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Marburg, Sonnabend, den 15. März.

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1873.

Oderhessische Zeitung

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Deutsches Reich.

•* Berlin, 13. März. Man war von vorn­herein darauf gefaßt, daß die Opposition im Herren­hause auch wieder gegen die Versasfungsänderung einen lebhasten Kampf versuchen und Führung in dicsen Kampf wieder denselben Stimmführern zu fallen werde, welche gegen die Kreisordnung auftraten. Man durfte sich aber der Zuversicht hingebcn, daß die Opposition nicht wieder eine so geschlossene und starke sein werde und diese Voraussetzung hat sich vollstän­dig bestätigt. Es hat sich schließlich die relative Majori­tät für die Verfassungsänderung weit bedeutender herauSgestellt, als für die Kreisordnung. Auch war das Haus weit weniger besetzt und namentlich waren von den sogenannten seltenen Gästen viele diesmal nicht erschienen. Unter den Führern der Opposition that sich ganz besonders Graf Lippe hervor. Seine sehr umfangreiche Rede — ober richtiger Vortrag, denn er soll fast bloS gelesen haben — hat in ben übersichtlichen Referaten der Presse keine entsprechende Berücksichtigung finden können. Die „Kreuz. Ztg." läßt jedoch ihren Gesinnungsgenossen völlig zu Worte kommen und man kann es ihr Dank wissen, denn so erfährt man doch manche pikante Acußerungen, die im Munde des vormaligen Ministers besonders charak. teristisch sind. Unter anderen findet sich der Gedanke ausgesührt, das veränderte Verhältniß zwischen der Regierung und der konservativen Partei sei nicht durch i letztere, sondern dadurch herbeigeführt worden, daß die Regierung eine Wandelung durchgemacht habe. Diese Wandlung sei aber schon gleich nach 1866 er folgt, dadurch, daß die Regierung das Jndcmnitäts- gesctz eingebracht und sich so dem Liberalismus in die Arme geworfen habe. Das ist doch eine höchst auffällige Bemerkung eines Mannes, der noch länger als ein Jahr nach jenem Vorgänge Mitglied des Ministeriums war und dir dann keineswegs aus geltend gemachten politischen Gründen ausgeschieden ist. _ Die „Germania" versucht heute, die Anklagen der gestrigen „Prov. Corr." gegen den Grafen Le dochowski durch das Sophisma zu entkräften, der der Huldigungseid habe der Person .des Königs ge gölten, jetzt handele es sich aber um den Widerstand, der gegen eine andere Person gerichtet sei. Die .Germania" wird wohl selber wissen, daß die Ver fügungen und Anordnungen des Cultusministers gegen

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Die Bauernfänger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Peter Schiffer fand in dieser Nacht keine Ruhe, der Schlaf blieb ihm fern, er mußte immer und immer wieder der kommenden Dinge gedenken, die seine bangen Ahnungen ihm von der düstersten Seite zeigten. Hugo hatte Recht, Helene wollte mit dem Mann, an den eine unselige Leidenschaft sie fistelte, entfliehen, das verrieth die Unruhe, der schwere Seelenkampf des Mädchens, die dem alten Mann nicht entgangen war.

Und wenn ihr die Ausführung dieses Vorhabens gelang? Wenn die Maßregeln Liebrecht's so gut getroffen waren, daß Peter Schiffer mit seinem schlichten, einfachen Verstände, mit seiner Unerfahrenheit in solchen Dingen ihnen nicht vorbeugen konnte.

Ein schwerer Seufzer entrang sich der gepreßten Lenst des alten Mannes und diefer Seufzer weckte 8rau Therese, welche durch solche Befürchtungen sich ihre Ruhe nicht rauben ließ.

Sie richtete sich im Bette empor und horchte, der ®onn jammerte, wie einer den ein schweres Herzeleid Drückt. Besorgt zündete sie die Lampe an, die neben ihrem Bette auf dem Nachttischchen stand.

»Ich habe Dir immer gesagt, Du trinkst zu viel ®iejr," sagw sie, „das Bier bringt Dein Blut in Ballung und raubt Dir den Schlaf."

Peter Schiffer schob die Zipfelmütze aus beml Iesicht und warf seiner Frau einen zürnenden "lick zu.

.Es ist kein Tröpflein Bier über meine Lippen gekommen heute Abend," erwiderte er.

„Aber Du stöhnst und jammerst ja —"

und Verwaltungspraxis erforderlich sind, um vorhandenen Uebelständen und Mißbräuchen thunlichst abzuhe fen. Obgleich die Commission bei Ausführung des ihr gewordenen Auftrags-Gelegenheit haben wird, sowohl die vorgcbrachten Angaben, als auch die daraus ge- zogenenen Consequenzen eingehend zu prüfen, so erscheint cs doch bei der voraussichtlichen Dauer dieser Unter­suchung im Interesse der betheiligten Verwaltung ge­boten, schon jetzt darauf hinzuweisen, daß die von dem Abgeordneten Lasker vorgebrachten Thatsachen, inso­weit sie das Verfahren des Handelsministeriums be­treffen, vielfach unrichtig beurtheilt sind. Es wird dann ausführlich auf die Vorwürfe des Abg. Lasker bei der Coneessions-Ertheilung der pommerschen Cen­tral-Eisenbahn, der Belgard- Neustettin- Posener-, und der Berlin-Lehrter Eisenbahn eingegangen und werden dieselben durch amtliche Erlasse allseitig widerlegt.

— Das Landes-Oekonomic-Collegium hat in seiner jetzigen Session die Viehseuchen-Gesetzgebung wieder in den Kreis seiner Besprechung gezogen. Während bei der Debatte die Mehrzahl der Redner eine allgemeine Seuchen - Gesetzgebung befürwortete, wurde gegenüber der Forderung einer Reichsgesetzge- bung das Bedenken laut, ob eö nicht rathsamer sei, die Frage ganz zu übergehen, um die etwa nöthig werdende Landesgesetzgebung nicht zu präjudiciren. Von sachverständiger Seite wurde nicht nur eine Reichs­gesetzgebung, sondern auch eine Verständigung mit den Nachbarstaaten über gleichartige Maßregeln für ge­boten erachtet. Schließlich wnrde der Antrag ange­nommen, welcher von dem ständigen Ausschüsse des Collegiums ausgegangen war: „Sich dem Herrn Mi­nister gegenüber dahin auszusprechen, daß die bal­digste Revision der gesammten Viehseuche-Gesetzgebung und die Vorlage eines diese Motive umfassenden Ge­setzes dringend nothwendig erscheint. In der Erwartung und bei der eröffneten Aussicht, daß solche demnächst erfolgen wird, erscheint cs nicht zweckmäßig, auf die speciellen Andeutungen jetzt näher einzugehen."

— In der vorjährigen Session dcö LandeS- Oekonomie-CollegiumS war ein Antrag, betreffend die raschere und bessere Beförderung des auS Holland und Ostfriesland stammendes, auf preußischen Bahnen expedirten Zuchtviehs, angenommen und dem Land- wirthschafts-Minister mit der Bitte, die erforderlichen Schritte in dieser Angelegenheit zu thun, übermittelt so mußte ich schweigen. Jetzt aber will ich reden, damit ich mich nicht länger betrügen lasse. Ich weiß AlleS, Liebrecht ist noch hier, Helene will sich von ihm entführen lassen und Du begünstigst die Entführung ohne über ihre unausbleiblichen Folgen nachzudenken."

Auf dicsen Vorwurf war die Mutter nicht vorbe­reitet, sie ahnte ja nichts von dem Vorhaben deS Mädchens von der geheimen Uebereinkunst Helenen'S mit Liebrecht. Sie konnte anch nicht glauben, daß diese Behauptung sich auf Gründe stützen solle, sie hielt sie für leere Vermuthungen, mit denen ihr Gatte nichts weiter beabsichtigte, als zu erforschen, wie weit die ganze Angelegenheit gediehen sei.

Und Peter Schiffer mußte aus den Antworten seiner Frau bald herausfindcn, daß dieser Entschluß Helenen'S ihr wirklich fremd war, daß ihre Begünsti­gung dieses Verhälinisses sich doch nicht so weit er­streckte, einen solchen Schritt gutzuheißen und sogar zu unterstützen.

Diese Gewißheit erleichterte den Druck, der auf ihm ruhte, er durfte nun wieder hoffen, daß die frühere Zeit mit ihrem Frieden 'und ihrem Glück zurückkeh­ren werde.

Er theilte seiner überraschten Frau Alles mit, die zufällige Entdeckung deS Freiherrn von Wittgenstein, in welchem er den Commisvoyageur erkannt hatte, das Resultat seiner Beobachtungen und die ernsten Besorgniffe, die auf jene sich stützten.

Frau Therese wollte Anfangs die Berechtigung dieser Besorgnisse nicht anerkennen, sie konnte nicht glauben, daß der Freiherr und der Commisvoyageur eine und dieselbe Person seien, sie vertheidigte Helene mit der Erklärung, datz sie daS Mädchen besser kenne

die LedochowSki zum Ungehorsam aufreizt, auf Allerhöchste : Ermächtigung und Zustimmung erfolgt sind. — Die „Kreuz-Ztg." macht dem CultuS Minister Vorwürfe, ; daß er die Person Sr. Majestät in die Debatte ge­zogen habe. Es ist dies aber nicht aus freien Stücken : geschehen, sondern in Folge von Insinuationen seiner

Gegner. Auch muß man sich wundern, daß sich das 1 Blatt gerade an den Herrn Falk wendet, da Graf Roon dieselben Insinuationen noch viel schroffer zu­rückgewiesen hatte. — Wenn dasselbe fromme Blatt denZBundesrath der Sonntags-Entheiligung anklagt, weil er am Sonntage eine Sitzung abgehalten habe, so darf es sich beruhigen, da die Sitzung nur durch einen Druckfehler des „Staats-Anzeigers" als am 9. abgehalten bezeichnet worden, während sie thatsäch- lich am 7. stattgesunden hat.

— Die „Epen. Ztg." enthält eine Denkschrift des Handelsministeriums zur Abwehr der Angriffe des Abgeordneten LaSker gegen die Eisenbahnverwaltung. In derselben wird einleitend gesagt: Der Abgeordnete Lasker hat in seinen am 7. und 14. Februar im Hause der Abgeordneten gehaltenen Reden über die Gründung verschiedener Eisenbahn-Unternehmungen Mittheilungen gemacht, welche bestimmt sind, den Nachweis zu liefern, daß gegenwärtig bei der Grün­dung von Eisenbahn-Unternehmen in einer Weise ver­fahren werde, durch welche nicht allein das materielle i Wohl des Landes, sondern auch die öffentliche Moral gefährdet sei. Durch diese Angaben soll zugleich der weitere Beweis geliefert werden, daß seitens des Handelsministeriums bei Erthcilung der Concessionen weder mit der erforderlichen Vorsicht, noch auch mit gewissenhafter Unparteilichkeit verfahren, sondern an­scheinend cinSystem begünstigt fei, nach welchem unter Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen und unter- wucherischer Bereicherung der Gründer auf Kosten der Aetionäre noch gegenwärtig der Bau von Eisen bahnen betrieben werde. Inzwischen ist die durch die Allerhöchste Botschaft vom 14. Februar d. I. einge­setzte Spezial Commission mit der Untersuchung beauf­tragt worden: 1) ob und inwieweit die einschlägigen Gesetze und die geltenden Verwaltungsiiormen die Er­füllung der bei Ertheilnng von Eisenbahn Conecssionen beabsichtigten Zwecke zu sichern und das Publikum gegen Täuschungen und Beeinträchtigungen zu schützen geeignet find, 2) welche Aenderung in der Gesetzgebung

„Daran tragen andere Ursachen die Schuld."

„Ah so," warf Frau Therese in geringschätzendem Tone ein, „Du kommst auf, das alte Thema zurück. Was in aller Welt kannst Tu denn jetzt noch be­fürchten, nachdem Herr Liebrecht die Stadt ver­lassen hat?"

„Hat er sie wirklich verlaffcn?" fragte der Küpper meister ernst.

„Nun, ich denke, fein Brief —"

„Therese, diese Ungewißheit, diese Befürchtungen tödten mich, auch eine eiserne Gesundheit kann durch solche Sorgen untergraben werden. WeShalb hintcr- geht man mich? Weshalb schenkt man mir nicht reinen Wein ein ? Es gab eine Zeit, in der Niemand in meinem Hanse ein Geheimniß vor mir hatte, — die Zeit ist vorbei; dennoch, meine ich, wenn es das Schicksal unseres Kindes betrifft müsse ich von Allem was darauf Bezug hat, unterrichtet werden. Aber statt dcffen wird hinter meinem Rücken operirt und machinirt, und Du--Therese, ich möchte die

schwere Verantwortung nicht auf mich nehmen!"

„Nun, was ist denn vorgefallen, daß Du solch großes Geschrei erhebst?" fragte Frau Thcrese un­willig. „Daß Helene Deine Wahl nicht billigen will, daß sie ihr Glück nur in der Verbindung mit Herrn Liebrecht findet, weißt Du so gut, wie ich. Trotz alledem sträubst Du Dich mit hartnäckiger Starr köpfigkeit gegen diese Verbindung, ohne irgend eine andere Ursache zu haben, als die —"

„Daß dieser Herr Liebrecht ein Gauner ist," fiel der Küppermeister ihr mit Bitterkeit in’« Wort. „Therese, Du hast das nie glauben wollen, Du hast ihm immer die Stange gehalten, und wenn kch den Unfrieden in meinem Hause nicht noch nähren wollte,