Marburg, Dienstag, den 22. Aprü.
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Deutsches Reich.
Berlin, 19. April. Die Trauung des Prinzen Al- stecht von Preußen mit der Prinzessin Maria von Sachsen-Altenburg hat Abends 71/2 Uhr in der königlichen Schloßkapelle stattgefundcn. Als Zeugen wohnten der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz, die Kronprinzessin, Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses und die hohen Gäste bei. Nach der Trauung »urde der Fackeltanz im weißen Saale aufgeführl md endeten die Festlichkeiten des ersten Tages um 103/4 Uhr.
— Das Beamtenpersonal des preußischen Kriegs- Ministeriums bestand bis zum Jahre 1866 aus 36 Osficieren und Rächen, sowie aus 148 Beamten und ünterbeamten. Durch die seitdem total veränderten Verhältnisse, theils durch die Conventionen mit den einzelnen Bundesstaaten, theils durch Errichtung einer besonderen Commission für die Reichs-Rayonangelegen- heiten, durch Erweiterung der Abtheilung für das Jnvalidcnwesen, ist der frühere Personalbestand circa verdoppelt worden und beläuft sich jetzt auf 67 Osfi- cierc und Räche und auf 275 Beamte und Unterbeamte. Dieser Umstand hat die Räume des Kriegs Ministeriums schon längst als unzureichend erscheinen lassen. Es soll daher dem Uebelstande durch Neubau einiger Büreaugebäude im Anschluß an das jetzige «riegSministerial-Grundstück und unter Hinzuziehung eines TheileS des Hofraumes der ehemaligen königl. Porzellan Manusaclur abgeholfen werden. Hier sollen die Invaliden-Abtheilung, die General-Militärkasse, die Militär - Pensionskasse, die Milirär-Medicinal-Ab theilung, daS General-Auditoriat, die Natural-Controle und die Waisenhaus Verwaltung Platz finden.
— Eine stehende, jedoch anschwcllende Rubrik unter deu Petitionen an das Abgeordnetenhaus bilden seit Jahren diejenigen, welche auf Gleichberechtigung der Realschulen mit den Gymnasien dringen. Für die diesmalige Session sind wieder aus 57 Städten solche eingegangen, über welche der Bericht der Unter- richrs - Commission jetzt in den Ferien vertheilt ist. Derselbe ist von dem Abgeordneten Dr. Paur erstattet, dessen Urtheil für die Petenten günstig lautet. Er teilt den Antrag: „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: die 68 Petitionen der königlichen Staats
regierung in dem Sinne zu überweisen, daß sie bei dem Entwürfe des Unterrichtsgesetzes den Wünschen der Petenten diejenige Berücksichtigung zu Theil werden lasse, welche den Leistungen der Realschulen I. Ordnung gebührt und die der gesetzlich festzustellende Ge- sammt - Organismus des Unterrichtswesens bezüglich des Verhältnisses der höheren Lehranstalten unter sich und zu den Universitäten bedingen wird." Der Regic- rungs-Commissar führte dagegen aus: „Der Gegenstand hat eine solche-Tragweite, daß er nur im Zusammenhänge des gesammten höheren Unterrichtswesens richtig aufgefaßt werden kann. Darum würden auch die neuen Anordnungen, welche die Petenten wünschen, nicht abgesondert für sich, sondern nur im Zusammen hange allgemeiner organisatorischer Maßregeln getroffen werden können. Ob dies zweckmäßig, wird bei dem von dem Cultusminister in Aussicht gestellten Unterrichtsgesetz erwogen werden. Deshalb wird vorgeschlagen, die Petitionen der Staatsregierung zur Erwägung bei dem Entwürfe des Unterrichtsgesetzes zu überweisen." Dieser Auffassung entsprechend beantragt die Unterrichts Commission mit fünf gegen vier Stimmen: „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen, gedachte Petitionen der königlichen Staatsregierung als Material zur Benutzung für das Unterrichtsgesetz zu überweisen."
— Gemäß §§. 13—15 des Wechselstempelsteuergesetzes vom 10. Juni 1869 unterliegen die steuerpflichtigen Theilnehmer an dem Umlaufe eines Wechsels der Bestrafung wegen Wechselstempelsteuerhinterzichung, wenn bei der Entwcrthung der Marken nicht alle gegebenen Formvorschriften beobachtet sind. Ein Theil dieser Vorschriften hat sich durch die feit ihrem Erlaß gemachten Erfahrungen als unzweckmäßig erwiesen. Nicht selten haben die Aussteller von Wechseln bei der Entwcrthung der Marken dadurch gefehlt, daß sie nicht den Anfangsbuchstaben ihres Wohnortes, sondern den davon verschiedenen des Ausstellungsortes eingetragen haben. Da hier jeder Dolus mangelt, und bei dem Publikum überdies die Neigung besteht, die Ortsangabe in dem Cassalionsvermerke mit derjenigen im Wechsclcontcxie, welche allein von wechselrechtlicher Bedeutung ist, in Uebereinstimmung zu bringen, so sind selbst nach der Ansicht des Reichskanzlers Bestra
fungen in Fällen dieser Art immer mißlich, am meisten bann, wenn sie, wie cs dem Gesetz entspricht, auch solche Wechselinhaber treffen, welche den Aussteller nicht kannten und seinem Domicile nachzuforschen kein geschäftliches Interesse hatten. Unter diesen Umständen erscheint es, wie der Reichskanzler in einem Anträge bei dem Bundesrathe ausführt, gerathen, auf die Andeutung des Ortes in der Marke ganz zu verzichten. — Es sind ferner wegen mangelhafter oder fehlender Durchkreuzung des leeren Raumes zur Seite der Stempelmarken Verurtheilungen vorgekommen und als Härle empfunden worben. Man wirb ohne Schä- bigung ber steuerlichen Interessen auch auf biese Kreuz- striche verzichten bürfen. — Weitere Klagen richten sich gegen bie angeblich undeutliche und mehrfacher Auslegung fähige Fassung ber Cassationsvorschriften, unb der Reichskanzler schlägt einige Rebactionsänbe- rungen vor, welche allerbings ben hervorgetretenen Mißständen noch nicht in vollem Umfange abhelfen; es könnte z. B. auch ben Dirigenten ber Hauptämter bie Bcfugniß beigelegt werden, Anklageverhandlungen wegen Wechselstempelhinterziehungen auf sich beruhen lassen zu dürfen, falls offenbar nur Versehen vorliegen, und die Absicht der Steuerhinterziehung ausgeschlossen ist, während jetzt für jedes, selbst das unbedeutendste Versehen bei ber Entwcrthung der Marke auch alle Hintermänner des Verwenders mit in Strafe genommen werben, wenngleich sie offenbar die Regelwidrigkeit nur übersehen und den Wechsel im guten Glauben an die vorschriftsmäßige Enirichtung ber Stempelabgabe genommen unb begeben haben. — Der Bundesrath wird über diese Vorschläge Beschluß zu fassen haben.
Weißenfels, 18. April. Die Mittheilungen über ben ersten Delegirtcntag bcs Deutschen Krieger- bunbcs sind dahin zu vervollständigen, daß derselbe von 165 Delegirten besucht war, welche 27,500 Krieger in 235 Vereinen vertraten. Auch Elsaß- Lothringcn halte seine Vertreter gesandt. Außerdem war Süddeutschland unb namentlich Baiern sehr zahlreich vertreten Aus dem kaiserlichen Cabinet hat der Vorsitzende, General -Lieutenannt z. D. Stockmar folgendes Schreiben erhalten: „An ben General- Lieutenant z. D. 2C. Stockmar zu Weißenfels. Ber-
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IV
Das Majorat.
Historisches Familicngemälde von M- A- Nipnborf. (Fortsetzung.)
Antonie würbe nachdenkenb. „Sie haben Recht, Herr Baron," sagte sie im Doppelsinn. „Wenn Sie « wünschen, so werde ich diese unwürdige Stellung aufgeben. Ich kehre von morgen ab zu meinem Vater zurück."
„So plötzlich?" entgegnete Alfred stutzig, „das lag nicht in meiner Absicht."
„Nichts, Herr Baron, Sie haben mir das Leben gerettet, und dafür gestatten Sie mir, das Leben Arcrn Wunsche gemäß anzuwenden."
Sie waren unter diesem Gespräch langsam und auf absichtlich von Alfred eingeschlagenen Umwegen durch den Park gewandelt Eine Stelle der Fahrstraße, die hindurch führte, gestattete, daß man bind burch das neue Thor in ben Schloßhof sehen konnte. Dort bemerkte Antonie das eben angekommcne Gefährt und bald daraus auch ihren Vater in Begleitung seines Disponenten, die sich draußen umsahen.
Jetzt kam es Antonie selbst gelegen, daß ber Baron dicht mit ihr zugleich in das Schloß eintreten mochte. Nenn sie in Begleitung desselben mit ihrem Vater zusammcntras, so war daS Spiel des Zufalls vorbei, fca8 sie mit dem Baron in dieser Runde gespielt unb das sie um keinen Preis so brastisch in Gegenwart ihres VaterS gelöst sehen wollte. Die natürliche weibliche List mußte ihr also weiter Helsen.
„Was sehe ich? dort ist der Bankier Wolf mit Iffnem ersten Commis angekommen und will gewiß fane Tochter besuchen," sagte sie unb sah ben Baron an. ' „Ich begreife," nickte dieser, „Ihre Stellung ist dicht danach angethan, einsam im Park mit einem langen Mann spazieren zu gehen."
„Ach," tief Antonie mit kokcttirender Lustigkeit,
„Sie errathen auch jeden meiner Gedanken, ehe ich ihn ausspreche. Leben Sie herzlich wohl! — — O meine gelöste Haarflechte!" rief sie plötzlich erschreckt, indem sie diese bei der Wendung auf ihre weiße Schulter sich streifen fühlte. Sie nahm ben Hut ab unb versuchte sic aufzustecken unb zu orbnen, allein solcher Arbeit nicht gewöhnt unb ohne Spiegel, war ihr Bemühen vergeblich. Alfred stand noch scheidend, konnte aber den Blick noch immer nicht von ber lieblichen Erscheinung wenden. Da sprang er mit großen Schritten zurück.
„Erlauben Sie mir, Ihnen meine Hülfe noch einmal anzubieten!" sagte er und stand schon hinter ihr
„O, Sie fürchterlicher Mann," rief sie in schmerzvoller Verlegenheit, die bereits ihren Hals mit leiser Röthe überrieselte; aber dennoch reichte sie mit gesenktem Haupte über ihre Schultern bie Nabeln bem improvisirten Friseur hin.
Alfred lächelte nun entzückt, seine Hand zitterte, die Flechten haltend. Sein Blick verirne sich in den krausen leuchtend blonden Löckchen, die ihren runden Hals umspielten; das gläuzeub gescheitelte Haar, die weißen Linien vorn Kamme hincingezcichnet, bildeten leuchtende wonnige Fußpfade für die Wanderung seiner trunkenen Augen. Unb als diese sich zufällig auf bie engclrunben entblößten Schultern hinabscnkren, bie feelenhaft unter bem weißcsten feinsten Haarflaum wie ein Allasgewebc glänzten, währenb sich verzweiflungsvoll lieblich die leise Furche, welche die Schultern trennt, dämmerhafl in die Spitzen verzog, währenb über biesen Schullern hinweg die sanften Wölbungen des jungfräulichen Busens wie Schwäne auf bläulicher See auf und nieberwegten, da überwallle es ihn mit rasender Leibenschast, bie Lippen noch einmal auf diese köstlichen Schultern oder auf daS kleine Mal zu drücken, wo die reizende Furche den Rücken
schieb. Doch balb schrak er auf, benn er hörte ihre klare, ruhige hehre Stimme:
„Sie scheinen mir ungeschickt zu bieser einfachen Arbeit!" schallte es ihm in bie rosige Verwirrung seiner Gedanken hinein.
Da steckte er bie Nabeln fest an bie um das Haarnest gewundene Schleife unb sie wanbte sich um. Er empfand ordentlich Furcht vor ihrem Blick unb schlug ben seinen nicber. Dafür verabschicbete er sich in grenzenloser Ehrerbietung unb blickte wie bezaubert ber leichtfüßigen Gestalt nach, als sie mit bem leichten Wehen ihres Kleibcs im Gebüsch verschwanb.
Noch starrte er, wie gebannt, bann murmelte fein Munb nur bie Worte: „Wunderbar, wunderbar! daß Dir dies liebliche Bild zu bieser Stunbe entgegentritt, wo Deine ganze geträumte Zukunft vor Dir in Trümmern liegt —"
Er schauberte zusammen unb entfernte sich.
Antonie war inbeß bei ihrem Vater angckommcn, ber mit Kleinschmidt im kleinen Gescllschaftssaal bei ber Tasse Kaffee saß, bie nach ber Lustfahrt Beiben trefflich munbete.
„Komm her, mein Herzchen!" sagte der Vater unb zog sie an sich heran, benn er mochte seine Tochter in ihrer ruhigen Fügsamkeit wohl leiden. „Nicht wahr, hier behagt Dir'S trefflich in dieser ländlichen Ruhe. Hast immer von schönen Landpartien geschwärmt, hier hast Du sie in Hülle unb Fülle. Nun, wie gefällt Dir's?"
„Wie Sie sehen, lieber Vater!" entgegnete Antonie gleichmüthig fast apathisch. Der feinere Menschenkenner hätte auf ber Stelle gesehen, baß das Mädchen in der Bewegung mit ihrem Vater nur einen kleinen oberflächlichen Brnchtheil ihres Seelenlebens entfaltete. Diesmal nahm ihr ohnedies ber Disponent bie wei=