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Marburg, Freitag, den 11. April.

1878

Oterhesfische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei, bezogen 221 Zar durcb die Postämter 27 Lgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsg-bührfür die g-sMen-Z-ilelLgr^ Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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Deutsches Reich.

** Berlin, 9. April. Auch dieProv.-Corr." macht heute auf die beschleunigte SanctionS-Publi- kation aufmerksam, welche die Verfassungsänderung gefunden. Sie setzt hinzu, daß auch der Kronprinz »iederholt seine entschiedenste Ueberzcugung in Betreff der Nothwendigkeit der neuen Gesetzgebung ausge­sprochen habe. Die Hoffnung der Ultramontanen klammert sich eben an jedes Gerücht; so colportirte man denn in den letzten Zeiten, daß in der Umgebung des Kronprinzen sich eine starke Opposition gegen die jetzige Kirchenpolitik geltend mache. Dies ihörichte Geschwätz dürfte nach der Erklärung derProv- Corresp." nun wohl sein Ende finden. In seinem Leitartikel bespricht das halbamtliche Blatt die evan­gelische Opposition gegen die neuen Kirchengesetze Dieselbe sei durchaus ungerechtfertigt und unfaßbar, da die evangelische Kirche, welcher durch ihre Natur selbst ein Uebergreifen auf das staatliche Gebiet un möglich gemacht sei, nichts davon zu fürchten habe DieProv.-Corresp." weist ferner daraus hin, daß selbst Friedrich. Wilhelm IV., gewiß ein gläubiger evangelischer Christ und sein ganzes Leben hindurch dem KathcliciSmuS gewogen, mit der neuesten Ent­wicklung, welche die römische Kirche genommen, durch­aus unzufrieden gewesen sei und bei Gelegenheit der Verkündigung deS Dogma's von der unbefleckten Em- pfängniß der Jungfrau Maria in einem Briefe an Lunsen es aussprach, daß die evangelische Kirche der Wendung deS Katholicismus gegenüber handelnd austretcn müffe. DieGermania" wundert sich, daß Herrn NamSzanowski noch immer keine amtliche Mittheilung von der Aufhebung der Feldpropstei ge macht sei, da nur er berechtigt wäre, die ihm früher untergebene Militärgeistlichkeit von ihren Pflichten zu lösen. Die Regierung ist indessen gar nicht in der Lage, mit Herrn NamSzanowski in amtlichen Verkehr zu treten, da er, als das Disciplinarverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, von feinem Amte bereits fujpen bitt worden war. Dasselbe ist aber, wie dieGer mania" selber mittheilt, durch das Urtheil erster In­stant keineswegs beendigt, da gegen das hier gefällte llrtheil an das Staatsministerium, welches als zweite Instanz fungirt, appellirt worden fft. DieVolks- ~ ------- . ...... !

Ztg " bespricht heute den Wahlaufruf der Fortschritts­partei in einem Schlußartikel. Sie erklärt sich ein verstanden mit der Befriedigung, welchen derselbe über die seitherige Entwicklung der preußischen und deutschen Angelegenheiten kundgab. Sie zählt die Hervorhebung des Budgets, die Steuergesetzgebung, die Krcisord- nung, die neuen Bestimmungen deS CultuSministers, welche an Stelle der Stahl'schen Regulative traten, als Momente des Forlschritis auf. Die kirchliche Gesetzgebung dagegen findet nicht ihren Beifall. Auch erfährt man, daß es, wenn auch sämmtliche Mitglieder der Fortschrittspartei den Wahlaufruf mit unterzeichnet haben, cs dennoch eine dissenlirende Minorität gab, zu weicher selbstverständlich auch der Eigeiilhümer der Volkszeitung", Herr Franz Duncker, gehörte, welcher ja seine Antipathie gegen die Kirchenpolitik der Re gierung durch sein Votum als Abgeordneter besiegelte. Die Special - Untersuchungscommission ist noch immer so mit Arbeiten überhäuft, daß sie ihre Auf­gabe schwerlich vor Ende des laufenden Monats zu Ende führen dürfte, so daß sich die Berichterstattung über die gewonnenen Resultate wohl bis Mitte Mai verzögern wird.

Braunschweig, 6. April. Man telegraphirt derA. A. Ztg.", daß der Herzog von Braun schweig die wiederholte Bitte deö Landtages um Ab schluß einer Mililärkonvention mit Preußen abge­schlagen habe.

Darmstadt, 9. April. Der klerikale Direktor deö Mainzer Gymnasiums und zwei Lehrer sind pen- sionirt worden. Ein anderer Lehrer ist in Folge di­rekten Einschreitens des Ministeriums versetzt worden. DieDarmst. Ztg." entnimmt den Motiven zu dem Entwurf des Reichsgesctzes über Bildung des Jnva- libenfonds, daß bis Ende Juni 1872 im Bereiche des Großherzogthums an Hinterbliebene der unteren Militärclassen vom Feldwebel abwärts nachstehende Bewilligungen aus Reichsmitteln anerkannt worden sind: 1) an 205 Wittwen jährlich 13,188 Thlr., 2) an 275 Kinder jährlich 11,604 Thlr., 3) an 119 Eltern jährlich 4997 Thlr., zusammen also jährlich 29,790 Thlr. oder 52,132 fl. 30 fr. Hierunter sind nicht einbegriffen die Bewilligungen an sog. Armee- Funktionäre und deren Hinterbliebene, die sich aus

1400 fl. jährlich belaufen mögen. Da angenommen werden kann, daß nach Ende Juni 1872 noch weitere Bewilligungen anerkannt worden sind, bezw. noch wer­den anerkannt werden, deren Betrag etwa 20 pCt. der bereits vorher anerkannten Bewilligungen erreichen wird, so würden zu den obigen 53,500 fl. noch etwa 10,700 fl. hinzukommen und die Summe der jähr» lichen Bewilligungen sich auf 64,200 fl. berechnen.

München, 8. April. Wie die21. Abendztg." hört, beantwortete Fürst Bismarck das an ihn ge­richtete Glückwunsch-Telegramm des Königs sofort ebenfalls auf telegraphischem Wege, gab hierbei seiner ehrfurchtsvollsten Anhänglichkeit Ausdruck, versichernd, daß die Bitte um Fortdauer der ihm ausgesprochenen gnädigen Gesinnung des Königs ein Bedtirsniß seines Herzens, wie seiner amtlichen Stellung sei.

Straßburg, 6. April. Der frühere Secretär des hiesigen HülsScomites, Anwalt I. Flach, hat die­ser Tage einen Bericht über die Thätigkeit dieses HülfScomites veröffentlicht, aus dem man folgende Einzelheiten erfährt. Das nach dem Bombardement in der Stadt herrschende Elend veranlaßte etwa 30 der angesehendsten Bürger, zu einem Hülfscomite zu- sammenzutrelen. Unmittelbar nach seiner Eonstitui- rung erließ dieses Comite einen Roth- und Hülferuf, der bis in die fernsten Theile der Erde Wiederhol! und Erhörung fand. Die eingelaufenen Gaben belie­fen sich auf 487,968 Fr., welcbe sich folgender Ma- ßen vertheilen: Amerika 87,364 Fr., Deutschland 182,700 Fr, Elsaß 16,462 Fr., England 1150 Fr., Flankreich 58,359 Fr., Holland 16,420 Fr., Italien 20 Fr., Norwegen 3506 Fr., Schweiz 121,984 Fr. Außerdem flössen noch durch daö Bürgermeister Amt aus allen Theile» der Erde so viele Gaben zu, daß der Betrag der Unterstützungen auf 877,648 Fr. stieg. Auch zahlreiche Geschenke an Naturalien, Lebensmit­teln, Kleidungsstücken, Bettzeug rc. wurden dem Comite zugeschickt, und endlich kamen von verschiedenen Seiten Anerbieten, Kinder unentgeltlich in Lehranstalten oder 'als Lehrlinge aufzunehmen. Vom 2. Oktober 1870 bis 30. September 1872 bewilligte das Comite Geld­unterstützungen an 5606 Familien, theilS als Vor­schuß. theils als Geschenk in der Summe von 797,972 Ft., vertheilte es Kleider, LebenSmitiel und Mobilien

Das Majorat.*)

Historisches Familicngemälde von M. A. Niendorf. (Fortsetzung.)

Seitwärts getrennt vom Schloßraum lag der Winhschastshos mit seinen umfänglichen Gebäuden, tiefer nach Norden hin das kleine Dorf der Gutsbe- »ohner. Das Ganze macht den Eindruck eines aufge- speichcrlen Reichthums aus alter Zeit; freilich wo Jahrhunderte lang die Geschlechter schaffen und schalten, der eine Ahn in dieser Richtung, der andere m jener: da baut sich jenes seltsame Gefüge zusam »en, das uns in solchem Herrensitz des Landes als buntes wohlhäbizes Gcmcngjel entgegentritt. Dennoch offenbarte sich jetzt ein sichtlicher Zug von Unordnung and Nachlässigkeit an all diesen tausendfältigen Gegen­ständen. Ein Stück fehlenden Putzes und stellen- a>eise Verwitterung können an alten Gebäuden den Reiz bet Ruinenpoesie entwickeln, allein ein Dach mit zerbro­chenen Steinen, zerschlagenen Figuren und wackelnden Imster» im Souterrain des modernsten Flügels, halb- Zerfallene Gartenmauern, umliegende Stackete, wind­schief hängende oder gar angellose Thüren in den Tirthschaftsgebäuden weisen auf einen anderen weni 8tr erfreulichen Zustand hin. Wo die Hand der stets sorgenden Jnstanderhaltung fehlt, da reißt sehr leicht die Verwilderung ein; Ordnung und Accuratesse sind oftmals wahrhaftige Zauberer, Unordnung und Nach- sässigkeit sind'S ebenso nach der negativen Seite hin. ^alsleben machte den unverkennbaren Eindruck des Rückschritts, wie Rost und Staub auf glänzendem ^iaffenwerk lag eine großartige Verlaffenheit auf dem «ui mit allem seinem Zubehör, und das hatte aller binzö seinen liefern Grund.

Die Güter waren, wie gesagt, Majorat, d. h. sie Wurden jedesmal von dem ältesten Sohn ungetheilt M Besitz genommen, alle andere Erben gingen leer

aus, wenn nicht baar Geld vorhanden oder Allodial- besitz noch daneben erworben war. Sie konnten nicht verschuldet werden, denn dem zeitigen Besitzer gehörten nur die Revenüen, mit denen er allerdings anfangen konnte, was er wollte; diese konnte er erhöhen durch gute Wirthschaft, oder auch durch schlimme versiegen lassen, verpfänden, verschenken, kurz darüber völlig unumschränkt verfugen, die Substanz aber blieb unan greifbar, selbst bei der kleinsten Veränderung mußte die Genehmigung sämmtlicher Agnaten- und Lehens­vettern eingeholt werden.

Die frciherrliche Familie von Röbell saß auf die­sem Besitz seil 1405; mitten unter einer Nachbar­schaft, die fast in jedem Menschenalter im Gütcrbcsitz wechselte, gab dieser alte Besitz der Familie einen leicht übel vermerkten Stolz, tber den bürgerlichen Nach baren oft zum Spott biemc.

Diese jahrhundertlange Besitzdauer wußte denn auch von merkwürdigem Wechsel der Wchlhabenhei, und der Armuth seiner Besitzer zu berichten. Der Eine der Barone war schwer reich, ein großer Mann bei Hos oder in anderen Würden gewesen; der andere Halle kaum das Leben fristen können; der Besitzer während des dreißigjährigen Kriegs Halle gar nach Zerstörung der Gebäude auf einem Kossächenhofc des Dorfs vegelirl, der allein unversehrt geblieben, wo er na* eigenen Berichten von gekochten Brennnesseln und Bucheln des WaldeS gelebt; ein vierter hatte geizig und filzig, als Einsiedler gespart und Hundert­tausende hinterlassen, die bei den Nebenlinien längst wieder in alle Winde zerstreut waren. Dem jetzigen Besitzer endlich, Baron Adam von Röbell, halte sein schöner langer Besitz seit 1790 gar wenig geholfen. Die fünf und zwanzig Jahre seines Regiments fielen in stürmische Zeiten, er hatte viel erlebt, doch leider wenig Erfreuliches. Die Zeitläufte und'der Besitzer

eines solchen Guts verhalten sich Beide zu einander, wie ein Spicker zu dem Glück der Karten Ein vor­sichtiger gefchickler Spieler verliert an einem Abend mit widrigem Kartensall wenig, wo einem schlechten Spieler ernstlicher Verlust erwächst; bei guten Karten gewinnt der erstere bedeutend, der schlechte Spieler freut sich, daß er ohne Opfer davon kommt. Nun gehörte unser Baron leider zu den schlechten Spielern und hatte schwer über die schlechten Karten zu seufzen, die ihm zufielen. Sein Verlust war daher erklärlich.

Sein Vater, ein guter Wirth, hatte ihm keinen Pfennig Schulden, die Güter dagegen im blühendsten Zustande hinterlassen. Der Sohn, schon durch feine opulente Erziehung für Vergnügungen und LuxuS geneigt, dachte, das könne und müsse so bleiben, waS bekanntlich im Landbau und Gutsbesitz oft im Um« drehe» sich anders gestaltet. Nach acht Jahren der Selbstwirlhfchaft verpachtete er die Güter, wobei die Pächter sich wohl gut standen, nur der Gutsherr uicht Der Baron war einmal stets um einige Mo­nate zu früh mit den Einkünften der Güter fertig, wobei die Forsten das Deficit decken mußten, so lang es ging; hernach mußten die Pächter vorschießen, die dafür billige Pachtprolongationen und andere Vor- lheile erbeuteten. Bald hatte ihm gar die Nothwen- bigfeit bet Anleihen gegen Verpfändung der Revenüen eingelcuchtct! Wenn der Baron nach zehn ober zwölf. Jahren einmal ernstlich ans Rechnen dachte, so tröstete ihn der Gedanke, daß die Güter offenbar höher im Werth gestiegen waren und daß doch die Einbuße reichlich dadurch eingeholt fein möchte.

Daun kam die böse Zeit der französischen In­vasion. Was das sagen wollte, kann man sich denken. Der Feind nahm, die Pachter schrieben ihre Liefe­rungen auf des Gutsherrn Conto, denn ihr Pacht- Contract war nicht für den Krieg berechnet. Von den