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Marburg, Sonntag, den 27. April

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1873.

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Politische W-chrn-Ueberficht.

Am Schlüsse der vorigen Woche hat Kaiser Wilhelm in einer für ganz Deutschland erfreulichen Rüstigkeit an allen glanzvollen Festlichkeiten der Vermählung seines Neffen, des Prinzen Albrecht mit der Prinzessin Maria von Sachsen Altenburg Theil genommen, und hat am Donnerstag dieser Woche die Reise nach Peters bürg angetreten. Diese Reise hat dieselbe allgemein friedliche Bedeutung, wie die Drei-Kaiser-Zusammen fünft in Berlin im September v. I. — Im deutschen Reichstag hat die zweite Lesung des Münzgesetzes statt­gefunden und ist gegen die Regierungsvorlage das Zwei Markstück mit eingeführt worden, die Majorität für diese Münze war aber eine so geringe, daß eö zweifelhaft ist, ob bei der dritten Lesung dasselbe blei­ben dürfte. Im preußischen Herrenhause hat die Be- rathung der kirchen-politischen Gesetze begonnen, wovon das erste bereits Annahme gefunden hat. — Die Steigerungen der Bierpreise haben zuerst vor acht Tagen in Mannheim zu Angriffen wilder Rotten gegen die Wirthschaften geführt, welche durch militärisches Einschreiten unterdrückt werden mußten, und in Frank fort hat dann am Montag eine verstärkte Nachahmung stattgefunden, bei welcher es Tobte und Verwundete (amtlich constatirt bereits 12 Tobte und 38 Verwun­dete) gab. — In den jüngsten Tagen hat Deutsch- land drei Todesfälle hervorragender Männer erlitten — am Sonnabend voriger Woche starb nach längerem bedenklichen Leiden zu München der in ganz Europa hochverehrte Vater der organischen Chemie, Justus Liebig; in Stuttgart starb am Mittwoch der deutsche Literatur-Historiker Wolfg. Menzel, und Mitte voriger Woche starb in der Nähe von Dresden der General e. Rabenhorst, von 1849 —1866 sächsischer Kriegs- Minister.

Dem ö st e r r e i ch i s ch e n Abgeordnetenhaufe theilte am 21. der Minister-Präsident mit, daß die feierliche Schließung dcö Reichstages am 24. durch den Kaiser erfolgen werde. In der Thronrede betonte der Kaiser die friedlichen Beziehungen zu den mächtigen Nachbar- Staaten. In der Sitzung am 21. d. wurden die galizischen Abgeordneten, die den Reichsrath verlassen und ihre Abwesenheit nicht entschuldigt hatten, vor Thorfchluß noch ihres Delegirtenmandates für verlustig erklärt. Am folgenden Tage aber schon, 22. April,

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Das Majorat.

Historische- Familiengemälde von M. A. Niendorf, l Fortsetzung.)

Die Baronin achtete nicht einmal auf die Welte über ihre Sanstmuth, die eine Seite ihres Gesichts wurde schon wieder roth. Sie sprach anfangs kein Wort, sondern schüttelte sich nur. Das schien fast wie Sanftmuth, allein ihr Gemahl bewegte bedeut fern den Kopf, sah den Vetter an und zeigte auf seine Ottilie.

„So," begann sie endlich, und dieses So kam hervorgebrochen aus der liefsten Tiefe ihres Herzens, »das, das war also der Sinn Eurer Faseleien?"

„Hören Sie doch nur," fuhr Wolfram fort, „durch eine solche Heirath kommen wir so wunderbar aus aller Noch, wie der Freiherr von Münchhausen, der Üch an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpfe zog."

Die Baronin schoß durch die Stube und fochi mit den Armen wie eine Erstickende. Der Baron 8bam zeigte noch weit ängstlicher auf sie.

Aber Wolfram sprach weiter: „Schon hat mir 3hr Herr Gemahl erklärt —"

„Halt, Wolfram, Du irrst," fiel hier der Gemahl eifrig ein. „Nichts habe ich erklärt."

„Das war Dein Glück!" fuhr die Baronin heraus **nb gelangte endlich zum Gebrauch ihrer Sprache. .»Darum hätte ich mich mit Euch Röbell's alliirt, daß gar noch mit einer Krämermamsell verwandt werden sollte? Ich, bin eine geborene Gräfin Sparr, bit zu einem Freiherrn herabstieg? Nun soll gar än Ritter von der Elle in meine Familie kommen? Das muthet Ihr mir zu? Mir, einer Rcichsgräfin, *toen Haus seine Glieder bis in erlauchte Fürsten- Wufer verzweigt hat? Ehrvergessen seid Ihr — das Wut Eurer Ahnen kann nicht mehr in Euch rein

Die italienischen Minister sind einstweilen zum größten Theile, gerade wie die Deputirten, auf Reisen begriffen, und die Politik ruht vollständig. Nur hat die Veröffentlichung der Einnahmen des ersten Quartals eine Steigerung gegen die entspre­chenden Finanz-Ergebnisse des vorigen Jahres ergeben, ein Vortheil, der allerdings durch gesteigerte Aus­gaben wieder illusorisch gemacht wird und an bet Thalsache nichts ändert, daß die finanziellen Ver­hältnisse des Königsreichs fortwährend auf der Schneide deö Schermessers balaneiren. Der Gesundheitszustand des Papstes ist seit einigen Tagen wieder entschieden auf dem Wege der Besserung.

In Spanien ist die Aufregung sehr groß und schlimme Befürchtungen sind gerechtfertigt. Die Gegner des föderalistischen, wenn auch schon bedeutend er­nüchterten Ministeriums, Einheit Republikaner, Mo­narchisten und Reaelionäre aller Art, mit Ausnahme der Carlisten, scheinen sich die Hand reichen zu wollen und es heißt, daß Serrano selbst jetzt nicht mehr ab­geneigt wäre, sich an die Spitze dieser Koalition zu stellen. Vom Kriegsschauplätze sind einige Nieder­lagen der Carlisten gemeldet worden.

Unter nie dagewesenem Glanze hat das eM l i s ch e Parlament am Montag seine Sitzungen nach den abgelaufenen Osterferien wieder aufgenommen. Dieser Glanz war aber nicht im Westministerpalast, sondern nur außerhalb desselben zu erblicken; er strahlte aus von dem großen Uhrlhurme, der von nun ab mit gewaltigem eleetrischem Lichte weithin anzeigen wird, wann die Landesvertretung ihrer Aufgabe, das Volk glücklicher und besser zu machen, beraihend ob­liegt. Der Zweck dieser Illumination ist jedoch weniger der, den Fleiß der Herren Gesetzgeber zu eontrolliren, als den letzteren über die weite Stadt hin kundthun, daß sie nicht etwa einen vergeblichen Weg nach Westminster antreten. Sobald die Sitzung schließt, erlischt auch das Licht. Das Unterhaus hat den Tag auch dadurch denkwürdig gemacht, daß eS Fawcetl's Vorlage zur Abschaffung Der eonfessionellen Beschränkungen an der Dubliner Universität und Trinity-College in zweiter Lesung annahm.

Die belgische Repräsentantenkammer hat am 22. ihre Arbeiten wieder begonnen. In der folgenden Sitzung wurde das Gesetz über die Aufnahme einer sätze, ich," erhob die Gräfin stolz ihre Stimme „Eine Mißheirath darf mir nicht die Familie ver­unreinigen, eher will ich in Ehren untergehen. Ter Herr Sohn wird sich nicht unterstehen, die KrämerS- tochter zu heirathen, das leid ich nicht, damit abge­macht." Und wieder flog sie ihrer Thür zu und verschwand.

Baron Adam senkte wieder sanft das Haupt in Resignation und sagte: „So darf ich's auch nicht leiden! . . . Uebrigens Vetter Wolfram," fuhr er in feiner alten Gemächlichkeit fort, „was streiten wir uns doch um den Pelz, ehe wir ihn haben. Wer weiß denn, ob der Bankier darauf einginge ?"

Jetzt trat Alfred hervor, der der ganzen Scene zuletzt mit Aufmerksamkeit gefolgt war und nichts als ein sarkastisches Lächeln um den Mund gezeigt hatte, er fiel plötzlich in das Gespräch ein: „Macht Euch doch keine Sorge weiter mit Euren Plänen — ich denke ebenfalls nicht daran, auf die Vorschläge Vetter Wolframs einzugehen."

Wolfram blickte seinen Neffen Alfred groß und vorwurfsvoll an. „Aber Alsrev, was hör ich? Du sprachst Dich doch neulich gegen diesen Vorschlag nid)t ganz abgeneigt aus, als ich in Walsleben in Dich drang?"

»Ach, Vetter Wolfram, man denkt im Leben Vielerlei, waS bei näherer Ueberlegung doch sich als schiere Unmöglichkeit erweist!" sagte Alfred traurig und langsam.

„Du bist ein Narr mit Deinen Gedanken!" eiferte Wolfram. „Bist Du nicht jung und schön, wie ein Adonis, ganz wie Dein Vater, als er noch in seinen besten Jahren war! Frage den, waS er mit den Mädchen ausgestellt hat."

„Wolfram!" rief der alte Adam dazwischen und

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brachte die „Wiener Ztg." die Ernennung des Lem­berger Bürgermeisters ZiemialkowSki zum Minister ohne Portefeuille. — Die ungarische Delegation ge­nehmigte am 21. das außerordentliche Erforderniß der Armee in dritter Lesung. Für die Wahlbewegung im Herbst wird bereits vorgearbeitet, aber in allen Kreisen herrscht das Bestreben, während der Ausstellung den Burgfrieden zu schonen.

Jrn schweizerischen Kirchenstreit hat Bischof Lachat am Mittwoch nach Ostern, „der Gewalt weichend", mit seinem Kanzler das bischöfliche Palais in Solo lhurn geräumt und einstweilen in Allishofen (Canton Luzern) Aufenthalt genommen. Am vorigen Sonntag fand in Arlesheim (Canton Basel) eine große Ver­sammlung freisinniger Katholiken statt und faßte mehrere Resolutionen in Betreff an den BundeSrath zu stel­lender Anforderungen zu Gesetzvorlagen gegen Ueber- griffe der geistlichen Gewalt.

Die Periode der Wahlversammlungen, die mit dem 22. April schloß, war in Paris ungemein be­wegt. „Hie Barodet!" und „Hie Rsmusal!" lautete der Ruf unter den Gambettisten dort, unter den An­hängern der Republik des Herrn Thiers hier, während die Legitimisten ihren ersten Canditaten, den israelitischen Handelsmann Sibeman, der nicht ziehen wollte, plötz­lich ins Wasser fallen ließen, sich mit den Bonapar- tisten verschmolzen und den Obersten Stoffel um seiner chauvinistischen Bedeutung willen auf den Schild hoben. Stoffel hat diese beneidenswerthe Rolle ange­nommen, Heinrich V. und Napoleon IV. gleich treu zn dienen. Die Wahl Barodet's, die von Gambetta erfunden wurde, um Thiers „eine Warnung zu er theilen," stand zu Anfang der Wahlversammlungs- Periode besser als zu Ende derselben, da Rsmusat mehr und mehr die Unterstützung aller wirklich liheralen, aber gemäßigten Männer gewann, darunter die ge­wichtige Stimme des ehemaligen Präsidenten der Nationalversammlung, Grsvy, des Republikaners ohne Furcht und Tadel. Ob aber schließlich die Republik des Herrn ThierS am Sonntag den Steg davon­tragen ober Barodet in Gambetta's Gefolge im Triumph in die Nationalversammlung einziehen wird, darüber läßt sich noch nicht mit einiger Wahrschein­lichkeit ein Urtheil fällen: die Pariser Wähler sind ohnehin unberechenbare Wähler.

sein, da es solche Gedanken bei Euch aufkommen läßt. . ."

Baron Adam zupfte den Vetter Wolfram vorsich­tig am Rock. „Siehst Du," flüsterte er, „sagt ich Dir'S nicht? Die Wette ..."

Wolfram aber gab sich noch nicht. „Gnädigste Gräfin geborene Sparr!" ironisirte er, „Sie find, das weiß ich, aus der Heraldik, reich an Ahnen, allein an Geld sind Sie es schon lange nicht mehr. Wenn Sie doch Ihrem Gemahl so eine Hundeitlausend Thaler mitgebracht hätten, so stände es freilich um uns bester und wir brauchten nicht an solche Bluts­vermischungen zu denkeii."

„So —" raste die Baronin weiter, „und ich hätte, jung, schön, wie ich war, als Gräfin Sparr dann einem alten Wittwer meine Hand reichen sollen, der schon am Podagra, Rheuma und weiß Gott an was noch lies litt?"

„Das sag ich ja," rief Wolfram dazwischen. „Also verband sie Beide das gemeinsame, Leidett; sie litten an der Acmttth!"

„Aber noch nicht au dem Mangel der Ehre, Herr Cousin! Das ist noch mein gerechter Stolz, der mich trösten kann, wenn ich auf diesen sich spreizen­den Reichthum der Krämernoblesse herabblicke. Mögen sich diese Juden und Judengenossen im Prunk über­bieten, unsern Stammbaum erprnnken sie sich nicht. Es wird, es muß auch die Zeit kommen, wo des Königs Majestät unsere Familie restauriren wird, denn wir Sparren sind im sechsten Grade mit ihm verwandt "

„Ach, wenn diese Verwandtschaft Sie nur vor dem Einzüge in dies enge Häuschen bewahrt hätte!"

„Die Ehre hat uns hineingesührt und wird uns auch wieder herausführen. Ich habe auch feste Grund

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