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Marburg, Mittwoch, den 26. März.
1873
Oberhessische Zeitung
eine kleine aber gewählte Gesell-
W. R
schäft von Herren und Damen versammelt. Man hatte gut gegessen und getrunken und war in sehr heiterer »nd gemüthlicher Stimmung. Die Herren brannten ihre Cigarren an, während die Damen Nüsse knackten und verschiedenerlei Zuckcrwerk vertilgten, mehr dem angeborenen Hange nach dem Süßen folgend als einem momentanen Appetit. Theater, Literatur, Kunst, ; ja selbst Politik hatte bereits als Gesprächsstoff gr dient, und eine Pause war eingetretcn, — durchaus nicht peinlich für die Gesellschaft, da Niemand sich derselben bewußt ward. — Wo geistreiche und gebildete Menschen beisammen sind, werden solche Pausen als Ruhepunkte angesehen; jeder Einzelne zieht sich in sich selbst zurück, um das bereits Gehörte und Besprochene im Geiste zu überbieten und sich zu «euer Conversation zu sammeln. Die nur so genannte gebildete Gesellschaft hält eine derartige Pause des Stillschweigens für das Zeichen hereinbrechender langer Weile, was sie da gewöhnlich auch ist, und mit der Verzweiflung einer Ertrinkenden klammert sich die sridendrapperirte Hausfrau an einen Gesprächsstrohhalm und rastlos gehl's mit Todesverachtung, bis der letzte Gast zur Thür hinausgeredet ist.
Unsere Hausfrau, eine liebenswürdige junge Dame eon ungemein einnehmendem Aeußern, suchte nicht, das Gespräch wieder in Gang zu bringen, im Ge Skmheil, sie schien nachdenklicher als alle andern, und vst als die Thüre sich öffnete und ein junges Mädchen die dampfende Punschbowle hereinbrachte, kehrte Frau R. wieder von ihrer Geistesexcurston zurück, um ihren lieben Gästen den duftende» Trank zu cre- denzen. Bald war alles mit Punsch versehen, die wandernde Rumflasche hatte wieder ihr Plätzchen
Eine Rächt gefangen.
Novelle von W. O.
Am Sylvester-Abende des JahreS 187 . war bei dem bekannten und beliebten Schriftsteller Dr.
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Deutsches Reich.
•• Berlin, 24. März. Zum Geburtstage Sr. Maj. des Kaisers haben sich die Stimmen der Presse dieses Mal in ganz besonderer Vollständigkeit vernehmen lassen und zwar die des engeren Vaterlandes, auch über die Grenzen desselben hinaus liest man nur Worte der Theilnahme und herzlicher Anerkennung. Besonders interessant ist ein dem Tage gewidmeter Artikel der „Nationalzeitung", welcher an die bekannten Worte des nordamerikanischen Präsidenten Grant: die ganze aivilisirte Welt strebe offenbar der Republik zu — anknüpfend, diese mit Recht als „po- lstische Kannegießerei" charakterisirt, für welche in den jetzigen Zeitverhältnissen durchaus fein Anhalt zu finden sei. Die Republik eigne sich nicht für eine Zeit, in welcher von Einfachheit der Eilten keine Spur zu finden sei. Es ist Werth darauf zu legen, wenn ein so weit vorgeschrittenes Organ, wie die „Nat. Ztg.", in der Erbmonarchie, wie sie in Preußen erwachsen ist, den bestbewährten Theil unserer In fiitutionen sieht. Se. Maj. der Kaiser hat an dem Tage vielfach Gelegenheit gefunden, seine heitere zufriedene Stimmung an den Tag zu legen. Auf die Aeußerung eines socialdemokratischen Blattes Bezug
nehmend, worin von einer in Preußen herrschenden Tyrannei die Rede ist, äußerte Se. Majestät, daß eine Tyrannei, wie die (einige, sich wohl ertragen lasse. Auch hat der Kaiser Gelegenheit genommen, mehreren Mitgliedern des Staatsministeriums durch Verleihung hoher Orden seine Gnade zu beweisen. Man nennt die Minister Graf Eulenburg, Leonhardt und Camp- Hausen. — Wie von verschiedenen Seiten mitgetheilt wird, hat Se. Majestät dem erkrankten, aber wieder in der Genesung begriffenen, Feldmarschall Wrangel eine besondere Ehre zugedacht. Es wurde nämlich für den 30. d. M., an welchem derselbe sein 50jähriges Jubiläum feiert, von den Generalen der Armee eine Ehrenfeier für den Jubilar beabstcht. Wegen der ein- getrctenen Krankheit des Feldmarschalls läßt sich der Zeitpunkt der Feier noch nicht bestimmen. Se. Majestät soll sich Vorbehalten haben, die von den Generalen beabsichtigte Feier, als General der Armee, selbst in die Hand zu nehmen. — Der Oberpräsident Graf Eulenburg, dessen Ankunft vorzeitig gemeldet war, ist erst am Freitag hier angelangt, hat in den letzten Tagen mehrfache Besprechungen mit den höchsten Reichsbeamten und seinem Nachfolger, Grafen Arnim, gehabt und wird bald nach Hannover abreisen. — In nächster Zeit wird die Ernennung des Dr. Achenbach zum Unterstaatösecretär im Handelsministerium erwartet; derselbe wird dann aus der Specialcommission zur Untersuchung des Eisenbahn-Concessions wesens ausscheidcn; als Ersatz für denselben dürfte der Geh. Ober-Regierungsrath im Ministerium des Innern, Wohlers, in dieselbe eintreten. Die Vermu- thung, daß zum Unterstaatösecretär im Cultusmini- sterium der Ministerialdirector Sydow ernannt werden solle, scheint sich zu bestätigen, und wird derselbe wahrscheinlich als Nachfolger den bisherigen Ober- Regierungsrath Greiff im landwirthschaftlichm Ministerium erhalten. — Die neueste Nummer der preußischen Jahrbücher bringt einen beachtenSwerthen Ar tifel des Professors v. Treitschke über das Zweikammersystem und das Herrenhaus. Er geht von der Ansicht aus, daß durch die neue Kreisordnung ein weiterer Schritt vorwärts auf der Bahn gethan sei, neben der Zuckerdose gefunden und Jedermann kostete mit mehr oder minder sachverständiger Miene, ob nichts fehle. Diesen Augenblick benutzte ein schon etwas älterer Herr mit großer Glatze und lustigem ausdrucksvollem Gesicht zu einer Anrede an die Versammlung. Hier und da zeigte übrigens ein schelmisches Lächeln oder ein Blick des Einverständnisses, daß man bereits wisse, was da kommen würde, nur die Dame des Hauses und ihr Gemahl schienen nicht unterrichtet.
Der alle Herr aber ließ sich also vernehmen: „Meine werthen Damen und Herrn! Ihnen Allen ist bekannt, daß unser lieber Freund R auf eine sehr eigenthümliche Weise in den Besitz seiner Frau, unserer liebcnswerthen Wirthin, gelangt ist. Da ich nun heute allhier nur intime Freunde genannten Ehepaares und zwar außer mir wieder nur junge Ehepaare versammelt sehe, vor mir als dem Hausärzte aber überhaupt keine Geheimnisie bestehen sollen, so stelle ich im Einverständnisse mit den geehrten Gästen an Dich, lieber R , die Bitte, uns jetzt diese so lange geheim gehaltene Geschichte Deiner Verehelichung zu erzählen." Alles rief dem Doktor Bravo zu, und R sah lächelnd feine erröthende Frau an, bevor er sprach: „Ich gestehe offen, daß ich den vom Doctor Fritze ausgesprochenen Wunsch als einen berechtigten anerkennen muß und meinerseits bereit bin, demselben zu willfahren; doch diesmal hat meine liebe Ella auch ein Wörtchen mitzureden, und ich fürchte, sie wird rnir's nicht erlauben.“ „Darin hast Du vollkommen Recht!" erwiderte Frau Ella, „und abgesehen von-dcm, waS Du erzählen willst, würde ich Dir jetzt gar nichts zu erzählen gestatten. Der boshafte Ausdruck Deines Gesichts warnt mich, und Du hast damit jegliches Recht verwirkt."
Trotz dieser entschiedenen Antwort gab Doctor Fritze seine Sache noch nicht auf. „Verehrte gnädige Frau!" — so begann er auf« Neue — „Obwohl
welche Stein durch die Städteordnung betreten habe, und daß darin die Grundlinie» für die weitere Entwickelung der Landgemeinde- und Provinzial-Versassung vorgezeichnet und sie muffe zu einer Umgestaltung des Herrenhauses führen. Die Kreisordnung setzte ein Zusammenwirken des Beamtenthums und der Selbstverwaltung voraus, und eö müsse auch das Herrenhaus dieser Gestaltung entsprechen. ES wären dafür zu berufen: die Spitzen des Militär- und Civil Be- amtenthums, Mitglieder, welche durch das Vertrauen Sr. Majestät ernannt seien, und die Vertreter der Selbstverwaltung Diese wären von den großen Selbstverwaltungsbürgern, den Provinziallandtagen zu präsentsten, die Provinztallandtage wie die Kreistage zu bilden — dies sei eine wirkliche Vertretung der regierenden Klaffe» Preußens.
— Der jetzt veröffentlichte Etat der Stadt Berlin für das Jahr 1873 balancirt mit 7,416,267 Thlr. Einnahmen und Ausgaben. Von den Einnahmen sind 6.913,867 Thlr. (darunter 5,571,352 Thlr. aus der Steuerverwaltung) ordentliche, 502,400 Thlr. außerordentliche; von den Ausgaben sind 6,300,573 Thlr. 22 Sgr. 2 Pf. ordentliche, 1,115,693 Thlr. 7 Sgr. 10 Pf. außerordentliche.
Posen, 24. März. Die „Posener Zeitung" und die „Ostdeutsche Zeitung" sind heute Morgen nicht erschienen; dieselben werden von heute Abend an eine gemeinschaftliche Normal-Zeitung ausgeben, da bereits am Samstag Abend sämmtliche Setzer bis auf 8 auö den Offizinen ausgetreten sind. Die polnischen Zeitungen erscheinen weiter.
Kiel, 24; März. In Schleswig-Holstein wird heute der 25jährige Gedenktag der ersten Erhebung gegen Dänemark gefeiert. Die Presse ist darin einig, das Hauptziel jener Erhebung, die Trennung von Dänemark, al« erreicht zu preisen und in der jetzt vollzogenen Einigung des Reiches zugleich die Verwirklichung einer politischen Idee zu erkennen, welche gerade in den Herzen der schleswig-holsteinischen Vorkämpfer Loraseit und Dahlman besonders früh und energisch lebendig geworden war. Gegenüber dieser Genugthuung ist die Klage über das 1866 wir iusgesammt die gegen Ihren Gatten geschleuderte Anklage als gerechtfertigt zugeben müssen, so können wir doch nicht mehr unseren einmal geäußerten Wunsch zurücknehmen und als wohlmeinender Freund muß ich Sie bitten: gestatten Sie Ihrem Wilhelm zu erzähle», da wir ja sonst bei der präsumtiven Bedenklichkeit des ©egenftanoe« und bei der bekannten UnauSsteh- l'.chkeit R..... uns ohne großen Aufwand von
Phantasie eine Geschichte componiren könnten, die..," der gute Doctor blieb stecken. Er hatte zu viel gesagt, ohne eS zu wollen und wußte sich nun nicht aus der Schlinge zu ziehen. Da flüsterte ihm seine Tischnachbarin, eine blonde Dame mit schönen blauen Augen, das peinliche seiner Lage fühlend, zu: „die nicht wahr währe." „Die nicht wahr wäre," stotterte der Doctor nach und fuhr dann gefaßter fort: „Uebrigens sind Sie ja gegenwärtig und können jeden Augenblick Ihr Veto einlegen, wenn R.....etwas sagen sollte,
was Ihnen, unpassend erscheint." Der Doctor setzte sich und drückte seiner Nachbarin aus Dankbarkeit auf urdeutsche Weise die Hand, so daß ihr ein leiser Schrei entfuhr. In demselben Augenblick jedoch begann R ..... wieder, zu seiner Frau gewendet: „Beruhige Dich liebes Kind, ich werde unseren Freunden nichts berichten als die Wahrheit und diese brauchst Du ja nicht zu scheuen. Da man aber auch die Wahrheit verschieden erzählen und somit auch verschiedene Wirkungen erzielen kann, so werde ich im Tone eines Geschichtsschreibers spreche» und das Ganze völlig unpersönlich behandeln. Dir steht eS dabei immer noch frei, wie Fritze richtig bemerkte, sin vorkommen- den kritischen Fällen Dein Veto einzulegen." „Nun so erzähle, wenn es einmal sein muß!" beendete Frau Ella diese Contraverse und sank refignirt in den Sessel zurück. Alles lauschte gespannt. R aber begann: „Die Ueberschrift des ersten Kapitels mag lauten: Im Kopf der Bavaria.“ „Dort willst Du anfangen?" unterbrach ihn seine Ehegattin schon