er, eröffnet, daß er Ihr — Verlobter ist. Nicht wahr, Fräulein Lauscher?"
Hierherkunft bas Fräulein ausdrücklich gewünscht hat." Iso soll's auch mir fein Geheimniß mehr "sein!"'
Wenn Kleinschmidt so schon in schlecht verhaltener „Ja, ja! Ich will mit einem Schlag all' diesen
Wuth war, so lag in der Art und Weise des stolzen j Jntriguen ein Ende gemacht haben!" polterte der toll ... - geworbene Buchhalter weiter. „Ich hab's gesagt, und dabei bleibt's. Jetzt geh' ich, um meinen verehrten Chef, den Herrn Wolf, von diesem Schritt zu unterrichten !"