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JUarßurg, Donnerstag, den 3. April.

Ufr. 7S.

1873

Oberhkssische ^tUiini).

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; Igr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

•• Berlin, 1. April. Man ist berechtigt, auf die Beantwortung der BcglückwünschungS-Adresse des Magistrats durch Se. Majestät ein großes Gewicht zu legen. Se. Majestät berücksichtigt in derselben be­sonders die Stelle, in welcher die Stellung deS Staates zur Kirche betont wird, und spricht die feste Zuversicht aus, daß die Regelung der beiderseitigen Verhältnisse dem Staate zum Segen gereichen und dauernder Friede hervorgehen werde. Die Worte Sr. Majestät sind wohl geeignet, jeden Zweifel, wenn er irgendwo noch obgewaltet haben sollte, an dem ernsten Willen, auf dem beschrittenen Wege weiter zu gehen, ein Ende zu machen. — Die Aufhebung der kalho lischen Fcldpropstei hat zu einem Kampfe zwischen der „Germania" und der „Prov.-Cvrresp." geführt. Erstere hat schon vor längerer Zeit angekündigt, daß sie den Ausführungen der letzteren mit ausführlichem Material entgegentreten werde, und jetzt damit be­gonnen, nachdem sie sich ein Jahr dazu Zeit gelassen hatte. Sie verfährt aber in ihrer gewohnten Manier, indem sie bei Benutzung der Actcnstücke die öffent- liche Meinung zu täuschen sucht, ja sogar einer Fäl­schung sich schuldig macht, wenn sie behauptet, daß nach den Acten die Abschließung eines förmlichen Vertrages beabsichtigt worden war und man erst nachträglich darauf verzichtet habe. Der Vatikan sei überrumpelt, gewissermaßen in einen Hinterhalt ge­lockt worden. Diese Insinuation ist aber entschieden zurückzuweisen, denn die Verhandlungen sind von der Regierung in durchaus legaler Weise geführt worden. Die Regierung hatte den lebhasten Wunsch, die Stellung der katholischen Militärseelsorge durch eine Verständigung mit dem römischen Stuhle zu regeln. Nachdem sich aber herausgestellt, daß eine solche Ver­ständigung unmöglich und die Voraussetzungen hin­fällig geworden, auf welchen jene Verhandlungen vom Jahre 1869 beruhen, war es Pflicht des Staates, davon zurückzutreten. Wenn die „Germania" behauptet, daß das Erkenntniß des DisciplinarhofeS über den Propst NamszanowSki den Auffassungen der Regie­rung widerspreche, so muß dagegen wieder angeführt werden, daß daS Erkenntniß keine Entscheidung-in

letzter Instanz enthält; der Disciplinarhof kann nur in disciplinanscher Hinsicht entscheiden, während die hochpolitische Seite jener Angelegenheit an anderer höherer Stelle geregelt werden muß. — In Bezug auf die bereits gestern gebrachte Nachricht von einer zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Cardinal Staatssecretär Antonelli über die Aushebung der katholischen Feldpropstei statlgehabten Correspondenz, kann nach näheren Ermittelungen bestätigt werden, daß dieselbe erst geführt worden, nachdem die Ent­scheidung bereits getroffen war. Fürst Bismarck hat es für angemessen erachtet, dem Cardinal von dem gefaßten Entschlüsse durch eine kurzgefaßte Mod fi- catzon Kenntniß zu geben, und ist darauf eine längere Antwort erfolgt, welche selbstverständlich auf die Ent­wickelung der kirchenpolitischen Fragen ohne Einfluß sein wird. — Durch Gesetz vom 13. März ist das Jadegebiet der Provinz Hannover einverleibt worden. Es muß nunmehr dieses Gebiet einem Amte, einem Kreise und einer Landdrostei zugewiesen werden. Man erwartet in nächster Zeit die erforderlichen Verfü­gungen, durch welche das Jadegebiet voraussichtlich mit dem zunächst gelegenen Amte Witmund, Kreis und Landdrostei Aurich vereinigt werden wird.

A Berlin, 1. April. Die Ausstellungen häufen sich trotz der großen Wiener Weltausstellung immer mehr. Es ist neuerdings wieder eine landwirthschaft- liche Ausstellung der landwirthschaftlichen Gesellschaft Oftbelgiens zu Lüttich zu verzeichnen, welche in den Tagen vom 5—8. Juli d. I. abgehalten werden soll. Es werden auch zu derselben die Fabrikanten land- wirthschastlicher Maschinen und Gerälhe des Aus­landes eingeladen, sie erhält dadurch einen interatio nalen Charakter. Die landwirthschaftlichen Maschinen und Gerälhe werden einer praktischen Prüfung unter­worfen. Für Dampfmaschicnen sind Preise bis zu 150 Frcs. nebst Medaillen, für andere Maschinen und Geräthe kleinere Geldpreise und Medaillen zu erwerben. — Zu Santiago in Chile soll nach einer Mitcheilung des dortigen Minister-Residenten des deutschen Reiches eine Ausstellung von Erzeugnissen der Natur, der Industrie, der Handwerke und Künste, sowohl einheimiicher als auch der Aussteller der

übrigen Länder veranstaltet und am 5. April 1875 eröffnet werden. Sie soll unter der Leitung der National-Gesellschaft für Ackerbau stehen und ist dieserhalb der Präsident dieser Gesellschaft zum General- Direktor der Ausstellung ernannt worden. — Die Arbeiter der deutschen und preußischen AuSstellungs- Commission sind jetzt mehr in Wien am Orte der Ausstellung als hier nöthig. Deshalb ist gestern wiederum ein Theil deS Bureaus dieser Commission nach Wien übergesiedelt. Heute folgt der oberste Leiter der deutschen und preußischen Ausstellung, der Ministerial-Direktor Moser, sowie der Assessor Lohaus, welcher bisher die hiesigen Funktionen des früher nach Wien gegangenen' RegierungSraths Nieberding über­nommen hatte.

— Der vom Reichstag gegenwärtig berathene Gesetzentwurf über die Kriegsleistungen verfolgt den doppelten Zweck, die gedachte wichtige Materie für das ganze Reichsgebiet einheitlich zu regeln und zu­gleich diejenigen Abänderungen und Ergänzungen deS Gesetzes vom 11. Mai 1851 herbeizusühren, welche sich nach den Erfahrungen der letzten Kriege als noth- wendig herauSgestellt haben. Principiell ist bei Aus­arbeitung des Gesetzentwurfs daran festgehalten worden, daß, 1) im Falle einer Mobilmachung für die Be­dürfnisse der bewaffneten Macht durch Naturalleistungen Sorge zu tragen ist, soweit diesen Bedürfnissen nicht auf andere Weise genügt werden kann; 2) daß die Leistungspflicht nicht den Individuen, sondern den kommunalen Verbänden, als solchen aufzucrlegen, diesen jedoch die Befugniß zuzugestehen ist, sich nöthigenfallS zwangsweise in den Besitz' der einzelnen Gegenstände der Leistungen zu setzen; 3) daß gewisse Kategorien von Leistungen von der Vergütung aus Reichsmitteln auszuschließen sind, dagegen in Bezug auf die übrigen eine Entschädigung nach den Durchschnittssätzen uud in verzinslichen, nach Maßgabe der verfügbaren Mittel einzulösenden Anerkenntnissen einzutreten hat. In der Debatte, wurde von den verschiedensten Seiten daS Princip des Gesetzes als ein durchaus richtiges aner­kannt, gegen die einzelnen Bestimmungen aber eine Reihe von Ausstellungen gemacht. Namentlich hob man hervor, daß die den Gemeinden gewährten Er-

SrchSzehn und Sechszig.

Original-Novelle von Julius Märker.

An dem waldigen Gcbirgsstocke des wildmalerischen Schwarzthales bei Gloggnitz, hoch über den Thal gründen hatte sich eine Kolonie weither gewanderter Arbeiter angesiedelt. Da hallten nationale Volks- tveisen von jenen Felswänden wider, die sonst nur den Ruf des KukukS, den Heisern Schrei deS Raub­vogels, daS Jodeln eines Hirten oder den Pfiff eines verwegenen JägerS hörten. Da , wo früher weder ein Pfad noch eine Hülle zu sehen war, standen Baracken aller Art, zu Ortschaften angewachsen. Große Lichtungen waren in den Wald gehauen, die Bäume zersägt, aus ihnen Blockhäuser, Buden und Wohnungen aller Art errichtet worden, in denen die Arbeiterkolonie sich häuslich niedergelassen hatte. Hier und da lagen am Abend, von ihrem mühsamen Tage. Werte auSruhend, Arbeiter auf grünem Rasen dahin gestreckt, Andere lagerten in Gruppen zusammen, ernste oder spaßige Volkslieder singend, die das Echo in die fernen Gebirgsihäler hineinführte. Hier schallte frohe« Gelächter unter den jungen Leuten, dort saßen Aeltere um ein Kohlenfeuer und unterhielten sich von ihren fernen Familien.

Da pickte und hämmerte eS Tag und Nacht, Tprengschüffe knallten, und zerkleinertes Gestein rollte unaufhörlich mit tosendem Gepolter in die furchtbare tiefe hinab.

In einem dieser Blockhäuser saß ein Mann, dcffen Lebenssonne bereits im Zenith zu stehen schien, still schweigend in trüben Gedanken versunken, so daß er Das, was um und neben ihm vorging, ganz unbe achtet ließ, und die freundliche Einladung feiner Tochter, eines Mädchens von fünfzehn Jahren, an dem Tische, worauf sie ein bescheidenes Abendbrot servirt hatte, Platz zu nehmen, schon zum zweiten Male überhört hatte.

Derselbe gehörte ursprünglich nicht dem gewöhn­lichen Arbeiterftande an, denn an seiner Wiege hatten einst die glänzenden Lebensverhältmsse seiner Eltern eine glückliche Zukunst ihm verheißen, und Louis Bernhardt, so hieß der Arbeiter, war in einem der größten Handelshäuser Wien's zu einem tüchtigen Kaufmann herangebildet worden.

Nachdem Bernhardt mehrere Jahre in einer an­gesehenen Handlung Bremen'« conditionirt hatte, kehrte er nach dem Wunsche des VaterS in daS elter­liche Haus zurück, leitete eine Zeit lang dessen um­tangreiche Handelsgeschäfte und übernahm sodann deren alleinige Führung auf eigene Rechnung.

Durch kaufmännische Gewandtheit und rastlose Thätigkeit vermehrte er in Kurze« sein Vermögen so bedeutend, daß er als einer der reichsten Kaufleute der Stadt galt, wozu noch kam, daß er durch seine eheliche Verbindung mit einem zwar elternlosen, aber reichen Mädchen, welches ihm Eirchundert süiffzigtau- send Gulden baares Vermögen zudrachte, den Fond der Handlung erhöhte und in den Stand gesetzt wurde, ein Schiff auSzurüsten, welche- ihm aus fernen Ländern Waaren znsührte. 1

Zehn Jahre waren nach seiner Verheirathung vergangen, während welchen Zeitraums ihm seine Gattin ein Mädchen geboren hatte, und seine Che war die glücklichste von der Welt.

Aber launenhaft ist die schmeichelnde Glücksgöttin, denn mit einem Male wendet sie uns den Rücken, wenn wir uns behaglich in chren weichen Armen ge­wiegt fühlen. —

Bernhardt hatte durch eine mißlungene Speku­lation bereite die Hälfte seines Vermögens verloren, als eines Tages die Nachricht eintraf, daß sein Schiff, welches mit einer großen Ladung von Waaren auf der Rückkehr begriffen war, mit Mann und Maus untergegangen sei. Der ihm dadurch zugesügte Ver­

lust war aber so bedeutend, daß er sich genöthigt sah, seine Zahlungen einzustellen, und ihm nach Beendigung des eröffnet wordenen ConcurSprozesses, da auch das Vermögen seiner Gattin verloren gegangen war, kaum so viel übrig blieb, um sich und seine Familie kärglich ernähren zu können. Bernhardt war zum armen Manne geworden: sein Weib siechte und ver­zehrte sich an tiefem Gram, sie starb nach einigen Jahren.

Die tiefe Trauer um sie und der damit verbun­dene große Schmerz, so wie dtr unglückliche Gang seines Schicksals halten ihn nach und nach dermaßen in Schwermulh verfallen lassen, daß er die schrift­lichen Arbeiten, womit ihn aus Mitleid ein Spediteur beschäftigte, nicht mehr auszuführen vermochte.

Der Bau der Ferdinands-Eisenbahn hatte zu jener Zeit begonnen- und Bernhardt beschloß, sich mit Kiner einzigen Tochter in jene, von dem Scbauplatze seiner früheren Thätigkeit weit entfernt gelegene Ge­gend zu begeben, und in dieser Verborgenheit gewöhn­liche Handarbeiten zu verrichten.

Aus den Tagen des Wohlstandes und des Glückes hatte er eine große Partie schöner MeubleS gerettet, von welchen ein ansehnlicher Theil, weil daS enge Dachstübchen, welche« er bewohnte, dieselben nicht zu fassen vermochte, in einer dunklen Hauskammer auf- dewahrt war; aus deffen Verkauf wurde die Reise- baarschast hergesteüt.

Schon warnt drei Monate verflossen, seitdem er im Schwarzthale bei Gloggnitz angelangt war und er dieser neuen Leben-weise sich gewidmet hatte, als er eben an jenem Abende von seiner lieblichen Tochter Johanna gebeten wurde, ein kärgliches Mahl mit ihr einzunehmen.

„Ich fühle eS, daß meine Körperkräfte solchen Arbeiten nicht gewachsen sind, Johanna," sprach er endlich, sich dem Tische nähernd. „Nun habe ich zwar