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Marburg, Donnerstag, den 1. Mai

1873.

OdeMsische Zeitung.

scheint tSglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; Sgr., durch die Postämter 27 6«r. lexcl. Bestellgebühr und ind. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

"uf die Obcrhcssischc Zei- ÖC|r(rUlingLll tuiig für die Monate Mai and Juni «erden von allen Postanstalten, sowie von »er Expedition in Marburg entgegengenommen.

Auf dem Laude nehmeu die Landpoftbolen Be­stellungen entgegen.

Deutsches «eich.

Berlin, 29. April. Aus dem in kürzester Frist dem BundeSrathe und Reichstage zur Kenntniß zu unterbreitenden Bericht über das Telegraphenwesen im Gebiete der deutschen Verwaltung ist zu entnehmen, daß der Telegraphenverkehr in noch größerem Um (enge im verflossenen Jahre zugenommen hat, als im vorhergegangenen Jahre und daß es hierdurch möglich geworden ist, von bcm Zuschüsse, welcher aus Grund des Etat» der Telegraphen-Verwaltung für 1872 zur Verfügung stand, 1,000,000 Thlr. zu ersparen. Der Ausjchuß für Justizwesen hat dem Bundesralh den Bericht erstattet über die weitere Ausführung des Gesetzes, betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu. Bekanntlich war die Frage zu erörtern, welche OrbenS genoffenschasten der Gesellschaft Jesu gleich zu achten feien. Der Ausschuß beantragt in seinem Bericht, der BundeSrath wolle beschließen, folgende Genossenschaften: Congregation der Redemptoristen, Lazaristen, Priester dem heil. Geist und die Gesellschaft vom heil. Herzen Jesu als im Sinne des gedachten Reichsgefetzes zu erachten und die in der Bekanntmachung vom 5. Juli 1872 enthaltene Ausführung des Gesetzes auch aus die vier genannten Congregationen in Anwendung zu bringen mit der Maßgabe, daß Niederlassungen dieser Genossenschaften fpätestenS binnen 6 Monaten vom Tage der Bekanntmachung der Beschlüsse des BundeSratheS aufzuheben seien, gleichzeitig sollen die Bundesregierungen und der Reichskanzler in Bezug auf Elsaß-Lothringen ersucht werden, den Beschlüssen Folge zu geben. Das Abgeordnetenhaus ist be­reits vom Präsidium aus den 5. Mai einberufen und soll Aussicht sein, die Vereinfachung der Geschäfts­ordnung für die kirchlichen Gesetze zum Beschlüsse des Hause» erhoben zu sehen. WaS die kirchlichen Vorlagen im Herrenhause anbelangt, so ist cS wohl unzweifelhaft, daß dieselben mit unwejcntlichen Amen­dements zur Annahme gelangen, denn es zeigt sich, *

daß die relative Mehrheit gegen die Opposition im Wachsen ist, und können daher nur ganz schlecht unterrichtete Correspondenten, wie in derElbf. Ztg." undVoss. Ztg." melden, daß die Vorlagen Schiff bruch leiden werden, wenn nun gar bei dieser Gele­genheit das alte aber unwahre Mährchen von den Differenzen zwischen Graf Eulenburg und dem Fürsten Bismarck aufgetischt wird, so ist daS wahrlich lächer­lich. Daö Hervortreten der gemäßigten Elemente aller Parteien behufs der Wahlen hat nach allen Richtungen tiefen Eindruck hervorgebracht, nur der linke Flügel der Fortschrittspartei hat bis jetzt noch eine besondere Stellung in Bezug auf eine Verstän­digung mit den Nationalliberalen eingenommen, aber auch diese äußerste Seite der Fortschrittspartei lenkt nun ein, denn Eugen Richter si<ht sich in die Noih Wendigkeit versetzt, zu erklären, daß die Fortschritts­partei, wenn sie noch Erfolge erzielen will, sich die Bundesgenoffenschaft mit de» gemäßigten Elementen gefallen lassen muß. Dies liefert nunmehr den Beweis, daß sich die öffentliche Meinung von den Radicalen abgewendet hat. Unter Leitung des Generals v. Morowicz wird die diesjährige Landes Triangulation vorgenommen werden in den Regierungsbezirken: Ma­rienwerder, Köslin, Stettin, Bromberg, Posen, Frank furt a. O. und Potsdam. Die Nachricht, daß der Oberstaatsanwalt v. Luck mit der Anklageschrift gegen Wagener beauftragt worden ist, ist von anderer Seile, als unzutreffend bezeichnet worden. Formell Hal diese Berichtigung insoweit Begründung, als die Dis ciplinaruntersuchung strict genommen nur von dem Vorgesetzten des betreffenden Beamten, in diesem Falle an Graf Roon, dem Disciplinarchef übergeben werden kann. DieGermania" bringt heute einen Kriegs­aufruf: Nach Fulva, dessen Ton nicht der ist, als wenn zu einer Versammlung hoher Würdenträger ein­geladen wird, es klingt auS dem Artikel vor, daß wenigstens Verachtung der deutschen Negierung und der deutschen Politik gepredigt weiden soll. Der Sieg könne der kalhotlschm Partei, meint dieGermania", nicht fehlen.

Dem Central-AuSschusse der preußifchen Bank ging die Nachricht von einer Aufforderung Pariser Bankhäuser an hiesige zu, den Parisern bei den

Wcchsel-Transactionen für die französische KriegScon- tribntion hülfreiche Hand zu leisten. Der Ausschuß beschloß, nicht nur diese Wechsel, sondern auch andere Wechsel derjenigen Bankhäuser von der Diöcontirung auSzuschließen, welche zu diesen TranSactionen die Hand boten.

Köln, 27. April. Seitens der Handwerksmeister ist eine Petition an den Reichstag im Werk, welche sich auf folgende Punkte richtet: 1) Einführung einer Prüfungspflicht nach Beendigung der Lehrzeit; 2) Errichtung und Stellung der Fortbildungsschule unter die Schulaussicht und die Verpflichtung für die Lehrlinge, diese Anstalicn bis zum 18 Lebensjahre zu besuchen; 3) Abschaffung der Beiträge der Lehr­herren (Meister) zu der Gesellenkrankenkasse; 4) die Einführung von Arbeitskontrolbüchern, in welchen von den Arbeitgebern anzugeben sei, wie lange, wo und wie die Gesellen bei ihnen beschäftigt waren; 5) Wiedereinführung der §§ 15 unb 16 der früheren Gesetzgebung, wonach der Geselle, welcher bei un­vollendeter Arbeit die Werkstätte verläßt, belangt und ihm Vs des Lohnes zurückbehalten werden kann; und 6) Errichtung von Gewerbe- und Handwerker-Kam­mern, ähnlich den Handels-Kämmern, zur Herstellung deS socialen Friedens. Die social-demokratische Arbeiter­partei besprach heute diese Petition und war der Ansicht, daß derartigen Anträgen unmöglich Folge gegeben werden könne. Trotz Frankfurt und Mannheim haben auch mehrere hiesige Bierwirthe einen Preis­aufschlag von 3 Pf. auf das Glas Bier eingefnhrt, jedoch unter dem TitelMärz-Lagerbier". Wahr­scheinlich werden wir nun daö ganze Jahr hindurch März-Lagerbier trinken und wir hätten nichts dagegen, wenn die optischen Täuschungen künstlich geschliffene Gläser mit viel Glas und wenig Bier bei den Trinkgefäßen beseitigt und dafür halbe Liter verab­reicht würden.

Wiesbaden, 29. April. Unsere Stadt war gestern Abend der Schauplatz tumultuarischer Auftritte. Zwei Bäckereibesitzern und mehreren Bierwirihen waren im Lause d>s Tages anonyme Drohbriefe zu­gegangen, worin ang>kA»digt wurde, daß ihnen, wenn sie nicht sofort mit ihren Waaren abschlügen, nach 4 Uhr Alles demotirt werden würde. Gegen 7 Uhr

Das Majorat.

Historische» Familiengemälde von M. A. Niendors.

(Fortsetzung.)

Nun, dann lassen Sie das gut sein, Herr Wolf. Da» war nur ein flüchtig Gerede und die Sache mit Wolfram soll sich klären. Ich will Alles lhun. Nun die Anweisung auf die 100 Thaler, Herr Wolf?"

Doch so bittend dieser Refrain diesmal und in so dringender Nüancirung ertönte, daß es ein Herz von Stein hätte erweichen können: der geizige Bankier Nieb hart in seinen Mienen, ja er knöpfte seinen Rock "och fester zu und sagte kopfschüttelnd:Im Gegen­teil, Herr Baron, ich will meine Forderungen ein ziehen und werde Ihnen heute noch die fälligen Wechsel im Betrage von 21,000 Thalern präjentiren hflen . .

Das hilft Ihnen zu nichts."

Auch für Sie, mein junger Herr," wandte sich der Geldmann an Alfred,sind etliche Wechsel aus Wittingen eingelaufen." Und er zeigte bcm jungen wann die erschrecklichen Originale mit seinen eigenen i «ecepten.

Aber mein liebster, bester Herr Wolf," argumen- >Me der Baron wieder.Sie wissen doch, wir können °'cht zahlen Sie haben unsere Güter und «les . . ."

So will ich eben Protest erheben lasten. Wechsel­te einreichen und bann bin ich genöthigt, ber= zeihen Sie meine Strenge, Sie in Schulbarrest zu schicken"

Herr Wolf, schonen Sie einen alten Mann 1" der alte Adam fl hend.

Thun Sie, wa» Ihnen beliebt i" sagte Al- frtb stolz.

Bis der Herr Baron Wolfram," fuhr Wolf nachdrücklich fort,merken Sie, bis Ihr Lehnsvetter seine Einwilligung zum Verkauf giebt. Sie werden mit dem Augenb.ick frei sein wo dies geschuht."

Damit nahm er seinen Hut, machte seine Verbeu­gung und ließ den beiden Schächern das verwunderte Nachsehen.

Am meisten war Herr Adam ergriffen, diese Strenge hatte er von dem stets gefälligen Getdmann nicht er­wartet. Der Schreck schien ihm buchstäblich ir die Glieder gefahren zu fein, ohne Geld war er auch damit noch härteren Peinigungen Seitens seiner Ge mahlt» ausgesetzt.

Ach, Alfred," klagte er, ich bin ganz contract vor Schreck, mein Podagra, mein Rheuma, Alles erwacht, bringe Du mich in mein Schlafzimmer. O diese Wechsel! O diese Frau Gräfin! O das Gefängniß!"

Also klagte und stöhnte er, während ihn Alfred stützte und in sein Cabinet geleitete.

Alles dies war am dritten Tage geschehen nach jenen Begegnisten, die wir von Walsleben her erzählt. Atfred hatte schon flüchtig Fenstei Promenaden vor der Wohnung deS Rektors Lauscher gemacht, doch ohne das schöne Gesicht zu entdecken, das seine ganze Seele erfüllte. Er war auch ernstlich erfüllt von der grausamen Nothrvendigkeit, sich eine Stellung zu erringen und beabsichtigte deshalb, wie wir ersahen, bei der Regierung einzutreten, behufs welchen Schritts er in den zwei Tagen viele Stege und Wege hatte machen müssen. Nun kam das Drängen dieses Gläubigers auf seine Familie dazu. Er suchte Wol­fram auf und theilte ihm die Beschlüste des Bankiers mit. Vor allen Dingen lag ihm sein Renommee für die Stadt am Herzen. Wie konnte er daran denken, als hoffnungsvoller ReferendariuS zu fungiren, wenn

ihn ein Geldmann in Schuldhaft brachte? Das mußte vermieden werden. Alles das stellte Alfred seinem Vetter Wolfram vor. Allein dieser horchte kaum darauf, zeigte sich verdrießlicb, mürrisch, hart­näckig und vom Consens geben wollte er gar nichts wissen, ja, er verschwor sich beim Untergang von Himmel und Erde dagegen, tadelte den Jüngling bitter und scharf und sie schieden, nachdem sie hart anein­ander gerathen waren.

Am meisten empörten ihn Wolfram» kalte Be­rechnungen mit der Geldheirath, die als die schreiendste Dissonanz in sein von der Liebe verwundetes Herz herrinbrach. Denn das reizende Bild jenes ohn­mächtigen Mädchens stand wie eine lichtvolle Vision immer vor seinen Augen.

Da erhellte mit einem Mal ein neuer Gedanke wie ein Blitz seine Seele. Wie? Wenn er mit einem entschiedenen Schritt den Plänen Wolframs für immer die Hoffnung abschnitt? Wenn er das Stadium des Gutsverkaufs damit zeitigte, daß er jeden Gedanken an eine Geldheirath vernichtete? Wurden sie damit nicht Alle den Ballast los, der sie nur immer tiefer in den Schiffbruch hineinzog? War das Gütermisere die vielen Sorgen und Verdrießlichkeiten noch werth, nachdem einmal Alles verfahren? Es stand bei ihm fest, er wollte Beamter werden unb bie 5000 Thaler Abstand kamen ihm wie gerufen.

Ich will von bem Vorrecht meiner Geburt her- nicberiteigen," sprach er bei sich,um einsam, von Gleichen unter Gleichen burchs Leben zu gehen. Ich werde mit bem Ernst der Arbeit unv mit meinen Fähigkeiten mir eine Existenz erringen und Neigung unb Liebe sollen mir ben bescheidenen häuslichen Heerb verschönern!"

Das war fein Entschluß, unb auf frischer Thal setzte er sich, schrieb einige Zeilen unb convertirte sie.