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Mr. 108

Marburg, Donnerstag, den 8. Mai.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckcrei) bezogen 22 £ Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnfertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Keich.

Berliu, 6. Mai. Nachdem der Handclsminister die Frauen zur Beschäftigung in der Eisenbahnver «altung zugelaffen hat, folgt ihm hierin jetzt die «berste Reichs-Telegraphenbehörde, welche 250 Tele- grapben-„Gehülfinnen" mit einem Jahrgehalte von-je 300 Thlrn. beschäftigen will. — Der „St.-A." publi- zirt das Gesetz vom 24. April 1873, betreffend die Bewilligung der Geldmittel zur Beseitigung des durch die Slurmfluth der Ostsee am 12. und 13. Novbr. 1872 hervorgcrufenen NothstandeS und zur Ausfuhr rung von Deichen und Uferschutzwerken an den Küsten der Provinzen Pommern und Schleswig-Holstein. — Das Servisgcsetz betreffend, soll, wie die „Sp. Zig." meldet, ein Bericht des Finanzministers nach Peters­burg abgegangcn sein, in Folge dessen daS Gesetz wohl demnächst vollzogen werden dürfte. — Die Special- Convention vom 15. März d. I., betreffend die Zah­lung des Nestes der Kriegsentschädigung, enthält eine Anzahl von Bestimmungen über die Räumung des besetzten Gebietes, über die Fortdauer der Besetzung von Verdun und die Etappenstraßen, welche der Be­setzung dieser Festung zur Benutzung stehen, zu deren Ausführung weitere Verabredungen von lediglich mi lstärischcr Bedeutung nothwendig sind. Zu diesem Zwecke finden seit einiger Zeit Verhandlungen zwischen dem Obercommandirenden der Occupationstruppen, General Manteuffel, und dem in Nancy stationirten Bevollmächtigten der französischen Regierung, Grafen St. Vallier, statt, deren Abschluß demnächst erfolgen dürfte. Wie die ,,M. Z." glaubt, beruhen alle Mi! theilungen französischer Blätter über neue Verhand­lungen mit Deutschland wegen der Räumung aus einem Mißvcrständniß oder der Verwechselung dieser gänzlich unpolitischen Verhandlung mit angeblich diplomatischen.

— Ucber die Aufnahme der Bundesrathsberathung in Betreff der Münzreform in Reichstagskreisen hört man Folgendes: Der Fall des 2 Markstücks gilt für wahrscheinlich, das 2>/z-Markstück wird voraussichtlich fallen gelassen und von rinflußrcicher Seite nicht mehr beantragt werden; man wird versuchen, die Weglaffung der Fürstenbildniffe für das 1 Markstück, welches der Bundesrath bekanntlich abgelehnt hat, durchzusetzen.

D>S Majorat.

HlfwrischeS Familiengemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)

„Sie nehmen zu leicht jedes Wort übel, Herr Kleinschmidt, beim Umgang mit jungen Mädchen muß «an vor allen Dingen die Haupts und Cardinals- tagend lernen."

„WaS ist das für eine Tugend?'

„Die nachsichtige Geduld und das Abwarten der Dinge!«

„O wie geduldig bin ich seit acht Tagen gewesen! Ich habe mich necken, reizen, auSlachen laffen, Alles der freudigen Aussicht wegen . . ."

„Diese reichste aller Partieen heimzuführen!«

„Warum nicht? Kann ich das Glück von der Hand weisen, wenn es mir so entgegen gelaufen kommt? Hab' ich'S gewollt, ward es mir nicht gleich- fam aufgedrungen?"

„Na, dann müssen Sie auch wieder jung und leichtfüßig hüpfend und springend, heiter und sorglos werden, wie eS einmal Ihrer jugendlichen Braut behagt."

„Ich thue vsaS möglich ist, — sehen Sie diesen •tuen Anzug, er kostet mich schweres Geld, ich bin in biesem unglücklichen Tanzsaal erschienen, so widerlich *ir auch dieses Prunken und Prahlen ist."

,Herr Kleinschmidt, wer wird so knauserig denken, Tie, ein Mann von 200,000 Thalern."

Ach, daS soll noch erst werden und wie schwer wird mrr's gemacht! — Aber hören Sie noch, Sie Riffen, ich gerieth in den unglücklichen Quertanz, den nicht kannte ..."

„Ja, ich weiß eS, den sollten Sie erst lernen!" „Nun gut, es war ein Fehler von mir. Als ich aber den Fehler wieder gut machen wollte und sie zum Zutschen Walzer aufforderte, den ich so gut wie Einer toUjen kann, da schlug sie ihn mir rundweg ab und

Uebereinstimmende Nachrichten bestätigen, daß der Bundeörath wegen der Banknoten- und Staatspapier­geld - Einziehung noch keineswegs bindende Beschlüsse gefaßt hat, eine Vertagung der Debatte über diese Punkte daher wahrscheinlich ist.

— Der Reichs Preßgesetzentwurf behält, der „Voff. Ztg" zufolge, das Pflicht Exemplar, die Bestimmungen über das Verbot ausländischer Zeitschriften und die Beschlagnahme bei, bemißt aber die Fristen für die erforderliche Bestätigung durch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte enger, als es daS preußische Prcß- gesetz thut. ES verschärft die Verantwortlichkeit der Redacteure und schneidet die Einrede der Nichlkennlniß des Inhalts eines Artikels ab. Die Schließung von Buchdruckereicn durch richterlichen Spruch ist nicht ausgeschlossen.

— DaS Peojcct der Tabakssteuer Erhöhung darf man für dieses Jahr wohl als vertagt betrachten. Die Besteuerung des einheimischen Tabaks, schreibt man der „Magdeb. Ztg.", kamz in der gegenwärtigen Jahrcsperiode einer Erhöhung nicht mehr unterzogen werden: damit verbietet sich auch von selbst die als baldige Erhöhung des Zolles auf importirten Tabak. Der Erlaß eines Gesetzes, welches für einen entfern teren Termin die Erhöhung des EingangSzolles auf Tabak festsetzte, würde aber nur das Signal zu einem noch großartigeren Import geben, als er bis jetzt statt­gefunden hat. Schon gegenwärtig sind außerordent­lich starke Vorräthe Ddn Tabak in den Zollverein ein« gesühr: worden, um der gefürchteten Zollerhöhung zu entgehen. Die Speculation hat sich jedoch, wie es scheint, zur Zeit in ihren eigenen Netzen gefangen, und es darf als ein cigenthümliches'Zeichen betrachtet werden, daß von Seiten solcher Interessenten Schrift­stücke an den Reichstag gelangen, welche die augen­blickliche Erhöhung der Tabaks-Abgaben demgemäß befürworten.

— Dem Reichstage gehen dauernd Eingaben aller Art über die Herbeiführung eines gesetzlichen Schutzes des geistigen Eigenthums an Werken der Kunst zu. Eine Anzahl namhafter Berliner Künstler hat sich jetzt in Gemeinschaft mit Industriellen vereinigt, um einen ähnlichen Antrag zum Schutz der Kunstindustrie an

den Reichstag zu richten. Dieser ganzen Bewegung wird durch bett mehrfach erwähnten Beschluß des Bundesraths Rechnung getragen, über die Materie ein Enquste-Verfahreu einzuleiten. Eine gesetzliche Rege­lung der Sache wird erst für die nächste Session deS Reichstages zu erwarten sein.

Schwerin, 4. Mai. Großes Aufsehen erregt hier, wie der „N. Pr. Ztg." geschrieben wird, die Nachricht, daß der Pastor Dr. Hager, der noch am Palmsonntage als evangelischer Prediger zu Rambow die Kanzel betreten und die Kinder konfirmirt hat, drei Wochen darnach (am 29. v. M.) sanimt seiner Gattin und seinen Kindern in Breslau zur katholischen Kirche übergetreten ist. Das verletzend Auffällige dieses Schrittes wird noch dadurch verstärkt, daß Dr. Hager am 2. d. M. die Redaktion der „Schbfijeden Volkszeitung" in Breslau übernommen hak, als Nach­folger des Dr. v. Florencourt, also wenige Wochen nach dem Ausscheiden aus dem evangelischen Predigt­amte, als gerüsteter Kämpfer für den Katholizismus und feine Interessen hervortritt.

Hamburg, 5. Mai. Nach hier eingetroffenen Meldungen aus Rio de Janeiro vom 10. April haben Regengüsse von außerordentlicher Heftigkeit in der Provinz Rio Grande do Sul große Verwüstungen angerichtet. Viele Gebäude sind zerstört oder erheblich beschädigt worden. Auch sind Verluste von Menschen­leben zu beklagen.

München, 6. Mai. Der Regierungs Direktor von Ober-Baiern, v. Kobell, ist in den Ruhestand ver­setzt und an seiner Stelle der Polizei - Direktor in München, v. Burchtorff, zum Rezierungs-Director er­nannt worden. Der Ober-Regierungsrath v. Feilitzsch ist zum Polizei-Director in München befördert.

Fürth, 2 Mai. Die Kreisregierung hat den von einer Anzahl hiesiger Einwohner erhobenen Protest gegen die von der Gemeinoevertretung beschlossene Aushebung des ^Schulgeldes in den Volksschulen ab« gewiesen.

Metz, 5. Mai. Mehrere Blätter brachten in der letzten Zeit Berichte über die Verwüstungen, denen die Krieger-Grabstätten in der Umgegend von Metz ausgesetzt gewesen sein sollen In einer solchen Notiz

gleich darauf walzt und chassirt sie mit jedem beliebigen Andern flott dahin. Ist das nicht unrecht?"

„Sehr unrecht," ironisirte die Lauscher.

„Wenn ich mich an ihre Seite setze, steht sie ab sichtlich aus und immer sorgt sie, daß ihre Neben plätze besetzt sind, während sie mich keines Blickes würdigt. Der fade Rittmeister . ..."

„Tanzt sehr gut!" betonte das Fräulein.

„Der dürre Professor . . ."

„Spricht sehr klassisch von Schiller und Göthe!"

„Ach, tüchtig find sie in Alfanzereien, die keine drei Pfennig werth sind. Was verstehen diese Pupp- chen vom soliden Geschäft? Stellen Sie sie einmal an die Stelle des Disponenten des Hauses, bald Wolf & Compagnie^ Man lebt nicht vom Winde, Mamfell Lauscher! Und das möge Fräulein Antonie wohl bedenken. Ich bitte Sie, Ihr doch einen Wink darüber zukommen zu lassen."

„So," fragte Jene ironisch, „meinen Sie?"

Kleinschmidt drückte ihr die Hand und fuhr in Erinnerung früherer Tage fort: „Sie waren mir immer eine wcrthe Freundin im Hause Wolf, ich werde Ihnen das nicht vergessen!"

„Falscher!" dachte die Gesellschafterin, „Du hast mich schon vergeffen!"

„Wir verstanden uns wahrlich besser!" klagte Kleinschmidt.

„O, ich verstehe Sie auch jetzt noch gut!" rief das Mädchen schelmisch lachend.

„Nun, dann sagen Sie ihr, daß das doch nicht so geht, erignern Sie sie an ihren Vater, waS der sagen würde. Ich will sonst gern Alles thun, was sie wünscht, allein in Gesellschaft diese Behandlung . ."

Sie wurden unterbrochen, denn Antonie Wolf kam am Arm eine« alten Herrn daher, der kein anderer war, als — Baron Wolfram. Sie nahm, ohne den Disponenten bemerken zu wollen, der neben ihrem

Stuhl faß, ihren Shawl und ging mit dem Baron in eins der Seitenzimmer des Saales.

»Ich gestehe, Herr Baron", sagte Antonie, „Sie tanzen noch ausgezeichnet".

„Die guten, alten Tänze allenfalls, schönes Fräulein, denn was man in der Jugend practicirt, verlernt man selbst im Alter nicht."

Jetzt stand der Alte still, ergriff ihre beiden Hände' und sah sie so vergnügt mit seinen blitzenden Augen an. „Ader sagen Sie mir nur", begann er, „wie kommen Sie auf den absonderlichen Einfall, draußen in Walsleben die Rolle ihrer Gesellschafterin zu über­nehmen? Ich muß gestehen, daß ich feiten auf eine angenehmere Weise überrascht wurde."

„Es war ein Scherz, eine Jugendlaune; meine Freundin spielt gern Komödie."

„Wenn mein Neffe das wüßte! . . ."

»Ach«, seufzte das Mädchen, „er -weiß es bereits, Herr Baron, weiß es von mir selbst ..."

„Das begreif ich nicht", murmelte Wolfram.

„Unb ich rounbere mich, baß ich ihn nicht hier sehe; er steht doch in der Liste ..."

So . . . .!" dehnte Wolfram und machte seine Augen noch größer, dann lenkte er ein und sagte: „Ja sehen Sie, mein Fräulein, der Junge ist manch­mal ganz wunderlich, träumerisch verschlossen . . ." Er hielt inne, denn seine Augen verfolgten den Dispo­nenten, ber, ihnen nachgekommen, auf der anderen «eite des Zimmers unruhig auf und ab ging und dabei feine Blicke nicht von den Beiden wendete. Er flüsterte daher fragend in's Ohr deS schönen Mädchens: „Wer ist dieses dicke Männchen, das dort so sonderbar nach Ihnen herüberäugelt? Er sieht mir aus wie ein Kirschenpächter, den die Spatzen in der Baum­krone ärgern."

Antonie hatte den Buchhalter wohl bemerkt, und ein leiser Unwille malte sich auf der schönen Stirn,