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Mr« 106.

Marburg, Dienstag, den 6. Mat.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Aock'sche Buchdruckerei) bezogen 22 J Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempel fteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Strich.

Berlin, 3. Mai. Der Generallieutcnant 6, Troschke, >m deutsch-franzSsischcn Kriege Bolsitzender deS Berliner Central-Nachweise-Bureaus für »Zwecke der freiwilligen Krankenpflege hat seine bei diesem Zweige der Hülfsthäligkett gemachten Erfahrungen zusammengestcUl und daran Vorschläge für eine wieder nvlhwendig werdende Einrichtung der Nachweise 'öu- reauS geknüpft, welche vorher von den Medicinal- Behörden erwogen worden sind. Die Hauptmomente für diese Vorschläge sind: Einführung des Karten Systems, welches sich zu Ende deS letzten Feldzuges für diesen Zweck so besonder« günstig bewährt hat, die Gewährung von Portofreiheit, die Uebermittelung der Nachrichten an die Familie durch den Geistlichen, welches im Jahre 187071 nicht als Prinzip aus­gestellt war; es wurden zu jener Zeit die traurigen Nachrichten de» Familien oft in der rücksichtslosesten Weife bekannt gegeben. Ja erfreulicher Weife oer »ehrt sich daS Kap.tal deöNationalbank"; eS hat dasselbe eine Höhe von 190,000 Thir. erreicht und soll wohl bald noch höher steigen, da die Z>hl der Veteranen von 181315, zu deren Unter» utzung die Stiftung inS Leben gerufen wurde, in größerem Verhältnisse abnimmt unv hierdurch sich b;e Ansprüche an die Stiftung vermindern. ist die Zeit nicht mehr fern, wo die Stiftung fast ohne Oojecl ihrer Thätigkeit sein wird und wird alsdann die Frage aufgeworfen werden müssen, zu welchem Zwecke das Kapital zu verwenden sein wird. Diese Frage dürfte sich wohl kaum anders beantworten lassen, als daß da« bleibende Kapital den hülfsbevürfligen Veteranen aus dem Kriege von 187071 zugewendet werben müsse. Der preußische Landes- (Elementar) Lehrer- vercin, dem jetzt sechs Provinzialvereine: nämlich Brandenburg, Schlesien, Hannover, Sachsen, Hessen- Nassau und Weitsalen beigetreten sind, wird zu der Ausarbeitung eines Entrvurss eines UnlerrichtSgesetzeS gleichfalls zugezogen werben. Der Vorstand des er- wShnten Per.ins halte kürzlich Eonferenzen mit ver- fchiecenen Abgeordneten und Unterredungen mit dem Minister Dr. Falk und mit dem Decernenten für die Seminar-Angelegenheiten im Unterrichts Diipifteriunt, Geh. Regierungsrath Schröder.

»erlitt, 3 Mai. Die Fortsetzung der Berathung des Jnvalibenfonbsg.s.tzeS verlief heute im Reichstag ohne befonvere Zwischenfälle. Die Hauptfragen waren durch die Verhandlungen der ersten Tage erledigt. Regelmäßig wird in solchen Fällen die Debatte von oen Sp.cialisten monopolisirt. Originell ist die 6iiv richtung, womit der Vorschlag der Comusission die Kassencontrolle deS Jnvalidensonds feststelll; die Banquiers, welche die zu Anlage» verwend^ baren Gelder in die Hände gelegt bekommen, wcroen dem FonbS wie der Reichsverwaltung gegenüber unter Zahlungssperre gestellt und dürfen Effcten an die FonbSverwallung abführen. DieStaaisbanken" sollten als Banquiers des JnvalivenfondS nicht futb giren können, d. h. die Seehandlung wurde ansge schlossen. Diese Proscriplion einer Anstalt, die jeden falls den Vortheil hat, den Staat eintretenden Falls von den Banquiers unabhängig zu stellen, schien doch vem Hause zu weit zu gehen. Die Bestimmung fi l trotz der Bemühungen des Abz. Richter, die Gefahr lichkeit der Seehanblung für die gesetzmäßige Ver­waltung des JnvalivenfondS darznthun. Die Freunde deS Benda'lcheu Amendements auf Zulassung der Communa Papiere hatten sich zu früh dem Gefühl der Sicherheit Über den am Tage vorher gewonnenen Sieg hingegeben. Denn plötzlich trat in dem Amen d-meitt deS Äbg. Websky die Frage von Neuem vor caS Haus, und diesmal fiel seine Enlscheidung anders. Las Wedsky'sche Amendement ist wesentlich wieder eine Herstellnng deS CoinmissionsvorschlageS, indem es den Ankauf von Commuiialpapiereu nur bis zum 1. Juli 1876 zuläßt.Düse Enifcheidung versohlte nicht, auf allen Seiten deS Hauses lebhafte Senfaiion hervorzurufon. ES ist nach diesem Vorgang wahr scheinlich, daß die ganze Frage bei der dritten Lesung nochmals mit erneuter Lebhaftigkeit vor das Hans kommt. Endlich erhob ein sächsischer Bunbesraths- Bevollinächtigter noch Einspruch gegen den CommissionS- vorschlag, welcher der ReichSschulbencommission die fonlaufenbe Aufsicht der Verwaltung des Invaliden- sonds überträgt. In dieser Bestimmung sollte selt­samer Weise eine Stärkung der Gewalt des Reichs kanzlers zum Nachthoil deS BundeSraihes zu finden fein. Nach dem Invalide nfondsgcfetz erfolgte die

dritte Lesung deS Gesetzes über das ReichSeigen- thum.

Darmstadt, 3. Mai. Die im Dezember ver­gangenen ZahreS bei dem Neu-Isenburger Arbeiter­krawall beteiligt gewesenen Arbeiter sind von den Geschworenen deS Landfriedensbruches für schuldig worden und sind die Arbeiter Gerhardt, Adam Frank und Franz Frank jeder zu zwei Jahre ZnchthanS, der Arbeiter Damm zu drei Monaten Gesängniß verurtbeilt.

München, 2. Mai. So lange die baierische Armee existirt, hat eS in derselben wohl kein jolcheS Avancement gegeben, wie das jetzt durch den letzten Armeebefehl in den Reihen der Generalität herbeige- führte. Durch den Tod eines Armee-Eominaiidanlen und einige Pensionirungen mußten ein commantirender General des zweiten baierische» Armee - Corpö, dann säinmtliche vier DivisionS 6cmmanbeure neu ernannt worden; außerdem 5 Geneialmajors und 2 Obersten als Brigade CoinmandeurS. DaS Avancement unter den SlabSoifisieren wird entsprechend, denn man sieht einem weiteren Armeebefehl in kürzester Zeil entgegen, wodurch sicher 6 Reg meins - Eommandeure ernannt werden. Die CoipschesS und DivisionS Generäle find in den Lebensjahren von 5060 Jahre», der älteste derselben ist Hr. v. Dietl mit 60 Jahren, der einzige, welcher nicht durch den Generalstab außer der Tour avancirlo; dann folgt der Eorpschef Fehr, v d. Tann mit 58 Jahren, während die anderen Generäle, anno 1866 noch Majors und OberstlieuienantS, meistens erst 5055 Jahre zählen. Unter diesen 6 Generälen lind die zwei EorpschesS mit dem Orden pour le me- rite und noch drei Divisionäre mit dem höchsten baierische» militärischen Orden, dem Max-Jojoph Or­den becoriit Die Brigade Eommandeure mit z >ei Max - Joseph - Rittern stehen meist schon ungefähr in d.mselben Alter, wie die Divisionäre, weil sie nicht durch den Generalstab aoanciiten. Die uhramon« tone Partei ist über den Empfang, den daS Münchener Lürgerlhum der Neuvermählten Erzherzogin Gisela bereitet hat, wenig besriedigt. Derselbe ließ an Herz­lichkeit freilich nichts zu wünschen übrig, intest wollte man bemerken, daß dieselbe sich lediglich auf die an= iprechende Persönlichkeit der jungen Erzherzogin und

DaS Majarat.

Historisches Kamiliengemälde von M. A. Niendorf.

(Fortsetzung.)

Der junge Man» verbeugte sich lächelt nach dem Sopha hin, wo Antonie Wolf arbeitete, die ihm leis knölhcnd dankte, doch ohne aufzusiohen und von ihrer Arbeit zu lassen. Er begrüßte mit angemessener Höflichkeit das schlanke Fräulein Lauscher, die mit dem süßesten Lächeln und verschämten Niederschlag ihrer Augen den Gruß erwiderte, während ihm der kleine bewegliche Schulmann schon seine tiefen Re­ferenzen machte und daS Sammtkäppchen von seinem grauen Haupte zog.

Mern Herr, mein gnädigster Patron," stammelte tt,e$ ist meiner niederen Hütte eine hohe Ehre..."

Setzen Sie doch Ihre Mütze aus!" fuhr ihm bie AnstandSdame am Ohr herum und verdarb ihm seine schöne Strophe.

Er setzte geduldig sein Käppchen auf und damit kam er auch wieder in den Text feiner Rede und fahr fort:Vergeben Sie gnävigst, Herr Patron, st ich keine Komplimente zu machen mich unterfange Es liegt kies nicht mehr im Geist der Zeit, obwohl >ch sonst mit diesem Geist nichts zu thun haben will, indessen >darf ich Sie i» tiefer Devotion bitten, hochfjch auf den schlechten Stuhl niebcrlaffen zu kcUen ?" Und er reichte dem Gast einen Stuhl hin.

Alfred ergriff dankend die Lehne des Stuhles und wandte sich fragend an ihn:Habe ich die Ehre, Herrn Rektor Lauscher .

Gnävigst zu Befehl!" dienerte Jener zur Antwort.

Indessen stand das Fräulein immer so dicht neben fcnn Rektor uito machte in ihrer Weife alle die Höf kichkeitsbezeugungen mit, daß Alfred nicht umhin konnte, auch sie zu fragen:Und Sie ebenfalls hier, rin Fräulein?" Ä

Tiefe aber entgegnete mit dem holdseligsten Lä­cheln :Wie Sie sehen, Herr Baron!"

Er blickte nach dem Sopha, wo Antonie Wolf emsig häkelte und sagte:Permuthlich besuchen Sie Ihre schöne liebenswürdige Freundin"

Doch der Rektor unierbtach ihn und drängte den immer noch Stehenden auf den Stuhl:Aber wolle» sich der hohe Herr Gönner denn gar nicht erbitten lassen?"

Alfred setzte sich; ihm war zwar die Gegenwait dieser dritten Person keine angenehme Erscheinung, indessen wußte er, warum er gekommen war und be gann deshalb:Herr Rektor,, welch ein köstliches Ju­wel hat die Natur ihren Heinde« anvertrant!"

Er stockte, denn der Rektor fuhr plötzlich neben dem Stuhl Alfreds auf die dahinter stehende AnstandS­dame zu und sagte ihr etwas inS Ohr vonTöch­terchen und bebauten."

Ich bin von ihrer lieblichen Anmulh gefangen feit jenem Tage, da ich sie auf diesen Armen durch oen Park von Walslebe» getragen."

Da kreischte seine Nachbarin laut und'rief:Ach, auf seinen Armen mich!" und barg ihr Gesicht in ihre Hände.

Der alte Rektor sah aber zzanz ernsthaft verdutzt auf die Scene unv dachte bei sich:Er hat sie schon auf seinen Aimen getragen Das ist niedlich.".

Jetzt ermannte sich das FiLuleiu, zog den Brief hervor, trat vor Alfred hin unv jagte:Mein Herr Baron, Sie erzeigte» mir die Ehre, dteS an mich zu schreiben."

Alfred besah seinen eigenem Brief, blickte das vor ihm stehende Fräulein an t,nb sprang vom Stuhle auf:Ich diefen Brief an Sie? Da muß ich um Entschuldigung bitten"

Der Rektor schlug bc.bei die Arme ineinander und schüttelte bedächtig mit (einem Haupte:Sonderbares

Liebesspiel!" murmelte er,ich glaube, sein affectio caritatis nimmt zu."

Er war an mich abreffiit!" beteuerte das Mädchen.

An Sie Fräulein Wolf? Nimmermehri" tief Alfred nachdrücklich und jedes Wort betpnenb.

Tie Getäuschte fiel ihrem Vater um bett Hals und brach in den schmerzlich klagenden Ruf aus: Ach, Vater, er nennt mich Fräulein Wolf! Ach, ach, oaS kommt von jenem unglücklichen Scherz!" Und sie hielt ihr Haupt in der Schürze und schritt abseits.

Tas war dem edlen Schulmann doch zu viel.

Dies ist mein Töchieichen, zu dienen!" sagte er zu Alfred, auf fein Kind zeigend,wenigstens nach dem Zengniß ihrer seligen Mutter"

Unmöglich!" rief Alfred erregt.

Ein qui pro quo!" rief der Rektor.Ach, wie wird siL Antonie ärgern und dann grämen."

Indessen hatte Alfred seinen Stuhl verlasien, er ersah den Zusammenhang und schritt auf die häkelnde Antonie im Sopha zu; diese erhob sich und kam ihm einen Schritt entgegen.

»Mein Fräulein, Sie haben mich schwer getäuscht 1* sagte er mit g tteinber Stimme.

»Ganz recht, Herr Baion. Ich bin Antonie Wolf"

Dieser 25 lief ja ar für Sie geschrieben, weil ich in dem Wahn war*

Ich habe ihn gelesen und darf ihn jetzt nicht annchmen," erwiderte das Mädchen mit weicher klagen­der Melodie in der Stimme,wie s.hr ich auch Ihnen, meinem Lebensretter, veepflia-tet bin. Mein Baier will mich durchaus anbei roeütg versprechen; er ist ein eigner Mann und will vorsichtig behandelt sein. Zum Unglück hegt er gerade gegen einen adligen Schwiegersohn eine vo,eingenommene Idee, die AlleS bei ihm befürchten läßt . .