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Marburg, Sonntag, den 23. März.
1873
Oberhessische Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22t 6gr., durch die Postämter 37 Lgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 tzgr.
Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Politische Wochkil-Urbrrficht
Die in der Thronrede zur Reichslagseröffnung hKvorgehobene Erwartung der beschleunigten Rückkehr der deutschen Ocrupationsarmee aus Frankreich, hat bereits ihre Realistrung erhalten, indem am Soun ebend der vorigen Woche über die Termine für die letzten französischen Abzahlungen und die entsprechende gänzliche Räumung des französischen Gebiets ein $er trag zwischen dem deutschen Reichskanzler und dem französischen Botschafter auf dem auswärtigen Amte in Berlin unterzeichnet worden ist. Die Bestimmung über Belfort befreit viele Gemüther in Frankreich vom gespenstigen Alp, mit wrlcbrm nur die leicht erregbare Phantasie ihres bösen Mißtrauens sie quälte. Aber auch Deutschland hat alle Ursache, über diesen be- fchlcunigten glatten Abschluß der Friedens-Ausfuhr rung sich zu erfreuen. — Im wiedergewonnenen Elsaß hat die deutsch-feindliche Agitation — und zwar diesmal unter religiöser Fahne und klerikaler Leitung — einen neuen Aufschwung genommen, aber auch in den letzten Tagen zu Entdeckungen geführt, welche die Leichsbehörden zu entschiedenem Einschreiten gezwungen haben. In der vorigen Woche wurden zwei Männer ausgewiesen, welche die Ausführung von elsässischen Amben nach Frankreich sich zum Geschäfte machten, und weitere Nachforschungen führten die Behörden sodann auf eine über ganz Elsaß verzweigte, organisirte deutsch-feindliche ultramontane Agitation, deren Fäden in die Hände keines Geringeren, als deS bischöflichen Generalvicars Rapp zusammenliefen, der dann in Folge dessen auch auSgewiesen wurde. — Der Reichstag hat mehrere Bundesvorlagen in erster Lesung erledigt, auch ein auS seiner Mitte eingebrachtes Preß- zesetz einer Commission überwiesen. — DaS Abgeordnetenhaus hat sich, nachdem die kirchenpolitischen Ge seyentwülfe auch in dritter Lesung beralhen und ange- Rcmmen sind, auf unbestimmte Zeit vertagt und wird dor Ostern keine Sitzungen mehr hasten.
Zm ö st r r r e i ch i.s ch e n Abgcordnetenhause begann 6« 11. März die Budgetdebatte und schon am 15.
war die Arbeit vollbracht, da der Finanz-Ausschuß tüchtig" vorgearbeilet und die Majorität die beste Stimmung halte, mit den Geldbewilligungen diesmal nicht zu knausern. Der Gesammtbedarf der Kredite stellte sich auf nahe an 392 Millionen, und auf 30 Millionen mehr als 1872; im Jahre 1869 betrugen die Staatsausgaben nur etwas über 299 Millionen, aber seitdem haben freilich auch die Staatseinnahmen um 82'/, Mill, zugenommen. In Ungarn war einmal wieder das Ministerium in Gefahr; aber Lonyay ist schließlich wieder mit Glanz durchgefallen, die Ge setzvorlagen über die Sleuererhöhungen stießen im Ab geordnetenhause auf Widerstand. Lonyay wollte das Deficit durch Ausgabe von Schatzscheinen auf die Steuerrückstände gedeckt wissen; oagegen erklärte Ministerpräsident Szlavy, daß er die Znmuthung, in ge wöhnlichen Zeiten das Deficit durch Schulvenmachen zu decken, nicht billige, aber kein anderes Mittel als Steuererhöhung kenne; er wolle eine klare Situation. Und wurden dann auch die Gesetzentwürfe über die Hauszinssteuer und Personal Einkommensteuer angenommen.
In der Schweiz entwickelt sich der Conflict in der Dlöcese Basel weiter. Die solothurner Regierung verfolgt Namens der Diöcesaiistände den Bischof Lachat im Civilproceß wegen unberechtigter Gelder Einziehung
Für Frankreich war die ablaufende Woche von hoher und wichtiger Bedeutung, denn am 17. März machte in der Nationalversammlung der Minister des Auswärtigen die osficiclle Anzeige von dem am 15 in.Berlin abgeschlossenen Vertrag über die Räumung des Gebietes. Auf der Linken erscholl: „Es lebe die Republik!" — auf der Rechten dagegen: „Es lebe Frankreich!" Nach verschiedenen Tagesordnungen, die von der Rechten und von dem Linken und rechten Ccntrum beantragt worden, gelangte schließlich folgende zur einstimmigen Annahme: „Die National-Ver sammlung nimmt mit patriotischer Befriedigung die Mitiheilung der Regierung entgegen, welche, Dank den edclmüihigen und wetteifernden Anstrengungen deS
Landes einen wesentlichen Theil der ihr obliegenden Aufgaben glücklich vollendet hat, und spricht derselben und dem Präsidenten ThierS, der sich nm das Vaterland wohl verdient gemacht hat, ihren Dank auS." Eine Deputation, der sich die gesammte Linke anschloß, überbrachte TbierS den Beschluß der National--Versammlung. Obwohl die Legitimisten und die Ultra- montanen jetzt erst recht die eonstituirende Eigenschaft der National - Versammlung betonen und von großen Dingen fabeln, so ist doch durch die am 13. März erfolgte Annahrne deS G-setzeS deS Dreißiger - Ausschusses und durch den Vertrag vom 15. März das Ansehen deS Präsidenten der Republik so gestiegen, und seine Stellung so befestigt, daß ThierS jetzt de» Ronarchisten den Daumen so fest, wie er eS für nützlich hält, auf die Augen drücken und ihre RestauralionS- pläne ohne Gefahr in die gebührenden Schranken weisen kann.
Zu Rom sind die gesetzgebenden Kammern fleißig bei der Arbeit. Der Senat ist mit den neuen Gesetzen über die öffentliche Gesundheitspflege, die zweite Kammer mit dem weitläufigen Entwürfe deS KriegS- MinisterS beschäftigt.
Zwar haben die spattischen Regierungstruppen nach ihren Siegen bei Oyarzun und Monreal einen dritten Erfolg gegen die Carlisteiischaaren in Baskien und Navarra zu verzeichnen, den der Oberst Castanon im Baztanthale über die vereinigten Banden Dorre- garay's, Ollo's und Perula's erfocht, als diese sich zum Empfange ihres Königs Karl nach Vera b.geben wollten; außer dieser Nachricht haben i» Spanien die Freunde der Ordnung in der letzten Wpche wenig erlebt, waS ihnen große Beruhigung einflöseu könnte.
In ruhigster Weise sieht sich England durch die Ministerkrisis, zu welcher die Niederlage der Regierung mit dem irischen Universitätsgesetze Anlaß gegeben hatte, wieder bei dem allen Cabiuct Gladstone angekommen. Disraeli hat nicht geglaubt, daß eS ihm anstehe, das unter seinen Auspicien im Jahre 1866 gewählte Haus aufzulösen, glaubte aber auch
Die Simtrnfängtr.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung statt Schluß.)
„Vivat sequens!“ sagte der Hauptmann als die Hausthür sich hinter ihnen geschloffen hatte, „Eduard, jetzt ist die Reihe an Dir!"
Der Fähnrich schüttelte wehmüthig daS Haupt, bet feurige Rüdesheimer hatte in die Nacht seiner Melancholie keinen Sonnenstrahl geworfen.
„Theodor ist ein glücklicher Mensch," erwiderte er, „rin solches Glück findet man nicht auf der Straße."
„Hm — in der Türkei, weißt Du, am Bosporus, in den der Sultan seine ungetreuen Schönen —",
„Ich bitte Dich, spotte nicht, ich bin wahrlich richt dazu aufgelegt."
„Der arme Schelm!" sagte Warndorff lachend. »Mensch, wie hast Du Dich nur mit Deinen romantischen Mondschein-Ideen und Deinem liebcbürftigen Herzen überwinden können, das rauhe Handwerk des ÄiegerS zu wählen?"
„Holla, ich denke, Beides paßt vortrefflich zusammen, so lange man noch Fähnrich ist;" erwiderte der Hauptmann. „Hat denn nicht auch das Soldaten- «ten in den Augen eines romantischen Schwärmers rinen tief poetischen Reiz? Soldatenlieb', Soldaten- tob, Scheiden im frühen Morgenroth —"
„Spärlicher Sold und Commißbrod," fiel Warn- d»rff lachend ein, „Du dichtest ja ganz vortrefflich. $ie wär'S, wenn wir noch eine Taffe Thce tränken?''
,„Jch bin kein Spielverderber," erwiderte der Hauptmann, „der feurige Wein Deines Herrn Schwiegervaters brennt noch wie flüssiges Feuer in Meiner Kehle."
„Na und Eduard muß ja als Poet und Roman- tier den duftenden Trank Asiens jeder anderen Flüssig- ^it vorziehen," sagte Warndorff, „gehen wir ins ®öfe de Paris, wir finden dort noch Gesellschaft." .
Als sie ins Kaffeehaus rintraten, fiel ihr erster Elis auf den Polizeidirector, der zunächst der Thür^
saß und seine ganze Aufmerksamkeit einer englischen Zeitung zu widmen schien.
Er blickte rasch und fast verstohlen auf, sie setzten sich zu ihm.
An einem anderen Tische saßen noch drei Herren, welche sich leise mit einander unterhielten.
„Was macht Ihr Baron?" fragte der Hauptmann. „Haben Sie noch immer keine Spur von ihm?"
„Sill, still," fiel der Director ihm ins Wort, „ich hoffe, die Spur noch in dieser Nacht zu finden. Er ist hier."
„In diesem Hause?" fragte Warndorff überrascht.
„Nein, aber in der Stadt, Am königlichen Hofe ist heute Mittag ein englischer Mariiieoiftzier abgelegen, der trotz des Aplombs, mit welchem er euf- irat, meine Agenten nicht täuschen konnte."
„Und sie haben ihn noch nicht verhaftet?" fragte der Hauptmann erstaunt.
Der Director lächelte.
„Ich mag nicht gern mit der englischen Behörde in Collision kommen," erwiderte er, „und dieser Ma- rineoifizier wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um mich den Mißgriff bereuen zu lassen, wenn ich einen solchen mache. Der englische Cvnsul aber ergreift mit Vergnügen jede Gelegenheit, mir eine Nase zu verschaffen, ich habe wich mit fchm übwrowjen."
„Nun, ich denke, Sie werden doch mit leichter Mühe sich Gewißhtit verschaffen können —"
„Ich erwarte sie von Minute zu Minute," fiil der Director bim Lieutenant in’« Wort. Ich habe telegraphisch beim Mariueininisterium in Lobon ange- ftagt; sobald die Antwort eintrifft, sühre ich ben emschiidenben Schlag. Zone Herren sind meine Beamten, wenn Sie sich an sie anschließen wollen, Herr Lieutenant —"
„Gewiß, mich interessirt bas Enbe bteseS Mannes zu sehr."
„Ich bitte, nehmen Sie auch mich mit," sagte ver Hauptmann.
Der Polizeibirector nickte bcjahenb.
„Ueberlaffen Sie ihn seinem Schicksale," warf der Fähnrich ein, „er ist doch ein Edelmann, seine Verhaftung — "
„Erlauben Sie, der Baron v. Menkstern ist nicht» weiter, als ein Schwindler der gefährlichsten Sorte," entgegnete der Director. „Er tritt heute als Graf v. Dietrichstein, morgen als Chevalier oe Chateaurouge, übermorgen als geheimer Commerzienrath auf, je nachdem seine Pläne es erfordern. Wik haben seine Spur ziemlich weit verfolgt, und sind zu dem Resultate gekommen, daß er von Geburt ein Bürgerlicher und von Profession ein Musiklehrer ist; eine Reihe von Betrügereien und den raffinirlesteu Gaunereien liegt gegen ihn vor. Und nicht das allein, meine Herren, Sie werben sich der geheimnißvollen Raubmorde erinnern, die vor einigen Monaten an mehreren Damen theilS verübt, theilS versucht wurde». Nun wohl, der Baron v. Menkstern —"
„Wer war der Mörder?" fragte Warndorff rasch.
Der Polizeidirector zuckte die Achseln.
„In dem Verhör mit den Mitgliedern der weitverzweigten Bande sind Aussagen erfolgt, welche ihn dieser Verbrechen dringend verdächtigen. Ueberhaupt nimmt der Prozeß gegen diese Bande einen Umfang an, den ich nicht geahnt haben würbe."
„So hatte ich in jener Nacht doch Recht," sagte Warndorff nachdenklich, „und nun kann ich auch daS Räihsel der Entweichung unseres Gefangenen lösen. Der Baron hat ihn beireit, der Schlüssel zum Arrest- zimmer lag ja vor ihm auf dem Tisch."
„Bomben und Granaten, wen» wir ihn dabei ertappt hätten!" rief der Hauptmann.
„So würde er sich damit entschuldigt haben, er habe sich einen Spaß erlauben wollen," erwiderte der Direktor ruhig, „und Sie hätten eS geglaubt."
„Na, das wäre doch ein sehr schlechter Spaß gewesen, meinte der Fähnrich. „Also ihm habe ich die Nase von der Cornmandantur zu verdanken!"
„Und Sie selbst haben mit ihm verkehrt," sagte Warndorff. ^Schluß folgt.)