Marburg, Sonnabend, den 29. März.
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1873
Oberhessische Zeitung
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Der Abg. Lasker beabsichtigt, demnächst eine Interpellation zu stellen, deren Zweck dahin geht, die R^chsregierung aufzufordern, durch schleunige Revision dcö Actiengesetzes den unverkennbaren Uebclständen entgegenzutreten, welche dieses Gesetz zur Folge gehabt hat.
— Ein sehr wohlunterrichteter Correspondent schreibt der „Fr. Pr." betreffs einer Erhöhung der Militärausgaben für 1874, daß die von dem „D. Wochenbl." angegebene Mehrforderung, 50 Thlr. per Kopf des Contiiigents oder 20 Millionen Thaler über das Pauschquantum hinaus übertrieben erscheint, wenn es sich eben nur um die Ausgleichung in Folge der Preissteigerung der VerpflegungSzuschüsse, der Fourage, Remonten re. handelt. Nach einer vor längerer Zeit in der „Kreuzztg." gebrachten Miltheilung sollte es sich nur um eine Mehrforderung von 32 Thlr. pro Kopf des Contiiigents handeln, oder um etwas über 12% Millionen Thlr. Wenn die „Kreuz- ztg■" schließlich dennoch die Mehrkosten auf 36 Mill. Thlr. veranschlagt, so ist diese Berechnung schon deshalb unrichtig, weil die Kosten für die Anschaffung der neuen Gewehre und Geschütze unter dem Reta- blissement der Armee einbegriffen sind und eine Reorganisation der Artillerie im Uebrigcn nach der dem Etat für 1874 beigegebenen Denkschrift ohne Mehrkosten bewerkstelligt werden soll.
Stuttgart, 26. März, lieber die gestrigen Tumulte bringt der „Schw. M." folgenden Bericht: Die erste Veranlassung gab ein Streit, welcher in dem Laden der Kleiderhändlerswittwe Helene Baruch in der Hirschstraße zwischen der Besitzerin des Ladens und einem Soldaten ausbrach, bei welchem die Hülfe der Polizei in Anspruch genommen wurde. Der Sol- dat wurde auf Ansuchen des Hausbesitzers aufgefordert, das Local zu verlassen. Auf seine Weigerung, dieser Aufforderung zu folgen, wurde ihm seine Verhaftung angckündigt. Dem Vollzug dieser Maßregel wider- etzte er sich, weshalb Gewalt gegen denselben angewendet wurde. Rach seiner Abführung sammelte sich eine große Maffe Volkes in der Hirschstraße, anfäng- üch wohl meist Neugierige, welche an dem schönen Abend sehr zahlreich auf der Straße waren. Nachdem der Verkehr in der Hirschstraße durch die Polizei eine Zeitlang abgesperrt war und die Menge sich großentheils zerstreut hatte, glaubte man die Sache beendet und gab den Verkehr wieder frei. Sofort
zurück, man scherzte, man lachte, und nach Verlauf eines bewegten Viertelstündchens erging an R wieder die Aufforderung, weiter zu erzählen, welcher er sich auch mit Vergnügen unterzog.
„Lassen Sie mich" — so sprach er — „über die nächsten vierzehn Tage nur mit einem flüchtigen Blicke hinweggehen. Für mich und Ella waren es freilich Tage der Wonne, aber das Gekost zweier Liebenden, der GlückSwechfel beim Ecarte, die Heloen- thaten eines alten Offiziers, der nie im Krieg war, sich aber sehr viel in Dörfern herumgeschlagen hatte, — all dies läßt sich recht angenehm erleben, für eine Erzählung genügt es meiner Meinung nach nicht. ES mag Ihnen genug fein, zu erfahren, daß ich mich noch in München dem alten Herrn unentbehrlich zu machen wußte, daß wir nach Salzburg gingen, von da auS den Königssee besuchten, dann eines schönen Morgen« über St. Gilgen und St. Wolfgang, am Schafberg vorüber, nach Ischl reisten, wo wir einige Tage verweilten, um endlich über Ebenste und den Traunsee nach Gmunden zu fahren. Sie kennen gewiß alle diese herrlichen Gegenden und wissen, daß selbst prosaische Menschen durch diese Naiurschönheiten poetisch angeregt werden, um wie oiel mehr also poetische, wenn dieselben überdies noch jung und verliebt find. — Papa von Hagen, immer wohl, immer heiter gestimmt, was wir größientheils dem guten Wetter zu danken hatten, ließ uns gewähren. Er hielt sein Töchterchen offenbar noch für ein Kind, das einer Liebesregung nicht fähig fei, und mich für gar nicht gefährlich. Wir machten häufig allein Spaziergänge, wir fuhren allein auf dem Traunsee herum im kleinen Fischerkahne, —
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bleiben und nach wie vor die Regeln der politischen Loyalität und des allgemeinen Anstandes auf die hcr- , gebrachte cavaliermäßige Art mißachten. Augenblicklich bemüht er sich, so gut es gehen will, die neuliche Blamage betreffs der zweiten Dotationen und des Legationsraths Aegidi zu verwischen. In einem versteckten Winkel der „Voss. Ztg." thut er heute der Welt zu wissen, daß er Herrn Aegidi gär nicht als Verfasser einer officiösen Korrespondenz, sondern nur als Beweis dafür genannt habe, daß eine vom Reichskanzler reffortirenbe officiöse Presse existire. Hiermit soll natürlich nur der Rückzug gebetft werden. Die Unrichtigkeit und Unwahrheit der Richter'schen Behauptungen ist unzweifelhaft, wie er auch seine Wendungen drehen und deuten möge. — Das Gerücht, daß die Berufung des Präsidenten Günther zum Oberpräsidenten von Posen wieder zweifelhaft geworden sei, entbehrt jeder Begründung.
— In der letzten Sitzung des Bundesrathes wurde, wie die „D. R. C." hört, das Gesetz über die Kriegsleistungen festgestellt und machte sich bann der Bundesrath über die Stellung schlüssig, welche er zu dem Anträge des Abg. Schulze (Berlin) wegen Gewährung der Diäten und Reisekosten an die Mitglieder des Reichstages einzunehmen gedenke. Die Majorität des Bundesrathes sprach sich gegen den Antrag aus, welcher Ansicht ja auch später der Präsident des Reichskanzleramtes in der Plenarsitzung des Reichstages Ausdruck gab.
— lieber den vielbesprochenen Literaten Kuhn, gegen den wegen Majestätsbeleidigung und anderer Vergehen, verübt in verschiedenen Correspondenz- artikeln für den Pariser „Monde", eine mehrmonat liche Gefängnißstrase rechtskräftig festgesetzt ist, giebt die „N. P. Z." noch folgende Notiz: „Es ist dies übrigens derselbe Kuhn, welcher nach dem letzten Friedensschlüsse und in Folge der damit verbundenen Amnestie abermals hierher kam und Mitarbeiter an der „Germania" wurde. Auch diese Anwesenheit endigte bei den excentrischen literarischen Gewohnheiten des Mannes mit feiner Ausweisung. Bei der Haus- uchung, welche dieser Maßregel voranging, fand man diesmal eine amtliche Correspondenz zwischen dem katholischen Feldprobst Namszanowski und dem damaligen DivisionSpfarrer Lünnemann über die Be. Nutzung der PautaleonSkirche zu Köln durch die Alt- katholiken in seinem Besitze.
außer Dienst" erroieberte, hinzufügend, daß auch er gegenwärtig in Wien boinicilire. Das Gespräch wurde immer lebhafter, auch an mich ward manches Wort gerichtet und ehe man das Straßenpflaster der Stadt erreicht hatte, war man nicht nur im Klaren darüber, daß man einen und denselben Reiseplan hatte, sondern man freute sich sogar, vielleicht in @e sellschaft reisen zu können, — ein Vorschlag, der mich um so mehr überraschte, als mein Vater sonst nicht gerade zuvorkommend gegen Frimde ist. Ich konnte mir dieses Räthscl nur dadurch erklären, daß wir in eine regnerische Gegend reiften und Wilhelm seine Vorliebe für'« Ecartö zum Ausdruck gebracht hatte. Dem Ecarts aber kann mein Papa nicht widerstehen, und dies ist's was ihn auch jetzt noch einmal zu uns bringt. Und nun," wandte sich Ella lächelnd zu ihrem Manne, „nachdem ich Dir über'S Wasser geholfen überlasse ich es Dir, Deine Geschichte zu Ende zu führen, besonders da ich nicht' weiß, wie Du das anftelleii willst. Doch früher noch wollen wir in althergebrachter Weise das neue Jahr begrüßen denn eben schlägt es zwölf Uhr." '
Die Punsch-Bowle war auf einen Wink der Hausfrau verschwunden und neugefüllt wieder herein- gebracht worden. Mit vieler Grazie unterzog sich Ella nun dem mühsamen Geschäfte des EinschenkenS und nachdem auch sie sich mit dem Tranke der vier Elemente versehen hatte, erhoben sich alle. Die Gläser Hangen und von Mund zu Mund, und von Herz zu Herz ging mancher ernste, mancher scherz hafte Neujahrswunsch. Die Damen küßten sich die Herren drückten sich bie Hänbe, Doctor Fritze's Glas machte aufs neue den Weg zur Bowle unb
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allein ohneli schrecklich langweilte, bewog, Wilhelm kinzuladen, ns auf der Rückfahrt nach München Ge- fellschaft zueisten. Nach einigem obligaten Sträuben äahm biesk die Einladung an, und, nachdem die Herren Cissren angezünbct hatten, stiegen wir ein llnd fuhrenm bairischen Tempo über die Theresien- ®itfe der «ladt zu. Während der Fahrt stellte sich M« Gas al« „Doctor philosophiae Wilhelm ” auS Wien" vor, eine Höflich- ' r “it, die mi Papa mit „Baron von Hagen, Major
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BesteMngen aus das zweite Quartal 1873 der Oberhefsischerr Zeitung ersuchen wir baldigst bei der nächsten Postanstalt machen zu wollen. Ohne vorherige Bestellung wird von der Post die Fortsetzung nicht geliefert.
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Deutsches Reich.
*• Berlin, 27. März Mit Befriedigung ist zu conftatiren, daß die liberale Presse in ihren Rück blicken auf die bisherigen €-rge6niffe der Landtags- Session dieselben durchgehends gebührend würdigt und anerkennt, daß sie schon hinreichen würden, bie Session als eine der wichigsten unb fruchtbarsten unferer parlamentarischen Geshichte erscheinen zu lassen. Man braucht auch nur auf ue Kreisorbnnng, beren Werth nicht nur in den ih: eigenthümlichen neuen Bestimmungen, sondern dar» besteht, daß sie die Grundlage für die weitere Eitwicklunz des inneren Staatslebens auf dem Principe der Selbstverwaltung abgeben wird, auf den vervollbmwneten und vervollständigten Etat, auf bie wenigsiens im Abgeordneten- hause bereits burchgegangenen krchenpolitischen Gesetze hinzuweisen, um dies Urtheil durchaus gerechtfertigt zu finden. Wenn weiter ein Blatt, wie die „Nat.- Ztg." erklärt, daß alle diese Resultate in erster Linie dem bereitwilligen Entgegenkommen der Regierung zu verdanken seien, so bezeugt ein solcher Ausspruch Wohl, daß diese« int hohen Grade stattgefunden hat unb legt vas Verbimst des Ministeriums an den Fortschritten utferer politischen Zustände auch seinen sonstigen Widcsachern klar. AuS dem Umstande freilich, baß selbst bie Fortschrittspartei, wie ihr jüngster Wahlaufruf bweist, sich jetzt von einer unfruchtbaren unb rein negaieen Opposition loSsagt, darf man noch nicht auf eine AnneSwandlung jedes Einzelnen schließen. Herr Richter wird wohl fürs Erste noch der Alte :
Eine Rächt gefangen.
Novelle von W. O.
(Fortsetzung.)
„Jetzt könne wieder ich," unterbrach hier Frau Ella ihren Gnahl, lebhaft zum Tische rückend. „Du hast Dich so anständig gehalten, wie ich eS kaum »warten durst bei Deiner angeborenen Unleidlichkeil Dafür schon erdienst Du gelobt zu werden. Außerdem aber ist as nun folgende so günstig für Dich, daß es sich umöglich aus Deinem Munde gut an- hiren ließe, drum laß mich weiter erzählen." Und »hne welche Erwivernng irgend abzuwarten be Mn sie:
„In derRuhmeshalle sind sämmtliche speciell bairische Berüntheiten — respektive deren Büsten — ausgestellt. Ar waren die Namen meistens fremd, doch Wilhelu wußte über viele einige Worte, hier >ud da sehtbeißender Natur, zu sagen, so daß ich und mein Tter /zugleich lernten und uns köstlich amüsirten, vbohl wir, — ich wenigstens, — manche Anspielunger nicht verstanden. Es war die eigen; Nmliche tr/ene Weise unseres Cicerone, die unsere dachmuskeln eizte unb meinen Vater, ber sich mit mir