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Markurg, Mittwoch, den 12. März.

1873

Olmhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 834 8gr., durch die Postämter 87 8gr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 83 Tgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreans nehmen Inserate an-

Deutsches »eich.

#• Berlin, 10. März. Die Verhandlungen des Herrenhauses über die VerfassungS-Aenderungen haben heute begonnen, und säumten die Gegner nicht, sofort mit aller Energie die aus dem Abgeordnetenhause herübergekvmmenen Vorlagen zu bekämpfen. Auch Fürst BiSmarck griff in die Debatte ein und suchte mit wuchtigen Worten das HauS von der Nvthwen- digkeit der in Aussicht genommenen Gesetzgebung zu überzeugen. ES ist hierauf um so mehr Gewicht zu legen, als sich Fürst Bismarck bekanntlich wieder in einem sehr leidenden Zustande befindet, so daß e^von mancher Seite sogar bezweifelt wurde, ob & im Stande fein werde, der Eröffnung des Reichstages beizuwohnen. Bei der Herrschaft jedoch, welche der große Staatsmann über seinen Körper und sein kör- perliches Unwohlsein auSübt, darf man aber trotzdem wohl hoffen, daß er bei der genannten Feierlichkeit an der Seite Sr. Majestät erscheinen wird. Das heutige Auftreten des Fürsten im Herrenhause ist jedenfalls geeignet, die Zuversicht zu erhöhen, daß die VerfaffungS-Aenderungcn schließlich mit einer Achtung gebietenden Mehrheit durchgehen werden. Für alle einsichtigen Politiker liegt es übrigens auf der Hand, daß die Freunde der Regierung zu etwaigen Amen- dirungen nun und nimmer die Hand bieten können, da diese neue Verhandlungen mit dxm Abgeordneten« hause nöthig und eine Erledigung der ganzen Gesetze in der laufenden Session unmöglich machten. — Das Staatsministerium hielt in den jüngsten Tagen wie­derum mehrfach längere Sitzungen, in welchen zum Theil die noch in Berathung befindlichen oder in Aussicht stehenden LandlagSvorlagen, zum Theil die Vorbereitungen für die Reichstagssession ans der Ta­gesordnung standen. In letzterer Beziehung steht augenblicklich daS Gesetz über die Organisation deS RcichSmililärwesens zur Erwägung des preußischen Ministeriums. Unter den im Stadium der Berathung befindlichen Gesetzentwürfen ist die Vorlage über die WohnungScntschädigung der Civilbeamten zu nennen. Es dürfte über dieselbe eine Verständigung zwischen

der Regierung, der Commission und dem Abgeord- netenhause außer Zweifel sein. Auch die Vorlage, die Entschädigung der durch die Sturmfluth herbeige­führten Verluste betreffend, hat nach eingehenden Be- raihungen jetzt ihre definitive Faffung erhalten. Der gestrigen Berathung des Staatsministeriums ging eine vertrauliche Besprechung voraus. Es soll in der selben auch die Angelegenheit des Geheimenraths Wagener zur Erörterung gekommen sein. Wie man erfährt, soll demnächst die formelle Beurlaubung deS Herrn Wagener erfolgen und dieser selbst die Einlei­tung einer Disciplinar-Untersuchung beantragt haben. — Der zum Oberpräsidenten der Provinz Sachsen ernannte Frhr. v. Patow hat sein Mandat als Reichs­tags-Abgeordneter bereits niedergelegt. — Die in den Zeitungen enthaltene Nachricht, daß der 15. März als Präclusivtermin für die Anmeldung der Ansprüche auf Verleihung der KriegSdenkmünze pro 1870/71 festgesetzt sei, ist unrichtig, da ein solcher Termin noch nicht angeordnet worden. Nur die Ertheilung anderer Decorationen für Auszeichnungen im Kriege, wie das Eiserne Kreuz u. s. w., ist durch Allerhöchste Ordre vom 19. Januar d. I. geschlossen. — Ebenso unrichtig ist die Meldung verschiedener Blätter, daß gegenwärtig im Cultusministerium ein ReorganisationS- plan für die Realschulen ausgearbeitet werde, in welchem der Unterricht im Lateinischen beseitigt werden soll.

DreSden, 10. März. Heute Mittag 12 Uhr fand im königlichen Restdenzschloffe die feierliche Ver­abschiedung deS Landtages durch den König statt.

A«S Thüringen, 8. März. ES geht der all­gemeinen deutschen Lehrerversammlung, wie allen ähn­lichen Zusammenkünften, man findet schwer einen Ort, der zur Aufnahme bereit ist, ebenso schwer Männer, welche die großartigen Vorbereitungen für solche Tagsatzung übernehmen. Für dieses Jahr hatte man Breslau in Vorschlag gebracht; allein als das Breslauer vorläufige Lehrer-Comite erklärt hatte, daß eS schwer sein würde, den Gästen freie Wohnung zu verschaffen u. s. w., entschloß sich der leitende Aus­

schuß, die Versammlung in diesem Jahre gänzlich ausfallen zu lasten und statt derselben seine Mit­glieder und Vertreter der Lehrervereine verschiedener Provinzen Ende des Sommers zu gemeinsamer Be­sprechung und allenfallstger Beschlußfassung zu berufen. So gelangt die allerdings immer anregend gewesene Versammlung allmählich zu einer schon früher von verschiedenen Seiten gewünschten Form, bei der die Provinzialvereine brennende Fragen behandeln und sodann durch ihre Vertreter in der Ausschußsttzung zu allgemeiner DiScussion und zum Abschluß bringen.

Gieße», 8. März. Der „Franks. Presse" wird von hier geschrieben: „Die „Deutsche Presse" hat in ihrer vorgestrigen Nummer einen Artikel über die Hessische Landesuniversität gebracht, welcher, wie er nur der Eifersucht gewtster, dem Darmstädter Poly­technikum nicht allzufcrnstehenden Kreise seinen Ur­sprung verdankt, daneben von einer Unkenntniß der Verhältnisse Zeugniß gibt, wie man sie in diesen Kreisen nicht für möglich halten sollte. Da soll an der Gießener Hochschule kaum ein wissenschaftlich her­vorragender Name wirken! An der Universität, die in Karl Weigand den berühmtesten Germanisten der Gegenwart den ihren nennt; die einen Orientalisten, wie VullerS aufzuweisen hat, den alle Welt als den dermalen ersten Kenner deS Persischen schätzt, (noch »ach dem Kriege hat ihm die Pariser Akademie den Volney-Preis zuerkannt.) An einer Universität, aus deren Lehrern sich fort und fort, bis zu diesem selben Augenblicke die größeren und größesten Universitäten recrutiren und die da Namen aufzuweisen hat, wie dir der Juristen Birnbaum und Wasterschleben; der Mediciner Seitz, Wernher, Kehrer; deS Historikers Onken, des Philologen Lübbert, des romanischen Phi­lologen Lemke, des Zoologen Schneider u. f. w., welche weit und breit den besten Klang haben, zum Theil Autoritäten ersten Ranges in ihrem Fache find, wie sie kein Heidelberg und kein Berlin bester besitzt; da­runter Männer, um welche wiederholt auswärtige Universitäten vergeblich geworben haben! Wir fragen nicht, wie eS in dieser Hinsicht mit dem Darmstädter

Die Bauernfänger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Stier, mit dem Ausdruck des Entsetzens, ruhte der Blick der gnädigen Frau auf dem Antlitz des Barons in welchem kein Zug verrieth, welcher zweite Schlag diesem ersten folgen werde.

Wenn der Baron die Summe forderte'— aber nein, das durfte er ja nicht, Hermine konnte und mußte nun den drohenden Ruin abwenden.

„DaS ist abscheulich!" sagte sie. „Wie kann ein vernünftiger Mann so leichtsinnig —*

„Erlauben Sie gnädige Frau, die Vorwürfe kommen zu spät, unterbrach der Aaron sie kalt. „Sie sehen also, daß der Herr Major in meiner Hand ist, daß er meinen Wünschen nachkommen muß, wenn ich darauf dringe."

Frau von Barnitz blickte in dumpfem Schweigen vor sich hin.

Sie konnte sich der Erfüllung ihres Wunsches Ächt freuen, die Mittel flößten ihr Abscheu ein.

Wie war es denn möglich, daß der Major, dieser kalte, nüchterne Mann, sich so sehr von einer Leiden­schaft hatte unterjochen lasten können?

Sie begriff es nicht, sie zürnte schon dem Baron, weil die Ahnung sich ihr aufdrängte, daß er dieses Mittel gewählt habe, um sich daözJawort Herminen'S zu sichern.

So stolz und selbstsüchtig auch Frau von Barnitz sein mochte, ihre Ehre und Selbstachtung opferte sie diesem Stolze nicht.

„Werden Sie unter solchen Verhältnissen nur die Hand Ihrer Tochter freudig zusagen?" fragte der varon nach einer Pause.

Frau von Barnitz schüttelte ablehnend das Haupt.

„Sie haben meine Zusage," erwiderte sie, „und wenn Sie sie nicht hätten, so müßte ich sie ja jetzt Ihnen geben. Herr Baron, laffen Sie uns den ver­

antwortlichen Leichtsinn meines Gatten nicht entgelten, ich bitte Sie, halten Sie die Gründe, welche ihn be­wegen werden, seine Einwilligung zu geben, geheim, es wäre mir schrecklich, wenn man öffentlich darüber spräche und — — o mein Gott, wenn ich jemals hätte vermuthen können, daß eine Zeit kommen würde, in der ich die Achtung vor meinem eigenen Gatten verlieren —"

„Madame, Sie werden also Ihre Zusage nicht zurücknehmen?"

„Kann ich es?"

„Und wenn Sie eS könnten?"

„Nein, Herr Baron, ich würde eS auch dann nicht thun."

„Auch dann nicht, wenn Hermine Ihnen sagte, daß sie keine Liebe zu mir hege, daß ihre Verbindung mit mir ihren Lebensfrühling, ja ihr ganzes Glück vernichten werde?"

„Herr Baron, das sind Ansichten und Ideen, die ich alo erfahrene Frau nicht gelten lasten kann. Ich finde in dieser Verbindung daS Glück meines Kindes, und hege die Ueberzeugung, daß Hermine mir einst danken wird dafür, daß ich die Wahl für sie ge­troffen habe."

Der Baron kreuzte die Arme auf der Brust, fein Blick war kalt und streng, er schien in die innersten Tiefen der Seele eindringen zu wollen.

„Madame, ich hatte einen Jugendfreund," sagte er, „er hieß Franz Krämer."

AlS ob ein electrischer Schlag sie getroffen habe, fuhr Frau v. Barnitz aus ihrem Brüten empor.

„Vor einigen Tagen überschütteten Sie ihn mit beißendem Hohne, ich wollte Ihren Aeußerungen nicht entgegentreten, obgleich ich dazu berechtigt gewesen wäre. Franz Krämer war ein strebsamer, kenntniß- reicher Jüngling, er besaß eine gediegene Bildung und ein kleines Vermögen."

„Sie waren damals, al» er im Hause Ihres Va­ters aus- und einging, jung, schön, liebenswürdig,

geistreich und lebenslustig. ES war vielleicht nur eine romanhafte Idee, welche Sie bewog, durch verstohlene Blicke und versteckte Andeutungen die kühnen Hoff­nungen und Pläne des jungen ManneS zu nähren, der Ihren jüngeren Geschwistern Klavier­unterricht ertheilte, vielleicht auch, und ich glaube dies eher, hegten Sie von Anbeginn an nur die Absicht, in ein geheimes Verhältniß zu ihm zu treten, um den Verwegenen später mit kaltem Hohn von der schwindelnden Höhe in den Abgrund hinunterzustürzen. Franz wußte das nicht, er konnte nicht in Ihrer Seele lesen, Ihr Lächeln entzückte ihn, Ihr Blick be­zauberte ihn. Er war glücklich in dem Gedanken, seine tiefe, innige und reine Liebe ereiebert zu sehen. Blicken Sie mich nicht so starr an —"

„Sie sind —'

„Erlauben Sie, lasten Sie mich in der dritten Person reden, heute bin ich der Baron v. Menkstern. Ich wiederhole Ihnen, Franz liebte Sie innig, er hätte für Ihr Glück freudig sein Leben hingegeben, denn seine Liebe war frei von Selbstsucht. Was küm­merte ihn der Rangunterschied! Er war Künstler, vor ihm lag eine glänzende Zukunft, sein Talent be­rechtigte ihn, auf diese Zukunft zu vertrauen. Er besaß ein kleines Vermögen, mit welchem er an einem Ge­schäfte beteiligt war. Sie besaßen nur Ihre Jugend, Ihre Schönheit, Ihr Vater war ein unbemittelter Edelmann, der seinen Kindern später nichts hinterließ, als einen ehrlichen Namen. Und eines Abends lagen Sie an der Brust deS jungen Mannes und schwuren ihm ewige Treue. Erinnern Sie sich noch der schmel­zenden Töne, mit denen die Nachtigall im Blüthenhag vor dem geöffneten Fenster den süßen Bund zweier Herzen segnete? Nun, Sie werden sich desten nicht mehr entsinnen. Sie spielten ja nur eine Komödie, nur eine Scene au« „Romeo und Julie." Sie dachten nicht daran, daß Sie in jenem Augenblick das Glück eine- Menschen begründen oder vergiften konnten. Sie spielten vortrefflich, Madame! Ein ganzes Viertel-