Hr 80.
Markurg- Freitag, den 4. April.
1873.
Oterhessische Zeitung.
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sechszigsten feiern. Hast Du das wohl bedacht, Johanna ?"
„Sechözig Jahre, sagst Du? Ohne Zweifel, die Ungleichheit unseres Lebensalters ist bedeutend; ich kann aber dennoch daran nicht denken, wenn ich ihn sehe und höre. Er ist so frisch und heiter, wie mancher Mann nicht mehr bei vierzig Jahren."
ES trat jetzt eine kleine Pause ein, der Vater so wie Johanna waren in Gedanken versunken.
„In letzterem Punkte magst Du wohl Recht haben," hob der alte Bernhardt wiederum an, allein das Al:er bringt seine Launen und Grillen unwillkürlich mit sich, und dieses mürrische Gefolge auf der letzten Lebensstation macht sich oft höchst lästig. — Wir waren Gespielen in unsrer Jugend. Schon als Knabe liebte ich sein redliches Herz; denn mit Muth und Kraft nahm er mich in Schutz, wenn muth willige Buben mich neckten. Unsere Lebenswege trennten sich bald, das Glück hat ihn aber stets als Liebling geführt, dagegen hat die Roth mein Haupt vor der Zett gebeugt. Gewiß, er ist ein guter, edler Mensch, und wenn die Achtung und Freundschaft eines Biedermannes Dich glücklich macken können, so wird Deinem Glücke Nichts fehlen. — Wie aber," fuhr er fort, „wenn Du einst den Mann wieder sähest, der Deine erste Liebe besaß?"
Johanna schwieg, indem sie zugleich erblaßte; denn sie gedachte mit der innigsten Wehmulh eines jungen Mannes, dem sie mii herzlicher Liebe zugethan war, und welcher, obgleich er wußte, daß sie irdische Glücksgüter nicht besaß, sie wieder liebte.
Rudolph von Brandau war ein geborncr Ost< preuße; seine Eltern, welche durch Unglücksfälle und große Vermögcnsverluste verarmt waren, hatte er frühzeitig verloren. Mit Hülfe edler Menschenfreunde, denen die vortrefflichen geistigen Anlagen des Knaben von einem seiner Lehrer zur Unterstützung empfohlen
wo» den waren, hatte er sich der Malerkunst widmen können, und nach glücklicher Beendigung seiner Studien auf der Malcrakademie zu Dresden, zunächst nach München, und sodann nach einem zweijährigen Aufenthalte daselbst nach Wien sich begeben.
Rudolph's Wohnstübchen war der Wohnung des alten Bernhardt gegenüber gelegen, und ost halte er gesehen, wie Johanna bis spät in die Mitternacht emsig arbeitete, und ihr manches Mal einen freundlichen Gruß zugewinkt, der auch von dem Mädchen nicht unerwidert gelassen worden war.
Hatten aber erst Blicke geredet, welche die Empfindungen Beider verriethen, so suchte Rudolph nach und nach Gelegenheit, sich der lieblichen Johanna zu nähern, und die hilflose Armuth .begegnet sich oft in einem Gedanken, in einem Gefühle. Die Lage Beider, sowie die gegenseitige Beobachtung ihres unermüdlichen Fleißes hatte Vertrauen und Freundschaft erweckt, aber auf der kummervollen Flur, welche von der Freundschaft zur Liebe führt, halten Beide schon einige Schritte nach vorwärts gelhan, als eine Unterredung zwischen Johanna und ihrem Vater geflogen wurde.
„Du hast ihm geschrieben, welchen Schritt Du thun willst?" fragte der Vater nach einer längeren Pause.
„Ich habe ihm Alles gestanden," antwortete Johanna, indem sie unbefangen und heiter zu scheinen sich bemühte, „daß ich ihm entsagen und ihn vergeffcn muß. Rudolph wird meinen Entschluß nicht verkennen und ist zu edel, als daß er je daran denken könnte, meine Ruhe zu stören."
»Ja, er ist^ein wackerer Mann, Keinen hätte ich lieber meinen Lohn genannt, wenn ich dem armen Jünglinge, der Nichts hat, als eine edle Gesinnung und ein künstlerisches Talent, das Glück meiner Tochter hätte anvertrauen können, die ja auch weiter
Deutsches Reich.
•• Berlin, 2 April. ES ist schon auf den großen Werth hingcwiesen worden, welcher von höchster Stelle auf die am Gcburtsfcste Sr. Majestät an den Thron gelangten Kundgebungen gelegt wird; sie sprechen die vollste Zustimmung mit der Politik der Regierung in den Kirchenfragen aus und die Ueberzeugung, daß dieselben auf die Unterstützung des überwiegendsten TheileS der Bevölkerung rechnen können. — Die „Prov.-Corresp." beschäftigt sich in ihrem Leitartikel mit der Haltung der Opposilion im Herrenhause, und zeigt durch ihren entschiedenen Ton, daß das Verhalten der Commission über die kirchcnpolitischen Gesetze in Rcgierungskreisen große Mißstimmung erregt hat. Es geht daraus unzweifelhaft hervor, daß von dieser Seite noch immer die größten Anstrengungen gemacht werden, das Zustandekommen der gedachten Gesetze zu vereiteln oder doch zu verschleppen. Die „Prov.-Corresp." weist daraus hin, wie die Conser- vativen durch ein solches Zusammengehen mit der ultramontanen Partei sich in Widerspruch mit ihren eigenen Traditionen und ihrem protestantischen Berufe setzen, daß ein solcher Widerspruch zum Schaden ihrer eigenen Partei und des gaiizen Landes ihre Beziehung zur Regierung und zur Nation in bedenklicher Weise lockere, und daß endlich die öffentliche Meinung prüfen werde, welche Elemente in der Landesvertretung als wahrhaft erhaltende Kräfte anzusehen und welche als Hemmnisse der nationalen Entwickelung zu betrachten seien. — Das „Deutsche Wochenblatt" brachte die Mittheilung über eine Aufforderung deS Bischofs von Limburg an die deutschen Bischöfe, den Katholiken den Eid auf die Verfassung zu verbieten. Man muß dabei mit Recht darauf Hinweisen, daß die Katholiken sich dadurch selbst am meisten schädigen würden. Die „Germania" stellt nun jene Nachricht in Abrede, indem sie behauptet, es sei von dem Bischof von Limburg keine Aufforderung auSgegangen, sondern derselbe habe nur einen Meinungsaustausch veranlassen wollen. Schwerlich würde das Eine wie das Andere ein Resultat Haden. Katholische Blätter weisen darauf hin, daß der Verfassungseid ja kein Hinderniß und er nur zu «Bj=^=====j='—__________■= -
Sechszrhn und Scchszig.
Original-Novelle von Julius Märker.
(Fortsetzung.)
„Ich habe Alles erwogen, lieber Vater," erwi bette Johanna, „mit ruhiger Ueberlegung habe ich «ein Wort gegeben, und will es halten. Die schöne Aussicht, Dich ganz sorgenfrei zu machen, kann mich allein glücklich machen; das ist ja mein Beruf, meine Pflicht."
„Nicht doch, mein Kind, ich verlange keine Aufopferung für mich. Habe ich doch schon so lange mit der Armuth kämpfen müssen, daß sie mir wie eine trübe Hausfreundin geworden ist, an die man sich auch gewöhnt, und als unverschuldetes Unglück habe ich sie auch leichter tragen können, als wenn ich sie mir vorwerfen müßte. Dein Fleiß, Johanna, schützte mich vor Mangel, und Du würdest mir auch ein weiches Kissen geben für meinen letzten Schlummer. Aber cS würde mir den Abschied von der Welt einst sehr schwer machen, wenn ich Dich hilflos und ab- hingig zurücklassen müßte. Dein Entschluß ist so 8Nt und verständig, und Golt wird es Dir dafür wohlgehen lassen. Aber, wie gesagt, bedenke es wohl, mein Kind, ehe Du unauflöslich gebunden bist, ferner ist ein edler Mann, er wird Dich durchaus »icht binden wollen, wenn Du Dich nickt stark genug glaubst, Deinen Cntsckluß zu halten. Er weiß es ja, welche Erinnerungen Du aufopfcrn mußt." —
„Ich habe ihm Nichts verschwiegen, mein Vater, aber er ist auch überzeugt, daß ich ihm frei und ohne Zwang mein Wort gebe, und er hofft durch Freundschaft mir das Glück ersetzen zu können, das die Liebe mir verhieß."
„Wahrlich, Du wagst viel, meine Tockter, sehr warf Bernhardt bedenklich ein, „ich möchte i'ttetn, wenn ich daran denke. Morgen ist Dein fickSzehnter Geburtstag, und Werner wird bald feinen
zu leisten sei, wo er nicht mit den katholischen Interessen im Widerspruche stehe. — Die „Kreuzztg." bringt statistische Mittheilungen über die Stellung der Herrenhaus-Gruppen bei den Abstimmungen über die Kreisordnung und die VerfaffungSänderungen. Man sieht daraus, daß die Opposition fast nur von den Vertretern des alten und befestigten Grundbesitzes ausgcht, während die erblichen Mitglieder, die aus Allerhöchstem Vertrauen Berufenen und die Vertreter der Städte auf Seiten der Regierung stehen. Die „Kreuzztg." liefert durch diese Mittheilungen den Beweis, wie wenig das Herrenhaus in seiner jetzigen Zusammensetzung, wo die sogenannten „arbeitenden" Mitgliedern den größten Einfluß üben, zu einer frucht baren Arbeit für das Slaatsinteresfe befähigt sind. Diesem Mangel ist theilweise durch den jüngsten Pairsschub abgeholfen worden; ein solches Vorherrschen eines einzelnen Standes ruft aber die Aufmerksamkeit auf das Programm des Fürsten Bismarck wieder wach, welches von diesem für eine Reorganisation des Herrenhauses ausgestellt ist. Selbst König Friedrich Wilhelm IV. beabsichtigte, wie es aus seinem jetzt veröffentlichten Briefwechsel mit Beseler her vorgeht, keineswegs der Rechten die ausschließliche Herrschaft im Haufe zuzuwendcn.
— Der Kronprinz hat heute persönlich in der Fischerei - Ausstellung die den Ausstellern des Auslandes zuerkannten Decorationen vertheilt. Es wurden dccorirt mit dem rochen Adlerorden 4. Classe Viceeonsul Pollen aus SAeveningen, Fischerei-Jnten dank Uhlen aus Gothenburg, Oeconomierach Amtsberg aus Stralsund und Fischerei - Director Haak aus Hüningen. Das allgemeine Ehrenzeichen erhielten die Fischerei-Gehülfen Dirk und Spann aus Schevenin- gen, Ehrnst aus Gothenburg und Meußling aus Hiddensee. — Der „Spen. Ztg." zufolge hat das hiesige Stadtgericht die Klage des Bischofs von Erm- land gegen den Fiscus auf Zahlung der gesperrten Tempvralien zurückgewiesen.
Posen, 2. April. Einer Meldung der „Normal- Ztg." zufolge wird der Erzbischof denjenigen weltlichen Lehrern, welche anstatt der Geistlichen nach der Aufforderung der Regierung den Religions-Unterricht
übernehmen werden, dieses unter Androhung der Ex- communication untersagen, weil er die missio cano- nica dazu nicht ertheilt habe.
Braunsberg, 2. April. Kommenden Sonntag findet hier der erste altkatholische Gottesdienst für die hiesigen Altkatholiken durch den Pfarrer Grunert aus Königsberg statt.
Wiesbaden, 2. April. Dem „Rh. K." wird aus Limburg geschrieben: Das bischöfliche Circular au den preußischen Episcopat betrifft nicht das Verbot des Eides auf die Verfassung, sondern eine Eingabe an den Kaiser und das Herrenhaus um Verwerfung der vom Abgeordnetenhause beschlossenen VerfassungS- zusätzc, damit die Verfassung von den Katholiken ohne Gewissensbedenken auch ferner beschworen werden könne.
Frankfurt, 1. April. Die von den hiesigen Demokraten und ihren aus Mainz, Stuttgart rc. herzugekommenen Gesinnungsgenossen veranstaltete Erin- nerungSfeier an die Märztage des Jahres 1848 ist im Ganzen harmlos verlaufen. Selbst Herr C. Mayer aus Stuttgart, welcher offen genug war, die gegenwärtige Schwäche seiner Partei einzugestchen, blieb in den Schranken der Mäßigung. Herr Dr. Volger behandelte wieder das nicht neue Thema: „Die Anderen" — sei es aus Jrrlhum, sei es um das Volk zu höhne» — behaupteten, wir besäßen jetzt, was 1848 gegeben, um so herrlicher. „Die Demokraten aber wollen nicht den Schein, sondern das Wesen." Die „D. Pr." bemerkt dazu: Wir könne» es u»S ersparen, dagegen z» polemisiren. Eine Partei, welche gegen jeden thalsächlichen Fortschritt, gegen jede praktische Verwirklichung der Zwecke der liberalen Partei sich ablehnend, ja feindselig verhält, Alles mit Hohn begrüßt, was geschieht, einfach weil sie cs nicht thut und weil ihr starrer Egoismus und ihr blinder Haß gegen Preußen und das Reich lieber eine Niederlage beider sieht als einen Sieg derselben, selbst wenn derselbe zu Gunsten der liberalen Ideen erfochten wird — eine solche Partei hat einfach kein Recht zu sagen, sie wolle das Wesen und nicht den Schein. Im Ge- gentheil, die ganze politische Entwickelung der letzten zehn Jahre beweist unwiderleglich, daß es ihr nie um