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Maröurg, Sonnabend, den 5. April.

1873.

Oterhessische Zeitung.

Srscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Ko ck'sche^Buch Druckerei) bezogen 221 Sgr durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

°uf die Lberhessische Zei- öCfrvUlinflVll tung für Vas zweite Quar­tal 1873 werde« noch fortwährend von allen Post- ftalten, sowie von der Expedition in Marburg angenommen. _________________________________

~ Deutsches Reich.

Berlin, 3. April. Von einzelnen Zeitungen ist dir Nachricht gebracht, daß man im Culusministe rium ein Unterrichlsgejetz ausarbeiten und zur IDlib arbeit hervorragende Fachmänner aus allen Theilen des Landes herangezogen habe; es sind aber nur schriftliche Gutachten von bewährten Kennern deS Schulwesens eingefordert worden, um als Material bei der Beraihung des Gesetzes zu dienen. Aus den Veröffentlichungen der französischen Untersuchungs- Kommission in Bezug auf die Ereignisse deS 4 Sep­tember, ist interessant zu ersehe», wie die Heber zeugung und die Unmöglichkeit der deutschen Heeres sührung zu widerstehen, sich schon sehr früh Bahn gebrochen hatte und man innerlich schon die lieber« zengung der nahe bevorstehenden unbedingten Unter »erfung hatte, als man noch immer auf hohem Pferde ritt. Was daS Thema der übergroßen Härte der Be­dingungen betrifft, welches so vielfach zur Erregung des deutschen Hasses und der Revanche-Gelüite aus­gebeutet worden ist, so geht aus den Enthüllungen hervor, daß die damaligen Machthaber die Lage so verzweiflungsvoll fanden, eine jede Bedingung für annehmbar zu halten. Der diesmalige große Um­zug ist ohne Schwierigkeiten vollzogen worden und hört man nichts von Obdachlosigkeit, ein Beweis, daß die Noch ihren Höhepunkt überschritten hat und die große Bauthätigkeit ihrr günstige Wirkung zu zeigen beginnt.

Berlin, 3. April. In der gestrigen Sitzung des Reichstages ist der Laöker'sche Antrag auf Ausdeh nung der Reichskompetnez auf das gesammte bürger­liche Recht in zweiter Beralhung von einer überaus großen Mehrheit angenommen worden. Doch liegt eigentlich nicht in dieser Thatsache die Bedeutung der gestrigen Sitzung; sie ist vielmehr in der Erklärung zu juchen, welche der Präsident des Reichskanzler­amtes, Staatsminister Delbrück, Namens des Bun- beSrathes abgegeben hat. Der Antrag hat bekanntlich bereits dem Reichstage des norddeutschen Bundes vor- gelegen und ist auch in der zweiten und dritten Session

der ersten Legislaturperiode von einer großen Majo rität des deutschen Reichstages genehmigt worden. Den Bundesrath hat der Antrag wiederholt beschäf tigt. Daß sich ihm Schwierigkeiten entgegen stellten, Die ein sofortiges Eingehen auf die Wünsche des Reichstages unmöglich machten, ist wiederholt hervor­gehoben worden, daß aber der Bundesrath dem 91 ft trage schon seit längerer Zeit sein besonderes Jntereffe zugewandt, darf auch von denen nicht verkannt werde», denen eine möglichst schnelle Erreichung ihres Zieles am Herzen lag. Die Schwierigkeiten sind jo er-- klärte gestern Staatsminister Delbrück überwunden: die Annahme des Antrages ist in Aussicht gestellt, Stimmeneinheit ober doch die für Verfassungsände­rungen erforderliche Stimmenmehrheit dürfte diesmal dem Anträge Gesetzeskraft zusicher». Welche Bedeu­tung die auf Grund der Verfassungsänderung mög­liche Gemeinsamkeit der RechtsentwickUung für die gesammte deutsche Nation hat, wie sehr durch Be­gründung gemeinsamer Rechtsanschauung das Bewußt sein der Zusammengehörigkeit der einzelnen Stamme gehoben und getragen wird, ist wiederholt in den Debatten über diesen Gegenstand geltend gemacht worden. Auch ein großer Thell der Gegner deS Au träges hat dies stets mit Freuden anerkannt, hatte aber wesentliche Bedenke» in Betreff der Art, wie die gemeinsame Gesetzgebung auf diesem Gebiete zu er- erreichen sei, ob eine Codification deS gesammle» bür­gerlichen Rechtes- angebahnt oder ob nur für den Bedürfnißsall eine einzelne Materie, die mit unter den Begriff des CivilrechtS fällt, der gesetzlichen Re gelung überlassen werden solle. Staatsminister Del­brück hat in feiner Antwort auch diesen Punkt be­rührt und erklärt, daß die verbündeten Regierungen den ersten Weg einzuschlagen und zugleich mit der Verkündigung deS VerfassungsänderungsgesttzeS eine Commission zur Ausarbeitung eines bürgerlichen Ge setzbuches einzuberufen gedenken. Die große Mehrheit des Reichstages stimmte diesen Worten lebhaft zu, denn auch ihrerseits war die Codification das zu er strebende Ziel. So wird denn wiederum eine große Aufgabe die hervorragendsten Rechtsgelehrten unseres Volkes zu beschäftigeit habe»; sie werden sich den Dank des Vaterlandes verdienett, wenn sie in ihrer Arbeit derjenigen Einigkeit in Recht und Sitte Aus­druck geben, welche alle Stämme gemeinsam verbindet.

Gestern Abend fand in dem Saale des Abge­ordnetenhauses, in welchem gewöhnlich die Budget­commission arbeit,t, eine Versammlung des Comilss statt, welches sich hier unter dem Protektorat Sr. k. k. Hoheit des Kronprinzen zur Beförderung von Arbeitern und Industriellen zur Wiener Weltausstellung gebildet hat. Se. k. k. H. der Kronprinz erschien in der Ver­sammlung und wohnte fast zwei Stunden hindurch dem Gange der lebhaften und Interessanten Debatten bei, welche der Vorsitzende Les Conckss, Pros. Dr. Gneist leitete. Derselbe erstattete einen Bericht über die bis­herige Thätigkeit des Comitss, welches bereits 16,000 Thaler zusammengebracht, inbeffen noch bie bcppelte Summe erzielen muß, wenn ber Zweck erreicht werben soll. Man will bei der Wiener Ausstellung wenn tbunlich einer gleich großen Anzahl von Arbeitern und Industriellen die Vortheile des möglichst billigen Be­suches zuwenden, wie dies im Jahre 1867 bei der Pariser Ausstellung gelungen ist und man hofft, daß Der Gemeinsinn Der besitzenden Klaffen die allgemeinen Ermäßigungen nicht täuschen und den Verein in die Lage fitzen-werde, seine Ziele zu erreichen. Der Kron­prinz verweilte noch nach ber Sitzung in lebhaftem Gespräch mit vielen Anwesenden, es blieb nicht un­bemerkt, daß sich der hohe Herr eingehend mit dem Reichstags - Abgeordneten Schulze über die Arbeiter­verhältnisse unterhielt.

In den Motiven zu dem Entwürfe eines Ge­setzes, betreffend außerordentliche Ausgaben für die Jahre 1873 und 1874 zur Verbesserung der Lage der Unteroffiziere, findet sich, anknüpsend an die ge­meldeten Zahlen über hie Abnahme ber Unteroffiziere, folgender bemerkenswerther Hinweis: Bekunden jene Zahlen schon einen bedenklichen Mangel an Neigung zur Unterosfizier-Carriere, so wirb in noch empfinb- licherer Weise bie Verminderung des qualitativen Werthes empfunden. Gerade von den tüchtigen Unter« oifizieren geben viele de» Dienst auf, verlockt durch bessere Aussichten, bie sich ihnen anderweitig eröffnen; sie verlassen oft bes lohnenderen Erwerbes und ber angenehmeren Lebensverhältnisse wegen bie Truppe, obgleich ihr Herz an Derselben hängt. Dagegen müssen Leute von zweifelhaftem Werthe bei ber Fahne behalten werden, um überhaupt nur bie nothwenbigste Anzahl von Unteroffizieren für bett Dienstdetrieb zu besitze». Darunter leibet aber nicht nur unmittelbar

Sechszehn und Sechszig. Original-Novelle von Julius Märker.

(Fortsetzung.)

Johanna fuhr bei diesen Worten in sich zusammen unb erblaßte, welcher Effect von Werner nicht unbe- »chtet geblieben war.

Sie erschrecken, liebe Johanna?" fragte er so­gleich, bie Jungfrau freundlich anschenb, deren blasses Gesicht plötzlich wieder eine hohe Röche überströmte. »Wohlan, meine Theure," setzte er hinzu, sie um« ttmenb,lassen Sie diesen Tag auch den Geburtstag »eines Glückes sein."

Johanna sank in die Arme des edlen Mannes, M sah ihren Vater mit einem fragenden Blicke an.

Die fleischliche Liebe ist ein Kerzenlicht," sprach Bernhardt, die Hand feiner Tochter erfassend,das öslb zusammenbremit, und es wirb bann finster im Hause, wenn nicht eine anbere Liebe babei ist, bie wie die Sonne ewig leuchtet. Wenn diese Liebe aber Dich Meelt, mein Kind," fügte er gerührt hinzu,bann Peinige ich mit ben Gebeten, bie ich heute für Dich Ntn Himmel fende, auch bie innige Bitte um Segen to biefen Bund."

Werner öffnete hieraus bie versiegelte Schachtel,

*otin sich ein geschmackvoller Brautanzug befand.

Ich hoffe, sprach er lächelnd,daß meine Jo­hanna ihn nicht prächtiger wünschen wird, denn er ist war einfach und schlicht, wie wir leben wollen, aber ichi» uub gefällig."

Johanna reichte freundlich dankend dem Alten die Hand, aber Thräne» perlten in ihren Augen, als sie «en kostbaren Anzug in ihr Kämmerlein trug

In einer Stunde wird sich Jemand bei Ihnen »eiben," fuhr Werner fort, nachdem Johanna wieder

eingetreten war,um zum ersten Male ben Dienst bei Ihnen zu versehen, und um elf Uhr finde ich Sie im Brautschmucke."

Mit diesen Worten küßte er Johanna auf die Stirn und fchied mit einem Händedruck von dem Vater.

Bald darauf erschien ein freundliches Mädchen, das sich alS Johanna's künftige Kammerjungfer an« kündigte und die Befehle derselben erwartete.

AIS zu ber bestimmten Zeit ber glänzenbe Wagen vor bem ärmlichen VorslabthäuSche» hielt, setzte Jo­hanna eben den grünen Kranz, mit RoseiiknoSpen durchflochten, in daS einfach geringelte, braune Locken­haar.

Das Brautpaar und ber glückliche Vater brachlen den Nachmittag unter bem gastfreien Dache bes Pfarrers in Arnstein zu, iinb ber 21 benb war schon angebrochen, als ber Wagen wieder vor Bernhardt's Wohnung hielt.

Nehmt nun Abschied von der Wohnting, wo ihr so viel gedulbet habt," sprach Werner, als sie dieselbe betreten hatten, und T n nimmst mit, lieber Bernhardt, was Dir etwa lieb ist. In meinem Hause ist schon Alles zu Eurer Aufnahme bereit."

Gerührt schieden Johanna und Deren Vater von dem Hause, wo sie )eit dem Verfalle ihres Wohl­standes, mit Ausnahme der wenigen Monate, wäh renD welcher sie im Schwarzthale bei Gloggnitz sich aufhielten, gewohnt halten. Thränen rannen über Jo- hanna's Wangen herab, als sie ihr kleines reinliches Hauswesen verließ, seufzend warf sie den letzten Blick in das kleine Gemach, das so viele traurige Bilder und Erinnerungen, aber auch ein paar freundliche aus dem kurzen Traume der ersten Liebe vor ihre Seele

rief. Stillschweigend, aber mit Much und Zuversicht umfaßte sie sodann ben Arm beS BiebermanneS, ber sie nun in rin neues Leben führen sollte.

Werner war bebacht gewesen, feine junge Frau burch bie heitersten Umgebungen zu erfreuen. Nir- genbs zwar zeigte sich Pracht uitb Glanz, so sehr fein Reichchum ihn auch dazu in Stand fetzte; aber über­all blickte die freundliche Reinlichkeit und Nettigkeit, woran er sich während feines Aufenthalts in Holland' gewöhnt hatte, überhaupt war Alles so eingerichtet, das neue Hauswesen ihr lieb zu machen.

Die herzliche Zuneigung, die zarte Aufmerksam- keit, Die er bei jeder Gelegenheit ihr erwieS, rührte Johanna tief, aber mehr noch als durch Alles, was er für sie that, wurde sie durch feine liebevolle Sorg­falt für ihren Vater zu inniger Dankbarkeit gestimmt, »nv diese Empfindungen knüpften allmählich rin schöneres Band, daS bei ihr allerdings mehr einem kindlichen, als einem bräutlichen Gefühle ähnlich war.

Der Kampf um bas Dasein in herdßer Bedeu­tung ist lähmenb, »erbitternb und aufreibend, dieser Satz der Ersahruiig bewahrheitete sich bei Johanna'S Vater.

Denn wiewohl er sich anfangs unter ber Pflege so theurer Hände zu erholen schien, so glich er doch einem morschen Baume, bem baS Schicksal alle Blü- then genommen hat; Denn bie lange Noch halte seine Kraft aufgezehrt, unb schon vor Ende des Jahres weinte Johanna an feinem Sterbebette.

Der Anblick ihres Glückes hatte ihm WeiiigstenS ein heiteres Abendroth bes Lebens gegeben, wie einst ber Morgen desselben schön gewesen war; aber als seine brechende Stimme bie Tochter ermahnte, ihrem Manne immer Vertrauen unb Zuneigung zu beweisen,