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Marburg, Mittwoch, den 16. April.
1873.
Oterhessische Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (cxcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.
Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. April. Fürst Bismarck reiste heute mit Familie nach Varzin, wo er bis zum 17. d. M. verweilen wird. — Die „Börsenzeitung" führt aus, daß der Stand der preußischen Bank sich seit Ausstellung des letzten Wochcnausweiscs so weit gebessert hat, daß eine Erhöhung des Disconts für die nächste Zeit wohl nicht zu befürchten ist. — Die „Kreuzzeitung" dementirt, daß der frühere Minister von Bodelschwingh dem Könige gegenüber Anlaß zu den, vom „Osservatore" angeführten Aeußerungen über die Kirchengesetze gehabt habe.
— Die Ausschüsse deS Bundesraths haben vorläufig nur die aus dem neuen Flottenplan sich ergebenden Extraordinarien für 1873 und 1874 im Be- trage von 18 Mill. Thalern auf die Kriegsentschädigung angewiesen, im Uebrigen aber sich die Beschluß fassung bei Vorlegung des jährlichen Etats Vorbehalten. Dieser Vorbehalt — schreibt man dem „H. C." — ist um so bedeutungsvoller, als die Ausschüsse bcrech nen, durch die Ausführung deS Planes werde das JahreSbudget der Kriegsmarine, welches nach dem Plan von 1867 nur 8 Mill. Thaler betragen sollte, auf daS Doppelte, also 16 Millionen Thaler, erhöht, natürlich vorausgesetzt, daß die Kostenanschläge des Chefs der Admiralität sich als zuverlässiger Herausstellen, als diejenigen seines Vorgängers.
— Die Mitglieder des Herrenhauses sind vom Präsidenten benachrichtigt worden, daß zur Erledigung, des dem Hause noch vorliegenden Materials, namentlich der kirchenpolitischen und Steuer-Gesetzentwürfe, Plenar - Sitzungen von Dienstag, den 22 d. M. ab stattfinden werden.
— Durch die Einführung des neuen Gewehres M./71 in die Armee werden die Arbeiten der Truppen in Friedenszeiten auch vermehrt werden. Das Feuern aus diesen Gewehren erfolgt nämlich nicht mit den bisher bei unserer Armee in Gebrauch befindlichen Papier-Hülsen-Patronen, sondern mit Patronen, zu deren Herstellung Metall - Hülfen verwendet werden. Da diese durch daS Feuern selbst nicht leiden — nur
daß sie von dem Pulverschleim schmutzig werden — und immer wieder auf längere Zeit verwendet werden können, da ferner die Metall-Hülsen an und für sich von viel höherem Werth sind als die Papier-Hülsen, so wird es in Zukunft die Aufgabe der Truppen sein, nach stattgehabten Uebungen mit scharfen Patronen (Scheibenschießen rc.) zunächst die verfeuerten Metall Hülsen zu sammeln und sie sodann mit zur Kaserne zurückzunchmen. Hier werden sodann bald nach der Rückkehr die Truppen zur Arbeit antreten müssen, um die gebrauchten Hülsen wieder zu reinigen und zur ferneren Verwendung wieder fertig zu machen, da diefe Manipulation, wenn sie von Erfolg sein soll, möglichst bald nach dem Gebrauch der Hülsen vorgenommen werden muß. Mittelst eines hierzu gelieferten Apparates werden nämlich zunächst aus den gebrauchten Patronenhülsen die Zündhütchen entfernt. Nachdem dies geschehen, werden die Hülsen in einem Eimer so lange mit heißem, aber nicht kochendem Wasser begosien und in letzterem umgerührt, bis das öfter zu erneuernde Wasser sich nicht mehr schmutzig färbt. Darauf werden sie unter fortwährendem Abspülen in warmem Wasser äußerlich und innerlich scharf abgebürstct und sodann in einen zweiten Eimer mit lauwarmem Wasser geworfen. Nachdem die Patronenhülsen auf diese Weise gereinigt, werden sie in warmen Sägespähncn von weichem Holz getrocknet und schließlich bis zu ihrer Ablieferung an die Artillerie-Verwaltung zu abermaliger Verwendung an einem trockenen Ort auf der MvntirungSkammer aufbewahrt.
Mecklenburg, 8. April. Die Regierung von Mecklenburg-Schwerin hat eine Verordnung über die Gemcindeverhältnisse und Civilstandsregister der Juden erlassen, die ^en Zweck hat, die Eintragung der Geburt-- und Srerbesälle, Eheschließungen rc. der Juden in besondere, von den Vorständen der jüdischen Gemeinden zu führende Civilstandsregister zu regeln.
Maiuz, 10. April Wie mail der „Karlr. Ztg." schreibt, wird mit Anfang deS nächsten Monats hier eine Ingenieur Jiispection unter dem Befehl eines Generallieutenants und zweier Obersten als Ablhei-
lungschefs Garnison nehmen. Sie führt die Oberaufsicht über die Plätze Mainz, Straßburg, Metz, Die- denhofen Saarlouis und Bitsch, und das zu dem 8., 11., 13., 14. und 15. Armeecorps gehörige Ingenieur- und Pionierwesen. Mit dieser Anordnung ist auch formell und rücksichtlich der allgemeinen Organisation des Vertheibigungswesens die nunmehrige Eigenschaft des Platzes als Waffenplatz ersten Ranges und Hauptarmeedepot ausgesprochen.
München, 12. April. Das heutige Verordnungsblatt veröfieutlicht die bekannten Bestimmungen über Uniform und Adjustirung der Armee. Dieselben sollen am 1. Aug. in Kraft treten.
Straßburg, 12. April. Eine kaiserliche Verordnung entsetzt den Bürgermeister Lauth, der den höchsten Behörden (Oberpräsidenten und Präsidenten) erklärte, daß er nur im Lande bleibe, weil er die Rückkehr der Franzosen hoffe, seines Amtes. — Die „Elsäss. Corresp'" schreibt zu dieser Absetzung: Die Sprache desselben ist vernünftigerweise nur erklärlich als Einleitung zur Abgabe seiner Demission. Diese logische Consequenz, nachdem sie ihm nahegelegt worden, nicht anerkennend, erklärte Lauth, er wolle auf dem durch das Vertrauen der Bürgerschaft ihm verliehenen Posten ausharren. Die Bürgerschaft aber wählte nur den Gemeinderath, den Maire ernannte des Kaisers Majestät. Lauth war also vor Allem auch Vertrauensmann der Regierung, was er nach seinem mit Ostentation durchgeführten Verhalten nicht bleiben kann.
Ausland.
Wien, 10. April. Uebcr das Befinden Pius IX. hat man hier günstige Nachrichten. Die Gesundheit des Papstes ist allerdings seit Jahren tief erschüttert und gibt jeder Besorgniß einer plötzlichen Katastrophe Raum. Gerate in den letzten Tagen hat sich PiuS IX. seinen gewohnten Tagesbeschäftigungen ohne physische Leiden und in unveränderter Gemülhsstimmuiig hingegeben. Daß er jetzt häufiger an unmittelbare göttliche Inspirationen selbst für untergeordnete Entschließungen glaubt alS sonst, ist übrigens Thatsache und
Das Majorat.
Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf.
(Fortsetzung.)
2. Der Personentanfch.
Jndeffen standen die beiden Damen an einer an« muthigen Stelle deS Parks. Beide waren ziemlich gleich elegant gekleidet, die größere, weniger hübsch von Gesicht, mit starken Contrasten in den Farben ihres AnzugeS; die andere an Wuchs kleinere, ange aehmer in den Zügen, scheinbar einfacher gekleidet, trug von vorstehenden Farben nichts als einen leb- hastrothen Shawl um ihre Schultern. Die größere, ®ü einem blauen Ueberwurf bekleidet, der offenbar ihren durchaus nicht schneeweißen Saint nur noch gelblicher färbte, stand befehlshaberisch vor dem devoten Härtner des Guts:
„Hier bring' Er uns Tisch und Stühle her, dieser Platz gefällt mir." Dann wandte sie sich um zu ihrer Begleiterin. „Sieh nur, Antonie," rief sie, „welch ein jarteS leuchtendes Grün zu unfern Füßen! Dabei dieses schattige Laubdach über uns und dieser sonnige Vlick in die Ferne!" /
Der alte Gärtner stand und zögerte, er versuchte iu sprechen, allein barsch fuhr ihn das gebietende Fräulein an: „Was steht Er noch? hat Er nicht ge« Hirt?" Beeil Er sich!"
. Jetzt fand der Gärtner Worte und stotterte furcht- Sto: „Gnädigstes Fräulein, der ganze Park steht 3hnen zu Diensten; nur diese Stelle wünschte ich Pfchont zu sehen. Dies junge Grün ist eben ange f«t, hat ganz schwache Wurzeln und wenn ..."
„Wie? Er untersteht sich mir zu widersprechen?" Merbrach ihn drohend die zornige Herrin und fuhr 10 den Manieren ihrer Bewegung mit Fußstampfen
Handbewegungen umher, die weit mehr Energie Grazie entwickelten.
„Aber es kann doch dem gnädigen Fräulein ganz W jein," bat der Gärtner und ging lange Schrille
tiefer in den Park. „Hier ist alter Rasen, der kann'S vertragen."
„Ist nur ein solcher Widerspruch erhört? Ist daS Gehorsam? Kann Er nicht morgen den Rasen wieder anöbessern, wenn wir ihn beschädigen? Wozu ist Er als Gärtner sonst da?"
Sie blickte sich um und sah den Gärtnerlehrling an einer anderen Stelle auf einem Rundtheil beschäftigt, sie rief diesen und trug ihm auf, sogleich zum Herrn Administrator zu eilen, damit derselbe herbeikomme und dem Gärtner den Kopf zurecht setzen solle.
Dieser Auftrag machte den Gärtner nachgiebig und er sagte: „O nicht doch, liebstes Fräulein, wenn Sie es denn einmal wünschen, so mag der Rasen auch noch zum Kuckuk gehen. Komm Wilhelm," rief er dem nahenden Eärtnerburfchen zu. „Hilf mir die Bänke und den Tisch hertragen."
„Na, das wollt ich wissen. In zwei Minuten hat Er Alles fertig und dann bestellt Er uns den Kaffee hierher."
Der Gärtner ging und brummte: „Die thut meiner Seel schon, als wenn sie hier Herr wäre Nein, die Frau Baronin war launisch, und wirbelich, aber diese Geldwechslers Tochter ist noch dreimal schlimmer..."
„Und dümmer," lachte der Lehrling, „hörtetJhr'S nicht, Meister, wie sie meinte, Ihr könntet den Rasen morgen wieder ausbessern? Sie denkt er ist ein Stück Zeug, das man flickt, wenn's ein Loch kriegt; haha!"
„Das ist städtische Weisheit; ach, wenn die erst hier regiert, dann wird erst recht Alles drüber und drunter gehen .... Na, saß an!" Und sie trugen die Bänke an die befohlene Stelle. ,
Die beiden Mädchen spazierten iii^cß im Park umher; als sie aus dem Bereich des Gä,tner waren lachte die Große laut und unmäßig, faßte die jüngere
an den Arm und sagte, untermischt mit Ausbrüchen der Lustigkeit:
„Siehst Du, so setzt man sich in Respekt, spielte ich nicht eben wieder Deine Rolle mit wahrer Grandezza ?"
„Sonst ganz vorzüglich, nur die armen Leute maltroitirft Du zu stark," erwiderte lächelnd die Andere.- „Ich zittre oft vor Deiner Strenge; dem armen Gärtner konntest Du wohl seinen bescheidenen Wunsch erfüllen."
„Nein, Antonie, laß mich nur, ich weiß, wie man Dienstboten regieren muß. Du bist immer zu mild und gütig in dem Hause Deines Vaters, dadurch wird das Dienstpersonal übermüthig. — Doch sieh hier," sagte die Größere neckisch und zog einen Brief auS der Tasche, „den brachte mir Der Briefträger: An Fräulein Antonie Wolf!"
Da griff die kleinere lebhaft zu und rief: „Der ist für mich, zeig her!"
Allein die Andre widerstrebte neckisch und sagte: „Aha! Da bin ich nicht mehr Tein Alterego, wie sonst?" Sie zeigte von fern die Adresse. „Mir scheint's die Handschrift Deines Vaters zu fein.“
„Meines Vaters?" rief die Andre.
«Gewiß erhält er einen neuen HeirathSvorschlag, nachdem der bewußte vor acht Tagen so abscheulich verlaufen."
„Ach, von diesen Dingen will ^ch nichts wiffen," rief die Andre und wandte sich „darum bin ich vor bem Stadtgeklatsch in diese Eittsamkeit geflohen und habe mich selbst hinter Deine Person verborgen. Immer öffne den Brief für mich . ..."
Sie waren zurück zu dem erwählten Platz gekommen und wollten sich niedersetzen, als vom Schlöffe her Wolfram mit dem jungen Alfred erschien.
Die Begrüßung war gemessen; die größere mit dem blauen Ueberwurf machte wieder mit höchster Vornehmheit die HoniieurS und ließ sich von Wolfram dem jungen Baron präsentiren, während sie ihrerseits