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ffr. 83.

Marburg, Sonntag, den 20. April.

1873.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Politische Wochen-Ueberficht.

Am Hofe unseres Königs schließt die Woche mit ten Vermählungs-Feierlichkeiten des Prinzen Albrecht Bit der Prinzessin Maria von Sachsen-Altenburg. Vie sichere Aussicht, daß in Preußen die kirchen- politischen Gesetze alsbald nach den Ferien die Zu stimmung des Herrenhauses und dann auch die Sanc^ tion des Königs erhalten werden, versetzt die clerical- ßudale Coaliüon und deren Presse in höchste Auf­regung und riß dieselben zu drohenden Prophezeihungen hin, die höchsten Orts, wohin sie zielen, nur das Gcgentheil des Bezweckten erreichen können, und es haben darauf hin auch halbamtliche Erörterungen statt gesunden. In Sachsen hat die Regierung nun dos Volksschulgesetz" ohne Zustimmung der Abgeordneten­kammer verkündet, und so jenen mehrfach besprochenen veralteten Verfassungs Paragraphen wider Erwartung in Anwendung gebracht. Im Uebrigen liegen die Be­stimmungen des Gesetze« im Ganzen in der Richtung einer fortschreitenden Befreiung der Schule als Staats­angelegenheit von der Oberherrschaft des Clerus. In Baiern ist dagegen die Regierung auf dieselbe Be- steiung der Schule gerichteten Anträgen derLand- räthe", d. h. der baierischen Provinzialvertretungen, in den so eben erlassenen Landrathsabschieden bereit willig entgegengekommen. Zugleich ist in Baiern nun auch die so lange schwebendeUnisormfrage" endlich entschieden, und zwar wenn auch unter Wahrung ; einiger besonders liebgewonnener Eigenthümlichkeiten in Farbe und Schmuck, doch bezüglich derjenigen Be- jtandiheile und Abzeichen, hinsichtlich welcher die I llebereinstimmung im ganzen Reichsheere von größerem I militärischen Gewichte ist, mit reichsfreundlichem Ent- | gegenkommen. Ganz besonders hat aber in den letzten Tagen das Reichsland Elsaß-Lothringen die Sffent liche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Daß die Re gierung dazu geschritten ist, dem seltsamen Gebahren des Straßburger Gemeinderathes und zumal seines Vorsitzenden, des Bürgermeisters Lauth, endlich ein Ziel zu setzen und Herrn Lauch, welcher dem Ober­präsidenten gegenüber sich damit gebrüstet hatte, daß n im Reichslande nur zurückgeblieben fei, weil er

die Rückkehr der französischen Herrschaft erwartete, durch kaiserliche Verfügung seiner Bürgermeisterschaft zu entkleiden, hat in Deutschland nur den allgemeinen Beifall finden können.

Cisleithanien schwimmt in Loyalitäts- und Freudenbezeugungen, in Dankesadressen an den Kaiser für die so schnell erfolgte Sanction der Wahlreform und in Telegrammen von Stiftungen und Gaben bei Gelegenheit der auf den 19 April angesetzten Ver mählung der ältesten Kaisertochter, der am 12. Juli 1856 geborenen Erzherzogin Gisela. Die Eröff nung der Wiener Weltausstellung wird nicht hinaus geschoben, sondern auf besonderen Wunsch des Kaisers am 1. Mai erfolgen. Für Empfang des deutschen und des englischen Kronprinzen sind bereits die Vor­kehrungen getroffen.

In der Schweiz berieth das Central-Comits der freisinnigen Katholikenvereine zu Lausanne über die Gründung eines Rational-Bisthums unter Trennung von Rom. In Solothurn hat der Regierungsrath das bischöfliche Archiv in Verwahrung genommen.

Frankreich hat Parlamentsferien, ober die er­sehnte Ruhe auf politischem Gebiete will sich immer nicht einstellen. Die Ersatzwahlen, zumal die in Paris, haben wiederum alle Leidenschaften in's Gewehr gerufen. Die als Anerkennung für feine Mitwirkung an dem Räumungsvertrage vom 13. März dem Tiinifter des Auswärtigen von der Deputation der Pariser Maires und Adjuncten angebotene Candidatm für Paris fand bei Gambetta keinen Anklang, da derselbe durch die Pariser Wähler dem Präsidenten, der nicht streng genug an seiner Novemberbotschaft festhielt, eine Lehre ertheilen wollte, und man stellte Barodet gegen Romusat auf. Beide Candidatcn haben am 13. April Wahl­programme veröffentlicht. Rsmusat's Wahlspruch lautet aufBestäügung der Botschaft, Gründung der Repu­blik, Unantastbarkeit des allgemeinen Stimmrechtes", während die Anhänger Barodet'S sich dazu noch gegen die Zweite Kammer und für die sofortige Auflösung der Nationalversammlung aussprachen. Der Tod hat in letzter Zeit wiederum drei Deputirtensitze er­ledigt: in Lyon starb am 10. plötzlich Jules Morel,

in Paris am 11. der Viceprästdent der Nationalver­sammlung und Akademiker Saint Marc Girardin am Schlagflusse, und ebendaselbst am 15. Dorian, früher Arbeits Minister und angesehener Eisenfabrikant und als Deputirter eifriger Republikaner.

Die italienischen Deputirten haben mit wenigen Ausnahmen der Hauptstadt für einige Wochen Lebe­wohl gesagt, und die politische Arbeit ruht für den Augenblick fast gänzlich, eine Windstille allerdings, der ein starker Sturm nachfolgen dürfte, sobald die Osterferien zu Ende sind, und die Diöcussion über das Klostergesetz beginnt. Das Befinden des PapsteS deutet noch immer nicht auf eine entschiedene Besserung hin, und es klingt gar nicht unglaublich, wenn ge­meldet wird, daß man sich im Vatikan ernstlich mit dem zukünftigen Conclave beschäftige.

Die Zustände der spanischen Armee beginnen sich ein wenig zu bessern. Eine Meuterei ist zwar in den catalonischen Truppen wieder vorgekommen; doch schreitet der neue Generaleapitän mit Strenge ein, und wenn die Regierung klug ist, läßt sie ihn gewähren und verdirbt nicht durch unzeitige Milde, was Velarde gut macht. Der geerbte Streit der Regierung mit den Artillerie Offizieren hat trotz aller Unterhandlungen noch nicht geschlichtet werden können.

Das englische Parlament hat Ferien und mit ihm die englische Politik. Die inneren Angelegen­heiten , mit denen die Zeitungen sich beschäftigen, be­schränken sich hauptsächlich auf die Vergnügungen der Ostertage, die, kaum genossen, in viclspaltigen Be­schreibungen noch einmal vor die Erinnerung herauf­beschworen werden.

Die niederländische Regierung hat Nachrichten aus Indien erhalten und im Staatscourant veröffent­licht, wonach die Feindseligkeiten gegen die Atchinesen am 8. April thatsächlich begonnen haben. Die Truppen waren gelandet und hatten mehrere Verschanzungen erobert.

In Schweden ist ein Antrag auf Abänderung des Wahlgesetzes, Erweiterung der Bedingungen, unter denen Jemand Mitglied der Ersten obbr Zweiten

DaS Majorat.

Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf.

(Fortsetzung.)

Allein noch hörte sie nicht. Alfred warb besorgt i t ,WaS thue ich I Woher nehme ich Hülfe? Sollte sich das schöne Kinb nicht wieder erholen? Kein Finger ward ihr ja gekrümmt!" So murmelnd versank er wieder ist stille Betrachtung.Wie lieblich sie ist, wie frisch dieser Körper, der aufbrechenden Blüthc vergleich­bar! Wie die züchtigen Formen lieblich unter den Spitzenfluthen ruhen! Welch eine Seele muß in biefer »mnuthigen Hülle wohnen! Wach' auf, schönes Kind, wach' auf! Soll Dir mein Odem wieder Leben ein- hauchen? Ich möchte Dich mit meinen Küssen wecken!'

Und wirklich, wie berauscht, drückte er seinen Mund leise auf ihre rothen Lippen. Da fchüttelte sich die Ohnmächtige wie im Fieber und schlug die Augen auf.

Wo bin ich?" rief sie, sich verwundert um blickend. Alfred kniete vor ihr nieder, ergriff ihre Hand und sagte:Außer aller Gefahr, schönes Fräu­lein, gerettet!".

Ah, ich besinne mich, jenes wüthende Thier" flüsterte Antonie mit einer Stimme, die ihrem Ritter ®ie glockenreine Musik erklang.Oder war's nur ein Traum, was mich ängstigte? Wie? Welche lischt besaßen Sie, das Ungethüm zu besiegen?"

Nichts weiter Fräulein! als meine gute Singe, bnng im entscheidenden Momente, daß Ihr rother 2hawl, der so feuerfarben in der Sonne leuchtete, : bas Auge des Stiers anlockte und fo wild machte, b»ß er aus der Heerde brach und auf Sie zustürzte." L Antonie bemerkte bet diesen Worte» erst, daß sie ber schützenden Hülle ihrer Schultern beraubt war ?nb erröthete in holder Verwirrung, während ihr Al tob den Vorgang ausführlich erzählte, den wir wissen, ihr erklärte, warum der jetzt zerfetzte Shaw! ihr etter gewesen.

Nicht der Shawl, Herr Baron, Sie waren mein

Retter!" rief das Mädchen, ihn herzlich mit ihren blauen Augen anblickeiid.Ihre That ist bewunderns­würdig, umsichtig und räthselhast zugleich. Sie mußten doch für ihr eigenes Leben fürchten?"

Ich fürchtete nichts, mein Fräulein," erwiderte Alfred lächelnd.Ich preise nur bas Glück, bas mich zufällig in ihre Nähe führte, benn ich ftanb nahe bei ber Viehheerde und zählte traurig bie Häupter, bie bies schöne Gut ernährt. Sie kennen vielleicht beii Antheil nicht, ber mich an diese Erdenschollc bindet. Hier bin ich geboren, hier verlebte ich meine Kind­heit und das Alles würde ich mein nennen, wenn nicht Unglück, Kriege und schlechte Zeiten über unfern Familiendesitz gekommen wären"

Alfred verbeugte sich und fuhr fort:Was aber bewog Sie in aller Welt den sicheren Park zu ver­lassen und sich in bie Nähe ber Viehheerbe zu wagen?"

Antonie sah bei biefem Vorwurf ben Baron von ber Seite an und ihr Blick schien zu fragen: Ob er mich wohl kennen mag? Dann antwortete sie sicher und schlankweg dem Baron:Ich hatte Auftrag, einen L-trauß von Wiesenblumen zu pflücken, welche meine Herrin, Fräulein Wolf, die reiche Bankierstochter, außerorbentlich liebt."

Ah, jene hochmüthige Person, die hier schon Alles als ihr Eigenthum betrachtet"

,,£) nicht doch, Herr Baron," fiel ihm Antonie bittend in's Won, unterbrach sich aber selbst, da sie bedachte, daß sie eigentlich nicht gemeint sei und chclte nur glücklich, daß sie den Baron wirklich in Bezug auf ihre Person getäuscht sah.

Darf ich um ihren holden Namen fragen, damit ich weiß, welche süße Last ich hier auf meinen Armen getragen?" fragte Alfred mit galanter Wendung.

Antonie Lauscher, Herr Baron!" entgegnete Jene nachdrücklich und bedeutsam, »Tochter eines Schul­lehrers und Rektors in M. und zur Zeit Gesell­schafterin deS Fräulein Wolf."

Wie schabe," rief Sllfreb sinnenb,daß bie Bil- buug nicht immer beim Gelbe wohnt, Ihre Gefährtin, Fräulein Wolf"

Ganz recht, Herr Baron," lächelte Antonie,wenn sie Ihnen auch nicht anziehenb erscheint, ist sie nicht reich, sehr reich?"

Reich?" ironifirte Alfred,das mag sie anzie­hend für Viele machen. Mir erschien sie, offen gesagt, wie bie hochgcwachsene Mohnblume, gegen Sie, bie sich anmuthig neigenbe Rose, unb wie anspruchsvoll unb affectirt ist ihr Benehmen! Das Geld schafft ebenso leicht hohlköpfige Aristokratie, wie bie Ge­burt"

Herr Baron, Sie achten Ihren Abel nicht son- berlid, spottete das Mädchen.

Nur so viel als er Werth ist, Fräulein!"

Allein, ber Macht von Hunberttausenben ver­sagen Sie boch ihre Bebeutung nicht?" forschte Jene weiter.

Wer kann bem Gelbe bie Bebeutung absprechen? Allein es besticht batum mein Unheil nicht. Im Gegentheil, ich kann mir sehr lebhaft benten, welche Oheimen Lsiden Ihre Stellung als Gesellschafterin bergen muß."

O sprechen wir nicht bavon!" rief Antonie, mehr aus Verlegenheit, tiefer ben Baron täuschen zu müssen, als aus Absicht in ber Durchführung ihrer Rolle, in bie sie einmal hineingerathen war. Alfreb aber faßte biefen Aufruf ganz anbcrs auf.

O erst recht," rief er lebhaft.Sie sind würdiger durch die Bildung Ihres Herzens Millionen zu be­sitzen, als jene Kanfmannstochter Hunderttausende. Auch mich hat mein Schicksal bereits belehrt, Partei für bie Leidenden unb Unterbrücklen zu nehmen."

Davon haben Sie an mir, armen Mädchen ben Beweis geliefert. Glaubten Sie vielleicht bie reiche Bankierstvchter zu retten?" forschte das Mädchen wieder.