Wr. 83. Nkarkurg, Sonntag, den 6. April. 1873.
Oberhessische Zeitung.
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Deutsche« Strich.
•• Berlin, 5. April. Die heutige erste Früh jahrsparade wurde kurz vor Beginn abbestellt. Es konnte nicht auSbleiben, daß sich hieran sofort allerhand Gerüchte knüpften, wie, daß der Kaiser ernstlich erkrankt, und daß Feldmarschall Wrangel gestorben sei. Zum Glück liegt nichts derartiges vor, der Kaiser ist von einer leichten mit Kopfweh verbundenen Erkältung befallen und wollte auf Anrathen der Aerzte, das Zimmer hüten. Wie geringfügig das Unwohlsein deS Monarchen ist, geht schon aus dem Umstand hervor, daß daS angesetzte Dejeuner trotzdem angenommen wurde. — In seiner heutigen Sitzung berieth das Herrenhaus den Antrag des Herrn v. Berent. Auch Fürst Bismarck ergriff 'in den Debatten das Wort und erklärte, die Vorlagen müßten jedenfalls durchberarhen werden und WTnn die Session bis in den September fortdauere. Wären die Häuser nicht beschlußfähig, so würde die Regierung andere Wege zur Durchführung der Gesetze zu wählen haben, als auf denen sie sich jetzt befände. Wie man denken kann, erregten diese Worte große Sensation. Die Frage „Octroyiren" ertönte ans der Mitte der Ver- fammlung. Daß indessen die Regierung an eine Octtoyirung denken solle, bezweifcltj man allgemein; man glaubt vielmehr, die Regierung werde, falls das Herrenhaus eine beschleunigte Durchführung der Gesetze unmöglich macht, die kirchenpotilische Legislatur zu einer ReichSangelegenheit machen. — Die .Volksztg." bringt heute einen Artikel, welcher sich mit dem Wahlaufrufe der Fortschrittspartei beschäftigt, demselben soll eine weitere Reihe über daffelbe Thema
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folgen. Obgleich der heutige Artikel eigentlich nur eine Vorrede zu nennen ist, so ersieht man doch bereits, daß jenes wichtige Dokument die volle Zu stimmung des demokratischen Organs gefunden zu haben scheint. Die „Volksztg." erkennt offenbar an, daß ein Wendepunkt im Parteileben eingetreten ist und daS gemeinsame Weiterarbeiten an den großen nationalen Aufgaben viele frühere Unterschiede naturgemäß beseitigen und verwischen muß. — Es ist hier bereits darauf hingewiesen, daß der letzte Wohnungswechsel einen unerwartet günstigen Verlauf genommen hat. Wie sich jetzt herausstellt, waren am dritten Ziehlage nur 6 Familien mit 25 Köpfen ohne Obdach, von denen vier noch im Laufe des Tages ein Quartier fanden und nur 2 mit 9 Köpfen Seitens der Behörde untergebracht werden mußten.
— Unter den zahlreichen Beweisen der Anerken nung und Verehrung, welche dem Fürsten Bismarck an seinem Geburtstage aus allen Gauen Deutschlands zugegangen, wird von officiöser Seite mit Recht her- vorgehoben, daß der König von Bayern in einem Telegramm den herzlichsten Antheil an der Freude des Festes ausgesprochen hat. DaS Telegramm enthält, die wärmsten Glück- und Segenswünsche, und es wurde darin die Hoffnung ausgesprochen, daß der Tag, an welchem der Fürst mit erhebendem Bewußtsein auf. ein Leben voll der reichsten staatsmännischen Thätigkeit zurückblicke, dem Kanzler noch ost wiedcr- kehrcn möge.
Das von den Abendzeitungen erwähnte Börsenge- rücht von dem Ableben deS Feldmarschalls Wrangel entbehrt jeder Begründung. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." spricht mit freudiger Genugthuung von den Aeußerungen, die der Kaiser Franz Joseph gelegentlich des Empfanges der Delegationen gethan habe. Seit mehr als '25 Jahren hätten Oesterreich-Ungarn und Deutschland sich nie einander sa nahe gestanden und
seren nie in herzlicher Freundschaft miteinander verbunden gewesen, als in dieser Epoche eines ungetrübten Einverständnisses der beiderseiligen Regierungen und Völker. — Einer Privatdepesche aus Konstantinopel zufolge veröffentlicht der „Levant Herald" ein gegen die englischen Ansprüche in der Frage der SchifffahrtS- taxen im-Suezcanal gerichtetes Schreiben Lessrps ^-^-Egsberg 5. April. Die Direciion' der Oftbahn beabsichtigt gegen die mitstrikenoen Hülfs- weichensteller und Bodenmeister, weil dieselben vereidet seien, die strafgerichtliche Untersuchung zu beantragen. Arbeiter sind in großer Zahl eingetreffen, die Stri- kenden sind nicht wieder aufgenommen worden
Braunschweig, 4. April. Die dem Herzog durch eine Deputation der Landesversammlung überreichte Adresse wegen Abschlusses einer Militärcon- vention mit Preußen schließt nach eindringlicher Darlegung des Wunsches der Landesversammlung mit folgenden Worten: „Wir hoffen endlich, daß durch den Abschluß eines Vertrages,, wie wir Ew. Hoheit ehrerbietigst anheimgeben, Ew. Hoheit dem Lande gewonnen und erhalten werden wird, was ohne dieses zu erreichen unsicher ist — wir meinen, die Freude in den hoffentlich lange dauernden Zeiten des Friedens unsere gelammten Truppen in ihrer Heimath, in unserer Mitte zu sehen und die vollständigere und dauernde Aufrechterhaltung der Erinnerungen, welche Ew. Hoheit Truppen als die würdigen Nachfolger derer erscheinen lasten, als deren Führer einst der hochselige Vater Ew. Hoheit, der unvergeßliche Herzog Friedrich Wilhelm den Kampf der Erhebung gegen den Unterdrücker Deutschlands begonnen hat. Solches zu erreichen wird Ew. Hoheit mit uns das zu bringende Opfer nicht zu hoch erachten.
5. April. Einer Meldung der „Darmstädter Zeitung" aus Petersburg zufolge wird Kaiser Wilhelm am 26. April Abends dort erwartet
SechSzrh« und Sechszig.
Original - Novelle von Julius Märker.
(Fortsetzung.)
Der Ton der Schloßuhr, die zwölf schlug, weckte sie aus ihren Träumen. Roch nie aber hatte sie so, »it jetzt, bei dem Gedanken gebebt, vor ihrem Gatten zu erscheinen. Jetzt zum ersten Male ward ihr der Entschluß nicht schwer, chr Vertrauen ihm zu entziehen.
Werner empfing sie, wie immer, mit froher Herzlichkeit, aber zum ersten Male nahm Johanna seine Liebkosungen nicht mit ihrer gewöhnlichen Anmuth «nd Freundlichkeit auf, und nie waren ihr so sehr, tto in diesem Augenblicke, die Spuren des Alters in seinen Zügen ausgefallen.
Bei Tische fragte 2ßm*r nach dem Inhalte der Predigt, und mit sichtbarer Verwirrung gab Johanna io allgemein, als möglich, den Gegenstand an.
„Sehr fruchtbar!" sprach er. „Ich hätte wohl hören mögen," fuhr er nach kurzer Pause fort, „wie «ein alter Freund mit seinen strengen Grundsätzen »»b seiner salbungsvollen Wärme diesen Stoff behandelt hat, denn bei solchen Gegenständen pflegt snve Lebenserfahrung und sein tiefes Gefühl ihn recht «»dringlich reden zu laffen."
„Er hat es auch in trefflicher Weise gethan," sprach Johanna mit gesenktem Blicke, und wollte das Gespräch ableiten.
„Kampf zwischen Pflicht und Neigung!" hob Werner mit an. „Wohl ist daS schwer, und Wenige ^ögen da gerecht gefunden werden. Ja, ja, am Pesten ist'S wohl für uns Menschenkinder, wenn Gott
erhört, so oft wir beten: „Führe «ns nicht in dersuckung."
. Weit entfernt, zu ahnen, welcher schwere Kampf Johanna'- Herzen begonnen hatte, sagte natürlich ferner diese Worte ohne alle Beziehung, aber mit
lebhaftesten Gewalt ergriffen sie das Herz der ^rfbewegten, welche nur zu sehr fühlte, daß sie ganz
ihre Lage paßten.
Rudolph von Brandau war auf einer wissenschaftlichen Reise in die Schweiz begriffen, und ein Religiöses Bedürfniß hatte ihn nebst seinem Beglei
ter an diesem Sonntagsmorgen in diese Dorfkirche geführt.
Nachdem er die Kirche verkästen, hatte Brandau über Johanna's Aufenthalt nähere Erkundigungen ein- gezogen und zugleich beschlossen, für jetzt ein Zusammentreffen mit ihr zu vermeiden, vielmehr erst auf der Rückreise, die er nunmehr zu beschleunigen gedachte sie wiederzusehen.
ES waren beinahe drei Wochen verflosten, und bald machte Johanna ihrem Freunde Vorwürfe, daß er noch keinen Versuch gemacht hatte, sie zu sehen, bald aber zitterte sie vor dem Gedanken, mit ihm zu- lammenzutreffen. Kurz, ihre Ruhe stand auf dem Spiele und ihre Heiterkeit war so sehr gestört, daß ihrem Gatten diese Vetänderung nicht unbemerkt bleiben konnte, daher er auch oft mit zarter Bekümmerniß seine Theilnahme verrieth. Sie wich indeß seinen Fragen aus, oder suchte einen Vorwand, der ihn allerdings nicht beruhigen konnte. Der stille häusliche Kreis, der Beide bisher beglückte, war gestört, Da?, woran Johanna selbst ihre Freude gefunden hatte, war ohne Reiz für sie, und selbst ihr holder Pflegling, daS zweijährige Kind eines atmen Verwandten, besten Erziehung bisher ihre liebste Sorge gewesen war, vermochte ihren Kummer nicht zu erheitern.
EineS Tages saß sie im Lustwäldchen auf einer Bank von Baumzweigen. ES war ein stille-, einsames Plätzchen, dicht umschattet von Lärchenbäumen, Akazien und Platanen. Durch die schlanken Stämme der jungen Birken, welche den Abhang hinabliefen, blickte nur ein kleiner Abschnitt deS reizenden Thales hervor, in welchem der Fluß zu den fernen blauen Bergen sich hinzog. Vor Johanna saß auf dichtem Moose ihr Pflegling und scherzte mit dem Windspiele, das ihr gefolgt war. Plötzlich nun fuhr der Hund bellend auf und in demselben Augenblicke stand Bran- dau vor ihr.
„Johanna! Rudolph!" waren die einzigen Worte, die Beide sagen konnten.
Er lag vor ihren Füßen und drückte ihre Hand an seinen Mund.
„O Gott!" rief endlich Johanna, erschreckt von
seiner Heftigkeit, „stehen Sie auf! Verlasteit Sie mich!"
„Ach, theure Johanna, was hast Du gethan!" — rief er schmerzhaft. „Dich verlassen!" fuhr er nach einigen Augenblicken fort, indem er sich erhob. „Ist dies der Empfang, den ich mir schön gedacht
Der kleine Heinrich hatte sich, bei dem Anblicke des Fremden erschrocken zu seiner Pflegerin geflüchtet, und schmiegte sich ihr ängstlich in die Arme.
»Ihr Kind, Johanna?" fragte Brandau lebhaft und ungeduldig.
»Nein I" antwortete sie bewegt. „Aber, Brandau haben Sie den Brief nicht erhalten, worin ich" —
„Ihren Brief ?" fiel er überrascht ein. „Ich habe nie einen Brief von Ihnen erhalten. Eine wissenschaftliche Reise in die Schweiz führte mich durch dieses Dorf und ein Besuch der Kirche desselben ließ mich zufällig Ihren Aufenthalt hier erfahren. Ach, könnte ich den Preis, womit das Glück mich belohnt hat, mit Dir theilen, und Du" —
„Um Gottes Willen!" rief sie schmerzlich, aber sich schnell fastend, fuhr sie sanft bittend fort: „Lassen Sie mich! Sie wissen, daß ein unauflösliches Band mich von Ihnen trennt, und ich kann, ich darf nicht länger so mit Ihnen reden. Aber ich will Ihnen schreiben, ich will Ihnen Alles wiederholen; was ich Ihnen damals schrieb. Ja, gewiß, Sie sollen und müssen wisten, was mich zu dem unglücklichen Opfer bestimmt hat."
Johanna stand bei diesen Worten auf und ging, das Kind auf dem Arme haltend und von Brandau begleitet, sinnend den Pfad hinab, der aus dem einsamen Gebüsche zu einem mit Trauerweiden und Tannen beschatteten, grünen Platze führte, wo am Rande einer Quelle das Denkmal ihres Vater- sich erhob. Ueberrascht bei diesem Anblicke, fuhr sie aus ihren Gedanken auf und ward heftig ergriffen von der Erinnerung an jene väterliche Mahnung, die in ihr erwachte.
„Dem Vater und dem Freunde," las Brandau auf dem Granatwürfel, der eine weiße