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Marburg, Freitag, den 21. März.

1873

Lberhcssischc Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; Sar durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland cxcl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 6gr.

Sämmtliche Ännoncen-Bürcaus nehmen Inserate an.

BesteUNllgeR ms das zweite Auattal 1873 der Oberhessischen Zeitung ersuchen wir baldigst bei der nächsten Post- anstalt machen zu wollen. Ohne vorherige Bestellung wird von der Post die Fortsetzung nicht geliefert.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen entgegen.

Neu zugehende Abonnenten in hiesiger Stadt erhalten das Blatt vom Tage der Bestellung bis zum I. April gratis.

Deutsches Reich.

* Berlin, 19. März. Durch die heutigen Verhandlungen des Abgeordnetenhauses sind nunmehr die vier hochwichtigen kirchenp-litischen Vorlagen, we­nigstens in zweiter Lesung, erledigt. Daß dies be­reits geschehen konnte, verdanken wir hauptsächlich der Zurückhaltung der rcformsrcundlichen Parteien des Abgeordnetenhauses, welche sich durch die lebhafte und hartnäckige Polemik aus dem Ccntrum und den diesem nahestehenden Kreisen nicht hinreißen ließen, auch ihrerseits die Debatte unnöthig in die Länge zu ziehen. Evnstatirt muß werden, daß sich bereits jetzt überall, sewohl in der Presie wie in parlamentarischen Kreisen, die Ueberzeugung Bahn bricht, daß die neuen Gesetze, sobald sie erst Gesetzeskraft erlangt, eine heilsame Wirkung schon durch ihr Vorhandensein auf die all­gemeine Stimmung und die Befestigung des con- sesfionellen Friedens auSüben werden. Spricht aus den Rednern des Centrums auch augenblicklich noch

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eine ziemlich heißblütige Leidenschaft, so dürfte doch auch bei ihnen eine gewisse Ernüchterung eintreten, wenn sie die Gesetze als vollendete Thatsache zu be­trachten haben. Es dürfte sich alsdann schwerlich ein katholischer Kirchenfürst geneigt finden, ohne Roth und Hoffnung auf Erfolg die Rolle des Martyriums auf sich zu nehmen. Es ist früher gemeldet, daß die Besetzung der 4 erledigten Oberpräsidenlenstellen nach der Absicht in maßgebenden Kreisen gleichzeitig erfolgen sollte. Es könnte daran die Nachricht ge­knüpft werden, daß die Wahl für diese Stellen schon getroffen sei. Wenn inzwischen die Berufung für zwei Oberprästdien erst veröffentlicht wurde, so ist dies einerseils daraus zu erklären, daß der hohe Beamte, welcher für das Posener Oberpräsidium in Aussicht genommen ist, augenblicklich noch durch eine andere Beschäftigung zurückgchalten wird, andererseits, daß der Landesdirector v. Seydewitz, welcher zum Ober­präsidenten für Schlesien designirt war, gewünscht hat, auf seinem bisherigen Posten zu verbleiben. Das im vorigen Herbst nach den westindischen Ge- wäffern entsendete deutsche Geschwader hat seine Auf­gaben erfüllt und bleibt nur noch derAlbatros" dort stationirt, während man die SchiffeFriedrich Karl",Vineta",Gazelle" undElisabeth" in un gefähr drei Wochen in Plymouih erwartet.

DieProv.-Corresp." meldet in einem Artikel über den Abschluß mit Frankreich außer dem be­kannten Inhalte des Vertrages, daß bis zur Ausfüh­rung der Räumung die inzwischen zu räumenden De­partements und der Bezirk der Festung Belfort als neu­trales Gebiet gelten und keine festen Werke in den­selben angelegt werden dürfen. Der Artikel betont das Bestreben der französischen Regierung auf Befe­stigung der inneren Zustände Frankreichs und die loyale Erfüllung des Friedens gegenüber Deutsch land und schließt unter Hinweis auf den baldigen

Austausch der Ratificationsurkunde:Damit wird eine der größten und umfangreichsten Aufgaben, welche jemals zwischen zwei großen Nationen zu erledigen waren, in befriedigendster Weife und in wunderbar kurzer Zeit zu Ende geführt sein. Der Geist wahr- Hafter Mäßigung und Friedensliebe, welcher dies Ge­lingen ermöglichte, wird hoffentlich von heilbringender Wirkung auch für die weiteren Beziehungen der beiden Großmächte sein."

Der dem Reichstag vorgelegte Gesetzentwurf, betreffend die Gründung und Verwaltung des Reichs­invalidenfonds geht bekanntlich von dem Grundsatz aus, daß die dem Reiche für Pensionen an Invaliden und Hinterbliebene obliegenden Verpflichtungen nicht durch Matricularbeiträge, sondern aus den Mitteln der Kriegskostenentschädigung gedeckt werden sollen. Es soll zu diesem Zweck ein besonderer Kapitalfonds gebildet werden, welcher mit den Zinsen im Laufe der Zeit aufgezehrt wird. Die Höhe dieses Fonds ist auf 187 Millionen Thalcr bemessen und das Er­forderniß dieser Summe ist in einer dem Gesetzent­würfe beigcgebenen Denkschrift dargelegt, welche sorg­fällige statistische Ermittelungen über den Bedarf ent­hält. Wir entnehmen dieser Denkschrift die nachfolgenden Daten. Genauere Angaben über den Umfang der bis jetzt verliehenen Pensionen und Unterstützungen und das Lebensalter der Unterstützten liegen nur für die von Preußen verwalteten Contingente, also für 13 Corpsbezirke vor. Für die übrigen Armeecorps (Baiern, Sachsen, Würtemberg) mußten die ent­sprechenden Ziffern durch Schätzung ergänzt werden. Außerdem reichten die als Grundlage der Berechnungen benutzten Verzeichnisse der Pensionirten nur bis Zuni resp. Oktober 1872 und der noch zu erwartende Zugang bedurfte daher gleichfalls der Schätzung, die nach den Erfahrungen aus dem Kriege von 1866 angestellt wurde. Die Kapitalsumme von 187 Mill.

Die Bauernfänger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Stets auf alle Fälle vorbereitet, zog er aus der lasche seines Rockes eine seidene Mütze, die er tief «'S Gesicht drückte, dann durchwanderte er rasch «ehrcre Straßen.

In der Nähe deS Gefängnisses trat er in ein keines einstöckiges Haus, welches an einer engen und smsteren Gasse lag.

Er schien mit der Einrichtung des Hauses ver traut zu jein, die Sicherheit mit der in der undurch­dringlichen Finstcrniß den Weg sand, bewies dies.

i l Er öffnete eine Thür und trat in ein spärlich er- inichtetes Zimmer, aus welchem eine dumpfe, den ilthem beengende Luft ihm entgegenquoll.

Die junge Frau, welche am Tische saß, erhob sich bestürzt, die beiden Kinder schrieen erschreckt auf.

Ruhig," jagte der Baron mit rascher Strenge. »Äein Lärm, ich bin«."

nDer Herr Baron!" sprach die Frau und in dem tone, in welchem sie das sagte, drückte eine namenlose M sich au«.

Wo ist Euer Mann?" fragte der Baron, wäh- knid er sich erschöpft auf einen Stuhl setzte.

3m Dienst."

Wann kommt er heim?"

Er hat die Nachtwache."

Desto bester."

Der Blick der jungen grau ruhte stier mit dem «»«druck,deS Entsetzens auf den verstörten Zügen dk« Barons.

«WirdS denn bald ein Ende nehmen?" seufzte Haben Sie Erbarmen, Herr Baron, Sie können toife einen anderen finden, der "

Ruhig!" fiel der Baron ihr rauh ins Wort.

»3<h will Euer Gekrächze nicht hören."

Wenn Sie wüßten "

Ja und wenn Ihr wüßtet! Zum Teufel mit Mm Lamentationen, wenn man einmal A gesagt hat ^B man da« Alphabet durchbuchstabiren. Ich bin auch At auf Rosen gebettet, wahrhaftig nicht, seht Ihr Mn, daß ich mich gebe al« ob ich am Spieße stecke?

Gebt mir ein Rasirmesser, etwas Seife und einen Spiegel und bann zündet ein besseres Licht an, damit ich sehen kann."

Schweigend holte die Frau das Verlangte, sie hatte nicht den Muth, sich den Befehlen dieses Mannes zu wiedersetzen.

Der Baron schlug den Schaum und seifte seinen Bart ein.

Es wird der letzte Auftrag fein, den ich in dieser Nacht Eurem Manne gebe," sagte er, während er die Scheide des Mesters auf dem Nagel seines Dau­mens Prüfte,von morgen an ist er entlasten."

Wenn er nicht bei diesem letzten Auftrage er­tappt wird, warf die Frau ein.

Das ist feine Sache."

Er ist ohnehin ängstlich geworden."

Bah, dazu halte er bisher keine Ursache, Nie­mand konnte ihm etwas anhaben. Und nun schweigt und stört mich nicht."

Eine Viertelstunde später war der Bart unter dem Mester gefallen.

Schneidet mir das Haar kurz ab," befahl er der Frau, welche unvorzüglich die vor ihr liegende Scheere ergriff,so kurz Ihr nur könnt."

Sie werden sich erkälten, Herr Baron."

Meinetwegen."

Die Nacht ist falt, wenn eS nicht unbedingt nöthig ist"

Zum Henker, es ist nöthig vorwärts." '

Das dichte, lockige Haar fiel unter der Scheere, kalt ruhte der Blick des Barons auf den dunklen Locken, die den Fußboden bedeckten.

Als die Fran das Geschäft verrichtet hatte, warf der Baron einen Blick in den Spiegell

Es ist gut," sagte er,so leicht wirb man mich jetzt nicht erkenne». Nun gebt mir eine Uniform Eures Mannes unb zeigt mir ein Zimmer, in welchem ich mich umkleiden kann."

Auch diese Forderung erfüllte die Frau ohne Wi­derrede; bald darauf verließ der Baron in der Uni form eines Schließers das HauS.

Er ging zum Gefängniß und zog die Glocke

Ein Schließer öffnete, er ließ arglos seinen Ka- meraven eintreten, ohne ihn näher zu betrachten.

Die Laterne, welche in dem gewölbten Thorwege hillg und vom Luftzuge hin- und hergeschaukelt wurde, verbreitete ein sehr unsicheres Licht; der Baron wan­derte rasch durch den Thorweg über den gepflasterten Hof und trat in das Gebäude, in welchem die Zellen der Gefangenen lagen.

Er durchschritt mehrere Corridore, Niemand be­gegnete ihm.

In das Wachtzimmer durfte er sich nicht wagen, et mußte warten, bis der Schließer, welcher die Nacht­wache hatte, die Runde machte.

Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt eine lange Stunde verstrich, ehe er den fand, welchen er suchte.

Der Schließer, überrascht, einen Kameraden in dieser späten Stunde in dem Corridor zu finden, wollte ihn rauh anfahren, der Baron gab sich zu erkennen.

Führt mich an einen Ort, an dem wir ungestört einige Worte sprechen können," befahl er unb ber Schließer, ben biefe unerwartete Begegnung vollständig seiner Fassung beraubte, beeilte sich, den Wunsch zu erfüllen.

In welcher Zelle sitzt der Gefangene, der heute Abend auf dem Bahnhöfe verhaftet wurde?" fragte ber Baron.

Der Schließer zuckte die Achseln.

Es Wirb unmöglich sein, ihn zu befreien," er­widerte er ausweichend,wenigstens jetzt, es ist strenger Befehl gegeben, ihn scharf zu bewachen"

»Ich verlange feine Befreiung nicht, ich wünsche nur, daß Ihr mich für einige Minuten zu ihm laßt."

Das könnte ich vielleicht ermöglichen, wenn Sie mir das Versprechen geben"

Mensch, macht keine Umstände," fiel ber Baron ihm mit fieberhafter Ungeduld ins Wort.Wir alle sind verrathen, im Laufe der nächsten Stunbe, spä­testens morgen früh, werbet Ihr hier Zuwachs er­halten, unb ich glaube, Ihr thätet gut aber nein, Ihr habt nichts zu befürchten, unter den Verhafteten befindet sich kein Verrälher, und der, welcher unfr