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Mr. 76

Marburg, Sonntag, den 30. März.

1873

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22£ Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und iml. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. -- Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

BestellimgeK auf das Wette Auartal 1873 der Oberhefsischen Zeitung ersuchen wir baldigst bei der nächsten Post­anstalt machen zu wollen. Ohne vorherige Bestellung wird von der Post die Fortsetzung nicht geliefert.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen entgegen.

Neu zugehende Abonnenten in hiesiger Stadt erhalten das Blatt vom Tage der Bestellung bis zum 1. April gratis.

Politische Wochen-Urberficht.

Nachdem das Abgeordnetenhaus am Schlüsse voriger Woche sich auf einige Zeit vertagt hat, hat der Reichstag en der ablaufenden Woche die wicht ig- ften seiner zu erwartenden Vorlagen in Angriff ge­nommen. Wenn auch der ersten Commissions-Be- ralhung über das aus der Mitte deö Reichstags beantragte Prcßgesetz ein Regierungsvertreter nicht beiwohnte, so ist für die Folge doch zu erwarten, daß der Bundesrath eine geneigte Stellung zu dem Entwurf annehmen wird. Der Gesetzentwurf über Gründung! eines Reichö-Jnvalidenfonds und über Erweiterung der Befestigungen wurden an eine Commission über­wiesen und mit der ersten Berathung des Münzgesetzes schließt die dieswöchentliche Thäiigkeit des Hauses. — In Heffen-Darmstadt ist am 25. März die evangeli­sche Landessynode zusammengetreten.

Im Oesterreichischen Herrenhaus fand die Wahlreform-Annahme und für Ungarn wurde die Er- richrung einer Escomptebank genehmigt.

Die Berner Cantonsregierung geht energisch gegen die renitente katholische Geistlichkeit vor. Im Canton Genf ist das neue katholische Cultusgesetz in der Volksabstimmung angenommen worden.

In Frankreich hat sich nach Abschluß des

Räumungsvertrages vom 15. März ein heftiger Feder krieg um die- Zeit der Auflösung der National - Ver­sammlung, ob im October dieses Jahres oder erst im Laufe 1874, entspannen, der auch auf die Zeit der Osterferien übergreift. Ob, wie die Linke vorschlägt, das Haus am 29. März oder, wie die Rechte will, erst am 5. April die Ferien antrcte» soll, ist noch unbestimmt. Thiers wünscht dem Lande möglichst bald ein Aufathmen und im Herbste die Sammlung vor dem großen Wahlacte, der endgültig über die Frage zwischen Republik und Monarchie entscheiden wird. Der Räumungsverlrag hat die Stellung der Republik und ihres Präsidenten sichtbar befestigt und Thiers tritt ungleich zuversichtlicher als bisher auf.

Nach den widerspruchsvollen Erklärungen des italienischen Finanz- und Kriegsministers ge­legentlich der Budgctberathung und über die Ver­mehrung der Ausgaben für die Armeebcdürfniffe, wußte die Kammer nichts Besseres zu thun, als die Entscheidung der brennenden Frage mit einem allge­mein gehaltenen Vertrauensvotum zu umgehen und dem Ministerium mit 153 Stimmen gegen 97 die wichtige Angelegenheit auf Gnade und Ungnade in die Hand zu geben. Das Vertrauen der Kammer auf die Regierung aber hat durch diese ganze Verhand­lung einen starken Stoß erlitten.

Es würde den Männern, die jetzt an der Spitze Spaniens stehen, durchaus nicht zur Unehre ge­reichen, wenn sie offen eingeständen, daß die Praxis des Regierens sie von der Unmöglichkeit überzeugt habe, ihre in den Zciten der Opposition verfochtenen Theorieen streng auszuführen. Ob sie wirklich diese Einsicht erlangt haben — was noch größeren Werth hätte — ob sie gewillt sind, nach solcher Einsicht auch zu verfahren, das bedarf allerdings trotz der Tele­gramme, die es behaupten, noch sehr der Bestätigung Das freilich müssen sie erkannt haben, daß es die Armee aus einem Schutze in eine Gefahr des Landes verwandeln heißt, wenn man aus Vorliebe zu dem abstracten Begriffe der Frecheit die Soldaten nach Willkür schallen läßt; und sie werden jedenfalls ge lernt haben, daß die erste Bedingung eines leistungs fähigen Heeres der militärische Gehorsam ist. Das

Ministerium hat jetzt Zeit zur Ueberlegung, denn die National-Versammlung hat, nach Annahme des Eman- cipationsgesetzes für Portorico und der Vorlage zur Aufstellung von 80 Bataillonen Freischaaren, ihre Sitzungen unterbrochen und als ihren Vertreter einen aus allen Parteien gewählten ständigen Ausschuß von 29 Mitgliedern zurückgelassen, der keine gesetzgeberischen Befugnisse hat.

Durch die Krisis hat das vom Scheintode auf- erstandcne englische Ministerium allerdings Zeit eingebüßt, dafür aber andererseits durch das Begräb- niß der irischen Universitätsvorlage, die nun keine Comiteberathung erheischt, Zeit gewonnen, so daß die parlamentarischen Geschäfte ruhig und ohne besonderes Drängen abgewickelt werden können. Jetzt ist das Unterhaus, in der Berathung des MarinebudgetS be­griffen, welches in Folge der eingetretenen Theuerung aller Bedürfnisse eine Mehrforderung von einigen Hunderttausend Pfund Sterl. gegen das vorige Jahr aufweist. Der Schatzkanzler Lowe wird dafür ein um so erfreulicheres allgemeines Budget vorzuführen haben; mit einem Uebcrschuß der Einnahmen über die Ausgaben um fünf Mill, braucht er den Tag der Abrechnung nicht zu fürchten.

Die belgische Kammer hat das Budget der Justiz einstimmig angenommen. Der General Thie- . bauld ist zum Kricgsministcr ernannt und somit diese laug vacante Stelle wieder ausgefüllt worden.

Im dänischen Reichstage ist die Annahme der nordischen Münzconvention gesichert; das Folkething hat die Vorlage bereits in dritter Lesung gutgeheißen. Dasselbe Haus ließ auch das Budget des Kriegs- Ministers schon die dritte Lesung passiren und ver­warf den Antrag, dasselbe um 600,000 Rdlr. zu ver­kürzen, ermäßigte aber die Ausgaben für militärische Bauten und verweigerte seine Genehmigung zur Ein­berufung der Reserve.

Der schwedische Reichstag hat auf Antrag der Regierung beschloffen, daß der Wälderverwüstnng in Lappland endlich einmal Schranken gesetzt werden. Eine alle Verordnung, welche den ausländischen Israe­liten in Schweden die freie Niederlassung wehrte und nur bestimmte Orte zum Wohnsitz gestattete, ist jetzt

Eine Nacht gefangen.

Novelle von W. O.

(Fortsetzung.)

2. Eine Nacht gefangen.

„Die Sehnsucht, meine Liebste wieder einmal zu scheu und zu sprechen, wurde allmählich so mächtig in mir, daß ich mich endlich entschloß, ihr einen Vor­schlag zu machen, der mir jedoch zu kühn schien, als daß ich auf seine Annahme hoffen konnte. Doch da hatte ich mich getäuscht. Ella schien nur auf meine Fniliative in dieser Beziehung gewartet zu haben, denn schon am nächsten Tage brachte mir der Postbote ein Brieschen, das alle meine Erwartungen übertraf und Aich eine ganze Reihe von süßen Stunden hoffen ließ."

Bei den letzten Worten war R. aufgestanden, und ■u den Worten „Entschuldigen Sie einen Augen- &<t" verschwand er im Nebenzimmer. Man hörte ihn ® feinem Schreibtische herumkramen, und bald erschien R wieder, ein zusammengefaltetes Papier in der Hand haltend, das Frau Ella sogleich erkannte und in Folge drssen sich vorwursSvoll gegen ihren Gatten wendend, sprach: „Aber Wilhelm, das ist doch nicht nölhig!" »Das verstehst Du nicht," erwiderte R. lächelnd, und ?un feine Worte an die Gesellschaft richtend, fuhr er tot: „Ich will Ihnen den ebenerwähnten Bries meiner Mu vorlesen, da er unser Verhältniß und insbe­sondere die Art und Weise meiner Ella, die durch­aus nicht respektvoll war, vortrefflich schildert. Also hören Sie:

„Lieber guter unausstehlicher Mensch!

Deine Idee, mich Abends zu besuchen, ist gar nicht schlecht, und wenn Du nicht kopflos bist, auch 8« nicht gefährlich; denn Papa geht Abends immer ^S und kommt oft erst spät nach Hause, besonders Montags und Mittwochs, wo er Kartenspielen geht, ^u kannst also Abends zu mir kommen und mich ein u^chen unterhalten, denn mit meiner Alten langweile

ich mich sehr. Ich möchte auch wissen, ob Dein Schnurrbart schon gewachsen ist, um ihn im Noth- sallc ein Bischen zu ziehen. Verrückt bist Du noch immer, wie ich sehe, doch das schadet nichts, denn ich bin stets mit so vernünftigen Leuten umgeben, daß ich mich ordentlich nach Abwechslung sehne. — Komm nicht vor fünf und klingle stark. Ein rothcs Tuch am Fenster wirb Dir anzeigen, daß Papa fort ist. Lebe wohl und komm' bald!

Dein wundersüßes Mädchen."

„Und das nennt so ein Mädchen einen zärtlichen Liebesbrief! Nehmen Sie nur diese Ausdrücke: unaus ftehlich, kopflos, verrückt, — ein schlechter Witz über einen schönen Schnurrbart, — das sind die Ingre­dienzien! — Ich war empört, und nur das „Komm' bald!" konnte mich ein wenig versöhnen. Ich hatte den Brief an einem Donnerstag erhalten, und mußte daher vier lange Tage meine Ungeduld zügeln. Endlich kam der ersehnte Montag. Das rothe Tuch, dies Zeichen der Liebe und der Rebellion, winkle mir schon von ferne, und muthig stieg ich die Treppe hinan, klingelte stark und eine wetterbraune, hagere Person von etwa fünfzig Jahren öffnete mir freundlich grin­send die Thüre und bat mich, „nur herein zu spa­zieren" Und so trat ich denn ein. Die Zimmerthüre öffnete sich und mit einem bangen „Grüß Dich Gott!" empfing mich meine Geliebte Sie war noch ein wenig gewachsen, auch voller geworden, der kindliche, liebliche Ausdruck im Antlitz aber war geblieben, — nur um die Lippen zuckte manchmal ein leises Weh, das mich errathen ließ, daß ihr die lange Trennung nicht min­der schmerzlich war, als mir. In ihrem Auge glänzte eine Thräne und Anfangs ging es recht schwer mit ter Conversation. Erst als die Alte im Nebenzimmer verschwunden war, und ich mit leichter Scherzrede ihre_ mächtige Bewegung etwas gelindert hatte, sand sie sich in die Situation und äußerte herzlich unbe­

fangen ihre Zufriedenheit über mein Erscheinen. Nur mit dem Kusse hatte es feine Schwierigkeiten. Sie wollte durchaus nichts davon wissen; doch gelang cs mir auch hier das Eis zu brechen, und nun ging'« an ein Fragen, an ein Erzählen und Wiederfragen, — mein armer Schnurrbart wurde gezogen, bewundert, getadelt, geküßt —"

„Schon gut, schon gut!" bemerkte Ella hier in verweisendem Tone.

„Nachdem wir wieder etwas ruhiger waren," — fuhr R.....fort, — „interpeßirte ich mein

Mädchen wegen der Briefstelle, wo es heißt: „wenn Du nicht kopflos bist, auch gar nicht gefährlich." Dies veranlaßte eine Wohnuiigs-Jnspection. Neben dem Vorzimmer, welches ein Fenster auf den Gang hat, liegt die sehr dunkle Küche, „das Gangfenster wird" — so erklärte mir meine Führerin — „immer dicht verhangen, wenn Du kommst und so kannst Du nötigen Falls ungesehen in die Küche schleichen und Dich, sobald der unerwartete Besuch oder Papa selbst in'S Zimmer getreten ist, ganz leise fortbegeben. Jfl's jedoch nur ein Bettler ober sonst ein unberufener Störenfried, so kehren wir unbeirrt in'S Zimmer zu­rück." Diese Einrichtung nun war wirklich so vor­trefflich, daß die Gefahrlosigkeit meiner Besuche selbst einem Hasen einleuchtend gewesen wäre. Wir begaben uns jetzt wieder in die inneren Gemächer, um auch diese näher kennen zu lernen. Aus dem Wohn- und Speiseziiymer gelangt man links in dcS Barons Ar­beitsgemach und rechts in Ella's Zimmer, welches mit seinem reinlichen Bettchen, dem reich mit Nipp­sachen besetzten Schreibtische und der niedlichen Toilette einen ungemein anziehenden Eindruck auf mich machte. Bei Betrachtung desselben »fiel mir die Scene ein, wo Faust in Gretchens Kammer schleicht, — ich äußerte mich auch in dieser Richtung, wofür ich eine kleine Maulschelle in Empfang nehmen mußte. Dadurch