Einzelbild herunterladen
 

101. Marburg, Mittwoch, den 30. April. 1873

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22) Sgr., durch die Postämter 27 6gr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnscrtiousgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sümmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

auf drc Oberhessische Zei- öCftClinilö*” hing für die Monate Mat »«» Juni werden von allen Postaustalten, sowie von »er Expedition in Marburg entgegengenonnnen.

Auf dem Lande nehme» die Landpostbote» Be­stellungen entgegen.

Deutsches «eich.

#• Berlin, 28. April: Wenn in einzelnen Kreisen die Nachricht aufgetaucht ist, daß die Reise des Kai­sers nach Petersburg u. A. auch mit Heirathsprojccten, durch welche neue nähere verwandtschaftliche Verhält­nisse zwischen den beiden Höfen beabsichtigt würden, in Verbindung stände, so muß nach Angabe von zuver­lässiger Seile erklärt werden, daß man hier nichts davon weiß. — Die Frankfurter Vorgänge werden in der Presse noch lebhaft erörtert, und ist die Betrachtung namentlich auch der liberalen Presse in dieser Bezie­hung sehr beachtenswerth, so zeichnet sich ein Artikel rer „Magdb. Ztg." besonders vortheilhaft aus, indem in demselben darauf hingewiescn wird, daß derartige Excesie nur einen solchen Umfang nehmen können, »mn der bessere Theil der Bevölkerung theilmahms- lor oder auch unbewußt die Ausführung begünstigt. Zn Frankfurt z. B. meint das nationalliberale Blatt hätte ein großer Theil der Bevölkerung mit den gegen­wärtigen Zuständen noch nicht befreundet und sich in Grell von dem Leben in der Stadt zurückgezogen und es glaube daher die nach solchen Exccffen ver­langende Masse, sie finde auch in den besser situirten Kreisen Unterstützung. Es mag nicht ganz unrichtig jein, daß dieses Moment einen Faktor bei den Vor­gängen in Frankfurt gespielt hat und cs muß die moralische Mitschuld der Malcontenten wohl mit Recht Mitursache der Exccsse gewesen sein. Daß sich aber diese Unzufriedenheit so weit gesteigert hat, daß, wie die „Deutsche Fr. Ztg." meldet, die in den in Frankfurt befindlichen Regimentern (80. 81, 87) ein gereihten geborenen Frankfurter sämmllich außer Dienst gestellt werden mußten und daß eine Anzahl Dra­goner sich geweigert hat, den ihnen erthcilten Befehlen

Das Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)

Der treue Adam träumte sich schon als glücklicher, immer reicher werdender Rentier, als ihn seine Frau miterbrach:

„Du, speculiren? Wir vor zehn Jahren in Ber­liner Häusern, wo Du den Grund zu Deinem Ruin legtest, weil die Karte von Jena verkehrt umschluz? Rein, Herr Wolf, mein Mann hat kein Glück und sein Verstand, das ist erst recht sein Unglück, wenn >4 das Geld nicht bekomme und die 5000, die Sie Äolsram versprochen, dazu . . . ." t „Und Alfred's auch noch?" fügte der Baron hindcsaltend hinzu.

„Das versteht sich! Das sind 20,000, womit wir ÄensallS wieder mit Anstand auflrcten und leben timten . . .*

„Gott im Himmel, mit dem gräflich Sparr'schen instand, der mir so viel Geld gekostet —" klagte btt Baron händeringend.

„— So, sage ich Ihnen, wird aus der Sache fichtS, sonst will ich lieber biö auf Weiteres die be lcheitene Rente wieder haben."

„Genießen Sie dieselbe!" tröstete sie der Bankier schadenfrohem Lächeln.

„O, das wird das Wenigste sein", fuhr die Baronin brohend auf. Ich, ich werde nach Berlin zum König keifen und zu meinem Vetter, dem Finanzminister. ®ie können den alten Adel ihres Landes nicht so Ländlich untergehen lassen. Sie müssen das ganze ®ut au« der Administration erlösen, uns wieder in bin früheren Stand einsetzen und —"

Und mich und die Schulden bezahlen?" fragte

Wechsler neugierig.

„Nichts, gar nichts muffen Sie bezahlen, damit bti Bankjuden und Makler ihren Lohn bekommen für b« Wucher, den die schlechten Landrichter nicht mehr ^strafen ..."

nachzukommen, entwaffnet werden mußten, ist einfach Lüge. — Die voraussichtliche Amendirung der kirch­lichen Vorlagen durch das Herrenhaus setzt eine noch­malige Beralhung der Gesetze im Abgeordnetenhause in Aussicht und cö scheint daher geboten, das Abge ordnetenhauS so früh als möglich zusammenzurufcn; dem Vernehmen nach ist die erste Woche vom Monat Mai bereits hierfür in Aussicht genommen. Es wird, um der Sache überhaupt einen raschen Verlauf zu geben, beabsichtigt, Anträge auf Abänderung der Ge­schäftsordnung aus der Initiative der Abgeordneten zu stellen. Das Herrenhaus wird voraussichtlich in 8 bis 10 Tagen mit den qu. Vorlagen zum Abschluß gelangen. — Der Handelsminister Graf Jtzenplitz hat sich bereits von den Geschäften deS Minsteriums zurückgezogen und hofft man nach der Rückkehr deS Kaisers aus Petersburg die Genehmigung deS Ab­schiedsgesuchs deS Ministers, der ja überhaupt erklärt hatte, nur bis zum Schluß der Verhandlungen der Eisenbahn-Untersuchungs-Commissiön im Amte bleiben zu wollen; letztere hat, wie vorauSzusehen, nichts er­geben, was irgendwie einen Makel an der Wirksam­keit deS Grafen Jtzenplitz haften ließe. — Die Nach­richt, daß das Ministerium sich entgegen der Ansicht des Polizeipräsidiums für das Projekt der Markthallen, wie solche die städtischen Behörden begünstige, aus­gesprochen, ist unwahr; es haben die Ressort­minister (des Innern und des Handels) ihre volle Zustimmung im Einverständniß mit dem Staats Ministerium zu der Entscheidung des Polizeipräsidiums ausgesprochen.

— lieber das Mauser-Gewehr berichten die „Neuen mil. Bl." u. 31.: der Schuß desselben sei ein außer ordentlich sicherer, besonders aus die weiten Distanzen, auf die näheren weniger, weil man dabei ziemlich tief halten muß und dadurch ein richtiges Abkommen etwas erschwert ist. Dieser Ucbelstand könne jedoch in Anbetracht derjenigen Distanzen, auf welchen heute das einleitende und entscheidende Feuergefecht liegt, nicht sehr in Betracht kommen, und zwar um so we-

„Aber Ottilie, Ottilie!" rief entsetzt der Baron dazwischen, allein seine Frau Gemahlin ließ sich nicht in dem Strom ihrer Rede stören, der einmal ent fesselt war.

„Wenigstens zwaitzigjähriges Jndult werde ich sordern, wie eS mein Großvater im siebenjährigen Krieg bekommen. —"

„Ich bitte Dich, Ottilie," bat der Baron.

„Ja, und dann sagen werd' ich dem Hofmarschall, wie das Bankiervolk in die Hofetiquette einzubrechen droht. Sie, Herr Wolf, wagten es, uns durch diesen Wolfram eine Mesalliance anzubieten?"

Da faßte sie der alte Adam an dem Arm und wollte ihr in aller Sanftheit und Liebe den Mund zuhalten, indem er flehte: Ottilie, Du irrst Dich!" Allein sie schob den Herrn Gemahl energisch bei Seite und drohte ihm: „Schweig nur, bis ich fertig bin!" während sic ihre Rede weiter an Wolf adr-s sirte: „Ich sage Ihnen, ich litte nicht, daß Sie dem alten grauköpfigen Wolfram Ihre Tochter an den Hals würfen, der ist noch viel zu vornehm für eine Krämermamsell. Mir wenigstens dürfte sie niemals über diese Schwelle, nicht einmal meine Küche dürfte sie betreten. Da lernen Sie er ft die Würde und die Bedeutung eines reichsgräflichen Hauses keinen!"

Sie sah sich triumphireud um, wie sie Alles vor sich nietergeschmettert. Der alte Baron ging trostlos im Zimmer umher, hielr sich die Hände vor die Ohren, Alsred stand mit ineinandergeschlagenen Händen und sah lächelnd vor sich nieder, der Bankier aber blickte zweifelnd von Einem zum Andern, weil er den Zusammenhang nicht verstand. Sie aber glaubte damit das gefährliche Project dieser Heirath glänzend nie­dergeschlagen zu haben und schritt mit stolzen Schritten in ihr Zimmer zurück.

Endlich fragte Wolf erstaunt: „WaS ist das? WaS redete diese Dame?"

Der Baron blieb vor Alfred stehen und sagte klagend: „Siehst Du, Alfred, so gcht'S mit einer heftigen Frau. Nimm Dich bei allen Heiligen vor

niger, da der Kernschuß deS Gewehrs auf 300 Meter (375 Schritt) gelegt ist. Das Maximum der Feuer­geschwindigkeit könne bei der Chargirung mit Exer- eierpatronen auf 18 Schuß im Schnellfeuer des ein­zelnen Schützen, auf 12 Schuß für Salven ange­nommen werden. Im gefechtsmäßigen Scharfschießen dürften sich diese Zahlen wohl auf 12 und 8 ermä­ßigen, da daS Zielen stets der constante Factor bleiben wird, den keine Neuconstruclion wesentlich abzukürzen im Stande sein dürfte. ES sei jedoch im großen Ganzen keine Frage, daß man in dem neuen Gewehr eine Waffe von in jeder Hinsicht vorzüglicher Con- struction, sowohl was Dauerhaftigkeit, Rasanz der Flugbahn, Sicherheit deö Schusses, Feuergeschwindig­keit und Leichtigkeit, als was Sicherheit vor Versagen und bequeme Handhabung betrifft, besitze, und daß die Armee eS dankbar in einem künftigen Feldzuge empfinden werde, mit einer allen anderen europäischen Constructionen mindestens ebenbürtigen, wahrscheinlich überlegenen Waffe versehen zu fein.

Karlsruhe, 27. April. Die „Karlsr. Ztg." bespricht die Frage des deutschen Reichsgerichts und kommt dabei, was Baden betrifft, zu folgenden Resul­taten: Diejenigen Staaten, welche nach Flächengehalt und Einwohnerzahl nicht viel bedeutender sind als Baden, haben an der Ordnung der Zuständigkeit des Reichsgerichts kaum ein anderes als das Interesse der Herstellung einer möglichst guten, zweckentsprechenden Rechtspflege. Einen selbständigen obersten Landesgc- richtshoi neben dem obersten Reichsgerichte werden diese Staaten nicht bcibehalten können, auch wenn die GerichtSversaffung des Reichs eine solche Beibehaltung gestattet. In Baden z. B. werden die bestehenden KreiS- und Hofgerichte und Kreisgerichte in Landge­richte, als Collegialgerirte erster Instanz und alS Berufungsgerichte für die in erster Instanz von den Amtsgerichten zu erledigenden bürgerlichen RechtS- streitigkciten (etwa bis zum Werthe von 300 Mark) verwandelt werden. Wenn fernerhin die Landgerichie auch in bürgerlichen Rechtssachen, wie schon bisher in

einer solchen bösen Sieben in Acht. ES hieß zu meiner Zeit in einer lustigen Oper: „DaS allerbeste Wrib ist doch deS Mannes ärgste Plage!" Erwäge nun, waS für eine Plage eine solche Frau fein muß!"

„Ich begreife, lieber Vater," erwiderte Alfred, „und werde darnach meine Entschließungen nehmen."

„Geben Sie auf dies Gerede meiner Ottilie nichts!" bat dringend der Baron den Bankier. „Sie mag zum Minister gehen, allein in unsere Angelegenheit hat sie nichts mitzusprechen. Jbr Eifer, mein lieber Herr Wolf, kam daher, weil kurz zuvor, ehe Sie kamen, ihr unser Vetter Wolfram vorschlug, mein Sohn 3Ujreb könnte wohl Ihre Tochter heirathen."

Dieser Gedanke kräuselte des kleinen Bankiers Stirn ordentlich unheimlich und ganz gegen seine glatte Manier, die er sonst gegen den adeligen Baron beobachtete, suhr er barsch und wild heraus: „Ha, ein Baron meine Tochter? Welch ein frevelnder Gedanke, Herr Baron."

„Beruhigen Sie sich, mein Herr," fiel Alfred in gemessener Haltung ein. „Die Sache cxistirt für mich nicht. Ich habe auch meinen Willen, nach diesem," fügte er nachdrücklich hinzu, „würde ich Ihre Tochter nicht nehmen und wenn Sie sie mir auch selbst an­böten. Ist Ihnen dies genug?"

Der Bankier sah den jungen Mann von Oben bis Unten an; der Stolz desselben mit der Ruhe ge­paart, imponirte ihm, indessen regle sich auch bei ihm das Bewußtsein seines R.ichthums und seiner Geld­macht; er rntgegneto deshalb mit gleichem Nachdruck: „Darauf hätte» Sie nun erst antworten können, junger Mann, wenn ich Ihnen eine derartige An­erbietung machte, wovon niemals die Rede sein tanp.“

Der arme Baron Adam aber sah sich immer wieder weiter entfernt von seinem ersten Anliegen, daS ihm doch die Hauptsache war, weil eS am meisten drängte.

(Fortsetzung folgt.)