Einzelbild herunterladen
 

Mr. SS.

Marburg- Mittwoch, den 23. April.

1873.

Oterhessische Zeitung.

int täalick außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

,# Berlin, 21. April. Die neueste „Revue des deux mondes“ gibt wiederum auf allen Seiten Zeug- nitz davon, wie nicht nur der Haß, sondern auch die Furcht vor Deutschland in Frankreich alle Geister beherrscht und allen politischen und literarischen Er­wägungen zum Ausgangspunkte dient. An der Spitze ihrer Aufsätze bringt die „Revue" einen Artikel über die Revision der Schweizer Verfassung, welcher damit beginnt, daß Frankreich die Verwerfung der neuen Schweizer Verfassung einmüthig mit Freude begrüßt habe, weil dieselbe augenscheinlich ein Werk Bismarcks gewesen ist; es habe sich nämlich um die Vorberei­tung der Annexion der Schweiz an das deutsche Reich gehandelt, Deutschland habe ein Interesse an der Centralisation der Schweiz, um alsdann mit einem Male Hand auf das Ganze legen zu können. Davon geht die ganze Betrachtung auö, gewiß ein sehr un­befangener Standpunkt zur Würdigung der Schweizer Verhältnisse. Nach mancherlei inconsequenten Erör­terungen kommt der Verfasser deö Artikels „Duvergier de Hauranne“ zu der Ausstellung: durch den Sieg Deutschlands sei die Stellung der neutralen Staaten für die Zukunft gefährdet und es würde unvorsichtig von denselben sein, wenn sie beim Ausbruche eines, neuen Krieges sich auf ihre Neutralität verlassen wollten Bsie würden vielmehr, um ihre Existenz zu retten, genöthigt sein, sofort Partei zu ergreifen, die Schweiz vielleicht in Folge ihrer glücklichen Lage noch weniger als Belgien und Holland. Für wen diese Staaten Partei zu ergreifen hätten, darüber herrscht bei dem Autor des Artikels kein Zweifel. Zum Schluß versichert derselbe, daß Frankreich unter allen Um­ständen ungeachtet der augenblicklichen Schwächung und ungeachtet des Wunsches, jeden neuen Kriegsfall zu vermeiden, sich als der alte Bundesgenosse der Schweiz beweisen werde. — Die Festlichkeiten zur Vermählung des Prinzen Albrecht sind in der glän­zendsten und befriedigendsten Weise verlaufen. Was die Details anbelangt, so erfährt man nachträglich noch manche interessante Einzelheiten. An der Hof- tafel saßen diesmal nur die fürstlichen Persönlichkeiten, alle Uebrigen, einschließlich der Botschafter wurden an Buffets bewirthet, und machten hier Fürst Bismarck die Honneurs für die diplomatischen, Graf Moltke

Das Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)

Er wollte noch weiter sprechen, allein die ernste Scene wurde plötzlich gestört. Geräusch und Lärm erhob sich draußen auf dem Hof. Zunächst stürzte halb aufgelöst vor Exstase Antonie Lauscher in's Zimmer: „Mein Gott, mein Gott!" rief sie schon vom Flur her. „Entsetzlich, schrecklich, wo ist sie? Bh, sie lebt, j sie lebt, sie ist gesund!" Mit diesen Worten stürzte sie Antonien in die Arme. „Ach, Antonie, was mußt' ich von Dir hören?"

„Was ist Dir, Freundin? Was hat man Dir erzählt?" fragte Antonie Wolf ruhig.

„Da sieht man's", klagte die Andere, „nun thut sie, als wüßte sie von nichts, und ich bot den ganzen Hof mit Flegeln und Stangen und Gewehren auf."

„Das mag gut sein, um das wilde Thier zu zähmen, damit nicht noch mehr Unglück geschieht; für mich wäre die Hülfe doch zu spät gekommen . . ."

„Das war ja eben meine Angst, so sprich doch, durch welches Wunder bist Du gerettet?"

„Durch den guten Geist deö Hauses von Röbell, wenn Du's wiffen willst, der mir einen guten Ge­danken im Moment der Gefahr eingab," erwiderte das Mädchen, getreu ihrer Verschwiegenheit.

Der Bankier, der bis jetzt ohne Verständniß dem Allen zugehört hatte, fragte jetzt die Gesellschafterin: „Sie reden in Räthseln, was ist denn vorgefallcn?"

Jetzt hatte sich erst Antonie Lauscher von ihrem Affcct soweit erholt, daß sie den Disponenten an muthig begrüßte und dann zu beiden Herren erzählend begann:

„O, Sie wissen auch noch von nichts? Ein wü- thrndrr Stier der Gutsheerde hat Ihr Fräulein

für die militärischen und Graf Roon für die civilen Gäste. Genannte Herren hatten auch zugleich mit dem Kaiser das Hoch des neuvermählten Paares auszu­bringen. Die Traurede hielt Hospr^diger Koegel und zwar über den Spruch: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen." Prinz Albrecht wird sich mit seiner Gattin in kürzester Frist nach Kamenz in Schlesien begeben, dagegen dementirt man allseitig, daß noch eine weitere Hochzeitsreise in Aussicht ge­nommen ist. — Es ist bereits gemeldet worden, daß die Kaiserin unmittelbar nach Coblenz übersiedeln wird, sie kehrt indessen Anfangs Juni während der Anwesenheit des Schahs von Persien nach Berlin zurück. — Die Special - Untersuchungs - Commission wird nur noch einige wenige Sitzungen halten, die Abfassung des Berichts dürfte ungefähr 14 Tage in Anspruch nehmen und Präsident Günther somit bald in der Lage sein, sich auf seinen neuen Posten als Oberpräsidcnt nach Posen zu begeben.

— Die Hauptthäligkeit des Bundesrathes hat sich zunächst auf Erledigung des Reichshaushaltsetats zu erstrecken, welcher jetzt in allen seinen Theilen vorliegt. Will man das ohnehin schwer zu gewinnende Ziel erreichen, die Session des Reichstages bis zum 1. Juni zu beenden , so ist es allerdings geboten, vor allen Dingen den Etat festzustellen. — An Zöllen und Verbrauchssteuern werden die Bundesstaaten im Jahre 1874 an die Reichskasse abzuführen haben die Summe von 31,203,680 Thlrn. und mit Hinzunahme an Hcrauszahlunzc< von Luxemburg im Betrage von 112,920 Thalern, 31,316,600 Thlr., wovon noch eine Herauszahlung an Oesterreich und Luxemburg von 190 Thlrn. abgeht, so daß 31,316,410 Thlr. bleiben, welche allein die Ein- und Ausgangsabgaben betreffen. Dazu kommen die Rübenzuckersteuer mit 11,817,100 Thlr., die Salzsteuer mit 10,783,490 Thlrn., die Tabaksteuer mit 839,920 Thlrn. Die Summe aller dieser Einnahmen, an denen sämmtliche Bundesstaaten Theil nehmen, beläuft sich einschließlich der Averse aus 55,126,580 Thlr. Hierzu kommen die Einnahmen, an denen Würtemberg, Baiern und Baden keinen Theil haben, nämlich an Branntweinsteuer und Uebergangöabgabe von Branntwein 10,253,890 Thlr.; an Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier 3,908,950 Thlr., zusammen 41,162,480 Thlr.

und mit Hinzutritt der Aversasumme 14,445,411 Thlr. Beide Summen zusammen ergeben eine Total- Einnahme von 69,572,050 Thlrn. — Aus den ein­zelnen Gruppen sei angeführt, daß aus der Salz- steuer die Netto-Einnahme für die Reichskasse beträgt 10,783,490 Thlr. Nach dem Verhältniß der Bevöl­kerung fällt auf das deutsche Zollgebiet (39,691,333 Köpfe) rund jene zuletztgedachte Summe, aus Oester­reich für die Gemeinde Jungholz (244 Köpfe) 70 Thlr.; auf Luxemburg (199,958 Köpfe) rund 54,320 Thlr., so daß Luxemburg noch zu empfangen hat 48,320 Thlr.

— Der Etat für das Reichs-Oberhandelsgericht auf das Jahr 1874 ist veranschlagt auf 11,790 Thlr. in Einnahme und zwar um 3000 Thlr. mehr als int vorigen Jahre; die dauernden Ausgaben auf 89,550 Thlr. und zwar um 13,250 Thlr. mehr als im vorigen Jahre; an anderen persönlichen Ausgaben mit 4850 Thlr., 2650 Thlr. mehr als im vorigen Jahre. Die sächlichen Ausgaben endlich belaufen sich auf 6200 Thlr. Die Summe der fortdauernden Ausgaben beträgt 100,600 Thlr.; der vorjährige Etat setzte aus 84,700 Thlr., sodaß pro 1874 mehr erforderlich sind 15,900 Thlr. Die Anstellung eines besonderen Beamten, welcher die Wahrnehmung der Verrichtungen der Staatsanwaltschaft, bei dem Reichs- Oberhandelsgericht beauftragt ist und einen Gehalt von 2500 Thlr. jährlich beziehen soll, ist durch eine besondere Denkschrift motivirt. Die Anstellung ist vorläufig noch keine feste, sondern widerruflich, „da sich noch nicht übersehen läßt, welche Stellung die Staatsanwaltschaft bei der bevorstehenden einheitlichen Gestaltung der Verfassung und des Verfahrens der deutschen Gerichte erhallen wird."

Frankfurt, 21. April. Heute Nachmittag kam es auch hier zu Bicrkrawallen. Die Excesse, von einem Haufen junger Leute wie es schien, dem Arbeiter­stand angehörend, verübt, begannen in der Lindheimer'- schen Bierbrauerei (sog. Haberkasten) auf der großen Friedberger Gasse, wo das Innere der Wirtschaft demolirt wurde. Von der Schutzmannschaft von dort vertrieben, zog der anwachscnde Haufe nach der Aller­heiligen - Gasse und zerstörte daselbst zunächst Fenster und Einrichtung der Stein'schen Wirtschaft und als­dann an dem Allerheiligen-Thor die Gräf'sche Bier-

Tochter auf den Hörnern gehabt, so erzählte lärmend und hülferufend der Hirt, der ins Dorf gelaufen kam. Ich sah, wie der Verwalter ihn dafür tüchtig durch­gerbte, daß er davon gelaufen, statt seine Knochen dem Ungcthüm zu bieten —"

„Das Thier hat nur an meinem Shawl seine Wuth ausgeübt, ich blieb verschont, wie Sie sehen," fiel Antonie ein.

Der Kaufmann aber schüttelte sein krauses Haupt und wandte sich zu dem Commis: „Ta sehen Sie's, Kleinschmidt, ein Stier — "

Die Gesellschafterin rang die Hände: „Der hätte sie zerstampft und zerrissen, man kennt das!"

„Das war ja schrecklich, gräßlich!" schrie der Vater.

„Gräßlich, schrecklich, Herr Prinzipal!" rief sein Echo.

„Das kommt davon, Herr Wolf," klagte die Lau­scher, „daß Ihre Tochter immer allein und einsam spazieren gehen will, wenn ich dabei gewesen wäre —"

„Da würde es schwerlich anders gewesen sein!" fiel ihr der Kaufmann ins Wort. Hierauf wandte er sich zu seiner Tochter: „Siehst Du, mein Kind, ein männlicher L>chutz fehlte Dir, ein solider, umsichtiger Mann, wie Kleinschmidt, hätte selbst Deinen kostbaren Shawl Dir zu erhalten gewußt —"

„Herr des Himmels, ein Kleinschmidt und fein Schutz!" dachte Antonie und ihre Phantasie malte sich lebhaft, wie dieser sie rathlos verlaffen hätte und davon gelaufen wäre.

Antonie Lauscher aber horchte noch mehr verwun­dert auf, sie sah ihre Freundin mit den seltsamsten Blicken an, die nur zu deutlich fragten: „Wollt Ihr Imir meine letzten Eroberungen rauben?"

„Ich ersehe daraus," fuhr der Bankier fort, „daß ich Dich je eher, je lieber einem Manne verbinden muß, sonst könnte ich Dich, meine Einzige, noch ganz verlieren."

Da nahm er wirklich feines Disponenten Hand und wollte sie in die Hand seiner Tochter legen. Die Gesellschafterin kreischte laut auf, die Letzte aber zog ihre Hand zurück, erhob sie und sagte:

„Halten Sie, Vater, Sie haben gesagt: „Geht ein Weilchen mit einander um, lernt Euch kennen!" Ich halte Sie bei diesem Wort."

„Nun ja, das versteht sich," erwiderte der Wechsler fast ärgerlich. „Herr Kleinschmidt wird, wie sonst in allen Dingen, seine Schuldigkeit thun, das weiß ich."

Kleinschmidt dienerte nach Möglichkeit als ein Zeichen seiner Zustimmung und drehte der Lauscher den Rücken zu.

„Nun kommt und macht Euch fertig. Wir wollen Alle zusammen nach Hause fahren;" befahl der Kausmann und fügte sein gewöhnliches Stich­wort hinzu: „Für mich, das wißt Ihr, ist die Sache abgemacht."

Die beiden Freundinnen aber stürzten hinaus zur Thür und die Lauscher rief vor Schmerz und Wuth einmal über das andere: „Nein dieser Kleinschmidt, dieser Verräther! Das ist ein Ungethüm, das mich umbringt! Antonie kannst Du das wollen?"

„Still! still!" beschwichtigte Jene. „Das war der HeirathSvorschlag im Brief meines Vaters."

Die beiden Mädchen beralhschlagten lange beim Einpacken, der Bankier mußte dreimal nach ihnen, schicken. Endlich erschienen sie und setzten sich gleich- müthig in den Wagen.

(Fortsetzung folgt.)