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Wr. IM. iWW Marburg, Dienstag, den 29. April.

Werhessische Zeitung.

1873.

^nut "glich außer den Werttagen nach Eonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22 i Sgr., durch die Postämter 87 Ser. iexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Steinpel 22 Sgr. - Juserlionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Lar.

Süinmlliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

Berlin, 26 April: Für den Landtag wird augenblicklich noch eine weitere Vorlage aus. oder vielmehr umgearbeitet, nämlich der schon mehrfach erwähnte Geictzentwulf, bdrtffenb den Gebrauch der deutschen Sprache im amtlichen Verkehr. Die Regie rung wünscht auch diese Angelegenheit noch in bei leuieiiben Session zu erledigen. Die Wichtigkeit dcS Gesetzes liegt aus der Hand; eS g hört mit in die Jtiifttammer, welche der Staat braucht, um sich gegen die Uebergriffe der mit den Ultramontanen conspi- rirenten reichsfeindlichen Elemente vertheidigen zu können. Die glänzenden Festlichkeiten zu St. Pe­tersburg haben nunmehr ihren Anfang geucmmen. Von verschiedenen Seilen wird gemeldet, Fürst Bis­marck beabsichlige nicht, denselben bis zum Schlüsse deizuwohne», sondern werde früher alS Se. Majestät wieder in Berlin eintreffen. Wie man vernimmt, be­ruht diese Nachricht aus Eifindung; bis jetzt ist von einer solchen Absicht des Fürsten nichts bekannt. ist auch nicht recht verständlich, was den Reichs­kanzler zu einer beschleunigten Rückkehr veranlassen sollte. Die Nachwirkung der letzten großen Reden wird wohl noch einige Zeit hinreichen, um dem Herrenhause klar zu machen, um was es sich handelt. Herr v. Bismarck wird bei der Anerkennung, welche ihm selbst Rußlands mächtiger Monarch zu Theil «erden läßt, sich darüber trösten können, daß Herr e. Gruner für eine solche Verwunderung des großen Staatsmannes keinen Grund finden kann. Je mehr man die Worte des betreffenden Herrn ftubirt, desto mehr fühlt man sich zur Heiterkeit geneigt. Herr v. Gruner erkennt dem Ministerium allerdings Erfolge zu, aber er setzt ausdrücklich hinzu, dieselben seien nur territorialer und militärischer Natur. Diploma­tische Erfolge hat demnach Fürst Bismarck nicht auf­zuweisen. Der Beweis dessen war für Herrn v. Gruner leicht zu finden: er selber hat den Fürsten nicht un­terstützt wie konnte da von Erfolgen die Rede sein!

DieNordd. Allgem. Zig." bezeichnet, indem sie an die Rede des Fürsten Bismarck im Herreu- hause anknüpft, als Hauptaufgabe der bevorstehenden Wahlen, diejenigen regierungsfeindlichen Politiker zu kennzeichnen, welche durch die Berufung auf ihre con-

servative Gesinnung die Wähler irre führen. Die große conseivalive Partei im Lande wolle keine Oppo. sition gegen den Fürsten Bismarck und die königliche Regierung, darum sei eS nothweneig herauSzustellen, welche vormaligen Conservativen gegenwärtig Qppo sition machen. Wie aus guter Quelle verlautet, hat der Reichskanzler den Wunsch auSgciprochen, daß die weitere Berathung des R-ichSpreßgefetzentwurfes im Reichstage bis zu seiner Rückkehr aus Petersburg verschoben werden möge.

Königsberg, 26. April, 8'/r Uhr Mrgs. So­eben ist die Adreste des Kaisers von hier erfolgt In den festlich geschmückten Straßen wurde derselbe vorr einer zahllosen Volksmaste enthusiastisch begrüßt. Dem Vernehmen nach hat der Pfarrer Grunert an­läßlich der in der ExcominunicalionSbulle enthaltenen Beleidigungen bei der BraunSberger Staatsanwalischaft die strairechtliche Verfolgung des Bischofs Krementz wegen Amtsbeleidiguitg und Verläumdung beantragt.

Frankfurt, 26. April. Die Masse Gefangener von dem jüngsten Tumult eS sind deren, wie man hört, über 200 machte zur Führung der Unter­suchung die Heranziehung außerordentlicher Arbeits­kräfte nölhig. Rügegericht und Untersuchungsrichter sind mit den Erhebungen beschäftigt. Der Actuar der Strafkammer, Herr Dr. Vinassa, wurde zum Hülfsrichtcr ernannt. Die Zahl Derjenigen, welche erst nachträglich verhaftet wurden, ist beträchtlich. Aus einzelnen Schneider- und Schuhmacher-Werkstätten sind oft mehrere Arbeiter zugleich in Haft abgeführt worden, ebenso aus verschiedenen Fabriken und von Neubauten. Von den Feuer-Arbeitern, welche mit krumm gebogenen Eisenstangen, Brecheisen und mit dem Stößer eines großen Mörsers hantirten, sind die meisten ermittelt und in Haft gebracht. Ein In­dividuum wurde festgenommen, das den Eier-Vorrath bei Rentlinger in die Tasche steckte; die Eier wurden ihm im Gedränge zerdrückt und die gelbe Flüssigkeit verrieth ihn. Andere Verhaftete trugen noch an ihrer Kleidung die Waaren-AuSzeichnung an den aus dem Schloß'fchen Geschäfte abhanden gekommenen Hosen und Röcken; Einer hatte sogar drei Röcke an. Eine Frau, welche mit ihrem Manne im Scheidungsprocesse liegt, zeigte denselben als Besitzer eines der gestohlenen

Röcke an. Aus Bornheim wurde ein Vater mit feilten beiden Söhnen in daS Gefängniß abgeholl. Äußer der Betheiligung an den Echceffen soll n sich die beiden Letzteren, welche der Reserve ang hören, noch einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht haben. Auch der Mann, welcher die Tumultuanten aufgefordert haben soll, reiche Juden, deren Wohnung er ihnen zeigen wolle, Heimzusuchen, soll sich hinter Schloß und Riegel befinden und aus Bergen fein. Die Revolte wirkte übrigens höchst nachtheilig auf den Fremdenverkehr. Fast sämmtliche Fremde sind abgereist. Die Geschäfte, welche sich in Blüthe be­laubet, , sind zur Zeit ganz still. Zu unserer Mit- theilung, daß dciö Gesetz vom 11. März 1850 über die Verpflichtung der Gemeinden zum Ersatz deS bei öffentlichen Aufläufen verursachten Schadens in dem Gebiet der vormals freien Stadt Frankfurt nicht ein- g.führt worden, erhalten wir nachstehende authentische Ergänzung. Nachdem die Staatsregierung die Ein­führung des Gesetzes in den neuen LanbeStheilen dem Landtage im Jahre 1869/70 vorgelegt, nahm daS Herrenhaus dasselbe an, während die Justiz Commission des Abgeordnetenhauses im Januar 1870 die Ableh­nung des Gesetzes beantragte. Jrn Plenum des Ab­geordnetenhauses hat darüber wegen Schlusses der Session keine Verhandlung stattgefunden uno seitdem ist der Gesetzentwurf nicht wieder vorgelegt worden.

Darmstadt, 26. April. Die Petersburger Corre- spondenz derDarmstädter Zeitung" findet in dem Bestich des deutschen Kaisers in Petersburg und in der in Aussicht stehenden Drei - Kaiserzusammenkunft in Wien eine Bürgschaft für die Erhaltung des Frie­dens, der gegenüber das Gebühren bet österreichischen Presse einen unangenehmen Eindruck mache.

Ludwigshafen, 26. April. Die heute hier stattgehabte Generalversammlung der pfälzischen Bahnen hat einstimmig die Anträge des Verwaltungsraths ge­nehmigt. Die Dividende der Ludwigsbahn ist auf 35, die der Maxbahn auf 15, die der Nordbahn auf 10 Gulden per Aktie festgesetzt worden. Bei der Neu- wähl des Verwaltungsrathes wurden der Reichsrath Böcking, RegierungSrath Meuth und Banqnier Roth- fchild wiedergewählt. Neu gewählt wurden der Kauf­mann Röchling aus Ludwigshafen an Stelle des ver-

DaS Majorat.

Historisches Familiengemäide von M. A. Niendorf.

(Fortsetzung.)

6. Baron Adam in Verlegenheit.

Noch in der Thür nickte der gebückte Geldmaun and fragte lächelnd mit selbstbewußter Bescheidenheit: «Jst's erlaubt?

Baron Adam sprang bei dem Ansichtigwerden des mächtigen Mannes von seinem Sorgenstuhle auf und bat höchst freundlich:Treten Sie nur näher, Herr Sols!"

Der Bankier ihat's, nahm den bargebetenen Stuhl ®it bieien Komplimenten und fragte:Womit kann ich dem Herrn Baron bienen?"

DaS wissen Sie wohl, Herr Wolf, am besten

it bem, was Sie im Ueberfluß haben und mir leider fehlt.

Der Herr Baron belieben zu scherzen," lächelte ®olf.Ich weiß mit meinen bescheidenen Mitteln "r gut hauszuhalten."

Ach, hätte ich nur Ihre bescheidenen Mittel, Herr «olf!"

Darauf antwortete der schlaue Bankier nicht, son- b«n begann:Sie haben nach mir geschickt"

Ganz recht, Herr Wolf," nickte der Baron.Ich Wünschte noch 100 Thaler Vorschuß auf meine ver­pfändete Rente, wenn es Ihnen möglich ist"

Kühn nahm der Bankier die Höftickkeitssormel für Wahrheit:Wird mir kaum möglich fein, Herr Baron. Hundert Thaler! Viel Geld! Ich habe Ihnen bereits M)0 gegeben! . . . ."

Was ist auch das!" erwiderte der Baron, der Wahrheit und Offenheit auch näher rückend;nickt 7^ Betrag von zwei ein halb Jahren im Voraus! Renten Sie, daß ich so bald sterben werde? Uebrigens

meine Frau die volle Nutznießung ebenfalls .. ."

Ich wünsche dem Herrn Baron ein recht langes Leben und feiner Frau Gemahlin dazu", entgegnete der Bankier salbungsvoll,allein wer mag die Zukunft wiffen?"

Aber, Herr Wolf! .... Renten taxirt selbst daS Gericht mit dem zehnfachen Betrage!"

Taxirt!" wiederholte der Geldmann mit über legener Miene,aber es beleiht sie nicht!"

Das thut nichts. Sie können mir schon noch 100 Thaler Vorschüßen!" bat der Baron.Ich brauche sie zu tiothwendig."

Er blickte dabei den Bankier mit gespanntem Auge an; so gewandt er in der Kunst des Leihens war, er auch längst jenes unwillkürliche Herzklopfen überwun­den hatte, waS jede; Neuling in dieser heikligen Lage beschleicht: so gefiel ihm doch die Miene des sonst so demüthigen Geldmaunes nicht, der, wenn'S in seiner Berechnung lag, härter als ein Fels sein konnte. Und sieh da! er -zuckte mit feinen hohen etngezogenen Schultern und erwiderte:

Thut mir leid, Ihren Wunsch rundweg abschlagen izu müssen. ES ist das ja ein herzlich schlecht Ge­schäft; die Rente läuft sparsam ein, man hat's Risiko und sonst nichts, als die gemeinen Zinsen.

Aha! dachte der Baron,die Zinsen sind's. Und er sagte laut:Wollen Sie acht Procent, wollen Sie zehn im Voraus?

Danke, danke für die Kleinigkeiten, was ist daran zu rerciemn?" fügte er Wegwerfend hinzu.

Diese Sprache empörte innerlich teil Baron, und er rief:Nun, ick dächte, Herr Wolf, Sie hätten wahrlich genug an mir verdient!"

Sie scherzen, Herr Baron! sagte der diploma- tiscke Geldmann und nahm seine freundliche Miene an, indem er langsam fortfuhr:und find obendrein undankbar I

So sehr das Wort den alten Herrn verdroß, es fiel ihm doch ein, daß er wohl oder übel einlenken mußte, wenn er zum Ziele kommen wollte.

Lassen wir das, sagte er und kam auf feinen dringenden Punkt zurück.Ich wünsche 100 Thaler, Herr Wolf! '

Die ich nicht geben kann! scholl es wieder un­heimlich zurück.

Aber düngend und bittend fuhr der alte Baron fort:Sie sehen, ich bin in der Roth und Ver­legenheit, soll ich verhungern?"

Das wäre nicht nölhig, wenn Sie endlich dem ganzen Geschäft ein Ende machten und der lang­weiligen Administration dazu, sagte der Geldmann. Verkaufen Sie nur die Güler. Sie haben 93 000 Thaler Schulden. Ich übernehme sie, zahle Ihnen noch 7000 Thaler heraus und wir schließen den Kauf ab."

Wolfram hörte diesen Worten gespannt zu und spitzte die Nase wie ein Hühnerhund; dann warf er dem Bankier die Worte hin:Da müssen wir auch dabei sein!"

Doch der Bankier mit seiner überlegenen Miene entgegnete ihm:Das weiß ich, gedulden Sie sich, ich spreche sogleich auch mit Ihnen! während er von Oem alten Adam nicht das Auge wandte.

Siebentausend Thaler! murmelte dieser.Das nWeWü,00ü. Die Güter sind wenigstens 150,000

Wenn'S Ihnen Jemand bezahlt, Herr Baron, lächelte der Kaufmann.Sie wannd vielleicht auch einmal wcith, als das Holz noch stand und die Zeilen bester waren."

Wolf cakulirt nur zu richtig, er wußte baar Geld lacht.

Wenn Sie mir 10,000 Thaler geben," hob der