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Marburg, Freitag, den 2. Mai.

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1873

Oderhessische Zeitung

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Deutsches Keich.

Berlin, 30. April. Die heutigeProv.-Corr." - schließt in ihrem LeitartikelDer Besuch in Peters bürg." Die innige Verbindung zwischen dem König von Preußen, welcher inzwischen zugleich das Ober­haupt des Deutschen Reiches geworden ist und dem Kaiser von Rußland ist jetzt, wie am Anfänge dieses Jahrhunderts, die Grundlage einer weiteren Verbin­dung auch mit dem österreichischen Kaiserstaate ge worden: die drei großen Mächte haben sich vereinigt, um den grüben und die ruhige Entwickelung Europas gegen jede Gefahr, und Bedrohung zu sichern. 2Bü die Drei Kaiser Zusammenkunft im vorigen Septem- der in Europa als eine Bürgschaft dieser Friedens­politik freudig begrüßt worden ist, so wird auch die Reise unseres Kaisers nach Petersburg und die be- volstehende Zusammenkunft in Wien im gleichem Sinne aufgefaßt. Die Einigkeit der drei Kaiser gewinnt aber um so mehr an Bedeutung und unmittelbarem Gewicht, je mehr in den westlichen Staaten des Kon- tiuemS die Aussichten aus eine ruhige und stetige Entwickelung verdunkelt sind. Das preußische und deutsche Volk geleitet unfern Kaiser und König mit freudigen Segenswünschen an den Hof des mächtigen Monarchen, welcher nicht blos durch seine Stellung zu Deutschland, sondern durch das ganze edle Streben seiner Regierung die ungeteilte Achtung und Ver- - ehrung ber Völker errungen hat. Mit Genug- thuung unb mit Vertrauen blickt unser Volk auf die neue Bewährung einer in der Geschichte beispiellosen, . aus großen gemeinschaftlichen Erinnerungen und ans gegenseitiger Dankbarkeit gegründeten, dauernden Freundschaft, Waffenbrüderschaft und politischen Ge l meinjchast. Dasselbe Blatt sagt ferner: Die Rückkehr f des Kaisers von Petersburg ist nach bisheriger Be­stimmung am 10. Mai zu erwarten. Am 29. Mai

gedenkt der Kaiser sodann der Einladung Sr. Maj. des Kaisers von Oesterreich zum Besuche ber Well- Ausstellung in Wien zu folgen.

Frankfurt a. M., 26. April. DieTimes" hat sich über die hiesigen Exeesse einen wahrhaft un­erhörten Bericht erstatten lassen. Der sauber Corre- sponbent schreibt u. 81.:Es haben Crawalle wegen derselben Dinge in München, Stuttgart und schließlich in Mannheim stattgefunden, und letzte Woche ging bas Gerede, daß amNickelstag" auch hier ein Crawall stattfinden werde. In Baiern und Würiemberg jedoch Hal das Militär sich geweigert, auf das Volk zu schießen." Den Truppen wird der Vorwurf gemacht, sie hätten aus die Aufrührer, die ausnahmslos Knaben und junge Leute waren, und von fünf bewaffneten GcnSdarmen verhaftet werden konnten, leichtfertig ge­feuert. Hiervon entwirft ber Corresponbent folgendes Bild:Als wir AlleS angesehen halten.und wieder lvrtgingen, begegneten wir einer Compagnie Infanterie, die in Colonne zu Vieren rasch die Straße herauf kam. Die Infanterie hat hier zu Lande immer die Bajonnetle aufgepflanzt unb ein Trupp hatte das Ge wehr gefällt g.eich unserem:Fertig zur Attacke". Gleich allen deutschen Truppen, wenn cS Eile hat, waren sie in vollständigster Uiioibifung und mußten in Laufschritt fallen, um sich wieder zu rangiren. Von hier bis zum Ende der Straße waren eS vielleicht 220 schritt, unv kaum waren sie um die Ecke ge­bogen, als piff! paff! ein Dutzend Schüsse fielen. Ich dachte, es set ein Feuerwerk und ließ mir nicht träumen, daß diese Leute unter eine unbewaffnete lachende Menge feuern würden, aber ein Stück Kalk, das jenfeit der Straße aus der Mauer geschossen wurde, und die aufgefundene Kugel überzeugten mich von meinem Jrrthume. Abends fielen ähnliche Auf­tritte vor, und in der Fahrgasse würbe einem armen Manne seine Frau, als er dieselbe nach Hause führte, an der Seile erschossen, weit fort von dem Schau platze der Unruhen. Eine Frau wurde in ihrer Meß budc durch den Kopf gejchossen, und ein Kind wurde an einem Fenster gleichfalls getödtet. Heute um 12 Uhr Mittag beläuft sich die Schlächter-Rechimng

auf 13 Tobte, 37 schwer Verwundete, darunter einige tödtlich verletzt, 133 Personen find leicht ver­wundet worden (weitere Hunderte, die ihre Wunden haben zu Hause verbinden laffen, bleiben unbekannt) und über «150 sind in Arrest gesperrt worden." Und dieseSchlächter" in Uniform werden dann endlich »och mit der nachstehenden Charakteristik bedacht: Heute haben wir hier ein Bataillon von Hanau und vier Schwadronen Dragoner, und alle diese Truppen bilden einen gehörigen Gegensatz zum lüderiichsten und unordentlichsten unserer englischen Milizregimenier und liefern den Beweis, daß selbst ein noch tieferer Schmutz beim Soldaten möglich ist, als ber, welchen man sich gewöhnlich in England vorstellt. Sie bemühen sich, durch jedes Mittel einen neuen Crawall hervorzurufen, und beständig machen ihre Piketö Front, sawingen ihre Carabiner, legen die Gewehre an, und natürlich findet eine förmliche Flucht statt. Dannfühlen sie sich groß" und marschiren ein bischen weiter. Soeben habe ich gesehen, wie ein armer Teufel bei den Ohren einhergeschleppt und mit dem Musketenkvlben geschlagen wurde, während der Soldat ihn anbrüUtehalt' bas Maul" (ein sehr gemeiner AuSoruck), aber der arme Kerl konnte längst nicht mehr reden." Unbegreiflich ist, wie dieTimes" einen solchen schamlosen Bericht aufnehmen unb gleichzeitig einige Artikel in die Welt schicken kann, nach welchen diese Truppen Deutsch­land die WeltsteUung errungen haben, welche Frank­reich ruhmredig beanspruchte.

Freiburg, 27. April. Die Mehrheit der hiesigen Universitäispro,essoren hatte bekanntlich Geschloffen, die Universitätskirche den Aktkatholiken eirizuräunren. Das erzbischöstische Capitelvicariat hatte gegen diesen Beschluß bei der vorgesetzten Behörde Beschwerde unb Verwahrung eingelegt. Die Antwort des Ministeriums beS Innern lautete dahin, daß es nicht in ber Lage fei, gegen bie von der Plenarversammlung der Uni­versitäts-Professoren getroffene Einschließung einen Einwand zu erhebe», da die Universiiälskirche unzwei­felhaft Eigenthum ber Hochschule sei unb deren Ver­treter daher berechtigt seien, über den Gebrauch der­selben eine, die EigenthumSvcrhältnisse nicht aitcrirenbc

sogleich eine Gelegenheit fanb, die Tochter von etwaigen weiteren Vorwürfen abzulenken. Er eilte mit dem offenen Buche zu ihr und sagte:Sieh mal, hier fühl ein interessantes Aiiekoötchen aus der vornehme» Gesellschaft, willst Du eS hören, so will ich es Dir Übersetzen."

Zst's auch interessant," fragte bie Tochter, denn sie hatte auch Etwas auf dem Herzen, bas ihr bie Stirn kräuselte.

O graciös, es betrifft bie gräfliche Familie der Sparr's auf Schortau. Sieh, darüber schreibt der alte Pastor Ahlemann, Golt hab' ihn selig, in seiner Chronik: Der Herr Gras Waldemar ließ das vierte Töchterchen feiner Gemahlin einer kräftigen Amme übergeben, welche die Frau des Kuhhirten in Schor­tau war. Die Herrschaft ging darauf nach Italien und blieb über ein Jahr aus. Hernach ging die Sage bis auf den heutigen Tag im Dorf, das gräf­liche Kind fei gestorben, die Amme aber habe aus Angst vor den Vorwürfen ihr eigenes gesundes Kind fubftituiret. Das gräfliche Kind ist mit Alwine Ottilie, geboren am 8. November 1779, im Kirchenbuch ein­getragen restavere res integraet sind unauf- klärliche Dinge geblieben so schließt er. Ist das nicht niedlich? Denk Dir den Fall, hihi! Wenn so eine hochgeborene Gräfin wirkliches Kind einer Kuhmagd wäre und man ihr bas ins Ohr zischeln könnte!"

So ergötzlich ihm auch bieö Späßchen vorkam seine Antonie wollte keine Miene verziehen, sie fragte bloS:Kennen Sie den» diese Gräfin? Lebt sie noch, von der hier die Rede ist?"

Woher soll ich so hohe Personen kennen!"

Dann hat Ihre alte Scharteke auch keine Be beutung," sagte daö Mädchen, dann, aber fuhr sie seufzend fort:Ach, mich bewegt eine andere Neuigkeit, haben Sie es schon von Nachbar Neuch- lin's Tochter gehört?"

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Was giebt's denn, mein Augäpfelchen?" fragte der Rekror,. der einmal die Timinutiva liebte.ES ist doch kein Unglück geschehen?"

Ach, Unglück genug; sie wirb Heimchen! DaS einfältige, blasse Ding bekommt schon einen Mann."

Ei, bas wäre! Wen denn?"

Den jungen Goldschmied, ber sich am Markt etabliit hat. Er soll noch dazu wohlhabend fein. O, über bas Schicksal!"

Das Schicksal ist nun einmal so", begütigte bet gelehrte Vater.Die alten Heiden sagten schon: auch die Götter konnten es nicht ändern. Doch wir Christen glauben an eine Vorsehung uno diese läßt denn Vieles geschehen."

Sie hat ober keinen Pfennig Vermögen unb kriegt boch einen Mann."

So mag sie andere verborgene Reize haben, bie anziehenb ftnb.

Ach, das Mädchen ist einfältig, wie eine Pute."

Liebes Töchterchen, für ihren Wirkungskreis hat auch bie Pute Verstand genug, das Goldfchmiedlein will vielleicht einen engen Kreis um sich ziehen . . .**

Ja, ein gemeiner, platter Spießbürger muß er wohl fein, das zeigt ja schon fein Geschmack. Sie ist nicht einmal schön, ihr Auge ist matt unb nichts­sagend"

Für die starken Augen mag er wohl nicht fein, weil sie oft begehrlich sind, uno vielsagende könnten ihm eben zu viel Anderes sprechen, kurz, mein Kind, de gustibus--"

Und Hände hat fie .wie eine Viehmagd, sag' ich Ihnen!"

Nach Homer-zu urlheilen, konnten bie Hände ber griechische» Prinzessinnen auch nicht zart sein, wenn man lieft, wie sie Alles damit anfaßten. Der Gold­schmied mag die Hände seiner Prinzessin wohl nicht küssen wollen, sondern in seiner Haushaltung am Herde, in der Küche gebraucht wiffen. Töchterchen,

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aus die Dberhosfische Zci- öCfrCUllIig^ll tuitfl für die Monate Mai und Juni werden von allen Postanstalten, sowie von der Expedition in Marburg entgegengenommen.

Auf dem Laude nehmen die Landpostboten Be­stellungen entgegen.

Das Majorat.

Historisches Familiengemalde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)

Virgils Aeneis schöne Ausgabe, aber bekannt freilich 10 Groschen ist der Einband noch werth, er hat seiner Zeit wenigstens 15 gekostet. Tacitus Germania, Berliner Ausgabe 1710 ist seh lerhaft trotz ihrer Schönheit Ovid's Elegie' be­rühmte Leydener Ausgabe, desgleichen Sallust mit Fndex unb Glossarium Schade daß ich sie schon besitze doch, zehn Groschen? Ei, sie eignet sich trefflich zum Jubiläum-Geschenk bei einem Amtsbruder. Doch, was ist das jk ein geschrie­benes Buch? historia specialis comitiae Sparro- Ntm in Schortova Spezialgeschichte ber Grafschaft ber Sparr's auf Schortau?"

Er blättert unb lieft.

In leidlichem Latein, fängt vom vierzehnten Deeennio an und geht (er blättert) bis 1810. Sie ist vom Vorfahr meines verstorbenen Freundes ge» schrieben. Doch hier ist eine Nachschrift mit rother Tinte von seiner Hand: Comes Woldemarus filiam quartam uxoris suae dedit ancillae quaeda . . .

Er hielt an unb sann.Hm! hm! das ist fonbetbar," sagte er, vor sich hinlächelnd über das, Was er gelesen, denn sein furchtsames Gemüth, das sich an Den Policitis nicht Hera» wagte, hielt sich gern fchadloS an kleinen Anekdoten und Persoiialien.Ja, i°, so gehtS in den hohen Familien; so Mancher uno »nch so Manche kommt obenauf, bie eS sich in ter ; SSiege nicht hat träumen lassen ..."

Er würbe unterbrochen, seine Tochter Antonie btto ein, bie heute ausnahmsweise einmal zu Hause ®8r. Sie sah bie Bücher unb sagte verwundert: Bäterchen, willst Du schon wieder für alte Scharteken Dein Geld wegwerfen?"

Still, still, mein Kind, ftnb nur zur Ansicht her- Ps'chickt." Aber willkommen war eS ihm doch, daß

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für bas Quartal durch die Expedition (Kock'sche Buchdruckerei) bezogen 221 Sgr durch bie Postämter 22 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Eämmlliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.