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ffr. 109.

Marburg, Freitag, den 9. Mai,

1873.

Olmhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und ,ncl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Der Sieg des Zweimarkstückes.

Im Reichstage hat bei der dritte» Lesung des Münz- gesetzcs das Zweimarkstück, das in zweiter Lesung nur eine Mehrheit von 4 Stimmen für sich halte, eine Mehrheit von nahezu 30 Stimmen auf sich vereinigt. Die Fortschrittspartei mit Ausnahme des Abgeordneten Ziegler, das Centrum, der größte Theil der freien Aeichspartei, fast alle Baiern und Würtemberger und Sachsen und weiter einige versprengte Mitglieder der natwnalliberalen, freien Reichspartei bildeten die Mehr­heit. In der Minderheit stimmten das Gros der Nationalliberalen, die Conservativen und Freiconserva- tiven, von denen übrigens eine große Anzahl nicht auf dem Platze war. Diese Frage der reinen Zweck Mäßigkeit war zu einer politischen Frage aufgebauscht worden; von manchen Seiten versuchte man eine Frage zwischen Süddeutschland und Norbdeutschland daraus zu machen. Dieser Versuch erscheint jedoch um so mehr mißlungen, als z. B. der Abgeordnete Lamcy (Baden), Müller (Würtemberg), v. Schauß (Baiern) und sämmtliche Hessen mit Ausnahme des Abgeordne­ten v. Rabenau mit der Minorität stimmten.

Der Präsident des Reichskanzleramtes, Hr. Del­brück, erklärte, daß die Bundesregierungen in ihrer überwiegenden Mehrheit das Zweimarkstück für un­annehmbar hielten. Gleichwohl können wir nicht vvraussetzen, daß die Reichsregierung das Schicksal des MünzgesctzeS von diesem Volum abhängig machen wird. Es machte vielmehr den Eindruck, als hätte man sich auf dieser Seite mit der Idee einer Auf­nahme 8rö Zweimarkstückes in das Münzsystem schon vertraut gemacht, und als wäre der Kampf bereits vor der Entscheidung aufgegeben gewesen. Der An griff geschah keineswegs mit der Energie, die man dort entwickelt zu sehen gewohnt ist, wenn es sich um ent scheidende Abstimmungen handelt. Jedenfalls stand die Versammlung nicht unter dem Eindruck, daß von dieser Abstimmung das Schicksal des Münzgefetzes unwiderruflich abhängig gemacht worden sei.

Fassen wir den gefaßten Beschluß materiell in das Auge, so werden zunächst die aufrichtigsten Freunde desselben den Vortheil nicht ziehen, den sie von ihm

erwarten. Wir sprechen dabei natürlich nicht von Jenen, denen jede Gelegenheit gut genug ist, um ihrer Abneigung gegen das Reich und dessen Entwickelung Ausdruck zu geben, und denen der Gegenstand an und für sich ziemlich indifferent ist, wenn nur Aussicht vorhanden, Schaden und Verwirrung anzurichten. Ein großer Theil der reichstreuen Süddeutschen glaubt in dem Zweimarkstück eine Erleichterung des UebergangeS in das neue Münzsystem zu erblicken, Andere finden darin ein Mittel der Erleichterung des Verkehrs mit Oesterreich Der Abg. Braun konnte aus seiner Er­fahrung mittheilen, daß au der österreichisch schlesischen Grenze der österreichische Silbergulden für die Be­wohner deS Kaiserstaates selbst ein Gegenstand des Mißtrauens ist, das man dem Unbekannten gegenüber zu empfinden pflegt, und wer in den an Oesterreich grenzenden Landstrichen bekannt ist, wird seine Er­fahrung bestätigen. Für den Verkehr nach Oesterreich hat daS Zweimarkstück nicht den geringsten Werth, und daß der österreichische Silbergulden jeden Werth für den Verkehr von Oesterreich nach dem Reich schnellstens verliere, dafür wird die Reichsregierung, wie wir hoffen, mit äußerster Energie sorgen; wenn ihr auch ihre Maßnahmen in dieser Richtung durch die Zulassung deS Zweimarkstückes erheblich erschwert worden sind.

Die Nachtheile, welche mit der Zulassung des Zweimarkstückes verknüpft ^sind, werden sich zunächst durch die nolhwendig gewordene Schärfung der Maß­regeln gegen den österreichischen Gulden der Bevöl­kerung bemerkbar machen. Sieht man, wie viel Schwierigkeiten verursacht, selbst gebildeten Köpfen die einfache Thatsache verständlich zu machen, daß das deutsche Zweimarkstück eine bei den Reichskassen einlSsbare Anweisung auf zwei Mark Gold ist, der österreichische Gulden aber, obgleich dem Zweimark­stück in Silberwerth überlegen, doch nur ein Silberstück bleibt, welches den Werth von zwei Mark Gold nicht er­reicht, so kann man nur zu der Ueberzeugung kommen, daß eS einschneidender Maßregeln bedarf, um die ganze Bevölkerung vor Schaden zu bewahren Als erster Schritt auf dieser Bahn drängt sich die

Rothwcndigkeit der Tarifirnng der österreichischen Gulden auf, sodann die effective Durchführung deS zur Zeit vielfach nur auf dem Papier stehenden Ver­botes der Annahme der österreichischen Gulden bei allen öffentlichen Kassen, und demnächst, wenn diese Maßregeln noch nicht genügen sollten, das Verbot der Einführung solchen Geldes bei Strafandrohung im äußersten Fall sogar daS Verbot der Zahlungs­leistung in dieser Münzsorte.

Alle diese münzpolizeilichen Maßregeln hätten sich wahrscheinlich vermeiden laffen, wenn man eS unterlassen hätte, ein Facsimilc des unwerthigen österreichischen Guldens in einem Doppelmarkstück zu schaffen. Sind sic setzt angezeigt, ja unumgänglich, so trifft die Verantwortung dafür diejenigen, welche die Gefahr, welche unsere Münzreform bedroht, zu verschärfen nicht angestanden haben. So wird die Nothwehr zu Maßregeln führen, welche den Verkehr mehr hemmen, als es die angebliche Lücke im Münz- fystem bei Wegbleiben deS Zweimarkstückes je ver­mocht hätte. Daß dem Zweimarkstück, daS wir uns nicht überreichlich geprägt denken, eine Form gegeben wird, welche es von jeder Verwechselung mit dem österreichischen Guldenstück ausschließt, halten wir für selbstverständlich. (<Spen. Ztg.)

Deutsches Steich.

Berlin, 6. Mai. Die Besprechungen unter den Fractionen des Reichstags über den Antrag der Conservativen betreffend die Bestrafung des Contrakt- brucheö der Arbeiter und Arbeitgeber haben zur Ein­bringung einer Interpellation geführt. Dieselbe ist von allen Fractionen unterstützt und von hundert und einigen zwanzig Abgeordneten unterschrieben worden; nur die Fortschrittspartei versagte den An­schluß. Die Interpellation hat folgenden Wortlaut: Die Verhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeit­nehmern, wie sie sich gegenwärtig auf dem Gebiete der Gewerbe und Lanowirthschaft gestaltet haben, namentlich die Art, in welcher der Kampf der Interessen jetzt, häufig unter offenbarer Mißachtung eingegangener Verpflichtungen, geführt wird, laffen

DaS Majarat.

Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf.

(Fortsetzung.)

Der Buchhalter fuhr drei Schritte zurück und er­hob vor Erstaunm über diese Zumuthung alle fünf Finger seiner Hand weitgespreizt vor sich, er riß den Mund auf und wollte sprechen, brachte aber nur ein flüsterndesSo!" heraus.

Nun?" scholl es von drüben mit einer Ruhe und Ueberlegenheit, die den Ernst des Auftrags nur zu deutlich bekundete.

Da beugte Kleinschmidt den Rücken und dienerte: »Werde gehorsamst Ihre Befehle ausführen!" Und tr eilte zur Saalthür fast stolpernd über dos Wirrsal sewer Gedanken und Empfindungen.

So ist'S recht . . . Hören Sie, Kleinschmidt!" Höne er nochmals ihre Stimme rufen, und er flog wieder zurück.Nach dem Tanz bestellen Sie mir Herrn Professor Münch her, der im Büffet sein muß, ich will mit ihm von Poesie reden."

Der Disponent dienerte wieder sein gehorsames »zu Befehl!" Dann ging er und wischte sich den schweiß von der Stirn.Das nennt man also einen Brautstand", murmelte er verzweifelt.Ach, wenn die derdammten Zweimalbunderttausend Thaler nicht wären! Aber Geduld, Kleinschmidt, Geduld, bis nach der Trauung, wenn Du den Vogel erst sicher halt, kannst

ihm schon diese Flügel beschneiden."

Antonie Wolf sah ihm indessen eben so sinnend nM); ihre Augen leuchteten und ein Zug ernster Ver Achtung schwebte um ihre Mundwinkel.So : . ., nun wird mir bester", murmelte sie.Ist mir's doch, ?>« ob ich diesen Buchhalter immer toller ärgern und gelten müßte! . . ." Allein die Strenge und Hoff- bshrt verschwand allmälig wie ein künstliches Schatten "lld, das aus dem Bereich des Lichtes wandelt. Eine weiche Melancholie trat an ihre Stelle und machte in ^endlicher Anmuth ihr sinnendes Haupt »eigen.Der

gute Mensch, kann er dafür? Doch, was kann! ich dafür, daß ich stechen muß, wo rings herum mich Alles sticht und peinigt? Oh! eS empört sich Etwas mit Recht in dieser Brust, bin ich eine Sache, daß man mich so vergiebt? Früher ja, da war ich gleichgültig genug, mir die Pläne meines Vaters gefallen zu lassen, aber jetzt? ..."

Ihre Freundin Antonie Lauscher trat zu ihr. Wir müssen hier bevorworten, daß die beiden Mädchen schon viel über diese Angelegenheit konferirt hattten, und daß die Lauscher wohl wußte, wie wenig genehm der Bankierstochter die Parthie mit dem Disponenten war. Allein ebenso gebot dieser die Vorsicht gegen die bitter empörte Lauscher, nicht klar mit dem herauszugehen, was sie wollte; übrigens wußte sic es ja selbst An­fangs nicht, ihr kam die Methode erst mit der Aus­gabe. Namentlich fühlte sie, daß ein schadenfrohes Wort von der Freundin zur Unzeit gesprochen, große Verwirrung anrichten konnte. Sie hatte deshalb hart­näckig verschwiegen, was und wen sie eigentlich wollte, sonst aber ihr altes Wohlwollen der Gesell­schafterin bewahrt. Diese besaß ihrerseits bedeutende Anlage zur absichtlichen Jntrigue, denn diese war die Kehrseite ihrer konturstrichartigen Koketterie, die ihr die gütige Natur als Ersatz für andere fehlende weib­liche Reize mitgegeben hatte! Antonie Lauscher sah daher ebenso klar, was vorging und handelte an ihrem Theil erst recht vorsichtig; denn diese Vorsicht hatte ihre tieferliegenden Beweggründe und waren von ihrem eigenen Interesse geboten.

Du führtest eben ein eifriges Zwiegespräch mit Kleinschmidt," begann die Reklvrstochter,hast Dich gewiß wieder mit ihm versöhnt?" fragte sie scherzend.

Ich habe ihm nur einige Verhaltungsmaßregeln vorgeschrieden," entgegnete Antonie.Er verfällt jetzt in Schrullen und cs grollt in ihm, als wollte et mir zürnen und doch kann er auch dies nicht zu Stande bringen."

Er hat mir ebenfalls davon geklagt und ich habe ihm unverholcn meine Meinung gesagt. Zudem finde ich von Dir ganz recht, wenn Du einmal eine Heiralh gegen Deine Wahl schließen sollst."

Noch ist's nicht so weit! . . ." warf Jene ge­reizt ein.

Daß Du dann Deinen Zünftigen Gemahl bei Zeiten ziehst, wie Du ihn haben willst," fuhr die Erste fort.

Ach wenn an ihm Etwas zu ziehen wäre," seufzte Antonie Wolf,ich begreife meinen Vater nicht. . ."

O, ich erst recht," lachte Jene.Kleinschmidt ist em tüchtiger Geschäftsmann, das erkennt Dein Vater und damit ist das Geschäft und das viele Geld sicher verhcirathet."

Und ich, ich mit! Ich werde so mir nichts, Dir nichts in die Kompagnie Wolf & Kleinschmidt hinein- gcschoben? Weißt Du, liebe Freundin, daß ich das ulcht leide? Daß ich mich empöre?"

Da war's heraus, die Lauscher aber heuchelte großen Schreck.Wie? Antonie? WaS höre ich? Wie hättest Du dazu die Macht? Denk an Deinen Vater, der Alles unter seinen mächtigen Willen beugt!"

»Ha,* fuhr das Mädchen auf,wer weiß, westen Wille stärker ist?"

Zum Leidwesen der RektorStochtcr wurde das Ge­spräch unterbrochen, her getreulich bestellte Rittmeister kam und erbot sich den Arm deS Fräulein Wolf, denn man trat zum Kontretanz an.

Antonie Lauscher aber lachte taut.Da haben wir'S, Klcinschmidtchen, wie rasch zerrinnt Dein Glück!" triumphirte sie. Sie hatte aber auch Grund dazu; denn seit längerer Zeit hatte sich zwischen ihr und Kleinschmidt ein zartes Verhältniß entwickelt. Antonie Lauscher besaß 2000 Thaler Muttererbtheil und diese hatten unfern Kleinschmidt in Ermangelung einer