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Mr. 107.

Marburg, Mittwoch, den 7. Mai.

1873.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition lKoch'sche Buchdruckerei) bezogen 22$ Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. JnsertionsgebÜhr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Keich.

x # Berlin, 3. Mai. In der Presse finden die Worte derProv.-Corresp." über die Bedeutung der Reise des Kaisers Wilhelm nach Petersburg eine leb­hafte Wiedergabe. Auch in der liberalen Presse findet diese Reise eine Würdigung, wie solche in früheren Zeiten nicht für möglich gehalten worden wäre. Am Eclatantesten zeigt sich dies in dem Leitartikel derVoss 3tg.", die fast mit Verachtung der heiligen Allianz gedachte, und nun zu dem Ausspruche kommt, daß diese freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland einen hohen Werth haben, daß aber vor Allem die Persönlichkeit des Kaisers diese Beziehungen so gestaltet habe. Wenn aber diese Reise, die doch nur dem rein freundschaftlichen Verhältnisse beider Fürsten gewidmet, in einigen Blättern auch als Zwecke politischer Abmachungen haben soll, so ist das durch­aus eine leere Erfindung, Fürst Bismarck hat nicht einen seiner Räthe, die sonst bei politischen Verhand­lungen eine Rolle spielen, mitgenommen, nur Geh. Legationsraih v. Kulm ist vom auswärtigen Amt in Petersburg. Dieser Herr begleitete bekanntlich den Kaiser auf allen Reisen, um Allerhöchstdemselben Be­richt über die laufenden Vorgänge im Gebiet der aus­wärtigen Politik zu erstatten. Das Reichs - Preß­gesetz, über welches sich nun auch Hr. Eugen Richter in der Presse vernehmen läßt, wirbelt viel Staub auf, ohne daß irgend welche haltbare Momente für der­gleichen Angaben gefunden werden können; Herrn Richter ergeht es auch so; er hält Nachrichten des Berliner Börsen-Couriers" für osficiös, die es durch­aus nicht sind, vielmehr sind gerade die Angaben jenes Blattes von officiöjer Seite demcntirt. Der Han­delsminister hat bereits früher angeordnet, daß die Königlichen Eisenbahn-Dircctionen über Unglücksfälle und Bahnstörungen telegraphische Berichte an die Auf­sichtsbehörde sofort erstatten sollen; neuerdings sind die Directionen nun angewiesen, mit diesen telegraphi­schen Berichten auch die Untersuchungsakten, sobald diese zum Abschluß gelangt sind, einzureichen. Be­hufs Errichtung eines Deutschen Rechnungshofes ist in der vorigen Session des Reichstages eine Einigung nicht erfolgt, weil man von dem Grundsätze ausging, daß, so lange ein Gesetz über die Verwaltung der Ein- r ------

nahmen und Ausgaben für das deutsche Reich fehle, ein Rechnungshof nicht Grundlage habe. Ein solches Gesetz über die Verwaltung der Einnahmen und Auö gaben des deutschen Reiches ist nunmehr dem Bundes­rath zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung vorgelegt. Nach Annahme dieses Gesetzes soll die Vorlage eines Gesetzes über die Errichtung eines deutschen Rechnungs­hofes erfolgen. Zwischen den Präsidien des Reichs­tages und des Abgeordnetenhauses schweben Verhand­lungen, um eine Collision in den Sitzungen der beiden Körperschaften zu vermeiden. Zn der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde der Beschluß gefaßt: Bei zweiten Abstimmungen von den Gesetzesvorlagen, die vom Herrenhause dem Abgeordnetenhause zur noch­maligen Berathung zugehen, statt der dreimaligen Le­sung eine einmalige Lesung vorzunehmen.

München, 1. Mai. ES ist neulich der Ver­ordnung über das Schulwesen Erwähnung geschehen, welche mit dem 1. Mai in Wirksamkeit treten soll. Als ein Grundzug derselben, soweit es sich um Neue- rungeir handelt, kann betont werden, daß den höheren Verwaltungsbehörden, namentlich der KreiSregicrung, ein unmittelbarer Einfluß bei der Aufsicht eingeräuml wird, und in dieser Beziehung kann jetzt die bessere Vertretung des eigentlichen Schulfachs bei diesen Mittclbe.hörden, wozu verschiedene Kreislandräthe die Mittel bewilligt haben, verwerthet werden. Außerdem ist auch den Erziehungs- und Schulanstalten für Mädchen neben den öffentlichen Volksschulen eine größere Aufmersamkeit als bisher zugewendet worden. Was das Volksschulwesen anbelangt, so sind bei allen daukcnswerthen Anstrengungen und Zuwendungen der Gemeinden, besonders der städtischen, noch schwere und lange Unterlassungssünden aus früherer Zeit gut­zumachen.

Ausland.

Wien, 3. Mai. Inmitten des Zusammenflusses von Fürsten und Herren, von Gästen aus aller Herren Länder, konnte natürlich auch die landesübliche Conjectural- und Sensationspolitik Stoff in Fülle finden für ihre entsprechende Betätigung. Fürs Erste ist es der Kronprinz von Dänemark, der er­wünschten Stoff bieten muß. Da wird zunächst ein besonderes. Gewicht gelegt auf die Intimität, die sich

zwischen diesem Prinzen und dem Kronprinzen des Deutschen Reiches entwickelt haben soll. Diese Nach­richt, welche natürlich sofort dem Druck übergeben wurde, kann man auf sich beruhen lassen, denn bei der bekannten Liebenswürdigkeit des deutschen Kron­prinzen ist es nur zu natürlich, daß er dem dänischen Thronerben die freundnachbarliche und persönliche An­näherung ganz besonders erleichtert. Etwas Anders ist es aber, wenn angeblich Eingeweihte mit wichtiger Miene erzählen, der Kronprinz von Dänemark habe dem Grafen Andrassy eigens einen Besuch abgestatlet, um ihm herzlich zu danken für die Anstrengungen, die er zu Gunsten der Ausführung des Artikels V dcS Prager Friedens, wenn auch vergeblich gemacht habe. Da nun bekanntlich Graf Andraffy in dieser Angelegenheit niemals einen Schritt gethan, so klingt der Dank, den man ihm darbringen läßt, lediglich als eine Ironie. Noch anders jedoch stellt sich die Sache in Betreff der Anwesenheit des Großherzogs von Oldenburg, der ja auch zur Weltausstellungs- Eröffnung nach Wien geeilt ist. In diesem Besuche will man, vielleicht nicht ohne Grund, ein politisches Motiv erkennen. Bekanntlich unterbrach ganz vor Kurzem der Herzog von Braunschweig seinen Früh­jahrs-Aufenthalt in Sibyllenort in Schlesien, um sich nach Gemünden zum Exkönig Georg V. von Hannover zu begeben. Von dort kehrte er sofort hierher zurück, wo er mit dem Großherzog von Oldenburg zusammen­traf, demselben Fürsten, den er so eben durch einen Beschluß des braunschweiger Landtages als Verweser seines Herzogtums in Aussicht genommen hatte für den Fall, daß nach seinem Tode der rechtmäßige Erbe, in seinen Augen der Sohn Georg's V., nicht direkt zur Regierung gelangen könne. Bisher glaubte mau Ursache zu haben an der Bereitwilligkeit des Herzogs Peter von Oldenburg zu zweifeln, die Leitung der braunschweigischen Regentschaft eventualiter zu über­nehmen. Diese Abneigung zu bekämpfen, soll nun Aufgabe der Zusammenkunft beider Fürsten bei Ge­legenheit der Welt-Ausstellung sein, nachdem an­scheinend eine Verständigung mit dem hannoverschen Königshause vorhergegangen.

Pest, 3. Mai. Heute beginnt die neue Session des ungarischen Reichstages; dieselbe wird ohne be-

Das Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A- Niendorf.

lFortsetzung.)

Zunächst hatte er auch die Genugthuung, daß er M Abend des Concerttages, als er in seiner glänzen­den Garderobe vor den beiden harrenden Damen er­schien, um sie abzuholen, das beredte Staunen schöner Franenaugen erweckte. Das machte ihn heiter, gesprächig und nach Möglichkeit galant. Um so unangenehmer berührte ihn ein ärgerlicher Vorfall, der sich unterwegs ereignete. Kleinschmidt halte sich schon zuvor ein ^oncertprogramm verschafft, und da er zur Unterhal- taug auf dem Gange dies und das sagen zu müssen glaubte und nicht damit recht zu Stande kommen konnte, dachte er endlich von dem bevorstehenden Reich der Töne zu reden, und so fing er denn an:

Ich freue mich recht auf den Gesang des berühm ken Herrn Ritter von Gluck. Ich habe schon viel Rühmens davon gehört.....Sonderbar, was heut'

die Ritter nicht Alles thun. Zur Zeit des Faustrechts kämpften sie, jetzt fingen sie . . ."

Er stockte, aveil ihm das heitere Lachen der beiden tarnen auffiel.

Bravo!" rief Antonie Lauscher und klatschte in $te Hände.Ich gratulire zu diesem Eoneert, wo die Todten auferstehen und Arien singen!"

Antonie Wolf lachte noch herzhafter und rief nur: »Himmlisch, himmlisch!"

Wollen Sie etwa über mich spotten?" fragte Kleinschmidt betreten.So bitte ich, mir zu sagen, »arum?"

Herr Kleinschmidt!" entgegnete Antonie Wolf fttft,Gluck ist vor länger als dkeißig Jahren gestor­ben, er kann füglich heut' nicht fingen!" Sie biß sich bubei fest in ihre Unterlippe und sah so ironisch ihre

Freundin an, daß Kleinschmidt wieder den heißen Guß Über seinen Rücken rieseln fühlte.

Er hat vielleicht unter den Engeln singen gelernt", spottete gar die Andere,hier auf Erden war er heiser wie ein Rabe."

Ei was", ries Kleinschmidt warm werdend,ich lasse mich d'rauf todtschlagcn, daß der Ritter Gluck singt, das ist der berühmte verschriebene neue Sänger". Er zog den Zettel aus seiner Tasche und als zu seinem Beweisstück:Hier stehl's: Ouvertüre derJphigenia" von Ritter von Gluck."

Die Mädchen lachten noch stärkerund die Lauscher sagte:Das müssen Sie morgen aus der Börse er­zählen, die liebt die Bonmots."

_Aber meine Damen, statt zu lachen, war's doch gütiger, baß Sie mich belehrten. Wenn Gluck die Ouveriure nicht singt, wer denn?"

Ohne allen Scherz, lieber Herr Kleinschmidt," berichtete ihn Pie Lauscher,eine Ouvertüre ist keine Arie."

Dann werden also wohl zwei singen, ich dachte, wo das statlfindet, nennt man's ein Duett. Am Ende die Jphigenia und Ritter . . meditirte Klein­schmidt in dem Zettel studirend.

O, ich kann nicht mehr!" rief Antonie Wolf vor Lachen.Das muß ich dem Professor Münch erzählen, der sammelt dergleichen ..."

Kleinschmidt machte hierüber ein unwirsches fatales ©efidjt; der Name des Professors als eines früheren Nebenbuhlers war ein Stich in sein Herz. Ja, er blieb stehen und machte Miene, umzukehren und seine Damen zu verlassen. Das wollte Antonie nicht, sie sagte deshalb begütigend:

Guter Kleinschmidt, wer wird sogleich aus aller Fassung kommen? Eine Ouvertüre wird nur durch Instrumente gespielt, nicht gesungen. Ihre Unbe-

kanntschaft mit solchen Dingen mußte uns wohl auf-

Und wenn ich das nicht weiß," fuhr Kleinschmidt heftig auf,ist das so schlimm? Ich gehe heut zum ersten Mal in ein Eoneert, weil ich mein Lebenlang Besseres zu thun hatte, als für solche Dinge Zeit und Geld zu verschwenden und uun soll gar ein so dürrbeiniger Professor über mich lachen?

Dieser Ton des Disponenten gefiel wieder dem Fräulein Wolf sehr wenig.

Ei, ei, mein Herr Kleinschmidt" lautete von dem schönen Munde in bitterem Ernste,ich entdecke eben, daß Sie große Neigung ziMhitzjger Aufwallung haben und dabei Ihre Ausdrücke nicht sorgsam wählen. Dolche Entdeckung freut mich nicht"

Da erschrak der Disponent, denn er sah Gefahr für seine Entwürfe und suchte nach Worten der Be­sänftigung so gut cs ging. Sie waren darüber an dem Saal des Schützenhauses angelangt.

Man ging hinein, die Hörer fanden sich eben ein und cS regnete Begrüßungen von allen Seiten füx die Damen. Die eleganten Toiletten ringsum blendeten ordentlich Kleinschmidt's Augen und Licht, OdeurS und Eleganz machten sein bescheidenes Herz wallen. Vorn aus der ersten Bank fanden sie ihre referoirten Plätze. Er nahm Platz zwischen den beiden Damen; unglücklicher Weise verlangte seine beftinirte Braut 6cn Programmzettel zu sehen, den er in der Tasche seines Ueberziehers von Aerger zerknittert und zerrissen hatte. Sie trug ihm daher aus, einen andern von vorn an der Casse zu holen.

Antonie Wolf's Gestalt war aber von den jungen Herren schon längst bemerkt, als nun der Disponent ging, da stürzte auch wie ein Falk aus hoher Lust der elegante Rittmeister von Zitzwitz daher, bat ge­legentlich um den leeren Platz und nahm ihn ein.