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Sr. 103. JJiarßurg, Sonntag, den 4. Mat. 1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22$ Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Steinpel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Pglittsche Woche«,Ueberficht.

Der wahrhaft großartige Empfang unseres Kaisers in Petersburg und der herzliche Verkehr der beiten Herrscher bilden unter den großen Ereignissen der Woche das erste. Europa, das die Erhaltung des Friedens wünscht, begleitet deshalb auch diese Fort­setzung der vorjährigen Drei • Kaiser = Zusammenkunft st, Berlin mit der allseitigsten Zustimmung. — Nach­dem im Reichstag das Münzgesctz in zweiter Berathung erledigt war, ist derselbe zu der ebenwohl sehr wich­tigen Vorlage über die Bildung eines Jnvaliden-Unier- stützungsfondS übergegangen, mit der erfolgten An «ahme des §. 1, wonach 187 Millionen Thalcr aus der Kriegsentschädigung zu diesem Zwecke verwandt werden sollen, ist an der Annahme des ganzen Gesetzes nicht zu zweifeln. — Das Herrenhaus hat mit ge­ringen Abänderungen die vier kirchen-politischen Ge setze angenommen. — In Fulda versammelten sich am Montag (28. April) die preußischen Bischöfe abermals unb haben unter dem Vorsitze deS Erzbischofs von Cöln ihr Verhalten gegenüber den zu erwartenden Falk'schen Gesetzen berathcn. Sie beabsichtigten ihren passiven Widerstand zu organistren.

In Wien wurde am 1. Mai die Weltausstellung feierlich durch den Kaiser eröffnet. Schon am 28. und 29. April waren die hohen Gäste des Kaisers eingetroffen, welche der Eröffnung beiwohnen wollten: zuerst der dänische Kronprinz, dann der Prinz von Wales mit seinem Bruder Arthur, daö deutsche Kron prinzenpaar, sowie der Graf und die Gräfin von Flandern — Am 24. hatte der Kaiser Franz Joseph den Reichsrath mit einer Thronrede geschlossen, die durch Inhalt und herzlichen Ton den beste» Eindruck auf das Land machte. Die Session wurde denkwürdig durch die werthvollen Gaben der Strafprocetzordnung und der Wahlreformgesetze, dagegen blieben die sehnlichst erwarteten Vorlagen über Regelung deS Verhältnisses zwischen Staat und Kirche wieder ein frommer Wunsch.

In der Schweiz dauert der Streit mit dem seines Amtes entsetzten Bischof Lachat noch fort, und hat die Regierung von Solothurn den Bundesrath angerufen, um demselben seine gesetzwidrige Jurisdiction zu wehren.

Ganz F r a n k r e i ch war auf die sechs Er gänzungs - wählen, die auf den 27. April ausgeschrieben waren, gespannt, und ganz Frankreich ist über das Ergebniß

überrascht, denn nur in Morbihan dräng ein Legitimist durch, in den übrigen Departements feierten die Re publikaner, zumal die radikalm, glänzende Siege zum Theil mit überwältigenden Majoritäten bei ungewöhn­lich starker Betheiligung bei der Abstimmung. Vor Allem schwer in's Gewicht fiel die Wahl in Paris, wo trotz der eifrigsten Anstrengungen und Empfehlungen der Freunde der Republik des Herrn Thiers für die Candidatur des Ministers des Auswärtigen Barodei mit 180,146 Stimmen über Rsmusat und Sioffel siegte, von denen jener 135,407, dieser 27,088 Stirn men bei einer Beiheiligung von 342,701 der 487,786 in die Listen eingetragenen Wähler erhielt.

In Italien ist unerwartet eine Ministerkrise ausgebrochen, deren Verlauf noch schwebend ist. König Victor Emanuel hat vom Kaiser Franz Joseph ein in, ungemein freundlichen und schmeichelhaften Aus­drücken gehaltenes Dankschreiben für sein Glückwunsch- Telegramm zur Hochzeit der Erzherzogin Gisela er­halten, und bei derartig offen ausgesprochenen freund­schaftlichen Beziehungen betrachtet man eö als sehr wahrscheinlich, daß der König von Italien die Reise nach Wien unternehmen wird.

Spanien ist wieder um einen Schritt auf der abschüssigen Bahn, die zur Auflösung führt, weiter­gerückt; der 23. April wird für die Republik ein schlimmer Gedenktag bleiben, denn an diesem Tage hat das Ministerium die Gelegenheit, wenn nicht vom Zaune gebrochen, so doch beim Schopf ergriffen, um die zur Zeit durch den ständigen Ausschuß in Madrid vertretene Nationalversammlung aufzulösen, wozu cs nicht das geringste formelle Recht hat. Der Zwist zwischen Ausschuß und Ministerium schlug in der Sitzung, die am 23..die Ausschußmitglieder mit den Ministern hatten, zum Dache hinaus. Es folgten in der Stadt einige Unruhen; gegen Abend wurde auf General Contreras in der Nähe des Stier-CircuS, wo sich etwa 3000 Freiwillige von der alten Bür- gerwchr festgesetzt hatten, geschossen; das Ministerium gab Befehl zum Einschreiten, um 2 Uhr Nachts wurden die Mitglieder des Ausflusses 'in die Flucht getrieben, und am 24. brachte die amtliche Zeitung das Decret zur Auflösung des Ausschusses, weil der selbe ein Element der Unruhen geworden und durch ungerechtfertigte Ansprüche einen Conflict herbeigeführt habe; die Regierung werde der constituirenden Ver­

sammlung zur Zeit Rechenschaft ablegen. Seitdem herrscht dumpfe Ruhe in der Hauptstadt. Gegenüber diesem Ereignisse haben die Nachrichten vom carli- stischen Kriegsschauplätze, die ohnehin widerspruchs­voller als je sind, keine Bedeutung.

Im englischen Untcrhause hat mit einem An­träge deS Vertreters für Westminster, W. H. Smith, ein lebhafter Angriff auf das Ministerium begonnen. Bei der Berathung des Budgets hat derselbe nämlich beantragt, daß, bevor das Haus auf die von der Regierung vorgeschlagene Steuerermäßigung weiter eingehe, daS Ministerium seine Absichten bezüglich der Regulirung der directen Steuern, sowohl der StaatS- als Localabgaben, kundgcbcn solle.

Bei der Verhandlung in der Zweiten Kammer der niederländischen Generalstaaten über die Vor­gänge auf Sumatra erklärte der Colonial Minister Franse van de Putte, daß er alle Verantwortlichkeit für die Kriegserklärung an Atschin übernehme, dieselbe sei nach so viel erlittenen Unbilden und Beschimpfungen ein Act der Nolhwendigkeit gewesen.

In der belgischen Repräsentantenkammer er­klärte der Kriegsministcr Thisbauld bei der Diskussion über das Kriegsbudget, daß die Regierung die weitere Prüfung der Frage der persönlichen Dienstpflicht vorläufig vertagt habe, die militärische Organisation müsse indeß den Anforderungen der gegenwärtigen Lage angepaßt werden, namentlich sei es dringend nothwendig, das Gesetz über die Miliz einer Modtfi- .cation zu unterwerfen.

Die regierungsfeindliche Mehrheit deS dänischen Reichstages mag ihren Widerstand denn doch nicht bis zur Sleuerverweizerung treiben, die ihr von einigen Heißspornen angemulhet worden; sie hat sich darauf beschränkt, in der Form eines förmlichen Beschlusses zu erklären, der Justizminister habe verfassungswidrig über die Einkünfte zweier Klosterstifte verfügt.

Die Krönung deS Königs von Schweden wird in Stockholm am 12. Mai stattfinden. Die dazu erforderliche Summe von 70,000 Rdlr. sind der Apanage entnommen worden, welche dem Könige vor dessen Thronbesteigung angewiesen war. Das nor­wegische Slorthing wird bei der Ceremonie durch 12 Deputirte vertreten sein.

Bei dem Kaiser Alexander von Rußland, der am 29. April sein 55. Lebensjahr vollendet hat, ist reichte ihm Spohr mit den anerkennendsten Worten einen Lorbeerkranz. — Die Versetzung DcichertS nach Marburg war für ihn ein Donnerschlag aus heiterem Himmel. Eine Musitkapelle von acht Mitgliedern war, was an Musikern ihm Marburg bot. Trotz­dem Hal er Vieles zu erreichen gewußt, was unter gegenwärtig günstigeren Verhältnissen wohl kaum wie­der erreicht werden wird. Allen seinen öffentlichen Auf­führungen lag ein wahrhaft künstlerisches Streben, fern von Dilettantismus zu Grunde. Wo es aber galt, durch die Kunst der Nolh ein Scheiflein zuzu­wenden, gab es wohl keinen uneigennützigeren Mann, wie Deichert. Mehr indessen noch als durch öffentliche Aufführungen hat Deichert als Lehrer geleistet. Noch vor wenigen Jahren enheilte er täglich 8—10 Unter­richtsstunden, wobei cs ihm in keiner passirte, daß er einen falschen Finger ober eine falsche Note hätte durchgehen laffen. Mozart, Beethoven und Mendels­sohn waren die Ziele, ju denen er seine Schüler und Schülerinnen gern führte, bei Allen erreichte er selbst­redend nicht, was er wollte, jedoch an Einzelnen hatte er die Freuoe, daß sie durch ihn die Kunst zu ihrem Lebensberuf wählten. Im Jahre 1864 feierte im Kreise zahlreicher Freunde Deichert sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Im vorigen Jahre wurde ihm die Freude zu Theil, daß chxS Königs Majestät ihm den Rothen Adlcrorden vierter Klasse verlieh. Seinen Lebensabend trübte der Tod seines vor ihm abbeiusenen ältesten Sohnes, der einen ehrenden Künstlernamen in Chile sich erworben hatte und der durch seine Testaments-Bestimmung, wonach er die Kämpfer gegen Frankreich im letzten Kriege auS den Städten Kassel, Hanau und Marburg mit 3000 Thaler bedachte, bewies, daß die Ferne die Liebe zur Heimath nicht in

t Wilhelm Deichert.

Am 2. Mai. Vormittags 11 Uhr endete der Tod die irdische Laufbahn unseres achtbaren Mitbürgers Wilhelm Deich'ort. Zu Eschwege 1799 als der jüngste Sohn des dasigen Stadtmusikus geboren, war et seit 1846» Universums - Mustkdirector hier in Marburg. Schon in seiner frühesten Jugend tvar er durch sein musikalisches Talent eine Stütze seiner Eltern. Von seinem 10. Lebensjahr mußte er bei Tanzmusiken und Kirmessen Mitwirken und kaum 16 Jahre alt trat er in das Musikcorps des hessischen Regiments Prinz Solms ein, um den Feldzug gegen Frankreich 1815 mitzumachen. Noch während des Feldzuges wurde er Musikmeister und als das Re­giment nach dem Frieden von Hcrsfeld nach Hanau verlegt wurde, ward Deichert auf Kosten des Regiments Ehess nach Offenbach zu Andre geschickt, um im Generalbaß und Clavierspiel weiter ausgebildet zu werden. Während l1/? Jahren legte er hier den Grund für sein späteres Wiffen und Können. Nach der Um­bildung des kurhessischen Leib-Garde Regiments durch Kurfürst Wilhelm II. im Jahre 1821 wurde Deichert in daS Musikcorps dieses Regiments als Solo-Cla- Nncttist versetzt und auch gleichzeitig, damals unter Kapellmeister Guhr, zum Mitglied der Theater-Kapelle, 1824 wurde er definitiv in letzter Eigenschaft ange- ftcllt. Sein Talent und sein Fleiß verschaffte ihm hier eure sehr geachtete Stellung, sowohl unter seinen Eollegen als gegenüber dem ncuberufeuen Kapellmeister Epohr, so daß er bald in deffen berühmtes Streich guartelt neben Wiele und Hajemann als Bratschist «utrat. Im Hause der Frau von der Malsburg, dem damaligen KünstlersammluugSort Kassels war Deichert jahrelang bei den zahlreichen Trio- und Quartett­

Aufführungen unausgesetzt thätig. Längere Zeit leitete er auch als Musikmeister nach dem Abgänge Eglings die Gardcmustk. Wie er in seinem Leben stets von einem strengen Pflichtgefühl durchdrungen war, wußte er dies auch auf seine Untergebenen zu übertragen und sicherte sich damit die Achtung seiner Vorgesetzten, so daß er sich Manches erlauben durfte was Andern niemals gestattet worden wäre. Aber auch sein offenes und zuweilen derbes Wesen, das ihn keine Bücklinge machen ließ, wurde zu seinem persönlichen Nachtheile auSgebeutet Trotz seiner Fähigkeit erhielt er die Mu sikmeisterftelle im Gardemusikcorps nicht, sondern wurde, als Bochmann hierzu von Dresden berufen, zum ersten Regiment (Kurfürst) versitzt. Doch da er auch hier mit mancherlei Chicanen zu kämpfen hatte, und als man ihm namentlich die Anzahl der Mu­siker in seinem Corps beschränkte nahm cr 1835 seinen Abschied. In der Kapelle deS HoflheaterS und,als Musiklchrer, wohl der gesuchteste in Kassel, war er bis zum Jahre 1846 thätig. 1845 leitete er die größeren Musikaufführungen auf dem damaligen hiesigen Sängerfest und das am zweiten Tage dieses Festes unter seiner Leitung im vorhinnigen Saale des Hotel Pfeiffer veranstaltete Concert war ein musika­lischer Genuß, wie ihn vordem Marburg noch nicht gehabt hatte. — Durch WielcS Tod war im Hof­theater die Stelle deS ConcertmeisterS erledigt, Spohr hatte Deichert hiermit beauftragt, doch die Ernennung des Kurfürsten dazu blieb aus, statt derselben er­hielt Deichert unverhofft und unerwartet die Ernennung zum Universttätsmusik-Director in Marburg und, wie man Damals sagte, in Folge seiner Thätigkeit auf dem sängerfeste des JahreS zuvor. Bei einem von seinen Collegcn ihm gegebenen Abschiedsmahle über