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JITarßurg, Sonntag, den 13. April.
1873.
ObeMsische Zeitiixii
Erscheint täglich außer den Werkwgen nachSonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch di- Expedition (Koch'sche Buchdruckerei, bezogen 22 i Sgr., durch di- Poftümter 27 Sjt. (excl. Bestellgebühr und rncl- Stempelsteuer), für das Ausland excl- Steinpel 22 Sgr. — Jnsertionsgcbilhr für die gespaltene Zeile 1 Sar Sämmtliche Annoncen-Bureaus nehmen Inserate an.
Politische Wochrn-Urberficht.
Die Osternferien haben die parlamentarischen Arbeiten der noch tagenden Häuser unterbrochen. Nachdem in der letzten Sitzung des Reichstags vor Ostern dec Abg. Lasker in eindringlicher zweistündiger Rede eine über die Angelegenheit der preußischen Eisenbahn- CommissionSertheilungen hinaus auf das gesammte heutige GründnngSwesen und die Unzulänglichkeit der betreffenden deutschen Gesetzgebung sich erstreckende Interpellation begründet hatte und dieselbe vom Reichs- kanzleramts-Pläsidenten dahin beantwortet wurde, daß allerdings auch die Reichsregierung auf daö Bedürf niß einer Ergänzung der bestehenden Gesetzgebung aufmerksam geworden sei, wurde in der letzten Sitzung des Herrenhauses auf Bernulhs Antrag die Vorbe- rathung der kirchenpolitischen Gesetze der Commission entzogen, um dieselbe im Plenum deS Hauses vorzu nehmen. Die Publikation des Vcrfassungs Aenderungs gesetzes hat stattgesunden. — Da« geringere Interesse an den noch versammelt gewesenen Landtagen der Kleinstaaten wuHe von dem Braunschweiger unter, krochen, doch fwird nach seiner Vertagung bekannt, daß der Großherzog von Oldenburg die ihm über-- tragene Regentschaft abgelehnt hat, und der Herzog die wiederholte Bitte des Landtags um Abschluß einer Militärconvention mit Preußen abgeschlagen habe. — Der Großherzog von Mecklenburg soll erklärt haben aus eigener Jniative die VersassungSfrage ordnen zu wollen.
Am 6. April brachte in ihrem amtlichen Theile die „Wiener Zeitung" die beiden Gesetze über die österreichische Wahlrcform. Bevor dieselben ins Leben treten, muß erst die Auflösung des jetzt noch bestehenden Abgeordnetenhauses erfolgen. Jndeß dauern die Freudenbezeigungen über die so schnell erfolgte Sanction dieser wichtigen Reform fort. Fortan wird also Cisleithanien ein von der Bevölkerung, und nicht von den Landtagen gewähltes Abgeordnetenhaus besitzen. Die Delegationen setzen ihre Berathungen die Woche über noch fort und da ihnen das Roth- buch wenig Stoff bietet gehen sie zu Interpellationen über, die Andrassy geschickt zu beantworten weiß. Die
denselben gemachten Budgetvorlagen zeichnen sich besonders durch die Vorlagen deö Kriegsministeriums aus.
Der schweizerische Bundesrath hat am 4. April den RccurS der Pfarrgeistlichkeit des CanlonS Solothurn gegen das am 22. Rov. v. I. durch Volksabstimmung angenommene Gesetz über die Wiederwahl der Geistlichen einstimmig verworfen. Der Regierrings rath von Solothurn hat die für Lachat wiedersetzlich protcstirenden Geistlichen mit „Ordnungsbußen" be legt Die von der berner Regierung suöpeudirten Geistlichen im Jura haben sich der Suspension gefügt.
Am Montag den 7. April, Abends 111/2 Uhr also spät genug, ist die fra nzö sische National Ver sammlung zur Ruhe gegangen, um am 19. Mai wieder aufzustehen. Ihre letzten Sitzungen waren noch un gemein stürmisch, da beide Seilen durch die Wahl Buffet's zum Präsidenten der Versammlung als Nach folger GeevyS'ö in aufgeregtester Stimmung waren, die Einen durch ihren Sieg, die Andern durch ihre Niederlage. Der Präsident der Republik und seine Minister siedelten von Versailles am 8. nach Paris über, ThierS wohnt im Elysse. Schon am 7. hatte der ständige Ausschuß unter Buffet's Vorsitz seine erste Versammlung und beschloß, jeden Sonnabend Sitzung zu halten, da es zu hoffen stehe, daß die Regierung den Ausschuß von allem, was die allgemeine Lage angehe, unterrichte. Um zu zeigen daß man die Beaufsichtigung der Negierung in feste Hand zu nehmen entschlossen wurde von Herrn v. Laroche Jaquelcin Beschwerde erhoben, daß das Gesetz, welches die lyoner Centralmairie aufhebt, noch nicht verkündigt worden, wie cs die provisorische Dreißiger-Verfassung vorschrcibe. Buffet versprach, unverzüglich die Regierung von dieser Bemerkung in Kenntniß zu setzen. Dieses Gesetz verspricht dann auch eine Dornenkrone für das Cabinet zu werden.
Das italienische Ministerium hat nun innerhalb dreier Monate bereits den vierten Sturm der Opposition zurückgeschlagen. Unermüdlich hatten die Gegner die Operaiionsbasis verändert und ruerst die Steuer auf das bewegliche Vermögen, die Sella mit unerbittlicher Strenge eintreiben läßt, dann die Ge
setzgebung über das Papiergeld, darauf die Wehrfrage und zuletzt die Mühlensteuer als Hebel gegen die Negierung angesetzt. Eigentlich lauter Fragen, die mit der politischen Richtung der Regierung nichts zu thun haben und fern ab lagen von den cullurgeschichilichen Problemen, deren glückliche Lösung allein dem jungen Staate eine gedeihliche Existenz sicher» kann. Aber einstweilen nimmt das administrative Detail die politischen Kräfte zu sehr in Anspruch, als daß die großen Fragen der Volkserziehung oder des Verhältnisses von Staat und Kirche ernstlich in Angriff genommen werden oder Anlaß zu neuen Parteibileungen geben könnten. — Der heil. Vater hat durch einen Krankheilsanfall von ungewöhnlich bedenklichem Charakter seiner Umgebung keinen geringen Schrecken bereitet, doch ist die größte Gefahr bereits vorüber.
Das spanische Ministerium läßt die Gerüchte von einer Krisis, in der es sich befinden soll, angelegentlich in Abrede stellen. In Barcelona haben die Nachrichten über die carlistischen Schandtharm die Wuth des Volkes so hoch gesteigert, daß gefangene Carlisten in Gefahr sind, aus der Straße zerrissen zu werden, und daß mehrere Kirchen, deren geistliche Vorsteher im Verdachte carlistischer Umtriebe standen, geschlossen und theilweise zu Kasernen benutzt werden mußten, weil die Menge keinen Gottesdienst in denselben duldete. Der Eisenbahnverkehr im nördlichen Spanien ist fast nach allein Richtungen hin unterbrochen.
Die Session der portugiesischen Cortes ist am Dienstag durch königliches Decret geschlossen worden, und werden die Landesvertreter bis zum Januar Ferien haben.
Der englische Schatzkanzler Lowe hat Parlament und Land am Montag durch ein ebenso einfaches, wie willkommenes Budget erfreut. Die Ausgaben des verflossenen Finanzjahres sind hinter denen vcö vorverflossenen Finanzjahres um 760,000 L. zurückgeblieben, wogegen die Einnahmen um 4,772,000 L. die gemachten Voranschläge überstiegen haben. Allerdings ist^ cs nicht ganz erfreulich, daß dieser Zuwachs
Das Majorat.
Historisches Familiengemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)
1. Der alte LehnSveiter.
Kehren wir zunächst nach dem Herrenhose von Walsleben zurück. In dem ältesten Theil des Schlosses in den Räumen der Bnrg wohnte ein alter Jung- gesell mitten unter seinen Hunden; sein einziges Zimmer hatte außer einigen Hausmöbeln nichts von Luxus außer einer Reihe von sauber gehaltenen Gc wehren und Hirschfängern, welche die Wand zierten. Wolfram von Röbel, der Vetter genannt, war der rinzige Verwandle des Hauses in ausstcigendcr Linie, ©in BruderSsohn des jetzigen Besitzers, gehörte er in den LchnßuexuS und wenn die Erbchcilung bei den Majoraten oft eine barbarische Ungerechtigkeit ent wickelt, so hat sie auch ihre patriarchalischen Seiten. Fast selbstverständlich haben Glieder der Nebenlinien, männliche, wie weibliche, daS Anrecht, wenn es auch uicht testamentarisch niedergeschrieben ist, Wohnung und unentgeltlichen Unterhalt auf ihrem Stammgute ju finden, wenn sie fonjt nicht als Beamte oder durch Wrhcirathung einen selbstständigen Haushaltgründen. Wolfram war noch besser gestellt, er besaß in geeicht licher Form eine Art Altcntheils-Contract, so daß ihm selbst die eingetrctene Administration nicht die Lieferung ^eS Lebensunterhalts vom Gute entziehen konnte. Sv bescheiden auch diese Rente auSfiel, die aus ihren ^aturallicferungen berechnct kaum die Summe von 300 Thalern erreichte, so war sie doch für die ein- suchen Bedürfnisse des Vetters genügend, der überdies mit Leib und Seele an dem schönen Familiensitze ?>ng, sich gern in der Wirlhschaft nützlich machte und ”• den freien Stunden den Vergnügungen der Jagd Nachging. Jetzt war seine Stellung etwas unangc- Uehmer, er stand in gespannten Verhältnissen mit dem Administrator, der seine gutgemeinten Einreden und mathschläge oft bespöttelte. Daß ihm daher die
total zerfahrenen Verhältnisse der Güter schwer zu Herzen gingen, war ihm nicht zu verdenken.
Wolfram, ein hoher Fünfziger, saß und wickelte Rehposten zu Patronen — eine kernfeste, fast dürre Gestalt. Das Antlitz war wettergebräuut, seine Stirn, welche der haarentblößte Schädel ins Ungcmessene erhöhte, hatte das Ansehen eines geglätteten Slein- blocks; dünne graue Haare fielen hinterwärts in schwacher Lockenform hernieder. Sein Blick war spöttisch und schwermüthig zugleich, Verachtung und Lebensrcsignation lagen seltsam gemischt in den runzel- vollen Zügen. So blickte er auf den jungen Mann, der neben ihm saß.
., »Ja, ja, so steht'S, Vetter, und ich weiß nicht, wreS anders werden soll!"
Diese Worte wurden zu einem jungen Mann in Reisekleidern gesprochen, dessen schönes ausdrucksvolles Gesicht offenbar tief bewegt war von der Nachricht ungewöhnlicher Ereignisse. ES war der junge Baron Alfred, von Göllingen nach Vollendung seiner Studien zurückgek.hrt, — nicht ahnend, waS indcß mit dem Besitzthum seiner Eltern und seines künftigen El des vorgegangen. Er wußte wohl nach hundertfacher Erfahrung aus seiner Jugend, daß die häns liche Wirlhschaft seiner Eltern immer mit Sorgen und schweren Hindernissen zu kämpfen hatte, allein der Begriff des unvergänglichen unveräußerlichen Majorats halte ihm immer die Güter erscheinen lassen, wie eine Ouelle, die wohl langsam, sparsam und oft launig flösse, daß aber solche einmal total versiegen und ganz verloren gehen könnte, daran hatte er nie malS gedacht. Natürlich mußte er die Vorgänge, bie sich hier jetzt vollzogen hatten, überraschend finden.
„Also Alles verschuldet?« seufzte der junge Mann. »Kein Ziegel auf dem Dach mehr unser? Mein Vater fort! . . Sequestration . . . Alles verloren!"
„Nun, nun, so weit ist'S noch nicht, Vetter!" fiel Wolfram ein. „Eigentlich ist Alles noch unser, wie
vordem. So rasch geht'S mit einem Majorate denn doch nicht — nur Alles verfahren, tief in den Sumpf gefahren, durch Deinen Vater. Nehmen können sie die Güter nicht und verkauft soll und darf Nicht« werden, dazu geb ich meinen ConsenS n cht. ich!"
„Freilich auch Sie sind Lehensvetter und haben Ihr Wort mitzusprechen!«
„Und Du erst recht, Alfred, Du bist der nächste Erbe und wirst nicht närrisch sein. Laß die Gläubiger Deinen Vater bedrängen."
„Ach, Sie wissen nicht, Vetter, wie schlimm da« ist!" klagte Alfred. „Auch mir sind die Dränger auf den Fersen. Seit einem vollen Semester ließ mich die väterliche Hülfe im Stich und das Leben auf der Universität ist theuer. Ich schulde mit allen Prolongationen und Wucherzinsen an 80 LouiSd'or. Ich mußte abreisen ohne sie zu bezahlen . . /'
„Das war auch daö Beste, was Du thun konn- tcst. Wenn man Schulden bezahlen soll und nicht kann, so geht das über die besten Vorsätze..
„Ader der Jude wartet nicht, er klagt und droht mit Gefängniß..." *
"Pah"- lachte Wolfram, „bann drückt man sich, fo lang cS geht und trägt, was da kommt. Eine Schuldhaft dauert nicht ewig, daß bei Dir nichts zu holen lst, wird der Gläubiger bald merken. Denn bezahlen kannst Du nicht, Tein Vater auch nicht, ich ebenfalls nicht, wenn ich's auch wollte. Siehst Du, in meiner Jugend ging mir's auch einmal so. Da sagte ich: warum seid ihr Philister so dumm und borgt mir? Ihr müßt doch wissen, daß ich ein armer Agnat bin mit einer Anwartschaft, die so gut ist, als ob die Güter im Mond lägen? Kurz, ich hab' erst langsam in Raten bezahlt, als mir Dein Großvater die schmale Leibrente aussetzte. Seitdem borgt mir Niemand mehr, ich will auch nichts geliehen haben; und nun geht Alles seinen geordneten Gang. Ach, es wär' auch mit Deinem Vater gegangen trotz deö