Einzelbild herunterladen
 

Mr« 65

Marburg, Dienstag, den 18. März.

1873.

Okrhessische Leitung.

^eint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22i Sar.. durch die Postämter 27 Lgr. (excl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sar Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

* Berlin, 15. März. Mit dem heutigen Votum des Herrenhauses ist eine der schwierigsten Etatsbe- rathungen zum Abschluß gebracht, welche bisher im preußischen Landtage stattgefunden haben; die Re­gierung hat es nicht an Anstrengungen fehlen lassen, um die Feststellung deö Etats vor dem neuen Jahre zu ermöglichen. Die Vorlegung befleißen erfolgte, wie bekannt im Oktober v. I., es trat aber gleich darauf die durch die KreiSordnungS-KrisiS veranlaßte Pause in den Landtagsarbeiten ein und machte diese eine nochmalige Vorlage deS Staatshaushaltsetats nothwendig, eS stellte sich jedoch vor der nun folgen­den Berathung manche Schwierigkeit ein, wir nament­lich das, daß zwischen Regierung und Volksvertretung eine Verständigung über höchst wichtige Finanzvor­lagen erzielt werden mußte, bevor an eine definitive Feststellung des Etats gegangen werden konnte. Eine schließliche Verzögerung trat ferner ein, daß in Folge der etwas günstigeren Finanzverhältnisse ein Nachtrags- Etat von der Regierung eingebracht wurde, in welchem auf mehrfache Wünsche des Abgeordneten­hauses Rücksicht genommen werden konnte. So haben die Berathungen erst in einer bereits vorgerückten Periode des Verwaltungsjahres ihr Ende gefunden. Eine Benachtheiligung derwirthschastlichen u. finanziellen Lage deS Staates ist hierdurch nicht veranlaßt, es herrschte von Anfang an zwischen der Regierung und Landesvcrtretung die vollste Uebereinstimmung über die Weiterführung der Staatswirthschaft und hat dieselbe auch im Etatsgesetz ihren nachträglichen Ausdruck ge­sunden , jo daß auch die constitutionellen Be denken als erledigt zu betrachten find. In der gestrigenKrz.-Ztg." richtet Hr. v. Mühler eine längere Erklärung gegen die letzthin vom Fürsten Bismarck über die frühere katholische Abtheilung des CultuSministeriums gethane Aeußerung. Für jeden unbefangenen Beurtheiler, der mit den inneren Vor­gängen des Kultusministeriums und der Gesammtrich- tung der katholischen Abtheilung vertraut ist, ist es außer Zweifel, daß die Kritik Bismarcks wohl be­

rechtigt war und durch die Mühlerschen Ausführungen keine Widerlegung findet. Mühler erklärte, daß diese Ministerial-Abtheilung niemals eine Körperschaft mit selbständigen Amtsbefugnissen gewesen sei, daß sie nur berathende Functionen gehabt und nach den Anord­nungen deS Ministers gearbeitet habe; sie habe unter regelmäßiger Controle des UnterstaatssecretärS ge­standen Die Abtheilung habe stets auf das Entschie­denste das unbedingte Veto deS Königs bezüglich der Bischofstvahlen festgehalten und vor der Zulassung eines päpstlichen Nuntius in Berlin gewarnt. Im Schulwesen und besonders in der Sprachenfrage habe ste nie eine Thätigkeit geübt. DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" erwidert hierauf: Mühler sei zwar Chef gewesen, aber die katholische Abtheilung des Ministeriums habe geherrscht; Mühler sei seiner Stellung nach Dirigent gewesen, die Directivnormen seien aber von der Abtheilung ausgegangen. Die Zu­lassung eines päpstlichen Nuntius in Berlin mit diplo­matischen Formen und völkerrechtlichen Cautelen hätten den Vorzug verdient vor einer, durch die katholische Abtheilung dargestellten Nuntiatur, in welcher Krätzig als Nuntius den Cultusminister beherrscht habe. Der Artikel schließt:Noch ist es landeskundig, daß die Auseinandersetzung des Ministers mit dem Cultus­minister stattfinden mußte, da er den Einflüssen die sich seiner bemächtigt hatten, nicht gewachsen war.

Das Abgeordnetenhaus wird nächste Woche sämmtliche in Berathung befindliche Vorlagen erledigen und am 22. März sich vertagen. Zum Dienstag wird die dritte Lesung der beiden bereits angenom­menen Kirchengesetze erwartet. Unter den Fractionen verhandelt man mit dem Centrum wegen Abkürzung der Debatten bei den noch übrigen Kirchengesetzen. Namens des Reichstages beglückwünschte heute das Präsidium den Kronprinzen zu seiner Wieder­genesung.

An das Haus der Abgeordneten ist von Wies baden aus eine Petition gerichtet worden,dahin zu wirken, daß bei der Bauverwaltung die fünf Rang­stufen^ Baumeister, Bauinspector, Oberbauinspector,

Baurath und Regierungsbaurath beseitigt werden, an deren. Stelle nur die beiden Stufen IV und V mit den für diese normirten Durchschnittsgehaltsstufen von 1150 Thlr. bezw. 1700 Thlr, wie bei den Berg-, Forst-, Schul-, Gerichts-, und Verwaltungs-Provin- zial - Behörden treten und hierdurch die verletzende, drückende und unwürdige äußere Lage der Baubeam- len endlich zu einer ihrem Bildungsgrade und ihrer amtlichen Stellung angemessenen umgeschaffen werde." Die Motive führen des Weiteren an der Hand von Thatsachen und statistischen Berechnungen aus, daß die äußere Lage der Staatsbaubeamten die ungünstigste, dagegen die Vorbereitungszeit derselben und die Zeit bis zu ihrer festen Anstellung die längste aller Beam- ten ist, daß demgemäß für jeden Baubeflifsenen bei Bestand der jetzigen Verhältnisse die Privalthätigkeit auch ohne bestandene Staatsprüfung der Staatscarriere durchaus vorzuziehen fei, was sicherlich weder im In­teresse des Staates noch des Publikums liege.

DerKöln. Zeitg." wird mitgetheilt: Die Zeitungsangaben über die Untersuchuns-Commission sind gröstentheils irrthümlich. Die Comission hält täglich Sitzungen, hat auch schon vier Privatpersonen vernommen. Bestätigt wird, daß die Untersuchung sehr ungünstige Resultate für das Wagener'sche Unter­nehmen ergeben hat. Eine sachlich eingehende Unter­suchung der Eisenbahnverwaltung hat noch nicht Statt gefunden. Die Arbeit der Commission wird mindesten- zwei Monate in Anspruch nehmen.

Pofen, 15. März. Der Erzbischof Graf Le- dochowSki hat ein Rundschreiben an die Geistlichen derjenigen Kreise erlassen, in welchen weltliche Schul- inspectoren angesteüt sind. Er empfiehlt, die Schul­kinder zu regelmäßigen Privatunterricht in der Reli­gion zu versammeln und sich mit den Schullehrern in gutes Einvernehmen zu setzen. DiePosener Zeitung" meldet, das Oberpräsidium habe die könig­lichen Regierungen angewiesen, in welcher Weise sie den Anordnungen des Erzbischofs betreffs des Reli­gionsunterrichts entgegenwirken sollen, um eine Umge­hung der Gesetze zu verhüten.

Die Bauernfänger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Der Küppermeister kehrte seelenvergnügt in seine Wohnung zurück.

Jetzt, nachdem er sich den Beistand der Behörde gesichert hatte, fürchtete er nichts mehr; im Gegen- theil, war ihm lieb, daß es zur Katastrophe kam, er durste ja nun hoffen, daß dieser Katastrophe der Bruch folgen werde.

Anfangs hatte er Hugo auffordern wollen ihn zu begleiten, aber nach kurzem Nachdenken ließ er dieses Vorhaben fallen; es war besser, wenn er, welchem Helene einen Korb gegeben hatte, bei der Katastrophe nicht zugegen war, die Möglichkeit lag ja nahe, daß Helene ihren ersten Groll auf ihn, den verschmähten Werber warf und bann blieb vielleicht eine Bitterkeit in ihrer Seele zurück, welche bie Zeit nie ganz ver­legen konnte.

Hugo pflichtete Vieser Ansicht bei, aber müßig wollte er auch nicht bleiben.

Er wollte bem Mädchen, wenn eS AbenbS aus» ging, folgen, er wußte ja nicht welche Verabrebung zwischen den $ eiben getroffen war, welchen Weg zur Flucht Liebrecht gewählt hatte.

Frau Therese blickte bem Mäbchen scharf in« ^uge, als es unter bem Vorwanbe, ben Abenb bei sfrer Freundin verbringen zu wollen, Abschied von fr nahm. <

Wohl bemerkte sie den schweren, bitteren Kampf '» der Seele Helenes, die, von einem bösen Dämon getrieben, im Begriff stand, einem unsicheren Geschick Entgegen zu gehen, wohl hätte sie gern ihr den be- schämmden Auftritt am Bahnhofe erspart, aber sie buffte nun nicht mehr den Plänen und Absichten ihres Mannes hindernd entgegentreten und sie sah auch

daß diese Absichten allein dem bethörten Kinde ble Augen öffnen konnten.

Sie ließ sie gehen, aber kaum hatte Helene sich

entfernt, als auch Frau Therese ihren Mantel umwarf und zum Bahnhofe eilte.

Konnte sie ihrem Kinde die Beschämung nicht er­sparen, so wollte sie doch in dem schweren Augen­blick ihm zur Seite fein, ihm den Trost geben, daß es die Arme und da- Haus seiner Eltern offen finde.

Der Küppermeister hatte seinen Standpunkt vor­trefflich gewählt und der Polizeicommissär, der keinem Passagier eine besondere Beachtung zu schenken schien, ihm durch einen Blick seine Zufriedenheit darüber ausgedrückt.

Conrad Liebrecht befand sich schon im Wartesaale; er saß vor einem Glase Punsch und blickte fast un- verwandt auf die Thür.

Daß der Commifsär ab und zu einen verstohlenen Seitenblick auf ihn warf bannfte er nicht.

Da trat Helene ein; sie war einfach gekleidet und ein dichter Schleier verhüllte ihr Antlitz.

Liebrecht eilte ihr entgegen und führte sie zu dem Tisch, sie zitterte vor Erregung und Angst.

Der Küppermeister trat aus seinem Versteck her­vor, rasch und sicher schritt er auf seine Tochter zu. die ihm den Rücken wandte.

Erst als er vor ihr stand, sch sie ihn, erschreckt fuhr sie zusammen.

Was thust Du hier?" fragte er, ohne Liebrecht nur eines Blickes zu würdigen.Komm mit, die Mutter erwartet Dich."

Verrathen," murmelte Liebrecht dessen Stirn sich verfinsterte.Mein Herr, Sie werden meiner Ver­lobten erlauben, daß sie Abschied von mir nimmt."

»In der That?" spottete der Küppermeister, sich den Anschein gebend, als sehe er erst ben jungen Mann.Nimmt man feine gejammten Schmucksachen mit, wenn"

»Mein Herr, Ihren Paß, toenn ich bitten darf!" schnitt ber Polizeicommissär ihm das Wort ab.

Liebrecht erbleichte, darauf war er nicht gefaßt gewesen.

Er griff in die Tasche und nahm sein Portefeuille heraus.Dieser Herr kennt mich," sagte er, auf den Küppermeister zeigend, der bestätigend nickte.

Keines Wortes fähig, stand Helene vor bem Vater, sie wagte nicht seinem Blick zu begegnen.

»Ich verlange Ihren Paß," wieberholte ber Be­amte und ben Blick, ben er über bie Köpfe ber An- wesenben warf, rief einige Sergeanten herbei.

Liebrecht hatte bas Portefeuille geöffnet, er suchte lange in demselben, endlich überreichte er dem Beamten ein Papier. Es war der Paß auf ben NamenCon­rad Liebrecht" lautend.

Der Commifsär aber wußte bereit«, wie weit er diesem Manne gegenüber gehen durfte.

Erlauben Sie," sagte er falt, und da« Porte- feuille befand sich in seinen Händen, ehe Liebrecht eS hindern konnte.

Ich werde Sie zur Verantwortung ziehen," er­widerte Liebrecht auffahrend.Sie überschreiten die Befugnisse Ihres Amtes."

Der Commissär lächelte spöttisch.

Wie kommen Sie zu diesem Paffe, der auf den Namen eines Freiherrn von Wittgenstein lautet ?* fragte er scharf.

»Ein werthloses Papier für mich, er wurde mir zur Aufbewahrung übergeben."

In der That? Und diese Banknotm?"

Herr Commissär, ich glaube Ihnen keine Rechen­schaft über die Geschäfte zu schulden, welche ich als Vertreter eines Stettiner Hauses"

Ah aber Sie werden beweisen müssen, von wem Sie diese falschen Banknoten in Empfang ge­nommen haben."

Liebrecht fuhr zusammen, aber er verlor die Geistes­gegenwart nicht.

Wenn ste falsch find, worüber ich mir kein Ur-