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Marburg, Freitag, den 25. April.

1873.

Oderhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch dir Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

Berit«, 23. April. Die neueste „Prov.-Corresp." schließt in einem Artikel .Nochmals zur Haltung der Evangelischen": „Das evangelische Volk und seine geift sjchcn Führer werden jedoch, wie zuversichtlich zu er- »-rten ist, nach dem Verstummen der jetzigen mefenb sich politischen Kämpfe mehr und mehr zu der Erkennt- „jß kommen, daß die evangelische Kirche, weil ihrem inneren Wesen daö Streben nach politischer Herrschaft und nach Gewissenszwang fern liegt, auch keine Schä digung von einer Gesetzgebung zu besorgen hat, deren -rast und Bedeutung ausschließlich gegen die Aus­schreitungen und Uebergrisfe geistlicher Gewalt gerichtet ist." — Dasselbe Blatt schreibt zur Löhnungsverbesse- mng der Unteroffiziere ist folgendes beantragt: Die monatliche Löhnung bei der Linien - Infanterie wird

«höht:

für Feldwebel

- StabShautboisten

- Sergeanten 1. Klasse

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- Unteroffiziere 1. Klasse

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von 15 Thlr. auf 20 Thlr.

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Dieselben Löhnungssätze werden den verschiedenen llnterosfizierklassen bei sämmtlichen Jnfanterietruppen gewährt, so daß die bisher bestehenden mannigfachen Verschiedenheiten fast durchweg fortfallen. Denjenigen, welche vor erfüllter aktiver Dienstpflicht zu Unteroffb zieren befördert werden, soll der Löhnungszusatz von 81/2 Thlrn. jedoch nur zukommen, wenn sie sich zum Weiterbienen verpflichten. Anderenfalls wird ihnen die bisherige Löhnung der Unteroffiziere 3. Klasse von 5 Thlrn. monatlich, und zwar bei allen Truppen gattungen gleichmäßig gewährt. Für den Fortfall der verschiedenen Unteroffizier-GehaltSklassen ist nament­lich die Erwägung maßgebend gewesen, daß dem Unter- osfizier vom Beginn der Kapitulation an eine Löhnung gewährt werden müsse, welche einigermaßen den mitt­leren Lohnverhältnissen des bürgerlichen Lebens ent­spricht. Die durch die Löhnungsverbesserungen ent­

stehenden Mehrkosten betragen jährlich für daS ge- sammle Reichsheer 1,462,004 Thlr. Zur weiteren Verbesserung der Lage der Unteroffiziere sind Maß regeln zur Errichtung besonderer Speiseanstalten für dieselben und die Erhöhung deS Verpflegungszuschusses, ferner eine bessere Stellung auch in Bezug auf die Bekleidung, endlich zu Gunsten der verheiratheten Unteroffiziere eine erhöhete Fürsorge und Unterstützung für die Erziehung ihrer Söhne, besonders durch Er­weiterung der Knaben-Erziehungs Anstalt zu Anna bürg in Aussicht genommen. Der Gesammtbetrag der zur Verbesserung der Lage der Unteroffiziere be stimmten Summen beläuft sich auf 2,139,996 Thlr."

— Ueber die Haltung der vereinigten Ausschüsse des BundeSrathes gegenüber der Börsensteuer wird jetzt Näheres bekannt. Im Allgemeinen waren die Ausschüsse diesem neuen Streuerprojecte insofern nicht abgeneigt, als sie darauf verzichteten, an Stelle des­selben einen anderweiten Vorschlag zu neuen Steuern zu machen. Sie weisen darauf hin, daß man in an­dern Ländern die Umsätze, welche an den Börsen ge macht werden, sowie Lombardgeschäfte und Werthpa­piere bereits zu Objecten der Besteuerung gemacht hat. Auch in Deutschland — so wird angenommen — scheint die öffentliche Meinung der sogenannten Börsensteuer keineswegs durchaus abgeneigt zu sein, und aus dem Schicksale des früheren Entwurfs im Reichstage ist bei der jetzt durchaus veränderten Si­tuation kein Argument zu entnehmen. Einerseits ist der Börsen-, Geld- und Effectenverkchr bis jetzt durch Steuerfreiheit begünstigt, und eine Besteuerung er­scheint um so billiger, da die Steuer nicht die Unbe­mittelten trifft. Andererseits ist ein Hineingreisen in die Stempelgesetzgebung, die im Ganzen noch den Einzelstaaten überlassen ist, bezüglich einzelner Objecte nicht recht erwünscht; der Ertrag ist kein sehr erheb­licher, und Steuern, wie die hier vorliegende, ent­halten immer einen Anreiz zur Umgehung. Großes Gewicht wurde darauf gelegt, daß eine Compensation und zwar eine volle Compensation für die Salzabgabe gefunden werden soll, und daß eö schwer halten würde,

ein anderes paffendes Steuerobject ausfindig zu machen. In Bezug auf die verhältnißmäßige Geringfügigkeit des Ertrages kam endlich in Betracht, daß es sich um einen Anfang handelt, daß die ganze Materie zum ersten Male berührt wird, und daß auf den weiteren Fortgang der auf diesem neuen Gebiete zu erlangenden Resultate jetzt noch nicht füglich ein Schluß gezogen werden kann. Es wurde in den Ausschüssen sonach zur Frage gestellt, ob die von der Commission vorgeschlagene Besteuerung der Schlußscheine ,c. ge­eignet sei, die Salzabgabe theilweise zu ersetzen, und diese Frage von der Majoriiät bejaht. Es wurde ferner angeregt, ob nicht die Geldbeträge allein in Mark und Bruchtheilen der Mark auszubrücken seien. Nach der Lage der Münzgesetzgebung hielt es die Majorität der Ausschüsse für gerathen, die Geldbeträge durchweg in Thalern und Silbergroschen und daneben auch in Mark und Bruchtheilen der Mark in ähn­licher Weise auszudrücken, wie solches bereits an vielen Stellen des Entwurfs geschehen ist. Im Uebri- gen schlagen die Ausschüsse eine lange Reihe von Ab­änderungen und mit denfelhen die Annahme des Bör­sensteuer Entwurfes vor.

— Die Spezial UntersuchungS-Commission über das Eisenbahn-ConcessionSwesen wird, sicherem Ver­nehmen nach, ihre Arbeiten in den nächsten Tagen beendigen und in 14 Tagen in der Lage sein, einen Bericht über die Ergebnisse der Utitersuchungen und Erörterungen an den König zu erstatten. Gleichzeitig dürften die Mittheilungen darüber an daS Abgeord­netenhaus und für die Oeffentlichkeit erfolgen. — Die „Kreuzzeitung" hört im Anschluß an die gestrige Meldung der „Spener'schen Zeitung", daß Graf Jtzenplitz, der vor längerer Zeil schon ein Entlassungs­gesuch einreichte, jetzt einen längeren Urlaub erhält. Die Geschäfte des Handelsministeriums würden einst­weilen vom Unterstaatssekretär Achenbach geleitet.

Frankfurt, 23. April. Bezüglich der hier stattgehabten Excesse sind noch folgende Notizen von allgemeinem Interesse: Seit gestern befindet sich Regierungspräsident v. Wurmb aus Wiesbaden hier.

Das Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf.

(Fortsetzung.)

Der Baron hörte nicht und fuhr im Selbstgespräch fort. „Kein Geld, krank, ungestüme Gläubiger, ein­gepfercht in dies Nest von Stadt, wie schlimm ist das Alles schon! Wie viel schlimmer noch, ewig mit Borwürfen traktirt zu werden."

„Und das Allerschlimmste, sie verdient zu haben!" fuhr wieder die Frauenlogik dazwischen.

„Verdient!" wiederholte Jener. „Hast Du etwa die Jahre verdient und die Falten, die sich sacht ein­stellen? Könnt ich in die Zukunft sehen? Hab ich die bösen Kriege, die französische Invasion, die Frei heitsknege angestiftet? Könnt ich etwa diesen Bona­parte zügeln, der uns all dies Unglück gebracht bat ?"

„Na, wenn Du mir erst von dem Bonaparte an- fingft, bann hab ich vollenbs genug. Warum sinb denn bie Gutsherrn nicht alle bankerott geworden. i°"bern nur Du?"

„Ach, Du willst nicht sehen, baß es Allen schlecht Scht. Du suchst nur absichtlich bie ewigen Vorwürfe Wor, was ganz unnütz ist. Wenn ich Dir boch das Leben so sauer machen wollte . .

„Das brauchst Du nicht, eS wird mir so sauer genug. —"

„Mir erst recht."

„Und doch kümmerst Du Dich um nichts; wo wmft Du einmal heraus aus Deiner Pomade!" rief lieber die Frau. „Ich aber soll den Hausstand er Hilten und weiß nicht womit?"

„Ach, daS ists eben, was auf mir liegt" klagte Baron im Angedenken seines Geldmangels.

Die Baronin aber stampfte mit dem Fuß, indem zu ihrem Refrain zurückkehrte. „Ich will Geld Hause haben, damit man wenigstens leidlich leben kann."

„Und doch bleibt nichts unter Deiner Hand, das V mir immer ein Räch sei gewesen, ebenfalls ein Ab­

grund —" also fiel es gar dem Baron ein, das dor­nige Feld der Vorwürfe zu betreten.

„Meine Wirthschaft — ein Abgrund?" kreischte die Baronin. „Herr des Himmels, man kann die Groschen zählen, die ich seit Monaten bekommen. Dein Söhnchen in Göttingen war e'S, der uns vol­lends ruinirt hat."

„Nun ist wieder der Sohn schuld," seufzte der Baron.

„Ober wie gesagt, Du selber, vor zwanzig Jahren hättest Du ein guter Wirth sein sollen."

„Und Du eine gute Wirihin —“

„Vor zehn ober fünf Jahren wär'S noch Zeit ge­wesen, um nachzubenken, einzulenken —*

„Ja wenn man keine Gräfin Sparr zur Frau gehabt hätte," fuhr enblich ganz unmuthig der Baron heraus, „beten Mitgift in lauter hohen Prätensionen unb — einem Sparren zu viel bestanb —"

DaS kam ber Gräfin ganz unverhofft, benn biefer bösartige Calemburg war im Moment bes.Dranges ganz neu vom Baron erfunden. Die eine Seite ihres Gesichts wurde blutroth vor Aerger, die andere ent­färbte sich, sie stemmte die Hände in bie Seiten unb begann mit schnelbenber Ironie, die daS höchste Sta­dium ihres Zornes bildete: „Herr Baron, Sie fangen auch an, in Ihrem Charakter und Ihren Neigungen rückwärts zu gehen; diesen schlechten Witz können Sie nur auf der Dorfstraße von Schartau aufgelesen haben, wo er vor zwanzig Jahren als malitiöses Witzwort über meinen Vater grajsirte. Ich verlange aber entschieden, daß Sie meine Abkunst besser re» jpectiren, sonst muß ich andere Maßregeln ergreifen."

Doch der Baron hörte nicht mehr auf die letzten Worte; sein Sohu Alfred war in das Zimmer ge­treten und begrüßte ihn. Der alte Herr war glücklich, eine Gelegenheit zu finden, durch die er bie acuten Streitfragen in eine Nebengasse locken konnte.

So taktvoll aber war selbst biefe heftige Frau doch, daß sie sogleich den Streit aushob, — eigentlich

nur aufschob, bis auf gelegenere Zeit. Alfred grüßte ebenso förmlich und verbindlich bie Stiefmutter, baß biefe nicht umhin konnte, bie erregten Mienen in freunb- liche zu verwanbeln, was ihr übrigens nicht allzu schwer würbe, da sie Uebung darin hatte.

„Ich komme direct vom Regierungspräsidenten," begann Alfred.

„Gott sei Lob unb Dank, bist Du enblich vorge­lassen?" rief ber Vater.

„Das finbe ich auch in der Ordnung," fiel die Baronin ein. „Wir sind ja noch mit ihm verwandt durch die Stiefmutter meines Bruders. Er muß schon darum Etwas für Dich thun. —*

„Er war auch äußerst gnädig gegen mich."

„So ist Dir also eine Stelle in der Regierung gewiß?" fragte lebhaft neugierig die Mutter.

„Ach, wenn ich erst soweit wäre!" klagte lächelnd Alfred. „Ich will dem Himmel danken, wenn ich als Referendar und HülfSarbeiter für die höhere (Saniere eintreten kann."

„Aber doch mit reichlichem Gehalt, damit Du Deinen Vater unterstützen kannst?" fiel wieder die hartnäckige Baronin ein.

„Ach meine liebe Mutter," entschuldigte sich Al- fred; zuerst muß man ganz unentgeldlich arbeiten und daß man dazu gelangt, habe ich nur meinem Freiwilligendienst in der Armee und meinem alten Namen zu danken."

Der alte Baron traute sich bei Anhörung dieser Worte in feinen sparsamen Haaren hinterm Ohr unb sagte: „O weh! Wovon willst Du benn im nächsten Jahre leben ? Bei mir rechne auf keinen Pfennig mehr, ich bin ein vollstänbig ausgeschöpster Brunnen."

Die Baronin bekam aber wieder einen ihrer kau­stischen Anfälle, den sie auf ihren Gemahl losließ: „Also darum hat Tein Söhnchen in Göttingen so unmenschliche Summen Geldes gekostet. Ich dachte, er mußte dasür sogleich Regierungsrath ober wenig-