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Mr. 74.

Marburg, Freitag, den 28. März. , '

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 durch die Postämter 27 Sgr. (epi. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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Deutsches Reich.

Berlin, 26. März. DieProv.-Corresp." weist darauf hin, wie die Feier der Märztage trotz der 25jährigen Wiederkehr, sich nicht zu einer großen Demonstration habe gestalten wollen, die Theilnahme eine verhältnißmäßig nur geringe gewesen sei, während die Feier des 22. März im größten Gegensätze die begeistertste und allgemeinste Theilnahme gefunden tobe das Hervortreten der Richtung bei der Feier des 18. März, welche mehr auf eine Verherrlichung der Pariser Commune, als der der Märztogc 1848 hinauslief, habe um so mehr dazu dienen müssen, das Verständniß für die Bürgschaften einer gesunden, zur wahren Wohlfahrt führenden Freiheit zu schärfen, welche in Preußen in dem Walten des preußischen KönigthumS allein gedeihen kann. Eine Bekräftigung dieses Gedankens dürfte der fortschrittliche Wohlauf >uf liefern, welcher sofort die schärfste Kritik von radicaler Seite gesunden hat; es wird von dieser be hanptet, daß die Partei darin ihre bisherige Richtung verlassen habe und zu dem regierungsfreundlichen Schwarm übergetrelen sei. Es ist das aber lediglich eine Folge des bisherigen Verlaufes des parlamen torischen Lebens, welches deutlich beweist, wie die Gruppirung der Parteien eine wesentlich andere ge­worden und die schroffen Unterschiede sich gemildert haben. Es scheint sich immer mehr herauszustellen,

daß sich eine compakte, regierungsfreundliche Majorität bilden wird, in welcher die Nationalliberalen ungefähr das Centrum einnehmen werden. Durch gegenseitige Anziehungskraft werden die schroffen Gegensätze sich abschwächen; die Fortschrittspartei scheint sich etwas nach rechts, die nationalliberale nach links wenden zu wollen. Die Regierung wird so auf eine starke Partei rechnen können, welche sie bei ihren nationalen Zielen unterstützen wird. Die jüngsten Verhandlungen des Reichstages sind durch eine Episode getrübt wor- ven, welche durch die bekannte rührige Agitationslust ocs Abg. Eugen Richter hervorgerufen wurde. Er sprach über die kleinen Dotationen und scheute nicht davor zurück, als Quelle für seine Angaben den Herrn Gcheimenrath Egidy zu bezeichnen. Wenn ein Mitglied des Reichstages solche Dinge von der Tribüne herab macht, ist man wohl berechtigt, anzu­nehmen, daß seinen Behauptungen eine thatsächliche Grundlage nicht ermangelte. Er gibt aber selbst in derVoss. Ztg." an, daß er keine andere Quelle habe, als dieD. Reichs Corresp.", von der man annahm, daß sie aus amtlichen Regionen ihre In­spirationen schöpfe. Seine Angabe, daß er seine An­gaben von dem Gcheimenrath Egidy habe, ist also als eine höchst leichtfertige, entschiedene Unwahrheit zu bezeichnen. Die Blosstellung des Herrn Richter kommt gerade gelegen, um das richtige Licht auf ge­wisse, durch denselben Herrn in die Presse gebrachten Miltheilungen zu werfen, durch welche die Sage von dem Zwiespalt zwischen den officiöjen Corrcspondenten, welche aus verschiedenen Quellen schöpfen, wieder auf­gewärmt wird. Es haben dazu mehrere Artikel der Post" beigetragen, welchen Herr Richter eine Be­leuchtung gewidmet hat, und diePost" als ein dem Minister des Innern nahe stehendes Organ bezeichnet. Es muß dieser Behauptung gegenüber bestimmt und wiederholt ausgesprochen werden, daß diePost" weder zu dem Minister des Innern, noch zum Ute rauschen Bureau oder dessen Leitern in irgend einer Beziehung steht. DiePost" ist lediglich ein Privat Unternehmen.

Die neuesteProv. Corrcsp." bespricht die Aufhebung der katholifcheu Feldprobstei und sagt dabei: Bei den Erwägungen hierüber war die Frage, ob den früheren Verhandlungen mit dem päpstlichen Stuhle

über die Errichtung der Probstei der Charakter eine« Staatsvertrages beiwohne, zu verneinen, da nach dem Bericht des damaligen preußischen Gesandten ein bloßer Notenaustausch int Gegensatz zu einer förm­lichen Convention vorgeschlagen wurde, und der be­züglichen Verabredung nicht den Charakter eines Ver träges beizulegen. Deßhalb fand keine bei Staats- vcrträgen übliche Beurkundung, Ratifikation oder An­erkennung des päpstlichen Breves durch die Staatsre­gierung. statt. Die rechtliche Zulässigkeit des Rück­tritts Preußens würde aber auch im Falle vertrags­mäßigen Charakters jener Verabredung nicht zu be­zweifeln {ein, da NamSzanowski bei feiner Auflehnung gegen das Recht und das Ansehen des Staates sich auf die ausdrückliche Billigung und Anerkennung des Papstes gestützt Hal. Die Curie griff demnach selbst störend in die geordneten Verhältnisse der Militär- Seelsorge ein. Satt die Ausschreitungen des Feld- probstes zu ahnden, stellten sie ohne jeden Versuch einer Verständigung mit der Staatsregierung die Auflehnung gegen die Staatsordnung als kirchliche Pflicht hin. Ein solches Verfahren würde offenbar einen Vertragsbruch iuvolviren, welcher nach den an­erkannten Grundsätze» des öffentlichen Rechts der Staatsregierung die Befugniß zum Rücktritt von dem Abkommen gäbe, umsomehr, als sich um die Wahrung der höchsten Staatsintereffen handelte. Der Artikel schließt: Die Regierung beklagt in hohem Maße die Störung der katholisch geistlichen Pflege in der Armee, darf aber die Verantwortung des Mißstandes Denjenigen zuweisen, welche ihr die Roth wendigkeit auferlegten, die Rechte des Staates und dessen Ansehen gegen geistliche Uebergriffe und Rück­sichtslosigkeit mit aller Energie zu wahren.

Der Etat für die kaiserl. Marine für 1874 weist auf: an fortdauernden Ausgaben 5,430,027 Thlr., an einmaligen Ausgaben 3,643,200 Thlr.

Von sachkundiger Seite schreibt man über die T,abakssteuer: Bei dem Projekt der Erhöhung der Tabakssteuer handelte es sich bekanntlich darum, den im Falle der Aufhebung der Salzsteuer mit etwa 13 Mill. Thlrn. für die Reichskaffe entstehenden Ausfall annähernd zu ersetzen. Die Tabakssteuer soll dazu etwa zwei, die Börsensteuer etwa ein Dritttheil bei­tragen, erstere mithin einen Ertrag von etwa 8 Mill.

Eint Nacht gefangen.

Novelle von W. O.

(Fortsetzung.)

Sei'S aus Artigkeit, sei's aus wirklichem Jnte- nffe, die Fortsetzung wurde allgemein verlangt, «nd R.....ergriff nun wieder das Wori:

Wenn man wisse» will, auf welcher Stufe der Paradieseserkenntniß ein junge» Mädchen angelangt ist, so braucht man an daffelbe nur einige verfäng­liche Fragen in vollkommen unbefangener Weise zu stellen. Aus den Antworten und allenfallfigen Gegen fragen wird man leicht entnehmen, wie viel eS an der Zeit ist. So that mm auch der junge Mann, der em sichtliches Wohlgefallen sowohl an dem Mädchen, als auch an der Situation fand, in welche ihn sein Glücksstern versetzt hatte. Er fragte also lächelnd: haben Sie die Memoiren Casanova's gelesen, mein Fräulein?" Taraufsie:Nein, mein Herr; doch warum fragen Sie?" Es lag etwas ungemein Unschuldiges in diesen Worten, weshalb er ernst erwiderte:Der Ort, an dem wir uns befinden, und die hier Herr schende Schwüle erinnern mich lebhaft an die Be­schreibung, die Casanova von den Blcidächern Venedigs Pebt, und bann . .Und dann?" fragte neugierig da» Mädeben.Und bann erinnere ich mich auch unwillkürlich bes in seinem Leben gewissenhaft durch- Skführten Grunbsatzes Casanova's, die sich ihm bar­bietende Gelegenheit nie unbenützt zu taffen . . ." Das schlug ein. Lola oder Ella, wie wir sie fürder »ennen wollen, erröthete tief und sprach mit zittern­der Stimme:Mein Herr! Sie sind nicht groß Ntüthig!" und ein langer, vorwurfsvoller Blick aus ihrem feuchten Auge traf mich in's innerste Herz. Ich ergriff ihre widerstrebende Hand, drückte einen heißen Ruff darauf und sprach in flehendem Tone:Nicht

so! Nicht so, mein wertstes Fräulein! Ich wollte Sie wahrhaftig nicht verletzen und kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir thut, daß es geschah. Doch andererseits ahnen Sie auch nicht, welch' dämonischen Reiz eS für mich hat, ein junges Mädchen in gewis­ser Weife zu necken. Ich weiß, es ist dies ein schwarzer Punkt in meinem Charakter, aber er läßt sich nicht tilgen. Und bann Sie sehen ja, ich bereue!" Ella hatte mir Zhre Hanb sanft entzogen, unb sprach lächelnb:Die Erkenntniß eines Fehlers ist ber erste Schritt zur Besserung. Uedrigens war es auch leichtsinnig von mir, nur in Begleitung eines mir ganz fremben Herren hier herauszusteigen."O sagen Sie doch nicht ganz fremd," erwiderte ich er­regt,ich fühle es nur zu deutlich, daß wir uns nicht ganz fremd sind, und selbst dieses kurze Gespräch, in welchem wir unS unwillkührlich näher gekommen sind, als dies sonst bei so kurzer Bekanntschaft zu geschehen pflegt, beweist, daß unsere Naturen wahlverwandt sind, wie Göthe sagt. Doch ich lasse mich von meinem Gefühle hinreißen und werde unbescheiden . .." Ein leuchtender Blick Ella's fiel auf mein plötzlich verdüstertes Gesicht, als sie mit Heller Stimme sprach: Das sind Sie nicht, mein Herr! Ich selbst fühle etwas Aehnliches ..." Sie stockte, sie erröthete. Das heißt ... nun ja . . . doch ist so schwül hier, lasten Sie uns gehen; Papa wird schon unge- duldig sein."Unb bie Aussicht?" wagte ich lächelnb zu entgegnen.Za richtig, die Aussicht!" rief Ella mit kindlicher Naivität,auch bie haben wir ganz ver­gessen! das muß man ja schnell nachholen. Unb sie beugte sich zum Guckfeusterchen, um einen Blick in bie Umgegenb zu lhun. Ich stanb neben ihr. Ein Gefühl unsäglicher Wonne hatte sich meiner bemächtigt, unb eS brängte mich gewaltig, dieses herrliche Mäd­

chen zu umschlingen, und den ersten Kuß ber Liebe auf ihre Lippen zu brücken . . . Ella hatte sich um­gekehrt:Nun unb Sie schauen nicht?" fragte sie schelmisch.Ich . . ich banke, ich habe schon geschaut," erroiberte ich,wir müssen fort."Ach ja, da haben Sie Recht, doch, mein Gott, wie komme ich da her­unter?" rief ste, ganz entsetzt. Unb wirklich ist bie Sache für Damen schwierig genug, benn man muß sich geradezu hinunterwinden, da die Pastage, wie ich bereits erwähnt, sehr eng und steil ist. Ich be­ruhigte mein Mädchen.Ich werde vorauSzehen," sagte ich,und «erde Ihnen die Hände reichen. Im Nothsalle kann ich Sie auch um den Leib fasten." Wie? Sie voraus? das geht unmöglich!" rief sie erröthend und versuchte hinunterzuklettern. Aber eS fehlte ihr der nöthige Muth, und endlich mußte ich doch voraus, was ich auch schnell that. Doch welch ein Anblick bot sich mir dar, alS ich mich ihr wieder zu- roenbetc! Da stand sie, ein Bild des Jammers, alle Röcke ängstlich an den Leib gedrückt, und dabei sah sie mich mit tragi komischer Verzweiflung an. Ich konnte mich des Lachens nicht erwehren, was Ella zu dem heftigen Ausrufe reizte:Wie? Unb Sie lachen noch, ba Sie mich in biefer peinlichen Situation sehen? O Sie haben kein Herz!" unb enger brückte sie ihre Kleiber an ben Leib.Sie irren, mein Fräulein," girrte ich hinauf,ich habe ein großes, ein reiches Herz, unb nehme biefe Gelegenheit wahr, es Ihne» zu Füßen zu legen, ohne mich bücken zu müffen." Lasten Sie doch jetzt bie schlechten Witze unb helfen Sie mir herunter. Sie sehen ja, daß ich allein un­möglich herab kann!" erwiderte das köstliche Kind ungeduldig.Mit dem größten Vergnügen!" rief ich lachend,doch müssen Sie Ihre gegenwärtige Stel­lung aufgeben. Sie brauchen die Hände unbedingt.